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Eike Weimann: Kinder in Armut - Wie eine veränderte Grundschularbeit helfen kann, sie zu bewältigen

Cover Eike Weimann: Kinder in Armut - Wie eine veränderte Grundschularbeit helfen kann, sie zu bewältigen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 318 Seiten. ISBN 978-3-7799-3766-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Das Thema Kinderarmut ist Gegenstand vielfältiger Untersuchungen und politischer Stellungnahmen. Allerdings dominieren meist die empirische Feststellung und das Beklagen des Zustandes, während Wege aus der Armut unterbelichtet bleiben. Es kommt vor allem zu allgemeinen Forderungen insbesondere auf der Makroebene wie etwa der nach einer Grundsicherung für Kinder. Die aktuelle Forschung auf diesem Gebiet aber zeigt, dass es neben derartigen wichtigen zentralen Ansatzpunkten auch einer deutlicheren Unterstützung der Betroffenen selbst durch konkrete Förderung wie auch des sozialen Umfeldes bedarf. Hier gibt es erste wichtige Ansätze, bekannt vor allem das Arbeiten mit Präventionsketten in Monheim und in Weiterstadt aber auch andere good practice-Beispiele können inzwischen angeführt werden. U.a. der 2. Hessische Sozialbericht von 2017 hat hier einen systematischen und praktischen Überblick für dieses Bundesland gegeben. [1]

Umso verdienstvoller ist der Ansatz von Eike Weimann, der als langjähriger Grundschullehrer in einer Dissertation untersucht hat, welche Handlungsmöglichkeiten und -ansätze es gibt, die aus der Forschung gewonnenen Erkenntnisse in den Grundschulen umzusetzen. Zum einen geht es darum, die Resilienzfaktoren betroffener Kinder zu stärken. Dieses setzt zweitens voraus, dass das soziale Umfeld – Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkräfte selbst – für Ausgrenzungsprozesse sensibilisiert werden, um den bislang in vielfältiger Weise von der frühkindlichen Erziehung über Grund- und weiterführende Schulen bis hin zum Berufseintritt wirkenden sozialen Selektionsprozesse zu durchbrechen und ggf. ganz aufzuheben. Dabei sucht der Autor „die Verbindung zwischen der modernen (Kinder-) Armutsforschung und der pädagogischen Alltagspraxis“, wie Christoph Butterwegge in seinem Vorwort feststellt (Seite 10). Ohne jede Einschränkung ist dieses ein wichtiger Beitrag für „Schritte aus der Armut“.

Aufbau und Inhalt

Die Studie gliedert sich in fünf Kapitel.

Einleitend beschreibt Weimann als doppelte Zielsetzung: Die Risikogruppen sollen erreicht werden, aber „ohne sie zu stigmatisieren“ (Seite 16). Zugleich sollen auch Nichtbetroffene durch einen Lern- und Kompetenzzuwachs profitieren.

Die Kapitel 1 – 3 werden als theoretische ausgewiesen. Hier geht es einmal um Definitionen und Konzepte (Kapitel 1), das sozialstatistische Ausmaß von Armutsbetroffenheit, differenziert nach Haushalts- und Familientypen (Kapitel 2) sowie um die Auswirkungen von Armut auf unterschiedliche Lebenslagen eines Kindes (Kapitel 3).

Kapitel 4 schließlich – der Hauptteil – stellt das originäre Konzept des Autors zur Überwindung von Kinderarmut „aus Kindersicht“ dar (Seite 103).

Jede akademische Studie dieser Art nimmt zunächst gesichertes Wissen auf. Dieses ist insbesondere in den ersten drei Kapiteln der Fall. Es werden verteilungspolitische Grundsatzfragen angesprochen, Begriffe geklärt und vor allem angemessen empirische Daten vorgestellt. Dieses geschieht gemäß dem State of the Art. Spannend an Kapitel 3 ist die Differenzierung der Unterversorgungsmerkmale in den Subkategorien materiell, psychisch, sozial und sozial-ökologisch. Dabei werden Gesundheit unter „materiell“, Bildungschancen und die Beziehungen zu Gleichaltrigengruppen unter „sozial“ gefasst – sicher eine bedenkenswerte Zuordnung folgt man dem Ressourcenansatz. Entscheidend ist insgesamt das breite Setting von der materiellen Basisversorgung bis hin zum Wohnumfeld – damit wird soziale Ausgrenzung in ihrer Multidimensionalität anschaulich vorgeführt. Zugleich werden die besonders betroffenen Haushaltstypen bzw. sozialen Gruppen präzise erfasst.

