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Martin Korte: Wir sind Gedächtnis

Cover Martin Korte: Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2017. 376 Seiten. ISBN 978-3-421-04435-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten u.a. auch aufgrund der bildgebenden Verfahren eine gewaltige Expansion erfahren. Hirnforschung, Neurobiologie und deren konkrete Anwendungsbereiche wie z.B. geistige Optimierungsstrategien einschließlich der pharmakologischen Produkte (Gehirndoping) werden zunehmend popularisiert. Die kognitiven Neurowissenschaften bilden einen Teilbereich dieses neuen Wissenschaftsfeldes. Sie können als Fusion aus Neurophysiologie, kognitiver Psychologie und Neuropsychologie verstanden werden. Es bedarf aber des Hinweises, dass wir letztlich über unser Gehirn als Ganzes trotz immensen Detailwissens nahezu kaum etwas Essentielles wissen, wie das „Manifest“ der Neurowissenschaftler zutage brachte (1).

Autor

Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig mit den Forschungsschwerpunkten zelluläre Grundlagen von Lernen und Erinnern nebst Vergessen. Des Weiteren publiziert der Autor populärwissenschaftliche Sachbücher mit neurowissenschaftlichen Inhalten zu alltagsbezogenen Aspekten wie Lernen in der Kindheit und im Alter.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus neun Kapiteln nebst Einleitung und Abbildungen. Die Deutschen Nationalbibliothek zeigt das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In Kapitel 1 (Wie wir werden, wer wir glauben zu sein – über das autobiographische Gedächtnis, Seite 25 – 65) wird der aktuelle Wissensstand über das Gedächtnis referiert: u.a. die Neurophysiologie, die Verschaltungen (Konnektionen), die Terminologie (u.a. Langzeitgedächtnis, Arbeits- bzw. Kurzzeitgedächtnis, explizites und implizites Gedächtnis), die Gedächtnisbildung als dynamischen und zugleich flexiblen Prozess (Gedächtnisinhalte ähneln keiner CD oder Langspielplatte sondern verändern sich im Laufe des Lebens mit jedem Neuaufruf). Bezogen auf das autobiographische bzw. episodische Gedächtnis wird auch der so genannte „Erinnerungshügel“ beschrieben, der besagt, dass die Erlebnisse zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr besonders stark abgespeichert sind.

In Kapitel 2 (Gewohnheiten, Routinen und Süchte, Seite 67 – 115) steht die Darstellung der bisherigen Erkenntnisse über das Lernen und die Bildung von Gewohnheiten und Routinen einschließlich der Beschreibung der damit befassten Hirnareale im Mittelpunkt. Der Weg geht in der Regel vom bewussten Handeln hin zum teilbewussten Agieren (automatisierte Handlungsabläufe ohne ständige Entscheidungsvollzüge wie z.B. Rad- oder Autofahren oder auch Schwimmen). In diesem Zusammenhang wird auch kurz auf die zwei „Geschwindigkeiten“ im Reagieren hingewiesen (reflexartiges und reflexionsbezogenes Handeln).

Kapitel 3 (Neuronale Paläste der Erinnerung, Seite 117 – 146) expliziert ausführlich die neurophysiologischen und biochemischen Prozesse des Lernvorganges, wenn aus Impulsen des Kurzzeitgedächtnisse Elemente des Langzeitgedächtnisses werden. Strukturelle Veränderungen der Dendritenverästelungen und Neubildung von Synapsen einschließlich des Einbaus von neuen Neuronen in die bestehenden Schaltkreise bilden das Substrat der Neuroplastizität. Abschließend wird die Neurophysiologie der Sucht beschrieben, die sich u.a. durch eine fehlende Plastizität der neuronalen Verbindungen („Synapsen in Beton“) auszeichnet.

