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Juliane Lang, Ulrich Peters (Hrsg.): Antifeminismus in Bewegung

Cover Juliane Lang, Ulrich Peters (Hrsg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. MARTA PRESS (Hamburg) 2018. 336 Seiten. ISBN 978-3-944442-52-5. 20,00 EUR.
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Herausgeberin und Herausgeber

Juliane Lang ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ (REVERSE) an der Universität Marburg.

Ulrich Peters ist freier Journalist, Mitglied des Redaktionskollektivs des Antifaschistischen Infoblatt (AIB)

Aufbau

Die Veröffentlichung versammelt insgesamt 13 Beiträge in vier verschiedenen Abschnitten:

  1. Antifeminismus
  2. Akteur_innen
  3. Öffentlichkeitsfelder und Diskursverläufe
  4. Folgen antifeministischer Diskursinterventionen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Abschnitt 1

Im ersten Beitrag „Antifeminismus in Deutschland. Einführung und Einordnung des Phänomens“ fassen Juliane Lang und Ulrich Peters die Wurzeln und Entwicklungen der antifeministischen Debatten der vergangenen zwanzig Jahre zusammen. Sie zeigen chronologisch die Argumentationen der unterschiedlichen Diskursakteur*innen und Konstellationen des organsierten Antifeminismus und geben einen Überblick über die Beiträge der Publikation.

Unter der Überschrift „Kampfbegriff ‚Gender-Ideologie‘. Zur Anatomie eines diskursiven Knotens. Das Beispiel Österreich“ skizzieren Stefanie Mayer, Edma Ajanovic und Birgit Sauer die Anti-Gender-Diskurse in Österreich. Sie fragen, warum der Begriff Gender derart mit diffamierenden Zusätzen wie Wahn und Ideologie verbunden wird. Ihre Ausgangsthese ist, dass die Debatte über ‚Gender-Ideologie‘ sowohl eine Gegenbewegung gegen Gleichstellungspolitik im engeren Sinne ist als auch generell „gegen eine sozialdemokratische Politik der Modernisierung der österreichischen Gesellschaft seit den 1970er Jahren“ (S. 38). Der Diskurs der ‚Gender-Ideologie‘ lässt sich so als Teil eines Kampfes um Hegemonie verstehen, in dem es im Kern gegen aktuelle dekonstruktive und queere Feminismen geht.

Zu Abschnitt 2

Der erste Beitrag des Themenfeldes „Akteur_innen“ ist eine Rekonstruktion der Rede vom „Volkstod“, als einer Kontinuität einer extrem rechten Paranoia. Gideon Botsch und Christoph Kopke belegen eindrücklich wie die sprachliche Metapher „Volkstod“ bis heute mit Vorstellungen einer biologischen Abstammungsgemeinschaft, sinkenden Geburtenraten, Schwangerschaftsabbrüchen und Zuwanderung verbunden wird.

Kevin Culina analysiert in seinem Beitrag „Verschwörungsdenken, Antifeminismus, Antisemitismus“ die antifeministischen Diskurse der Zeitschrift Compact. „Homosexuelle gegen Gender Mainstreaming. Antifeministische und antimuslimische Homofreundlichkeit in der Alternative für Deutschland.“ lautet der Titel des Beitrags von Patrick Wielowiejski. Er zeigt wie Neonationalismus und Homonationalisimus in Diskursen konstruiert werden, in denen sich von den „homophoben Anderen“ abgegrenzt wird.

Zu Abschnitt 3

Der Abschnitt „Öffentlichkeitsfelder und Diskursverläufe“ beginnt mit einem Beitrag von Jonas Fedders: „›Die Rockefellers und Rothschilds haben den Feminismus erfunden‹. Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Antifeminismus und Antisemitismus.“ Fedders beschreibt in einer historischen Perspektive zunächst die strukturellen Gemeinsamkeiten beider Phänomene. Frauen und Jüd_innen wurden als „unzivilisiert, triebhaft und kulturlos“ (S. 217) konstruiert, zugleich wurde eine wechselseitige Verquickung der Zuschreibungen vorgenommen, die sich insbesondere in Sexualisierungen manifestieren.

