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Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle?

Cover Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle? Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-3651-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Veröffentlichungen der Kommission Sozialpädagogik.
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Thema

Das umfangreiche und komplex aufgebaute Buch versammelt sehr heterogene Beiträge, die Emotionen in der Sozialen Arbeit ins Zentrum theoretischer wie qualitativer empirischer Studien stellen.

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Emotionen als eigenständige Verarbeitungsformen der sozialen Wahrnehmung Urteilsbildungen und Entscheidungen bestimmen und sowohl zwischenmenschliche Interaktionen als auch die Auseinandersetzung mit Dingen und der materiellen und sozialen Umwelt prägen.

Einleitend wird betont, dass Emotionen in der Sozialen Arbeit nicht nur direkte Interaktionsbeziehungen der Klientinnen und Klienten untereinander und mit Fachkräften beeinflussten, sondern auch in sozialen Organisationen und bei den Erfahrungen, die Betroffene und dort Arbeitende machen, eine wichtige Rolle spielten. Im Rahmen von „Emotionsarbeit“ hätten Gefühle eine „Marktförmigkeit“ bzw. einen „Tauschwertcharakter“ im Sinne von beruflich erbrachten sozialen Dienstleistungen, wofür sie folglich nutzbar gemacht würden bzw. werden müssten. Dabei müsse auch ihre große Bedeutung bei Prozessen der Beziehungsgestaltung der Arbeitskräfte mit den Adressat_innen (Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung) und bei Prozessen der Affektregulation beachtet werden. Darüber hinaus komme aber ihre gesellschaftliche Formung und ihre Rolle auf der Ebene der Organisation in den Blick, im Sinne der Formung von „Gefühlskulturen“ bzw. „organisationsbezogenem Verwaltungshandeln und Emotionsarbeit“. Es gehe um die „soziale Herstellung von Emotionen in vielfacher Weise“ und damit um die spezifische Qualität einer sich als Emotionsarbeit verstehenden Sozialen Arbeit und um ein Thema, das bisher in Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit kaum beleuchtet worden sei.

HerausgeberInnen

Das Buch ist von einer „Kommission Sozialpädagogik“ herausgegeben worden. Es handelt sich dabei um eine Kommission der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE). Laut Homepage dieser Einrichtung „vertritt und koordiniert“ sie die „Interessen der Kommissionsmitglieder“. Sozialpädagogik werde dabei als Wissens- und Praxisform verstanden, die nachhaltig durch politische, gesellschaftliche, kulturelle und organisationale Rahmenbedingungen geprägt werde.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band resultiert (einschließlich des Titels „Wa(h)re Gefühle“) aus der Jahrestagung 2015 dieser Kommission. Leider ist dem Buch nicht klar zu entnehmen, wer genau die Herausgeberinnen und Herausgeber mit persönlicher Verantwortung sind. Es sind 55 Autorinnen und Autoren beteiligt und es ist zu vermuten, dass die für das Einleitungskapitel („Wa(h)re Gefühle? – Einleitende Skizzen zum Stellenwert von Emotionen in der Sozialen Arbeit“) zeichnenden Autorinnen und Autoren die Herausgeberarbeit geleistet haben. Es handelt sich um:

  • Prof. Dr. Petra Bauer, Institut für Erziehungswissenschaft (Abteilung Sozialpädagogik) der Eberhard-Karls-Universität Tübingen;
  • Prof. Dr. Margret Dörr, Fachbereich Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Mainz;
  • Prof. Dr. Bernd Dollinger, Departement Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Universität Siegen;
  • Prof. Dr. Sascha Neumann, Professur für „Early Childhood Education and Childhood Studies“ an der Universität Luxemburg;
  • Jun.- Prof. Dr. Martina Richter, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.

Aufbau

Das insgesamt 280 Seiten umfassende Buch ist nach einem einleitenden Kapitel (s.o.) in fünf Abschnitte gegliedert:

  1. I. Grundlegende Reflexionen (63 Seiten, vier Beiträge von fünf AutorInnen),
  2. II. Soziale Arbeit als Emotionsarbeit (72 Seiten, fünf Beiträge von zwanzig AutorInnen),
  3. III. Emotionen im Spannungsfeld von institutionellen Routinen, sozialen Beziehungen und individuellen Belastungen (57 Seiten, fünf Beitrage von sechzehn AutorInnen),
  4. IV. Soziale Arbeit und Emotionen im gesellschaftlichen Kontext (43 Seiten, drei Beiträge von sechs AutorInnen),
  5. V. Emotionen in der Forschung (13 Seiten, ein Beitrag von fünf AutorInnen).