Kapitel 4 (Ein Traum wird wahr: Lernen im Schlaf, Seite 147 – 181) befasst sich anhand von neueren Forschungsergebnissen mit den Auswirkungen des Schlafverhaltens auf Lernprozesse. Folgende Erkenntnisse sind hierbei u.a. von Bedeutung: im Schlaf wird ständig geträumt, also nicht nur in der REM-Phase. In der Tiefschlafphase (so genannter „Non-REM-Schlaf“) arbeiten vorrangig die Schlafneuronen im Vorderhirn, was wiederum bedeutet, dass neue Impulse des Vortages konsolidiert wird. In der REM-Phase des Schlafes hingegen sind die Schlafneuronen des Stammhirnes aktiv, es werden die Impulse mit dem Schwerpunkt Routinen und Gewohnheiten verarbeitet. Untersuchungen ergaben, dass der Lernprozess optimiert werden kann, wenn man sich nach dem Lernvorgang schlafen legt, denn am folgenden Morgen sind in der Regel die Leistungen verbessert. Im Schlaf wird somit das Gelernte nochmals vertieft. Des Weiteren wird u.a. auf die neurophysiologischen Gemeinsamkeiten von Tagträumen und Schlaf hingewiesen: dieselben Hirnareale (Teile des Schläfen- und Scheitellappens) werden aktiviert und andere wiederum ruhig gestellt (Teile des Stirnlappens und die Sinnesareale der Cortex). Auch der Takt des Hirns ist langsamer (Gamma-Wellen mit 40 Hertz).

In Kapitel 5 (Kreativität und Wissen: Geschwister, nicht Feinde!, Seite 183 – 235) werden Aspekte des kreativen Denkens aus neurobiologischer Sicht erläutert, wobei u.a. die so genannten drei „kreativen Netzwerke“ des Gehirns angeführt werden: das exekutive Aufmerksamkeitssystem, das Simulationsnetzwerk und das Protokollnetzwerk. Es folgen ratgeberhaft Empfehlungen zur Verbesserung der eigenen Kreativität: ein exemplarischer Wochenplan zwecks Steigerung der Achtsamkeit und Konzentrationsfähigkeit (z.B. am Freitag: „Sprechen Sie die Namen der Kollegen rückwärts“ – Seite 222) und dreizehn Strategien oder eher Tipps zur Optimierung des kreativen Denkens.

In Kapitel 6 (Müssen wir noch wissen? Von myMemory to iMemory, Seite 237 – 270) setzt sich der Autor überwiegend mit den negativen Folgen der Digitalisierung auf die Hirnleistungen wie z.B. das ständige Multitasking bei Computerarbeiten auseinander. Angesichts der relativen Begrenztheit unseres Arbeitsgedächtnisses mit der Speicherkapazität von nur ca. sieben Impulsen zur gleichen Zeit droht eine massive Überforderung für die Aufmerksamkeit und den Transfer vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Zum Schluss wird der Stand der Forschung zur Vernetzung des Gehirns (Synapsen) kurz dargestellt: von den ca. 15 Trillionen Verbindungen sind gerade erst einmal 1500 Synapsen in ihrer Funktionalität erfasst worden.

Kapitel 7 (Unzeitgemäße Betrachtungen über das Vergessen, Seite 271 – 300) befasst sich mit teils pathologischen und damit neurologischen Prozessen der Hirnaktivität: die Hyperthymesie (ein „Supergedächtnis“ bzw. Nichtvergessen alltäglicher Eindrücke), traumatische Erlebnisse, die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Auswirkungen von Konditionierungsprozessen mit Schmerzimpulsen und deren mögliche Löschung (Extinktion).

Kapitel 8 (Gedächtnisdiebe, Seite 301 – 339) beinhaltet überwiegend das Themenfeld Demenz mit der Darstellung des aktuellen Wissensstandes über die neuropathologischen Prozesse und deren Verursachungsfaktoren (senile Plaques und Neurofibrillen). Des Weiteren werden die Risikofaktoren für die Demenz vom Alzheimertyp aufgelistet. Es folgen Ausführungen über potentielle Präventionsmaßnahmen (u.a. Sport, geistige Aktivität und soziale Kontakte).

Kapitel 9 (Trainings, Tricks, Techniken: So bleibt das Gedächtnis agil, Seite 341 – 367) listet eine Reihe von Strategien zur Verbesserungsleistung im Stile eines Ratgeberbandes hin, wobei der Autor vorab deutlich hervorhebt, dass genetische Faktoren für den Erwerb von Lern- und Gedächtnisleistungen von nachrangiger Bedeutung wären. In diesem Zusammenhang werden weitere teils fragwürdige Methoden wie das Hirndoping (Neuro-Enhancement) mittels pharmakologischer Substanzen und die Aktivierung des Hirns mittels transkranieller Magnetstimulation (TMS), die teils mit Risiken und Nebenwirkungen wie Hautverbrennungen und Krampfanfällen verbunden sind, kurz beschrieben.

