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Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS

Cover Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2. Auflage. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-034166-1. 26,00 EUR.
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Thema

Die Erscheinungsbilder Autismus und die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind mittlerweile von hohem gesellschaftlichen Interesse. Bevor darauf vertiefend eingegangen wird, stellt der Autor Fragen wie: Was ist überhaupt normal? Was ist Persönlichkeit? Wann werden Symptome und Eigenschaften zu einer Krankheit? Handelt es sich bei Autismus und ADHS mittlerweile um „Modediagnosen“? Der Autor Tebartz van Elst kommt zu dem Schluss, dass Autismus und ADHS als Normvarianten, Persönlichkeitsstörungen und neuropsychiatrische Erkrankungen definiert werden können. Sein Ziel ist, vor dem Hintergrund des Konzepts einer multikategorialen Normalität psychische Phänomene im Übergangsbereich zwischen Normalität, Abweichung und Krankheit einzuordnen, um Ängste und Vorurteile abzubauen.

Autor

Prof. Dr. med. Ludger Tebartz van Elst ist Neurowissenschaftler, Kliniker und Facharzt sowie Professor für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 173 Seiten, die sich in acht Kapitel und zahlreiche Unterkapitel untergliedern. Am oberen Seitenrand links ist das jeweilige Kapitel und rechts die jeweilige Überschrift des Abschnitts abgedruckt. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen sowie 15 Fallvignetten „Kasuistik“ lockern den Text auf und vertiefen die Inhalte. In den Fließtext eingestreut finden sich „Kästen“ und grau hinterlegte Textboxen, die zentrale Aussagen zusammenfassen und den kompakten Text auflockern. Das Buch ist mittlerweile in der zweiten Auflage erschienen.

  1. Einleitung
  2. Was ist normal?
  3. Was ist eine Krankheit?
  4. Was ist eine psychische Störung?
  5. Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
  6. Was ist Autismus?
  7. Was ist eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)?
  8. Wie denken wir über unsere psychische Gesundheit?

Es folgen Literatur- und Stichwortverzeichnis.

Nach der Einleitung ins Thema im Kapitel eins nähert sich der Autor in Kapitel zwei aus drei Perspektiven an den Begriff „normal“ an:

  1. Normalität als statistische Größe,
  2. Normalität als technische Größe und
  3. Normalität als soziale Größe.

Das Kapitel endet mit dem Konzept der multikategorialen Normalität, was bedeutet, dass Normbereiche „vielgestaltet“ (S. 30) sind.

Im dritten Kapitel wird die Frage reflektiert, was eine Krankheit ist und wie sie sich von Gesundheit unterscheidet. Eine Frage lautet: Kann man auf einen allgemeingültigen Krankheits- und Gesundheitsbegriff zurückgreifen? Beide Begriffe stehen in Relation zueinander und eine einfache Abgrenzung ist eine Herausforderung. Der pragmatische medizinische Krankheitsbegriff beschreibt Symptome („Funktionsstörungen des Körpers, dessen Ursache nicht bekannt sein muss“(S. 34)) und Syndrome („Syndrome repräsentieren eine Gruppe von Symptomen, die aufgrund der Organisation des Organismus häufig gemeinsam auftreten“ (S. 36)). Zudem findet man Definitionen von „Ätiologie“ als „Erstursache einer Funktionsstörung“ (S. 36) und „Pathogenese“ als Beschreibung aller „Sekundär- und Folgeursachen“ von Symptomen. Das Kapitel endet mit einer Annäherung an den Begriff „Krankheit“.

Davon, was eine psychische Störung ist, handelt das vierte Kapitel. In der aktuellen Psychiatrie und Psychotherapie wird nicht von Krankheit, sondern von „psychischer Störung“ gesprochen, die gemäß zweier Klassifikationssysteme, ICD und DSM diagnostiziert wird. Der Autor beschreibt methodische Prinzipien der Klassifikation in ICD und DSM und die Folgen der Aufgabe des kausalen Denkens aus historischen Gründen. Eine für den Autor bedeutsame Folge ist, dass es sehr häufig zu Missverständnissen durch Patienten und Angehörige, Ärzte sowie Wissenschaftler kommt. Einen Ausweg aus diesem Dilemma sieht der Autor in der Unterscheidung von primären und sekundären Syndromen sowie von primären Syndromen und Normvarianten.

