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Andreas Seidel, Hans Weiß (Hrsg.): Entwicklungs­pädiatrie in der Interdisziplinären Frühförderung

Rezensiert von Ulrike Ziemer, 17.03.2022

Cover Andreas Seidel, Hans Weiß (Hrsg.): Entwicklungs­pädiatrie in der Interdisziplinären Frühförderung ISBN 978-3-17-031731-4

Andreas Seidel, Hans Weiß (Hrsg.): Entwicklungspädiatrie in der Interdisziplinären Frühförderung. Medizinische und therapeutische Grundlagen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-031731-4. 32,00 EUR.
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Thema

Professor Dr. Seidel blickt im vorliegenden Werk aus der Sicht eines Pädiaters auf das Arbeitsfeld der interdisziplinären Frühförderung. Anamnese, Diagnostik und Einschätzung der kindlichen Entwicklung werden differenziert dargestellt. Zusätzlich werden häufige Entwicklungsstörungen und die entsprechenden Fördermöglichkeiten beschrieben. Praxisbeispiele zeigen mögliche Handlungsstrategien aus ergo-, physio- und sprachtherapeutischer Sicht.

Autor

Dr. Andreas Seidel lehrt als Professor für Sozialpädiatrie an der Hochschule Nordhausen in den Studiengängen der Sozialen Arbeit (B.A. und M.A.), Heilpädagogik (B.A.) und Tranzdisziplinäre Frühförderung (M.A.).

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung und einem Schlusswort gliedern sechs Hauptkapitel mit entsprechenden Unterkapiteln die behandelten Themen. Abgerundet werden die Ausführungen mit einem Literatur- und Quellenverzeichnis sowie der kurzen Vorstellung des Autors und der Beiträgerinnen zu diesem Buch.

1. Kinder in der Frühförderung

Der Autor stellt mit Zahlen und Quellen dar, das in Deutschland durchschnittlich 6,6 % der Schulkinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben, aber nur 2,3 % der Vorschulkinder Frühförderung erhalten. Hier zeigt sich eine deutliche Erfassungslücke. Im Sozialgesetzbuch IX § 46 ist der Anspruch auf Frühförderung festgeschrieben. Die Finanzierung der Frühförderleistungen orientiert sich an der Art der Leistungserbringer. Rein heilpädagogische Leistungen werden über die Eingliederungshilfe finanziert, interdisziplinäre Angebote durch die Krankenkasse und die Eingliederungshilfe. Ausschließlich medizinische und therapeutische Angebote werden nur über die Krankenkassen finanziert. Alternativ zur Eingliederungshilfe kann auch die Jugendhilfe als Rehabilitationsträger in Frage kommen. Das Bundesteilhabegesetz hat den Anstoß zu einer komplexen Umgestaltung der Frühförderung für behinderte und von Behinderung bedrohter Kinder gegeben.

Die Diagnosen haben sich in den letzten 30 Jahren deutlich verändert, weg von klaren Behinderungsbildern wie zum Beispiel Kindern mit Mehrfachbehinderungen oder mit einem Down- Syndrom, hin zu allgemeinen Entwicklungsstörungen und Auffälligkeiten in emotionalen und psychosozialen Bereichen. Soziale Aspekte sind hierbei ebenso bedeutsam wie Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

2. Entwicklung und Entwicklungsstörungen

In diesem Kapitel liegt der Fokus auf der kindlichen Entwicklung und den möglichen Entwicklungsstörungen. Es werden außerdem Risikofaktoren und Schutzfaktoren, die Einfluss auf die Entwicklung haben, betrachtet. Auf der Grundlage dieses Wissens werden ICD-10-GM und ICF als Möglichkeiten der diagnostischen Klassifikation dargestellt. Besonders die ICF und das bio-psycho-soziale Model der WHO sind bedeutsam für die Frühförderung. „Behinderung ist nach der Definition der ICF das Ergebnis der Auswirkungen der negativen Wechselbeziehungen zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem (nach ICD) und ihren Kontextfaktoren auf ihre funktionale Gesundheit“ (Seidel, 2022, S. 40).

3. Ärztliches Vorgehen und ärztliche Qualifikationen

4. Weitere ärztliche Diagnostik

Kapitel 3 und 4 geben Einblick in die ärztliche und die interdisziplinäre Diagnostik. Eine besondere Bedeutung kommt der Anamnese, der Untersuchung und der Zusammenführung der Befunde zu.