Diskussion und Fazit

Die Bewertung des vorliegenden populärwissenschaftlichen Sachbuchs ist sowohl positiv als auch negativ. Zu den positiven Aspekten zählen eine allgemeinverständliche Darstellung der teils recht komplizierten neurowissenschaftlichen Sachverhalte, die Erläuterung neuerer Erkenntnisse von Schlaf, Lernen und Gedächtnisbildung. Die verständnisfördernden Abbildungen erleichtern zusätzlich das Verständnis der dargelegten Inhalte.

Weniger überzeugend sind aus Sicht des Rezensenten die folgenden Punkte:

  • Formale Mängel zeigen sich an der fehlenden Quellenangabe der im Text angeführten Untersuchungen. Die begrenzten Literaturhinweise am Ende des Buches sind für Leser mit Interesse an einer Vertiefung der Inhalte nicht ausreichend. Auch das Fehlen eines Sach- und Personenregisters beeinträchtigt die Erfassung und Durchdringung der Materie.
  • Weitere formale Mängel bestehen aus einer gewissen Schludrigkeit des Autors, so wird z.B. aus der Neurobiologin Anna Katharina Braun an der Universität Magdeburg „Sabine Braun“ (Seite 297) und die Nonnenstudie aus Minnesota und später Kentucky wurde nach Kalifornien verlegt (Seite 331).
  • Der Autor hat aus der Sicht des Rezensenten ein unzureichendes Verständnis des Verhältnisses von Genetik und Umwelteinflüssen (u.a. Übungseffekte), sieht er doch in der genetischen Disposition einen geringeren Wirkmechanismus als im ständigen Üben (Seite 20 und Seite 346: „Mythos Genetik“). Der aktuelle Forschungsstand hingegen gibt Hinweise, dass hier kein horizontal gleichrangiges Verhältnis vorliegt, sondern ein hierarchisch vertikales. Das heißt, dass die Gene die Effektivität von Lernleistungen bestimmen. Konkret konnte dieser Wirkungszusammenhang anhand einer Ausbildung für Taxifahrer in London festgestellt werden: Probanden, die nach mehrjährigem Lernen der Topographie Londons die Prüfung bestanden, zeigten deutliche Zuwächse der grauen Masse im Hippokampusbereich, während die Probanden, die trotz mehrjährigen Lernens die Prüfung nicht bestanden, keine hirnphysiologischen Veränderungen aufwiesen (2).
  • Aufgrund seiner Einschätzung einer geringeren Bedeutung der Genetik für die geistige Leistungsfähigkeit interpretiert der Autor auch die Nonnenstudie von David Snowdon völlig falsch, wenn er u.a. anführt, dass die kognitive Leistungsfähigkeit von „Schwester Bernadette“ bis zu ihrem Tode trotz eines neuropathologisch degenerierten Hirns (Braak-Stadium VI) allein ihrer Lebensführung geschuldet sei (Seite 331). Die entscheidende Erkenntnis der Nonnenstudie war hingegen, dass die kognitive Hirnreserve als Schutzfaktor bezüglich der Alzheimer und anderer Demenzen entscheidend von genetischen Effekten (hier der elaborierte Schreibstil in der Jugend) bestimmt wird. Dieses Ausdrucksvermögen kann als phänotypische Expression einer genetischen Disposition verstanden werden (3).

Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Veröffentlichung wohl nicht ganz den Erwartungen einer Leserschaft entsprechen wird, die an einer objektiven und damit zugleich auch unvoreingenommenen Darstellung neuerer neurowissenschaftlicher Wissensstände interessiert sein könnte.

Literatur

  • Eckoldt, M. (2013). Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis. Heidelberg: Carl Auer Verlag.
  • Woollett, K. & Maguire E. A. (2011). Acquiring the Knowledge of Londons' Layout Drives Structural Brain Changes. Current Biology 21, 2109–2114, December 20, 2011.
  • Snowdon, D. (2001). Lieber alt und gesund. Dem Alter seinen Schrecken nehmen. München: Karl Blessing Verlag.

Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 09.08.2018 zu: Martin Korte: Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2017. ISBN 978-3-421-04435-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23933.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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