Zu I. Grundlegende Reflexionen

Das vier Beiträge umfassende Kapitel stellt gesellschaftliche, ökonomische und politische Dimensionen von Gefühlsarbeit und ihre Rolle bzw. Funktion als Dienstleistung in „Arbeits- und Machtverhältnissen“ ins Zentrum der Betrachtungen.

In ihrem Beitrag über Die Bearbeitbarkeit der Emotionen: Theoretische Vergewisserungen und empirische Verunsicherungen von Veronika Magyar-Haas untersucht die Autorin theoretische Bedingungen der Möglichkeit, Gefühle als beeinflussbar und bearbeitbar anzusehen. Nach einem kursorischen Überblick über theoretische Bestimmungen von Gefühlen, Affekten, Haltungen, Gefühlsdispositionen und philosophischen Konzepten und Debatten (u.a. Aristoteles, Stoa, analytische Philosophie, Phänomenologie; Damasio, deSousa, Nussbaum), versucht sie anhand von transkribierten Videosequenzen aus einem Tanzprojekt in einer offenen Mädcheneinrichtung die „Komplexitäten der Gefühlsarbeit und des –managements sowie ihre sozialen, kontextuellen Bedingungen“ zu erfassen. Damit intendiert sie insbesondere eine Erhellung der Fragen, inwiefern Emotionen Aussagen „über soziale Machtverhältnisse erlauben und inwiefern soziale Verhältnisse eine Bedeutung dafür haben, was wie gefühlt wird oder werden kann“.

In dem Beitrag Verklärte Verhältnisse – Verhältnisse der Verklärung. Überlegungen zur Verdinglichung sozialpädagogischer Gefühle und Beziehungen will Werner Thole „Thematisierungsweisen von Gefühlen mit drei über Agnes Heller, Karl Marx und Alfred Lorenzer generierten Theorieangeboten“ konfrontieren. Er betont: „Was der Beitrag also zu illustrieren wünscht und bestenfalls zu zeigen vermag, ist, in welcher Form sich im Rücken alltäglicher Verständigungen und Vertrautheiten in den sozialpädagogischen Praktiken die Verfasstheit unserer Gesellschaft formend und ‚wirklichkeitsverklärend ‘ einmischt“ (37). Es geht Thole darum, den Charakter von affektiven und emotionalen Haltungen auch als „entfremdete, verdinglichte Artikulationen zu verstehen“ (38). Vereinfacht zusammengefasst seien die „verdinglichten Interaktionsformen“ und mit ihnen einhergehenden Gefühle in bürgerlich kapitalistischen Gesellschaften danach selbst zur Ware geworden und Klientinnen und Klienten sowie auch die Fachkräfte könnten nur ein entfremdetes Verhältnis zu ihren Gefühlen haben, da Affekte und Gefühle, Sprechakte und Selbst- und Weltdeutungen niemals frei von gesellschaftlichen Bedingungen seien. Er kommt zu dem Schluss, dass die praktische Soziale Arbeit unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht nur „verklärte Verhältnisse“ reproduziere, sondern über ihre theoretischen und professionellen Praxen solche Verhältnisse auch stabilisiere und sogar „Verhältnisse der Verklärung“ schaffe (50).

Der Beitrag Angst machen und Angst haben. – Zur Produktion von Angst und der Geschichte (un)angemessener gesellschaftlicher Reaktion von Marcus Balzereit und Helga Cremer-Schäfer analysiert „gesellschaftliche Bedingungen und Ermöglichungen der Produktion ‚sozialer Angst ‘“ und vertritt die These, dass soziale Angst „gemacht“ werde und dass in prominenten Diagnosemodellen der Sozialen Arbeit inhärent eine Technik des Angst Machens und darin eine „Herrschaftstechnik“ erkennbar werde (53 f.). Es entspreche der „professionellen Ideologie der Sozialen Arbeit Grenzen und Erwartungen des Systems in individuelle Defizite und Kompetenzen zu verwandeln, statt sie der Reflexion über die Gesellschaft wieder zuzuführen“ (60). Beispielhaft beschreiben die Autoren sog. „Moralpaniken“, die im Hinblick auf „Intensivtäter“ (auffälliger Weise wird hier nur die männliche Form benutzt) „im Kontext des neoliberalen Wohlfahrtsstaates“ letztlich „Armutsverachtung und Fremdenfeindlichkeit“ rationalisiere (58). Abschließend wird auch „der“ Psychotherapie unterstellt, dass sie – indem sie soziale Phobien als psychische Störung versteht – an einem Wissen über gefährliche gesellschaftliche Strukturen, auf die die Angst verweisen könnte, kein Interesse habe (63).