Je nach Fragestellung werden speziellere Untersuchungen durchgeführt:

  • Labordiagnostik
  • Sonographie/​Ultraschalluntersuchung
  • Röntgen und Neuroradiologie
  • EEG und Neurophysiologie
  • Entwicklungstests

Herr Seidel beschreibt hierbei auch die IVAN Empfehlung (Interdisziplinäre verbändeübergreifende Arbeitsgruppe Entwicklungsdiagnostik) welche die Stufenversorgung und die Diagnostik bei einer Entwicklungsstörung bzw. bei dem Verdacht auf eine Entwicklungsstörung beschreibt.

5. Häufige Störungsbilder und Diagnosen in der Frühförderung

Der Autor beschreibt Störungsbilder und Diagnosen unter der Berücksichtigung den Begrifflichkeiten Entwicklung, Entwicklungsstörung, chronische Erkrankung und Behinderung.

Berücksichtigung finden zum Beispiel:

  • Sprachentwicklungsstörungen
  • Besondere Aspekte frühgeborener Kinder
  • FASD – fetale Alkoholspektrumstörungen
  • genetische Störungen und Syndrome
  • Kindesmisshandlung und Vernachlässigung
  • ADS und ADHS
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Regulationsstörungen (der sensorischen Verarbeitung)
  • Autismus-Spektrum Störungen und viele weitere.

6. Therapie

Dieser Buchabschnitt erläutert mögliche Therapieangebote in der interdisziplinären Frühförderung wie Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie. Drei Fallbeispiele zeigen das Zusammenspiel zwischen Diagnostik, Förderplanung und therapeutischer Umsetzung.

Diskussion

Betrachte man das System Frühförderung in Deutschland, entsteht schnell eine verwirrende Komplexität. Es gibt sehr unterschiedliche Strukturen in den einzelnen Bundesländern. Oftmals unterscheiden sich die Möglichkeiten und Ausführungen der Frühförderung auch in den Landkreisen, so dass es kaum möglich ist, die Frühförderstruktur gemeinsam darzustellen. Vielfach ist ein Nebeneinander zwischen heilpädagogischen und therapeutischen Angeboten zu beobachten. Die interdisziplinäre Frühförderung verbindet die Bereiche. Die heilpädagogischen Aspekte sind laut Titel nicht Gegenstand dieses Buches. Im vorliegenden Band liegt der Fokus auf den entwicklungspädiatrischen und therapeutischen Grundlagen der interdisziplinären Frühförderung.

Es ist hilfreich, dass mit dem vorliegenden Werk eine Darstellung der Bedeutsamkeit der Entwicklungspädiatrie in der interdisziplinären Frühförderung vorgenommen wurde.

Herrn Seidel ist es gelungen, den aktuellen Stand darzustellen und einen umfassenden Einblick in den medizinisch- therapeutischen Bereich der interdisziplinären Frühförderung zu gegeben.

Besonders interessant sind meines Erachtens die Erläuterungen der ärztlichen Vorgehensweisen bezüglich der Diagnostik, die Verknüpfung von ICD-10 und der ICF und die sich daraus ergebende Förderplanung. Die umfassende Beschreibung vieler Diagnosen und Störungen im frühkindlichen Bereich ermöglichen einen Überblick. Die Praxisbeispiele geben einen hilfreichen Einblick in die therapeutische Arbeit und das Zusammenspiel zwischen Pädiater und Therapeuten. Das Literatur- und Quellenverzeichnis bietet eine Zusammenstellung aktueller Fachliteratur zur Thematik an und regt die Leserinnen und Leser an sich intensiver mit der Entwicklung der 0 bis 6 jährigen Kinder auseinanderzusetzen.

Fazit

Ein Grundlagenwerk, das entwicklungspädiatrische und therapeutische Aspekte mit Handlungsstrategien innerhalb der interdisziplinären Frühförderung verknüpft. Aus ärztlich-therapeutischer Sicht blickt Herr Professor Dr. Seidel auf die diagnostischen, interdisziplinären, partizipationsorientierten und therapeutischen Faktoren. Hierbei wird deutlich, dass die Diagnosen nach ICD-10 bei Kindern nicht beschreiben, welche therapeutischen Maßnahmen und Förderungen sinnvoll sind. Erst durch die Berücksichtigung der ICF wird eine teilhabefördernde und kontextorientierte Formulierung von Förderzielen möglich.

Rezension von
Ulrike Ziemer
Dipl. Heilpädagogin (FH)
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Es gibt 23 Rezensionen von Ulrike Ziemer.

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Zitiervorschlag
Ulrike Ziemer. Rezension vom 17.03.2022 zu: Andreas Seidel, Hans Weiß (Hrsg.): Entwicklungspädiatrie in der Interdisziplinären Frühförderung. Medizinische und therapeutische Grundlagen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-031731-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23939.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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