Entscheidend ist nun, dass dieses breite Set an Unterversorgungsmerkmalen im Hauptteil (Kapitel 4) en detail abgearbeitet wird. Einleitend stellt ein umfangreicher tabellarischer Überblick die zahlreichen Beeinträchtigungsbereiche vor, gelistet in Spalten nach Lebenslagedimension, Unterversorgung aus Kindersicht, Unterrichtsbereiche zur Kompetenzverbesserung, Aspekte der Schulorganisation und konkrete Materialangebote für den Unterricht. Im Weiteren werden Arbeitsmaterialien für die einzelnen Bereiche der Unterversorgung erarbeitet, also für die materiellen, psychischen, sozialen und sozial-ökologischen Beeinträchtigungen. Die Arbeitsvorschläge umfassen je nach Thema Arbeitsblätter, Diskussionsvorschläge, Vorstellungen für kleine szenische Aufführungen, malerisches Gestalten und für Bewegungsspiele. Angesprochen werden also sowohl Kognition als auch Emotion, rhetorische Fähigkeiten ebenso wie ästhetisch-musische und motopädagogische Ansätze. Dabei wird bei den einzelnen Bereichen jeweils deutlich, dass es mal eher um die Sensibilisierung der (Klassen-) Umwelt für Ausgrenzungsprozesse, mal mehr um Empowerment für betroffene Schülerinnen und Schüler geht – jeweils im Gesamtklassenkontext. „Kindersicht“ bedeutet damit zugleich soziales Lernen! Ausgrenzung ist eben nicht eine einseitige Angelegenheit sozial Depravierter, es ist vielmehr auch Folge sozialer, kontextueller Bezüge, die gestaltet werden können. Und gerade in der Grundschule, hier verstanden als offene Ganztagsschule, in dem noch keine soziale Selektion erfolgt sein sollte, sieht Weimann ein mögliches „Interventionsfenster für gerechtere Lebenschancen“ (Seite 300). Aufgrund sozialräumlicher Segregation und der sich ausweitenden freien Schulwahl schon in der Grundschule muss hier leider ein kleines Fragezeichen angebracht werden, ob die Grundschule immer noch ein breites Fenster für alle soziale Gruppen darstellt.

Im Resümee (Kapitel 5) verweist der Autor darauf, dass seine Arbeitsmaterialien und Vorschläge inzwischen von anderen Kolleginnen und Kollegen bereits eingesetzt, überprüft und daraufhin noch einmal bearbeitet wurden. Über den wissenschaftlichen Ertrag hinaus weist der vorliegende Band somit auch auf erprobtes fachdidaktisches und methodisches Wissen.

Diskussion

„Armut wird sozial vererbt“ – diese an Pierre Bourdieu anknüpfende Formulierung von Johannes D. Schütte[2] verweist auf den engen Kontext gesellschaftlicher Verteilungsprozesse und der sozialen Positionierung des Einzelnen wie sozialer Gruppen. Zugleich wird deutlich, dass dort, wo Ausgrenzung das Ergebnis sozialer Schieflagen bei der Zuteilung ökonomischer, kultureller und sozialer Ressourcen ist, diese auch durch gesellschaftliche Veränderungen und damit durch Politik abgemildert, verändert, und vielleicht sogar überwunden werden kann. Nicht zuletzt weil Armut im Kindesalter langfristige Folgen für den gesamten Lebenslauf haben kann und in vielen Fällen haben wird, ist es wichtig, möglichst frühzeitig Gegengewichte aufzubauen. Dieses muss sowohl auf der zentralen Verteilungsebene (Makro-Ebene) ansetzen, betrifft aber auch das soziale Umfeld einschließlich dort agierender Institutionen wie Familie, Kindertageseinrichtungen, die Schule, Vereine u.a.m. (Meso-Ebene) als auch schließlich an den Betroffenen selbst durch Ermöglichen von Selbstwirksamkeitserfahrungen, Stärkung der Persönlichkeit und Vermittlung unterschiedlicher Fähigkeiten (Mikro-Ebene). Letztlich müssen diese Ebenen ineinandergreifen. Der Aufbau von Präventionsketten zeigt hier sehr gute Erfolge.