Das fünfte Kapitel ist der Persönlichkeitsstörung gewidmet. Die Begriffe Person oder Persönlichkeit fassen die Persönlichkeitseigenschaften einer Person zusammen, gemeint sind „zeitstabile Muster im Wahrnehmen, Deuten und Denken, der emotionalen Verarbeitung und des Verhaltens“ (S. 60). Die Erklärungen beginnen mit der historischen Entwicklung des Begriffs, mit Persönlichkeitsstörungen nach den Klassifikationssystemen ICD-10, DSM-IV und DSM-V, die Häufigkeit und Ursachen, deren genetischen Befunde, bildgebende und weitere neurobiologische Befunde sowie psychologische Theorien und die dimensionale Sichtweise. Das Kapitel endet mit dem Vergleich von Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungsstörungen (es gibt viele Übereinstimmungen s. Tab. S. 68), was in den folgenden Kapiteln vertieft wird.

Erst das sechste Kapitel befasst sich mit Autismus, ein Begriff, der in Medizin und Wissenschaft einem Bedeutungswandel in der Zeit unterliegt. Es beginnt mit dem autistischen Syndrom und der historischen Entwicklung des Autismus-Begriffs, an den sich die klinische Symptomatik autistischer Syndrome anschließt. Zu den autistischen Subtypen der Klassifikation des Autismus gehören der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom, der atypische Autismus sowie die autistische Regression. Es wird besprochen, was mit einer autistischen Persönlichkeitsstruktur gemeint ist. Auch gibt es einen primären (idiopathischen) und sekundären (symptomatischen) Autismus. Daran schließen sich neue konzeptuelle Entwicklungen im DSM-5 und ICD-11 an, die Subtypen entfallen und werden durch den Begriff der Autismus-Spektrum-Störung ersetzt. Auf dieser Grundlage wird es möglich, ADHS als Komorbidität zu diagnostizieren. Aus Erfahrung weiß der Autor, dass die „autistische Strukturiertheit“ (S. 114) oftmals als Basisstruktur fungiert, auf deren Grundlage sich komorbide Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen entwickeln können. Das Erkennen der Basisstörung ist der Schlüssel zur Therapie.

Neben der Häufigkeit und Epidemiologie von Autismus werden die bekannten Ursachen des Autismus wie genetische Ursachen und erworbene Ursachen sowie Theorien von hirnanatomischen Befunden und pathogenetischen Theorien herangezogen. Beschrieben wird auch das Modell der Organisation der Netzwerkkonnektivität als Korrelat des autistischen Syndroms, bei dem holistische versus autistische Konnektivitätsmuster diskutiert werden. Eine andere Erklärungsmetapher stellt die strukturelle Konnektivität dar. Dieses Kapitel endet mit der Feststellung zur Komplexität der Wirklichkeit: Autismus als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrische Krankheit.

Das siebte Kapitel beleuchtet nun die Frage, was eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist? Die Antwort beginnt mit dem Syndrom der Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität, erläutert die geschichtliche Entwicklung des ADHS-Begriffs sowie die klinische Symptomatik des ADHS. Diese Störung lässt sich in Subtypen (ADHS als Persönlichkeitsstruktur bzw. als primärer und sekundärer ADHS) unterscheiden. Auch hier gibt Tebartz van Elst den Hinweis, ADHS als Basisstörung zu beachten, da sich daraus sekundäre Probleme wie Depressionen, Angsterkrankungen, Anpassungsstörungen, Süchte, Zwänge usw. entwickeln können. Eine Behandlung muss darauf abgestimmt sein.

Nach wie vor sind die Ursachen der ADHS im Detail unklar. Autismus und ADHS sind wechselseitig miteinander „vergesellschaftet“ (S. 147), das gilt auch für die Tic-Störungen. ADHS ist die häufigste Erstdiagnose bei Kindern und Jugendlichen mit einem hochfunktionalen Autismus. Wie beim Autismus auch kommt der Autor in Hinblick auf ADHS zu dem Schluss, dass die Wirklichkeit komplex ist und im Spannungsfeld von ADHS als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit gedacht werden kann.

Das Buch schließt im letzten achten Kapitel mit der Frage ab, was wir über unsere psychische Gesundheit reden und denken? Ähnlich wie in den Kapiteln 3 bis 5 werden dazu Fragen aufgeworfen. Dieses letzte Kapitel nutzt der Autor, um seine persönliche Sichtweise darzulegen. Er beginnt mit der Reflexion der Probleme der psychiatrischen Krankheitslehre und schließt mit Ausführungen zu Entwicklungsstörungen zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Den Anfang machen Erläuterungen vom So-Sein bis zur Störung, es geht weiter über zur kritischen Betrachtung von Autismus und ADHS als Normvarianten, durch die schweres Leid verharmlost wird, um am Ende die Diagnose Autismus zwischen normativer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Akzeptanz einzuordnen.

