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Michaela Köttig: [... ]rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen

Cover Michaela Köttig: Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen. Biographische Verläufe im Kontext der Familien- und Gruppendynamik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2004. 402 Seiten. ISBN 978-3-89806-234-3. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Reihe: Forschung psychosozial.
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"Dienerinnen" oder Agitatorinnen" in der rechten Szene?

Das traditionelle Bild von Mädchen und Frauen mit nationalistischem, rechtsextremem und rassistischem Gedankengut, das in der nationalsozialistischen Ideologie entwickelt wurde, als bezopfte, blonde Mädchen, die orientiert sind am Heim, Herd und Kindern, ist überholt. Besonders die Arbeiten, die aus dem im Mai 2000 gebildeten "Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus" entstanden sind, zeigen heute ein anderes Bild: Rechtsextrem orientierte Frauen und Mädchen nehmen in den entsprechenden deutschen und europäischen Zusammenschlüssen und Gruppierungen immer stärker Einfluss auf die Propagierung von rassistischen und nationalistischen Ideologien (vgl. dazu die Rezension "Braune Schwestern?"). Dabei gibt es eine Entwicklung, die sich in zweifacher Hinsicht vollzieht: Zwar ist zum einen der Anteil der rechtsextremen und gewaltbereiten Frauen und Mädchen in der rechtsradikalen Szene nach wie vor zahlenmäßig noch nicht sehr hoch, jedoch mit steigender Tendenz (1980 ca. 2 %; 1991 ca. 5%; 1997 ca. 9 %; 2000 ca. 10%). Zum anderen übernehmen weibliche Angehörige in rechtsextremen Parteien und Gruppen immer stärker Führungspositionen und Spezialaufgaben, wie Mitgliederwerbung, -betreuung, Internetangebote. So beträgt der Anteil der Frauen in Vorstands- und Führungspositionen bei der DVU zwischen 7 und 19 %, bei den Republikanern fast 20%. Gründungen von Jugendorganisationen bei den rechtsextremen deutschen und europäischen Parteien nehmen diese Tendenz auf und rekrutieren damit bereits Mädchen in jungen Jahren.

In der Forschungsarbeit zum Rechtsextremismus, insbesondere bei Jugendlichen, haben sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte verschiedene Erklärungsansätze und Lösungsvorschläge für die soziale und pädagogische Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen entwickelt. Besonders das Konzept der "akzeptierenden Jugendarbeit" gewann seitdem in der deutschen Diskussion um Aufklärung und Prävention bei gewaltbereiten, rechtsextremen Jugendlichen an Gewicht. Im Blickpunkt dieser Arbeit steht vielfach der gewaltbereite, rechtsextreme und rassistisch agierende männliche Jugendliche und weniger die Aufmerksamkeit auf Mädchen und Frauen im Rechtsextremismus.

Ansatz und Fragestellung der Forschungsarbeit

Michaele Köttig geht in ihrer Forschungsarbeit von den beiden bekanntesten Theorien zur Erklärung von rechtsextremen und rassistischen Verhaltensweisen bei Jugendlichen aus: Der "Individualisierungsthese" (Wilhelm Heitmeyer) und dem Begründungsansatz zur "Dominanzkultur" (Christine Holzkamp / Birgit Rommelspacher), wobei sie das letztgenannte gesellschaftsanalytische Erklärungskonzept favorisiert und weiter entwickelt. Ihr Fragehorizont liegt dabei darauf, in welcher Weise die rechtsextremen Orientierungs- und Handlungspotentiale im Zusammenhang mit familiengeschichtlichen und biographischen Grundlagen stehen. Sie konstruiert einerseits vorhandene Gruppenprozesse und Interaktionsstrukturen von Mädchen und jungen Frauen in den jeweiligen Jugendgruppen und untersucht andererseits Biographien von weiblichen Jugendlichen im Zusammenhang mit ihren Lebensgeschichten und den historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ihre interessante Forschungsfrage, die sich aus biographischen Einzelfallstudien im Rahmen ihrer Diplomarbeit (1995) entwickelt hat, lautet: "Auf der Basis welcher Erfahrungen entwickeln Mädchen und junge Frauen ein rechtsextrem orientiertes Selbstbild, welche Erlebnisse sind dafür ausschlaggebend und wie verändern sich die politischen Haltungen im Laufe des Lebens der weiblichen Jugendlichen?".

