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Peter Tiedeken: Musik und Inklusion

Cover Peter Tiedeken: Musik und Inklusion. Zu den Widersprüchen inklusiver Musikproduktion in der Sozialen Arbeit. Am Beispiel der Musikgruppe Station 17. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 199 Seiten. ISBN 978-3-7799-3830-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die Ratifizierung der UN-BRK stellt auch die diversen Handlungsfelder Sozialer Arbeit vor praktische Herausforderungen und reflexive Anforderungen. Der vorliegende Band befasst sich mit den inklusionsorientierten Zielsetzungen kultureller Bildung am Beispiel der seit 1988 existierenden Musikgruppe ‚Station 17‘. Die erfahrungsbasierten Aussagen und Kommentare ihrer Mitglieder konfrontieren Theorien und Praxen inklusionsorientierter kultureller Bildungsarbeit mit den Maßstäben, die fachlichen, medialen und politischen Inklusionsdiskursen meist implizit zugrunde liegen. Diese kritisch-analytische Perspektive erhebt den Anspruch, Widersprüche zwischen einem inklusiven Transformationsversprechen unter der Bedingung gleichzeitiger Affirmation gesellschaftlicher Machtverhältnisse offenzulegen.

Autor

Peter Tiedeken, Bassist und Gitarrist (u.a. bei Station 17), bekleidet seit 2016 eine Vertretungsprofessur für Ästhetik und Kommunikation mit dem Schwerpunkt Kultur und Musik an der Hochschule Neubrandenburg im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung. Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um eine Dissertation der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund. Peter Tiedeken bringt sich seit langen Jahren in den deutschsprachigen Inklusionsdiskurs ein und steht dabei für eine macht- und herrschaftskritische Position, insbesondere im Kontext kultureller Bildungsarbeit.

Entstehungshintergrund

Ist die Tatsache, dass Musiker*innen mit und ohne Behinderung in einer sich als inklusiv verstehenden Band gemeinsam Musik machen, bereits Ausweis eines inklusiven Best-Practice-Modells und damit ein Beleg für eine im Entstehen begriffene inklusive Gesellschaft? Einerseits zeigt die Binnenperspektive der Bandmitglieder des Projekts ‚Station 17‘ (das bereits zu einer Zeit existierte, als von der UN-BRK und dem sich daran anschließenden Inklusionsdiskurs noch keine Rede war), „wie sich Inklusion praktisch verwirklicht“ (129), andererseits steht diese Verwirklichung in einem gesellschaftlichen Kontext, der systemtheoretisch und konstruktivistisch analysiert, kaum als inklusionsorientiert bezeichnet werden kann. Mit Blick auf ‚Station 17‘ wird untersucht, wie in musikpädagogischen Angeboten der Sozialen Arbeit ‚inklusive‘ Prozesse gestaltet werden können.

Aufbau

Den theoretischen Bezugsrahmen der vorliegenden Arbeit bilden systemtheoretische Perspektiven und Positionen des radikalen Konstruktivismus in ihrer Bedeutung für inklusions- und musikpädagogische Diskurse. In den Blick genommen werden ferner Strukturen und Handlungsfelder des Musikbetriebs und seiner ökonomischen Bedingungen, in dem zu behaupten sich ‚Station 17‘ zur Aufgabe gemacht hat. Das Inklusionsverständnis, welches der vorliegenden Argumentation zugrunde liegt, speist sich zum einen durch das Selbstverständnis der Gruppe, zum anderen durch die entsprechenden herrschenden Fachdiskurse in (sonder)pädagogischen und sozialarbeiterischen Kontexten. Nach einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Begriffen Ästhetik, Kultur und Bildung widmet sich Peter Tiedeken musikpädagogischen Angeboten in der Sozialen Arbeit im Handlungsfeld beruflicher Rehabilitation, in dem ‚Station 17‘ seit dem Jahr 2000 organisiert ist.

Die anschließenden Abschnitte dokumentieren Planung, Durchführung und Auswertung der methodisch kontrollierten empirischen Erhebung. Gruppendiskussionen mit den Bandmitgliedern wurden organisiert, die zum Thema hatten, welche Vorstellungen, Reflexionen und Hoffnungen an Inklusionsprozesse gebunden sind. Die Beteiligtenperspektive wird dabei einer reflexiven Betrachtung unterzogen, die sich den impliziten Widersprüchen in einem nicht inklusiven gesellschaftlichen Kontext verdanken.

Inhalt

Betrachtet man den (relativen) ökonomischen Erfolg von ‚Station 17‘ und die langjährige kontinuierliche Performance im Musikgeschäft, zeigt die Analyse des empirischen Datenmaterials, dass Teilhabe aus systemtheoretischer Perspektive zwar formell stattfindet. Auch die damit einhergehenden punktuellen individuellen Integrationserfahrungen mögen hierfür als Beleg gelten. „Nur der Nachweis über die geglückte strukturelle Koppelung erklärt (.) nicht die komplexen ökonomischen Bedingungen und Anforderungen, die sich aus der Teilhabe am Markt ergeben“ (175).