Der Autor greift nochmals die Frage auf, was es bedeutet, psychisch gesund zu sein. Er schließt mit Thomas von Aquin (1225-1274): „Gesundheit ist eine Haltung, die mit der Fähigkeit einhergeht, das Leben zu genießen“ (S. 163). Diese Aussage findet der Autor interessant und überzeugend.
Die letzten Seiten dieses Kapitels enden mit Gedanken „über die Behandlung von Autismus, ADHS – und der eigenen Persönlichkeit“ (ebd).

Diskussion

Eindeutig handelt es sich um ein Fachbuch, denn die Sprache und die Erklärungsansätze sind verdichtet geschrieben und anspruchsvoll. Mit seinem Konzept einer multikategorialen Normalität psychischer Probleme im Übergangsbereich zwischen Normalität, Abweichung und Krankheit will Tebartz van Elst Ängste und Vorurteile abzubauen (Klappentext).

Vorgestellt werden zentrale Neuerungen der Klassifikationssysteme DSM, Version V und ICD 11.

Hervorzuheben wäre vieles im Buch. Sehr wichtig sind seine Hinweise zu den „Basisstörungen“ ADHS und Autismus, aus denen sich Folgekrankheiten wie Depression, Angst- und Suchtstörungen ergeben können. Es ist nicht selten, dass diese Basisstörungen nicht erkannt werden, sodass die Behandlung falsch ansetzt, oft zum Leidwesen der Betroffenen.

Das Buch ist sehr kompakt geschrieben, die Lesbarkeit wird durch die kleine Schriftart erschwert. Gelungen ist die Hervorhebung von Kernaussagen in Textboxen und die Bereithaltung von Kasuistiken, die die theoretischen Ausführungen ergänzen und die kompakten Erklärungen auflockern.

Interessant ist die Diskussion, was eigentlich als „normal“ definiert wird. Der Autor unterscheidet drei Normen: die statistische Norm, die technische Norm und die soziale Norm, die sich am sozial gewünschtem Verhalten orientiert und beeinflusst ist von der Sitte und Moral der jeweiligen Zeit, was bedeutet, dass diese sich verändert. Der Autor bevorzugt das Konzept der multikategorialen Normalität, ein primär nicht sozialnormatives Normalitätskonzept, mit Betonung auf die Vielgestaltigkeit. Dazu kommt noch die Feststellung, dass es keine allgemeingültigen Begriffe von Krankheit und Gesundheit gibt.

Neu war für mich die Aussage, dass Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungsstörungen nah beieinander liegen. Aus Sicht des Autors ergeben sich aus theoretisch konzeptioneller Perspektiven viele Überschneidungen und die Abgrenzung von Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungsstörung wird aus seiner Sicht bisher nur wenig beachtet. Das ist ein interessanter Ansatz.

Ich hatte den Eindruck, dass der Autor, was die Zielgruppe angeht, zerrissen ist. Die von ihm erarbeiteten Inhalte spiegeln sowohl die Hinwendung zum psychiatrischen und psychologischem Fachkollegium als auch zu Laien und vor allem auch zu Betroffenen wider. Der Wissenstransfer an Laien kann allerdings mit dieser Anhäufung von Fachbegriffen schwer gelingen. Die Sprache und die Gedankengänge sind sehr anspruchsvoll und es kam mehrmals vor, dass auch ich, als versierte Leserin von Fachbüchern und Wissenschaftsliteratur, geneigt war, das Buch zur Seite zu legen. Vor diesem Hintergrund würde ich Laien eher abraten, das Buch zu kaufen, es gibt andere literarische Quellen, die hilfreicher und vor allem konkreter sind. Dem psychiatrischen und psychologischem Fachkollegium empfehle ich das Buch, weil es sehr gut herausarbeitet, wo Fallstricke liegen können.

Fazit

Die Themen Autismus und die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind mittlerweile von hohem gesellschaftlichen Interesse. Das Buch befasst sich mit Fragen wie: Was ist überhaupt normal? Was ist Persönlichkeit? Wann werden Symptome und Eigenschaften zu einer Krankheit? Handelt es sich bei Autismus und ADHS mittlerweile um „Modediagnosen“? Der Autor Tebartz van Elst stellt Autismus als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrische Erkrankung vor. Ziel ist, Ängste und Vorurteile abzubauen und dies vor dem Hintergrund des Konzept einer multikategorialen Normalität psychischer Phänomene im Übergangsbereich zwischen Normalität, Abweichung und Krankheit.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 05.06.2018 zu: Ludger Tebartz van Elst: Autismus und ADHS. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2. Auflage. ISBN 978-3-17-034166-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23945.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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