Forschungsansatz und Ergebnisse

In der "biographiebezogenen Teilnehmerforschung" und "Lebenslaufforschung" gibt es verschiedene methodische Ansätze. Michaela Köttig wählt den der "Beobachterin und Entdeckerin". Dabei nimmt sie bei ihren Kontaktaufnahmen mit rechtsextremen Mädchen und jungen Frauen die "Haltung einer Fremden" ein und nicht die einer "geheimen Eigenen". Diese Wahl ist entscheidend für die Ergebnisse und Interpretation der aufgezeichneten Interviews und Gesprächssituationen. Damit ist die Gratwanderung in der Forschungsarbeit zwischen dem, was die Interviewpartnerinnen der "Fremden" sagen wollen und sagen, beschritten. Dieses Problem ist z. B. auch bekannt aus den Interpretationen und Analysen bei biographisch-narrativen Interviews mit Sinti und Roma über ihre individuellen und kulturellen Identifikationen (vgl. dazu EUROROM, Berlin). Aber gleich vorweg: Die Autorin löst das Problem überzeugend. In der vorgestellten Fallrekonstruktion der Gruppenprozesse einer rechtsextrem orientierten Jugendclique in einer westdeutschen Kleinstadt macht sie uns mit den vielfältigen kollektiven und individuellen Situationen, Bedürfnissen und Wünschen von männlichen und weiblichen Jugendlichen bekannt und stellt die verschiedenen Interaktionsstrukturen im Gruppenprozess dar. Daraus entwickeln sich Fragen nach der Dominanz, von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit, von Ein- und Ausgrenzung; vor allem aber die Bedeutung von männlicher Dominanz und weiblicher Unterordnung, von Schutzauftrag und -bedürfnis, von Identifikation und Lebensgeschichte. Die ausführlich dargestellten Fallbeispiele von drei Mädchen und jungen Frauen, die die Autorin über einen längeren Zeitraum kennen gelernt und interviewt hat, geben gute Einblicke in die Lebensgeschichten, familiären und gesellschaftlichen Bindungen der Befragten: Da ist die 1981 in einer ostdeutschen Kleinstadt geborene "Alexandra" mit ihrem Bekenntnis: "Ich brauche auf alle Fälle `ne dominante Rolle"; da ist die erstaunliche, familiengeschichtliche Lebensanalyse der 1978 in Gießen geborenen "Jacky": "... da erlebt man von Kind auf eigentlich alles"; und da ist die Situationsschilderung der 1983 geborenen Svenja und ihrem Zerrissensein zwischen der Geschichte der nationalsozialistisch orientierten Großeltern und den geschiedenen Eltern: "Ich hatte von vornherein ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter als zu meinem Vater". Als kontrastivem Vergleich der Gruppen- und biographischen Fallrekonstruktionen kommt Michaela Köttig zu folgenden Ergebnissen, die für die Analyse der Bedeutung und Entwicklung von Frauen und Mädchen bei den extremen Rechten interessant sind:

  • Die Verortung von Mädchen und jungen Frauen innerhalb der rechtsextrem orientierten Szene verläuft in einem Prozess, der sich im wechselseitigen Zusammenwirken schwieriger biographischer, >unbearbeiteter< familiengeschichtlicher Themen und stützender außerfamilialer Rahmenbedingungen vollzieht und
  • die Handlungs- und Orientierungsmuster, die von den Mädchen und jungen Frauen innerhalb der rechtsextremen Szene in exponierter Form vertreten und ausgelebt werden, sind eng mit ihrer persönlichen Familien- und Lebensgeschichte verbunden.

Was kann das für die familiären, schulischen und außerschulischen Bildungs- und Erziehungssituationen bedeuten? Die Reflexionen, die die Autorin hierzu anstellt, sind eine gute Ergänzung zu bereits bestehenden konzeptionellen und didaktischen Überlegungen; insbesondere der Umgang in der Sozialarbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen. "Verstehen-Wollen umfasst ... nicht nur allein das Beobachten und Erfragen der sozialen Wirklichkeit, sondern auch deren Interpretation", so rät Michaela Köttig all denen, die rechtsextremes und rassistisches Denken als ein Übel und eine zu verhindernde Entwicklung im ethnischen und interethnischen gesellschaftlichen Prozess ansehen. Und das sind doch wir alle, oder?

Fazit

Das Buch passt gut in die theoretischen Gedankengebäude und in die gesellschaftliche Praxis Hier und Heute.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.05.2005 zu: Michaela Köttig: Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen. Biographische Verläufe im Kontext der Familien- und Gruppendynamik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2004. ISBN 978-3-89806-234-3. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2394.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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