Diesem komplexen Ansatz ordnet sich die Studie von Eike Weimann zu (Seite 302) und leistet einen wertvollen Beitrag, der sehr konkret auf das soziale Zusammenleben in der offenen Ganztagsgrundschule zielt und hier innovatorische Prozesse anstößt. Es ist der gelungene Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse über Ausgrenzungsprozesse in didaktisch-methodische Ansätze sozialer Inklusionsstrategien zu überführen. Dabei ist es sicher wichtig, kognitive, auf Diskussion angelegte Prozesse zu initiieren. Daneben stehen aber die bewegungs- und ästhetisch-orientierten Gestaltungsmittel, die im Schulalltag leider immer noch hinter den kognitiven Zielvorgaben zurückbleiben und noch dazu gerade in der Grundschule meist fachfremd unterrichtet werden. Die Studie weist mehrfach darauf hin, dass es nicht den einen Weg aus der Armut gibt. Das ist richtig. Folgt man Schütte, dann ist Armut – auch bei Kindern – nicht gleich Armut, vielmehr gibt es unterschiedliche Cluster. Schütte unterscheidet vier, die sich allerdings von denen Weimanns, der hier an die AWO/ISS-Kinderarmutsstudien anknüpft, abweichen. Das müsste noch einmal abgeklärt werden. Wie auch immer: Die den einzelnen Clustern zuzuordnenden Kinder / Jugendlichen bedürfen unterschiedlicher Hilfestellungen, ohne dass dieses bereits Einzelfallhilfe wäre – von Bindungsangeboten über unterschiedliche Hilfestellungen zum Erwerb von Selbstwirksamkeitserfahrungen bis zur Stärkung des sozialen Umfeldes, damit die Hilfeangebote auf der Makroebene überhaupt gesehen und dann angestrebt werden können (vorausgesetzt, es gibt sie in ausreichendem Maße). Diese Differenzierung von betroffenen Schülerinnen und Schülern ist sicher im schulischen Alltag schwieriger als etwa in der Sozialen Arbeit, aber sie ist wichtig, weil sonst Hilfeangebote im Einzelfall verpuffen können. Daraus entstehen dann mitunter neue Selektionsprozesse („Der“ bzw. „die“ will ja nicht! – Vielleicht kann er bzw. sie schlicht nicht!).

Fazit

Die Studie zeigt: Es gibt Instrumente zur Wahrnehmung sozialer Selektionsprozesse und es gibt Wege aus der Armut. Die (offene) Ganztagsgrundschule ist der Ort, wo Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft – noch – zusammen leben und lernen. Hier bedarf es neben einem armutssensiblen Verhaltens der Lehrerinnen und Lehrer eines kommunikativen Umgangs zwischen den Schülerinnen und Schülern, des wechselseitigen sozialen Lernens und des Umsetzens von Erlernten in soziales Verhalten. Die Grundschule kann sicher die Schieflage ökonomischer Verteilung nicht aufheben, aber sie kann das kulturelle und das soziale Kapital betroffener Kinder stärken, sodass zumindest die Zugangschancen zu einer verbesserten Ausstattung mit ökonomischem Kapital im späteren Leben ermöglicht werden. Vor allem: In Armutslebensläufe kann auf jeder Stufe des Lebensalters interveniert werden – nicht nur im vorschulischen, sondern auch im schulischen Zusammenhang, wenngleich Interventionen umso erfolgreicher sind je früher sie ansetzen. Die offene Ganztagsgrundschule gehört sicher zu den Orten, wo frühe Interventionen möglich sind. Eike Weimann leistet hierzu einen sowohl theoretischen als auch praktischen Beitrag.


[1] Hessisches Ministerium für Soziales und Integration, 2. Hessischer Landessozialbericht, Wiesbaden 2017, im Netz: https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/2._hessischer_landessozialbericht.pdf (Zugriff 19.04.2018), vor allem Seite 210 ff.

[2] Johannes D. Schütte: Armut wird „sozial vererbt“. Status Quo und Reformbedarf der Inklusionsförderung in der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2013


Rezensent
Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster
Evangelischen Hochschule RWL Bochum und Justus Liebig-Universität Gießen
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Zitiervorschlag
Ernst-Ulrich Huster. Rezension vom 23.04.2018 zu: Eike Weimann: Kinder in Armut - Wie eine veränderte Grundschularbeit helfen kann, sie zu bewältigen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3766-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23929.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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