Margit Bückner stellt den vierten und letzten Beitrag in diesem Grundlagenkapitel Gefühle im Wechselbad: Soziale Arbeit als beziehungsorientierte Care Tätigkeit in den Rahmen einer „kritischen“ Sozialen Arbeit und sieht diese als eine „beziehungsorientierte Tätigkeit im Sinne einer fürsorglichen Praxis“, die „Bestandteil der gesellschaftlich notwendigen Organisation zwischenmenschlicher Sorge“ sei (66). Der „reflexive Umgang mit eigenen und fremden Gefühlen“ stelle eine emotionale Anstrengung dar und müsse als Arbeit anerkannt werden (69). Sie stellt drei untersuchte Arbeitsbereiche der „Care Handlung“ vor, die ein „emphatisches, Empirie gesättigtes Bild gelingender Sorge“ (74) belegen würden.

Zu II. Soziale Arbeit als Emotionsarbeit

In dem Beitrag Emotionen als bedeutsamer Gegenstand des beruflichen Handelns. Empirische Einblicke in die Thematisierung von Emotionen durch Professionelle der Sozialen Arbeit von Johanna Hess, Alexandra Retkowski und Nina Thieme wird das Verhältnis und Spannungsfeld der (paradoxalen) Interdependenz von Rationalität und Emotionalität als konstitutiv für das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit reflektiert. Anhand einer qualitativ-rekonstruktiven Studie auf der Basis zweier Interviews mit professionellen Fachkräften wird die Bedeutsamkeit von Emotionen „dokumentiert“ und zwar sowohl im Hinblick auf „berufsbiographische Entwicklungsprozesse“ als auch „Prozesse der organisationalen Veränderung“ (91).

In Doing Emotion – Gefühlsdarstellungen im Hilfeplangespräch zielt Heinz Messmer darauf, „verschiedene Dimensionen von Seins- und Erregungszuständen in sozialarbeiterischen Interaktionen analytisch greifbar zu machen“ (94). Bei Gefühlsdarstellungen handele es sich um „sozial normierte verbale oder nonverbale Kommunikation von Erregungs- oder Seinszuständen im Rahmen von Interaktion“ (96). Gefühlsregulationen seien eine konstante Aufgabe aller Beteiligten (gerade auch in Hilfeplangesprächen). Es folgt eine Analyse von Transkriptionsausschnitten aus einem Hilfeplangespräch mit einer 14jährigen Jugendlichen in einer Heimeinrichtung, die verdeutliche, dass bis hinein in den Entwicklungsbericht „Gefühlsdarstellungen maßgebliche Regulatoren von Sozialität seien“ (107) und dass diese eine große Herausforderung für die Fachkräfte bedeuten würden.

Der Beitrag Thematisierungsweisen und Bearbeitung von Gefühlen in Fallbesprechungen von Petra Bauer, Katharina Harter, Sarah Henn, Patricia Keitsch und Christine Wiezorek sieht Fallbesprechungen als „Orte der organisationellen Transformation von Erfahrung“, in denen sich auch die „(Re-)Produktion einer organisationsspezifischen professionellen Handlungslogik“ erkennen lasse. Die empirische Untersuchung von Fallbesprechungen zeige, dass im Kontext von Fallbesprechungen und Teamsitzungen das Reden über „Adressat_innen“ durch „negativ gefärbte Bilder und die Reproduktion von platt anmutenden Klischees und Stereotypisierungen, aber auch das Slchecht-Reden und Lästern über Verhaltensweisen von Adressat_innen in vielfältigen Ausprägungen“ gekennzeichnet sei (113). Anhand von Fallbesprechungen von Beratungsteams dreier unterschiedlicher Beratungsstellen werden Funktionen von sprachlichen Thematisierungen von Gefühlen der Fachkräfte analysiert und es wird deutlich, dass Gefühle „zum wesentlichen Bestandteil professioneller Erkenntnisbildung“ gehören.

