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Maik Teriete: Systemische Beratung bei Autismus

Cover Maik Teriete: Systemische Beratung bei Autismus. Ressourcen aktivieren, Lösungen finden, einfach helfen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 120 Seiten. ISBN 978-3-17-034242-2. 24,00 EUR.
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Thema

Eine wichtige Säule der Hilfestellung im Bereich Autismus ist die Beratungsarbeit. Das Buch vermittelt – basierend auf dem systemischen Ansatz – einen Überblick über die Ursprünge sowohl der systemischen Therapie als auch der Methoden zur Förderung von Menschen mit Autismus. Dazu werden aktuelle Entwicklungen beider Bereiche vorgestellt und auch Möglichkeiten einer Verknüpfung miteinander aufgezeigt. Die theoretischen Informationen werden durch Praxisbeispiele und konkretes Handwerkszeug für die Beratungsarbeit ergänzt.

Autor

Maik Teriete arbeitet in freier Praxis in Berlin. Er ist Sozialpädagoge und systemischer Supervisor/​Coach. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er im Bereich Autismus mit den Schwerpunkten Förderung, Fachberatung, Fortbildung und Supervision.

Aufbau

Das Buch ist im DIN A 5 Softcoverformat auf Umweltschutzpapier gedruckt und hat einen Umfang von 120 Seiten, die sich neben Literatur- und Stichwortverzeichnis in acht Kapitel und mehrere Unterkapitel aufgliedern. Am linken oberen Seitenrand findet sich die Kapitelüberschrift, am rechten oberen Rand der Titel des jeweiligen Abschnitts. Die Hauptkapitel beginnen jeweils mit einem Zitat. Die einzelnen Kapitel sind durch Zwischenüberschriften gegliedert. Zahlreiche Abbildungen ergänzen die Ausführungen, wichtige Aussagen sind in Textboxen hervorgehoben, Fallbeispiele durch Einrückung gekennzeichnet und verwendete Fußnoten sind auf der jeweiligen Seite abgedruckt, was lästiges Blättern erspart. Ein Stichwortverzeichnis unterstützt die gezielte Suche nach Schlagwörtern.

Inhalt

Das erste Kapitel „Was ist Autismus?“ beschreibt neben der Symptomatik, Diagnosemanuale (ICD und DSM), die Häufigkeit, die Verteilung zwischen Männern und Frauen sowie mögliche Ursachen. Neben genetischen Komponenten werden aus der neuropsychologische Forschung drei Konzepte bzw. Modelle namentlich genannt: das Konzept der sog. theory of mind, das Konzept einer schwachen zentralen Kohärenz und das Konzept bzgl. der exekutiven Funktionen. Dieses Kapitel schließt mit der Frage, ob Autismus heilbar ist.

Auch das zweite Kapitel ist als Frage formuliert: „Was bewirkt Autismus?“ Angerissen werden drei Perspektiven des Autismus Spektrums: a) was bewirkt Autismus bei den Betroffenen? b) was bewirkt Autismus bei Familien? und c) was bewirkt Autismus bei Fachleuten?

In der Diagnostik gibt es Kriterien, die festlegen, wann eine „Autismus-Störung“ (S. 17) vorliegt. Der Autor beschreibt im Folgenden einige Besonderheiten im „Bereich“ Autismus wie der Bereich Kontakt, der Bereich Kommunikation, der Bereich Handlung und Interessen sowie der Bereich Wahrnehmung und Stress. Zu den einzelnen Bereichen werden kurz jeweils besondere Schwerpunkte skizziert, die in Textboxen hervorgehoben sind wie z.B. im Bereich Handlung/​Interessen die Handlungsplanung, die Impulskontrolle oder Schwierigkeiten in Bezug auf Verhaltens- und Problemlösungsstrategien.

An diese Ausführungen zum Thema Autismus schließt sich die Aufzählung unterschiedlicher Kontexte an, die in der Entwicklung vom Kindes- bis zum Erwachsenalter relevant sind: Autismus in der Kindertagesstätte (Kita), Autismus in der Schule, Autismus in Wohnstätten und abschließend Autismus in Förder- und Beratungsstellen. Jeweils passend zu den hier genannten Kontexten hat der Autor eine kleine Tabelle erstellt, in der er Ressourcen und Herausforderungen gegenüber stellt (Kita S. 35, Schule S. 43, Wohnen S. 47 und Förderung S. 52).