Eine kritische Auseinandersetzung mit den kulturindustriellen Gesetzen des Marktes vermag systemtheoretisches Denken Luhmannscher Prägung nicht zu leisten. „Zu den problematischen Marktbedingungen, die für den Musikmarkt in dieser Studie detailliert herausgearbeitet wurden, steht sie – im Wortsinn – gleichgültig“ (ebd.). Ein solchermaßen systemtheoretisches Inklusionsverständnis ignoriert den Widerspruch zwischen einer partiell unter großen individuellen Anstrengungen erkauften Integration und ihren damit verbundenen, auch künstlerisch-ästhetischen, Anpassungskosten – gewissermaßen ein Ressourcen-Etikettierungsdilemma, das die Ressource ‚Anerkennung‘ an die selbstverpflichtende Bereitschaft zur Internalisierung von Normalitäts- und Konformitätsstandards bindet.

„Statt den Pädagog*innen und Musiker*innen den Vorwurf zu machen, dass ihnen die richtigen inklusiven Werte fehlen, gilt es vermehrt den Blick auf problematische gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu lenken. Nur so lässt sich verhindern, dass Inklusion auf die Leistung ‚systemimmanenter Korrekturen‘ beschränkt wird (Herz 2012, 47), die lediglich zum Fortbestand und zur Reproduktion kapitalistischer Verwertungs- und Konkurrenzlogiken beitragen“ (177).

Diskussion

In Zeiten, in denen der Rückenwind, den die Ratifizierung der UN-BRK verursacht hat, sich gesellschaftlich weitgehend gelegt und einem inzwischen allenthalben als Gegenwind ins Gesicht zu blasen scheint, läuft eine kritisch motivierte Analyse ‚inklusiver‘ Entwicklungen leicht Gefahr, sich zum Büttel einer nicht selten populistisch anmutenden Inklusionsskepsis zu machen. Genau dies geschieht hier nicht. Vielmehr wird deutlich, was es bedeutet, Kritik zu formulieren an dem, was bislang unter Berufung auf einen langen Marsch in die inklusive Gesellschaft in die Wege geleitet schien, ohne dabei ins Horn derer zu blasen, die ‚Inklusion‘ als (bestenfalls) Utopie oder (schlimmstenfalls) ideologische Verblendung (miss)verstehen. In der Tat lief Vieles schief in der ‚Inklusionsentwicklung‘ seit 2009, zieht man den menschenrechtlich begründeten Anspruch der UN-BRK als Maßstab heran. Gleichzeitig ist realpolitisch viel erreicht worden – Erfolge, die von Menschen mit Behinderung als punktuelle, situative und individuelle Integrationserfahrungen erlebt werden. Minimale Erfolge, die – das zeigen die unsäglichen Diskussionen um das (zwangsläufige Scheitern) von Inklusion im Sinne eines ‚Kommunismus für die Schule‘ etc. (Brodkorb) – jederzeit gestoppt und wieder zurückgedreht werden können.

Demgegenüber formuliert die vorliegende Arbeit eine Kritik am Inklusionsprojekt aus der Einsicht heraus, dass erfolgversprechende Integration stets an die Bedingung der Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse geknüpft ist. Nirgends scheint dies so offen zutage zu treten wie in kulturindustriell geprägten Handlungsfeldern. Heterogenität als willkommenes kulturelles Distinktionsmerkmal wird zum ästhetischen Qualitätsmaßstab, wertschätzende Anerkennung ist eine Funktion produktiv-kreativer Leistungs- und Aufmerksamkeitsökonomie und berufliche Eingliederung (im Falle von Behinderung im Sinne beruflicher Rehabilitation) realisiert sich überwiegend in prekären Arbeitsverhältnissen.

Inklusion im Kontext kultureller Bildung erschöpft sich nicht in der Optimierung von Teilhabebedingungen oder der ostentativen Gewährung von Anerkennungsgesten. Das Bemühen um ‚inklusivere Verhältnisse‘ setzt vielmehr eine gesellschaftstheoretisch fundierte kritische Positionierung voraus, die bereit ist, Exklusionsdynamiken und Teilhabebarrieren marktförmiger Verwertungs- und Konkurrenzlogiken zu kritisieren und nach Wegen zu suchen, die mit ihnen verbundene Aura der Alternativlosigkeit zu durchbrechen.

Fazit

Eine Veröffentlichung, die Mut und auch wieder Lust macht, sich der ‚Inklusionslüge‘ (Becker) entgegenzustellen und sich daran erinnern zu lassen, dass die Summe der kleinen Fortschritte nicht zwangsläufig den Weg weist zu einer inklusiveren Gesellschaft. Aber die Gruppendiskussionen, ebenso wie die künstlerischen Produktionen der Mitglieder von ‚Station 17‘ zeigen auch noch etwas anderes: Wie unangemessen es ist, die Selbstbeschreibungen der eigenen künstlerisch-ästhetischen Positionen (auch als seit 1988 existierende ‚inklusive Musikgruppe‘ – seit einer Zeit also, als ‚Inklusion‘ außerhalb luhmannscher Fachkreise noch ein weitgehend unbekannter Begriff gewesen sein dürfte) im Sinnes eines Belegs für gelungene Inklusion fremd zu interpretieren. Eine solche Interpretation ist gleichzusetzen mit einem kulturellen Enteignungsakt, der die strukturellen Gründe marktökonomischen Misserfolgs individualisiert und zum selbstverschuldeten Risiko des Einzelnen – ob mit oder ohne Behinderung – erklärt.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 22.02.2018 zu: Peter Tiedeken: Musik und Inklusion. Zu den Widersprüchen inklusiver Musikproduktion in der Sozialen Arbeit. Am Beispiel der Musikgruppe Station 17. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3830-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23956.php, Datum des Zugriffs 21.06.2018.


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