Der Beitrag Bauchgefühle in der Sozialen Arbeit von Pascal Bastian, Mark Schrödter, Roland Becker-Lenz, Joel Gautschi, Martin Grosse, Martin Hunold und Cornelia Rüegger führt solche Überlegungen weiter. Bauchgefühle und Intuitionen seien notwendiger Weise Bestandteil der komplizierten sozialarbeiterischen Handlungspraxis neben Theorie und Methodenwissen, impliziten praktisch-habitualisierten Routinen, erprobenden Praktiken und gewagten Erkundungen (129). Im Rahmen von Ausschnitten aus narrativen Interviews mit Sozialarbeiter_innen werden diese und weitere Überlegungen illustriert.

Sabrina Göbel, Barbara Lochner, Björn Milbradt und Maximilian Schäfer entwerfen Theoretische Perspektiven auf den praktischen Umgang mit Emotionen im frühpädagogischen Kontext und fokussieren die Frage, dass es sich bei Emotionen „nicht um rein innerpsychische Prozesse“ handele, „sondern dass diese auf gemeinsamen Bedeutungssystemen basieren und sowohl in der Interaktion hergestellt als auch performativ zum Ausdruck gebracht werden“ (141). Sie untersuchen in der Folge eine Situation des (aus Sicht des Rezensenten problematischen) Umgangs mit kindlichen Emotionen – vor allem auch im Hinblick auf die Emotionsbeeinflussung, das „Emotionsmanagement“, „öffentlich sichtbare Präsentationen des Fühlens“ sowie Interpretation und Versprachlichung in frühpädagogischer Praxis einer Kindertagesstätte.

Zu III. Emotionen im Spannungsfeld von institutionellen Routinen, sozialen Beziehungen und individuellen Belastungen

Im dritten Teil des Buches werden wieder zum Teil sehr heterogene Themen zusammengebracht.

In Zwischen Engagement und Erschöpfung: Emotionale Anforderungen und Belastungserleben in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern befasst sich Hannelore Reicher mit den emotionalen Belastungen der Fachkräfte, die „zwischen beruflichem Engagement und Erschöpfung“ (157) eingespannt seien. Gefühle spielten dabei in mehrfacher Hinsicht eine bedeutsame Rolle: als Gegenstand in Arbeitsbeziehungen, als Mittel zur Besserung der Arbeitsbeziehung, als Bedingung für das berufliche Handeln. Besonders auch das „‚Verkraften ‘ der eigenen Gefühle, Wünsche, Hoffnungen Enttäuschungen, die die ‚anderen ‘ in mir selbst auslösen“. Es falle schwer, dieses „‚Verkraften‘ nicht einfach als Privatangelegenheit …, sondern als Arbeit zu begreifen …“ (159). Es sei deshalb wichtig, in den Curricula der Sozialen Arbeit auf eine Balance von Wissen, Können und Reflexion zu achten.

In dem Beitrag Ankommen, l(i)eben und gehen – Gefühle in und aus der Heimerziehung aus der Perspektive der jugendlichen Adressat_innen von Sophie Domann, Samuel Keller, Tanja Rusack und Benjamin Strahl werden „stationäre Settings als Orte des Rückzugs, der Reflexion… sowie der individuellen Auseinandersetzung mit Erlebnissen und Gefühlen“ betrachtet, wodurch Gefühle „in stationären Settings ein tragendes Fundament“ bilden würden (167). Der Beitrag untersucht sodann die eigenen Gefühle von Jugendlichen in stationären Hilfen zur Erziehung und rekonstruiert aus der Perspektive der Jugendlichen die emotionale Bedeutung von Ankommensprozessen, Umgangsweisen mit Sexualität und Paarbeziehungen sowie der Gestaltung des Übergangs am Ende eines Heimaufenthaltes. Es ergibt sich ein Einblick in die emotionalen Herausforderungen für Jugendliche und Fachkräfte im Rahmen solcher Institutionalisierungen. Der Beitrag schließt mit einer „Hypothese“: „Je objekthaft-überprüfbarer, standardisierter, funktional ausgerichteter und direktiver Beziehungen und Übergänge in Hilfen zur Erziehung gestaltet und Erwartungen daran definiert werden (Lebensbewältigung), desto krisenhafter, unverständlicher bzw. manipulativer oder verunsichernder werden subjektiv bedeutsame, emotionale Dimensionen in Interaktionen, begleitenden Unterstützungsangeboten und Beziehungsarbeit (Bewältigungsverhalten).“ (175)