Die autismusspezifische Förderung steht im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Diese Beschreibung beginnt mit der Finanzierung und dem methodischen Vorgehen in Förderstellen. Genannt werden unterschiedliche Methoden z.B. methodenübergreifende Ansätze wie TEACCH® oder PECS® und es wird reflektiert, welche Methode zu welchem Menschen mit Autismus passt. Der Autor hebt hervor, dass Evaluation wichtig ist und verweist darauf, dass diese z.B. im therapeutischen Arbeitsfeld standardmäßig durch das Verfassen des Entwicklungsberichtes abgedeckt wird.

Kern des fünften Kapitels bilden die systemische Therapie in Bezug auf die Entstehung in den 1950er Jahren und unterschiedliche Richtungen (hier werden das Mailänder Modell nach Selvini, die Lösungsorientierte Kurzzeittherapie nach de Shazer, das Reflecting Team nach Andersen und die Narrative Denkrichtung benannt, daran schließen sich kurze Ausführung zur systemischen Therapie in Bezug auf den theoretischen Hintergrund u.a. zur Kybernetik und zur Definition System, zitiert wird abschließend die Haltung der Systemischen Gesellschaft.

Der Autor rückt die systemische Sicht auf Probleme in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und führt aus, dass ein Problem aus systemischer Perspektive nicht aus dem System entsteht, sondern das System aus dem Problem (S. 72). Dieses fünfte Kapitel schließt mit Erläuterungen zur systemischen Therapie bei Menschen mit Behinderung im Allgemeinen (nicht nur in Bezug auf das Autismus-Spektrum) ab.

Kapitel sechs reflektiert die Autismus-Therapie und die systemische Therapie in Bezug auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Innerhalb der systemischen Therapie gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Es stellt sich auch immer wieder die Frage nach der Hilfe für die Einzelnen und/oder für das gesamte System. Ein weiteres Augenmerk legt der Autor auf den Stellenwert von Kommunikation in der Autismus-Therapie und in der systemischen Therapie.

Manche Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben Schwierigkeiten, sich sprachlich auszudrücken, vielen fällt es schwer, sich selbst zu beschreiben oder Erlebtes zu reflektieren, diese Kompetenzen werden in der Psychotherapie gefordert. Systemische Therapie und Beratung mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum stellt von daher an Therapeutinnen und Therapeuten Herausforderungen, passende Tools zu entwickeln und einzusetzen. Gleichzeitig können Therapeut*innen durch die systemische Sichtweise im Bereich Autismus Entlastung erfahren.

Systemische Therapie ist kein Allheilmittel und es gilt – wie in allen Therapieansätzen – zu beachten, dass es Möglichkeiten und Grenzen der systemischen Therapie im Bereich Autismus gibt. Zum Beispiel trifft die Grundannahme, dass jeder Mensch in der Lage ist, für sich auszuwählen, welche Strategien passend sind, nicht pauschal auf Menschen aus dem Autismus-Spektrum zu.

Neben der systemischen Therapie wird in Kapitel sieben auch die systemische Beratung insbesondere in Hinblick auf die Supervision im Allgemeinen und im Besonderen in Bezug auf die systemische Supervision beleuchtet. Der Autor grenzt verschiedene Bereiche wie die Therapie und Supervision, die Fachberatung und Supervision, die Fachberatung im Bereich Autismus und die systemische Beratungsarbeit voneinander ab. Bei der Supervision im Bereich Autismus beleuchtet Maik Teriete die Aspekte wie Supervision im Bereich Autismus wirksam sein kann und was lähmend wirkt. Vorgestellt werden Fragetechniken (zusammengestellt in einer Tabelle mit der Struktur „Fragetechnik“, „hilfreich für“ und „Beispiel“ S. 107/8), dazu Methoden in der Supervision in Art einer „Basis-Ausrüstung“ (S. 109–112) und abschließend nennt der Autor drei Tools zur Fallbearbeitung wie das Eisberg-Modell, das Abschlussstatement und das Daumenfeedback (S. 112–115).

Das Buch schließt mit der Beschreibung von vier „Gebieten“, die einen guten „Nährboden“ bilden, damit autismusspezifische Arbeit und systemische Beratung gelungen wirksam werden. Es sind die Haltung, der Rahmen, die Umsetzung und die geteilte Verantwortung in der Unterstützung, zu jedem Gebiet gibt es kurze Erklärungen.