Birge Krondorfers Beitrag „›Schreibweisen dieser Art sind zu unterlassen‹. Wem gehört die Sprache? Eine paradigmatische Geschichte aus Österreich.“ verdeutlicht die Komplexität und die Polarisierungen in der Auseinandersetzung um geschlechtergerechte Sprache. Rhetorische Manöver und das Wechselspiel von Angriff und Verteidigung in den hochemotionalen Debatten werden plastisch beschrieben, die „Kleine Konklusion“ des Beitrags ist sehr lesenswert, dafür ein Beispiel: „Symbolische Politik ist im Kontext von Sprache mehr als nur eine Politik der Zeichenplatzierung und – verschiebung; sie kann Deutungs- mit realer Durchsetzungsmacht verbinden. (…) Eine jede Partikularität, auch die eigene, die sich als unbegrenzt wähnt, verkennt, dass ›die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt sind‹“ (Krondorfer 2018, 250 f.).

Johannah Lea Illgner beschreibt in ihrem Beitrag „Hass-Kampagnen und Silencing im Netz“ eindrücklich die Netzkommunikation mit ihren beleidigenden und diffamierenden Praktiken. Sie zeigt den Ablauf und die Strategie von Hate Speech Kampagnen sowie die entsprechende Angst und Verunsicherung bei den Betroffenen, die die Hass-Kampagnen auslösen können. Nicht selten sind Rückzug und Offline-gehen die entsprechenden Reaktionen, durch dieses „Silencing“ können dann bestimmte Positionen im Netz verschwinden. Illgner diskutiert abschließend Vorschläge wie mit Online-Hass umgegangen werden kann.

Zu Abschnitt 4

Im Abschnitt „Folgen antifeministischer Diskursinterventionen“ findet sich der Beitrag von Vivien Laumann und Katharina Debus „›Frühsexualisierung‹ und ›Umerziehung‹? Pädagogisches Handeln in Zeiten antifeministischer Organisierungen und Stimmungsmache“. Die Verfasser*innen benennen zunächst die antifeministischen und vielfaltsfeindlichen Angriffe auf drei Felder der Pädagogik. Sie zeigen wie die Vorwürfe der Frühsexualisierung und Umerziehung konstruiert werden und unterscheiden zwischen vielfaltsorientierter Sexual- und Lebensweisenpädagogik sowie dem selbstverständlichen Lernen über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. In der Analyse der gegenwärtigen Barrieren einer vielfaltsorientierten Pädagogik geben Laumann und Debus die Stimmen von Pädagog*innen wieder und machen deutlich, dass die Ansätze geschlechterreflektierter Pädagogik als neue Gebots- und Verbotsstruktur verstanden würden. Ressourcen für ein Engagement in vielfaltsorientierte Pädagogik werden abschließend präsentiert.

Ein weiterer Beitrag dieses Abschnitts und gleichzeitig der letzte des Buches ist von Clemens Fobian und Rainer Ulfers: „Präventionsarbeit und Beratung männlicher Betroffener sexueller Gewalt unter den Eindrücken antifeministischer Diskurse“. Auf der Grundlage ihrer Erfahrungen in der Beratung mit männlichen Betroffenen von sexueller Gewalt thematisieren Fobian und Ulfers die Wirkmacht von stereotypen und ausgrenzenden geschlechtlich konnotierten Menschenbildern. Sie fordern eine präventive gendersensible Erziehung und Sexualaufklärung bei der Vielfalt im Vordergrund steht sowie eine eindeutige Positionierung von Pädagog*innen gegenüber homo- und transphoben Äußerungen von Schüler*innen und Lehrkräften.

Fazit

Die Veröffentlichung leistet einen wichtigen Beitrag in der aktuellen Debatte um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Unterschiedliche Diskurse – wie beispielsweise der Kampf um eine geschlechtergerechte Sprache, Hasskampagnen im Internet oder Diffamierungen von geschlechtersensibler Pädagogik – werden gut nachvollziehbar dargestellt und Handlungsstrategien entwickelt. Antifeministischen Positionen kann durch die Lektüre dieses Buches begegnet, die Diskussion um Gegenstrategien weitergeführt werden. So geht es den Verfasser*innen vor allen Dingen darum, weiterhin offensiv und selbstbewusst die Themen Gleichstellung und sexuelle Vielfalt in den öffentlichen Diskursen zu vertreten.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 30.07.2018 zu: Juliane Lang, Ulrich Peters (Hrsg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. MARTA PRESS (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-944442-52-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23940.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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