Michael May thematisiert Arbeitsbeziehung und Emotion. Der Beitrag greift mit Begriffen wie attentiveness, responsiveness und affect containement weit in psychologische Sozialisationstheorien mit einer Bezugnahme auf die Säuglingsforschung (u.a. Daniel Stern). Eine solche emotionale Beziehungsarbeit sei „sogar in sozialer Dienstleistungsproduktion unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen… unabdingbar“ (178). Mit einer Übertragung der Unterscheidung zwischen „toter“ und „lebendiger“ Arbeit nach Karl Marx wird für den Autor „implizites Beziehungswissen“ erst lebendig im Rahmen eines „kokreativen“ Begegnungsgeschehens. „Augenblicke existenzieller emotionaler Begegnung“ seien „in ihrer momenthaften Verwirklichung wechselseitiger reiner Anerkennung überaus bedeutsam“ (188).

Ein völlig anderes Thema behandelt der Beitrag Feeding Feelings – zur wohlfahrtsstaatlichen Versorgung mit Nahrung von Lara Pötzschke, Hanna Rettig, Lotte Rose, Julia Schröder, Anna Schütz und Vicki Täubig. Es geht um das Versorgen und Versorgtsein von Adressat_innen mit Nahrung. Es wird angenommen, dass im Rahmen professioneller Sorgebeziehungen Ernährung mit einer Entemotionalisierung einhergehe, im Unterschied z.B. zum mütterlichen Stillen als einer hochemotionalisierten Situation der Versorgung. Im Rahmen z.B. von Kindertagesstätten oder Ganztagsschulen erfolge mit der Einverleibung von Nahrung auch eine Einverleibung pädagogischer Ordnungen mit der Gefahr eines hohen Maßes an Abhängigkeit und Fremdversorgung sowie wenig Raum für „kulinarische Eigensinnigkeit“ (197). Es „würden einerseits Nahrung in Sorgepraktiken wohlfahrtsstaatlicher Organisationen pädagogisiert und andererseits auf Nahrung bezogene Gefühle formalisiert“ (199).

Die Herstellung von Vertrautheit als Bildungsprozess in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe von Kim-Patrick Sabla, Tara Lachnitt, Kristiane Kreuzbusch und Jessica Kollmer thematisiert (stationäre) Erziehungshilfen als „Orte“ der „Koproduktion subjektiver Lern- und Bildungsprozesse“ (203). Dort heiße „Bildung, die Handlungsfähigkeit und Lebenskompetenz des/der Einzelnen zu stärken, und ist in Anlehnung an dieses Bildungsverständnis konzeptionell verankert“ (203). Es geht also um eine bildungstheoretische Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit, hierin um die „Herstellung von Vertrautheit“ (204), Verselbstständigung und „Wohnraumproduktion“ (ebd.). In einem skizzierten Forschungsprojekt geht es um Strategien von Jugendlichen in ihrem Wohnumfeld einer stationären Jugendhilfe Privatheit herzustellen. Auf der Basis narrativer Interviews mit und interviewunterstützender Fotografien von fünf (!) Jugendlichen wird eine Typologie mit drei möglichen Typen entworfen: „der/die Beständigkeitsbedürftige, der/die Zuneigungsbedürftige“ und der/die „Ruhebedürftige“. Der Beitrag will „institutionellen Wohnformen der Jugendhilfe Anstöße geben, welche Aspekte für die Herstellung von Privatheit und Vertrautheit von Bedeutung sind und ob diese in den Konzepten der jeweiligen Einrichtungen angepasst werden sollten“ (211).

Zu IV. Soziale Arbeit und Emotionen im gesellschaftlichen Kontext

Das vierte Kapitel dieses Buches fokussiert gesellschaftliche Kontexte spezifischer Gefühle.