Diskussion

Das Buch greift ein komplexes Thema auf und versucht diesem Anspruch auf 120 Seiten gerecht zu werden. Das ist eine Herausforderung. Herausgekommen ist ein Überblick, der relevante Themen anreißt, aber nicht in die erwartete Tiefe geht.

Nach Aussage des Autors Maik Teriete reifte der Entschluss, dieses Buch zu schreiben nach und nach. An manchen Stellen haben mir aktuellere Quellen gefehlt z.B. gibt es in Bezug auf den TEACCH® Ansatz nicht nur Belege der Evidenz aus den USA aus 2015- wie Teriete schreibt- es gibt auch aktuelle Studien wie die von Wolff, Ludwig und Conty aus dem Jahr 2019, sie belegen, dass der TEACCH-®-Ansatz wissenschaftlich fundiert und effektiv ist (https://www.socialnet.de/rezensionen/​26088.php).

Aufgezählt werden mehrere Richtungen der systemischen Therapie wie z.B. das Mailänder Modell nach Selvini, die Lösungsorientierte Kurzzeittherapie nach de Shazer, das Reflecting Team nach Andersen und die Narrative Denkrichtung, knapp wird auch der theoretischen Hintergrund u.a. die Kybernetik, eine Definition „System“ sowie die Haltung der Systemischen Gesellschaft benannt.

Gut strukturiert ist am Ende des Büchleins die Darstellung von Tools. In einer Tabelle mit der Struktur „Fragetechnik“, „hilfreich für“ und „Beispiel“ S. 107/8) werden Fragestellungen genannt, auf den folgenden drei Seiten hat Teriete eine – wie er sagt – „Basis-Ausrüstung“ zusammengestellt und mit drei Tools zur Fallbearbeitung wie das Eisberg-Modell, das sog. Abschlussstatement und das Daumenfeedback (S. 112–115) ergänzt.

Ein Anlass das Buch zu schreiben war, dass es nach Aussage des Autors wenig Literatur zur systemischen Therapie im Behindertenbereich, schon gar nicht im Bereich Autismus gibt. Ergänzen möchte ich folgende Titel: Schon 2002 veröffentlichte Ina Slotta das Buch „Autismus – vom nicht gelungenen Umgang mit Verschiedenheit“ (Neuauflage 2020) Tobias Düsterdick schrieb 2014 ein Buch zum Personenkreis aus dem Autismus Spektrum, auch genannt werden muss der von Veronika Hermes in 2017 veröffentlichte Titel „Beratung und Therapie bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung: Das Praxishandbuch mit systemisch-ressourcenorientiertem Hintergrund“, das Buch zielt zwar nicht auf Menschen aus dem Autismus Spektrum, aber auf das Thema allgemein.

Fazit

Die Beratungsarbeit ist eine wichtige Säule der Hilfestellung im Bereich Autismus. Im Klappentext ist zu lesen, dass das Buch -basierend auf dem systemischen Ansatz – einen Überblick über die Ursprünge sowohl der systemischen Therapie als auch der Methoden zur Förderung von Menschen mit Autismus vermitteln will. Dieser Überblick fällt knapp aus. Angerissen werden Entwicklungen beider Bereiche und kurz werden auch Möglichkeiten einer Verknüpfung miteinander aufgezeigt. Die knappen theoretischen Informationen werden durch wenige kurze eingestreute Praxisbeispiele ergänzt.

Wer – wie ich – umfassendes konkretes Handwerkszeug für die systemische Arbeit mit Menschen aus dem Autismus Spektrum erwartet hat, wird eher enttäuscht. Der Komplexität des Themas konnte auf diesen schmalen 120 Seiten nicht gerecht werden. Für das hier vorgelegte Buch wäre der Titel „Überblick zur systemischen Beratung bei Autismus für Fachleute“ zutreffender gewesen, leider wird darauf erst im Klappentext darauf hingewiesen.

Keine Frage: Es braucht von Praktikerinnen und Praktikern mehr Literatur zu diesem Thema, vielleicht in einer zweiten umfangreicheren Auflage?


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 03.11.2020 zu: Maik Teriete: Systemische Beratung bei Autismus. Ressourcen aktivieren, Lösungen finden, einfach helfen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-034242-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23948.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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