Scham in Hilfekontexten: Zur Beschämung der Bedürftigkeit von Friederike Lorenz, Veronika Magyar-Haas, Sighard Neckel und Holger Schoneville beschäftigt sich im Anschluss an begriffliche Analysen zur sozialen Dimension von Scham und Beschämung anhand zweier „empirisch ausgerichteter Studien zum einen mit den sozialstrukturellen Bedingungen der Beschämung im Bereich der Lebensmittelausgaben ‚Die Tafeln ‘, zum anderen der konzeptionellen Legitimierung beschämender Praktiken in stationären Hilfeeinrichtungen“ (216 f.) Schamgefühle werden auf drei unterschiedlichen Ebenen in den Blick genommen: der Ebene des Subjekts, der Institutionen und Organisationen sowie der Ebene der gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Beitrag will für die gesellschaftliche Verfasstheit von Emotionen sensibilisieren und verweist darauf, dass Beschämungen in helfenden Beziehungen strukturell verankert seien (durch u.a. Statusverlust, Hilfe- und Machtmissbrauch).

Felix Brandhorst stellt in Der Horror einer Kindesmisshandlung – über die mediale Erzeugung von Emotionen anhand des „Fall Kevin“, eines unter der Obhut eines Jugendamtes durch seinen Methadon substituierten Vater getöteten zweijährigen Jungen, mittels „Diskursanalyse“ Zusammenhänge zwischen einer „medialen Inszenierung“ des Falles, seiner „politischen Theatralisierung“ im parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) und der fachlichen Positionierung der Sozialen Arbeit im Arbeitsfeld des „Kinderschutzes“ dar (235). Der Autor identifiziert „Sprachspiele“, die der „Ästhetik eines bestimmten Unterhaltungsgenres“ folgten, „um das Grauen“ zu intensivieren und verurteilt „Horror als Metapher für Kindsmisshandlung“ (237). Der Fall Kevin als mediale Sensation sei benutzt worden, um „Moralpanik“ zu erzeugen. Durch solche Vorgänge würde durch die öffentliche Konzentration auf kriminelle Aspekte, körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch die „Komplexität professioneller sozialpädagogischer Praxis im Kinderschutz“ verdeckt, weil Vernachlässigung und seelische Misshandlung als häufigste Formen der Kindswohlgefährdungen in den Hintergrund“ träten.

Der Beitrag Kein Mitgefühl für Arme Eltern. Zur ‚Rahmung‘ von Emotionen in Debatten über Kinderarmut von Sophie Künstler betont die starke emotionale Prägung der Debatte über Kinderarmut und nimmt die Stigmatisierung der Eltern armer Kinder in den Blick. Anhand einer „diskursanalytischen“ Untersuchung pädagogischer Fachzeitschriften analysiert sie, „welchen Personen(-gruppen) innerhalb der (fachpädagogischen) Debatten um Kinderarmut welche Emotionen entgegengebracht werden (können)“ (248). Sie stellt fest, dass „die Armen Eltern … innerhalb der Logik“ der gebrauchten Metaphern als Gefahr für ihre Kinder dargestellt würden und ihnen im Gegensatz zu ihren Kindern gerade kein Mitgefühl oder Verständnis entgegengebracht werde, da sie primär als „Handicap“ ihrer Kinder konzeptualisiert würden. Akteur_innen im Feld wie auch Forscher_innen sollten ihre Arbeit mit einer Rahmensetzung der Anerkennung fundieren, die auch die Subjektposition solcher Eltern anerkenne und schütze.

Zu V. Emotionen in der Forschung

Der letzte Teil des Buches besteht aus nur einem Kapitel im Umfang von elf Textseiten. Verstehen und Emotion im Forschungsprozess: Erkenntnistheoretische Reflexionen und ethnographische Betrachtungen von Dominik Farrenberg, Christine Hunner-Kreisel, Jens Oliver Krüger, Lea Miczuga und Sascha Schierz thematisiert vor dem Hintergrund ethnographischer Ansätze die eigenen Emotionen von Forschenden als „zentrale Stellgröße, um Subjektivitäten und Positionierungen sichtbar und reflexiv zu machen“ (263). Zwei mögliche Strategien einer qualitativen Forschung werden skizziert: Meidung von Emotionalität im Forschungsprozess (emotionale Involviertheit verhindert Objektivität) versus Aufsuchen der Emotionalität (Instrumentalisierung von Emotionen als Forschungsressource – emotionales Beteiligt-Sein der Forschenden als Möglichkeit des Fremdverstehens).

Diskussion

Das Buch versammelt eine Fülle sehr unterschiedlicher Beiträge zum Thema Emotionen und „Emotionsarbeit“ in der „sozialpädagogischen Emotionsarbeit“. Das Ziel, Emotionen als sowohl individuelle als auch „hochgradig soziale“ Angelegenheiten zu betrachten, ist ein wichtiges Anliegen und rückt berechtigter Weise die zentrale Rolle von Gefühlsprozessen in „vielfältigen Erbringungsformen Sozialer Arbeit“ (9) ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Es werden wichtige „Erbringungsbereiche“ sozialpädagogischer bzw. sozialarbeiterischer Emotionsarbeit angesprochen (u.a. Hilfeplangespräche und Fallbesprechungen, frühpädagogische Arbeit (Kita), Heimerziehung, Nahrungsversorgung, stationäre Einrichtungen für Jugendliche, Armut und Stigmatisierung, Kindsmisshandlung), die interessante Anstöße zur Reflexion der emotionalen Dimension und der zentralen Bedeutung für die „Adressat_innen“ genannten Klientinnen und Klienten in diesen Arbeitskontexten geben.

Belege für die wichtige Rolle, die Gefühle bei den Fachkräften spielen, werden in mehreren Beiträgen differenziert thematisiert und mit Ausschnitten aus qualitativen Interviews (in der Regeln mit Fallzahlen zwischen zwei und fünf Personen) illustriert.

Dass Emotionen auch in organisationalen bzw. institutionellen Kontexten stets eine bedeutsame Rolle spielen und dass Soziale Hilfen strukturell in Gefahr sind, Menschen zu beschämen und zu demütigen, und dass es eine Herausforderung ist, Adressat_innen auch in diesen Rahmungen Anerkennungserfahrungen und Würde zu ermöglichen, wie besonders im dritten und vierten Kapitel des Buches thematisiert, ist ein wichtiger Beitrag. Aus all diesen Aspekten heraus kann nur unterstrichen werden, dass die emotionalen Aufgabenstellungen in Theorie und Methodik der Sozialen Arbeit einen größeren Stellenwert in den Curricula der Hochschulen benötigen.

Schon im Titel des Buches wird deutlich, dass es sich in wesentlichen Teilen um politische Betrachtungen handelt und wer Ausführungen zu einer konkreten methodischen Emotionsarbeit im Rahmen sozialarbeiterischer Fallarbeit erwartet, wird enttäuscht. Neben und in den o.g. Themen und vielen Abhandlungen ist die Betrachtung von Gefühlen als „Ware“ und als „Produktion“ im Rahmen kapitalistischer gesellschaftlicher Entfremdungs- und Ausbeutungsprozesse formuliert, immer wieder mit dem jede Ablehnung umstandslos rechtfertigenden Begriff „neoliberal“ charakterisiert.

Die Sprache ist in vielen Beiträgen hochabstrakt, ein soziologisch-pädagogischer Jargon, der bemüht ist, „Emotionsarbeit“ der ökonomisierten Begrifflichkeit einer grundlegenden Kapitalismuskritik zugänglich zu machen. Dies dürfte Studierenden im Rahmen von Bachelorstudiengängen einen Zugang zur Thematik zumindest sehr erschweren, wenn nicht verschließen, sofern die notwendigen Interpretationen und angedachten Praxisbezüge nicht von ideologisch sattelfesten Lehrkräften geliefert werden. Diese Ausrichtung manifestiert sich auch wissenschafts- bzw. forschungstheoretisch: zugelassen sind ausschließlich qualitative Studien, basierend auf narrativen Interviews mit kleinsten Fallzahlen oder textbezogene „Diskursanalysen“. Quantitative Forschung und auch darauf gestützte Praxis kommt schlicht nicht vor bzw. wird diskreditiert (so werden Überprüfbarkeit, Standardisierung von die emotionale Dimension einbeziehenden Hilfen zur Lebensbewältigung und Unterstützungsangebote zur Lebensbewältigung pauschal als „manipulativ“ angenommen; Beitrag von Sophie Domann et al.).

Sehr enttäuschend ist die Tatsache, dass die psychologische Emotionsforschung und die aus der Psychotherapie kommende methodische Arbeit mit Emotionen und emotionsbasierten Beziehungsprozessen bis auf winzige Residuen überhaupt nicht vorkommen (Ausnahme bilden einige vertiefende Ausführungen zur Psychoanalyse, die allerdings auf hohem abstraktem Niveau erfolgen ohne Fallbezug). Klinische Sozialarbeit, in deren Publikationen wiederholt differenziert Emotionsarbeit und Beziehungsarbeit behandelt werden und in der individuelle Störungen und Erkrankungen immer auch auf soziale und soziopsychische (Interaktions)Phänomene und Lebenslagesituationen bezogen werden (im Hinblick auf Genese, Ausprägung und Bewältigung), findet ebenfalls keine Erwähnung. Ebenso werden z.B. die Integrative (Sozio-)Therapie und die emotionale Erlebensprozesse zentral stellende Klientenzentrierte Beratung und Therapie mit ihrer Theoriebildung, Methodik und empirischen Wirksamkeitsforschung ignoriert.

Die Bindungsforschung und biologischen Dimensionen von Emotionen in ihrer Interaktion mit sozialen und psychischen Prozessen (in der Klinischen Sozialarbeit im Rahmen des biopsychosozialen Modells reflektiert) finden keinerlei Beachtung. Es gibt auch keine Bezugnahme auf historische Entwicklungen wie z.B. die Functional School der Social Work und die lange Geschichte der Wechselwirkungen von Sozialer Arbeit und Psychotherapie (bis auf wenige Bezugnahmen zu ausgewählten Aspekten der Psychoanalyse). Psychische Störungen werden entweder gar nicht thematisiert, oder als rationalisierende Konstrukte des neoliberalen Wohlfahrtsstaates angesehen, was soziale Kontexte ignoriere und was in Form diagnostischer Einschätzungen ein Herrschaftsinstrument sei.

Leider gibt es keine den Beiträge vorangestellte Zusammenfassungen, ebenso kein Register.

Fazit

Das Buch thematisiert einen erziehungswissenschaftlichen, sozialpädagogischen und teilweise marxistisch und psychoanalytisch geprägten Zugang zu Emotionen und Emotionsarbeit in sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Kontexten. Emotionen werden als sowohl individuelle als auch „hochgradig soziale“ Angelegenheiten betrachtet, und die zentrale Rolle von Gefühlsprozessen in „vielfältigen Erbringungsformen Sozialer Arbeit“ wird verdienstvoller Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Es werden wichtige „Erbringungsbereiche“ sozialpädagogischer bzw. sozialarbeiterischer Emotionsarbeit angesprochen (u.a. Hilfeplangespräche und Fallbesprechungen, frühpädagogische Arbeit (Kita), Heimerziehung, Nahrungsversorgung, stationäre Einrichtungen für Jugendliche, Armut und Stigmatisierung, Kindsmisshandlung), die Anstöße zur Reflexion der emotionalen Dimension und ihrer zentralen Bedeutung für die „Adressat_innen“ wie für die Fachkräfte (z.B. „Bauchgefühle“) in diesen Arbeitskontexten geben. Wer sich methodische Ausführungen zur konkreten Fallarbeit in der Beratung verspricht, wird enttäuscht, ebenso gibt es keine praktisch verwertbaren Bezüge zu emotionsbezogenen Aufgabenstellungen im Kontext von psychischen Störungen und Erkrankungen. Insofern ist der Band nicht für eine Praxiseinführung in emotionsbezogene Methoden der sozialen Fallarbeit geeignet sondern er erschließt „kritische“ theoretische Grundlagen der Emotionsthematik in sozialpädagogischen bzw. sozialarbeiterischen Kontexten aus erziehungswissenschaftlicher Sicht (weitestgehend ohne Bezug zur psychologischen Emotionsforschung und zur „Beratungswissenschaft“). Er empfiehlt sich als anspruchsvoller und herausfordernder theoretischer Grundlagentext, der allerdings einseitig die genannten „kritischen“ wissenschaftstheoretischen, forschungsmethodischen, gesellschafts- und sozialpolitischen Positionen vertritt.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Pauls
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Zitiervorschlag
Helmut Pauls. Rezension vom 12.03.2018 zu: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle? Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3651-0. Reihe: Veröffentlichungen der Kommission Sozialpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23953.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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