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Markus Metz, Georg Seeßlen: Freiheit und Kontrolle

Cover Markus Metz, Georg Seeßlen: Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-518-12730-8. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Es gibt keine Freiheit ohne Kontrolle, und es gibt keine Kontrolle ohne Freiheit. Es sind die Fragen aller Fragen, die Menschen seit ihrer Denkgeschichte umtreiben, und sich sowohl als Gegensatz als auch Gemeinsames zeigt. Aristoteles, der „eleutheria“, Freiheit, erst einmal nicht als einen philosophischen Grundsatz benennt, sondern ihn, umschreibend und dem Begriff der Gleichberechtigung in der Polis, der demokratischen Gemeinschaft zuordnet, als soziales und politisches Bürgerrecht an der gemeinsamen Herrschaft (des Volkes). Freiheit in diesem Sinn kann deshalb auch nicht als das Recht verstanden werden, alles tun zu können, was einem beliebt. Der „freie Wille“ als das Nonplusultra eines selbstbestimmten menschlichen Daseins ist gebunden an die Fähigkeit und Voraussetzung, selbstbestimmt freiheitlich zu denken und zu handeln (Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18891.php). Der Mensch als frei und gleich an Würde und Rechten geborenes, mit Vernunft ausgestattetes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes und auf die Gemeinschaft mit den Mitmenschen angewiesenes Lebewesen, wie dies in der abendländischen, anthropologischen (aristotelischen) Philosophie zum Ausdruck kommt und in der globalen Ethik der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen proklamiert wird, ist verwiesen auf die Individualität und Selbstbestimmung des menschlichen Daseins: „Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, sie macht seine Würde aus“ (Otfried Höffe, Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19467.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Es ist angebracht, das Phänomen „Freiheit“ unter den vielfältigen, kongruenten und kontroversen Aspekten zu betrachten. Denn das Dilemma bleibt, dass Freiheit eine vielschichtige und vielstimmige Anforderung an die Humanität der Menschen ist. In der „konflikthafte(n) Tragik der menschlichen Existenz“ kommt es darauf an, die Pro und Contras des Freiheitsbegriffs nicht als unüberwindbare Schicksalsfragen zu bedenken, sondern als Einsicht wahrzunehmen. Damit ergibt sich die Chance, nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, wie wir die Angst vor der Freiheit, wie auch die Lust an der Freiheit human und menschenrechtlich miteinander in Einklang bringen können. Die praktische Philosophie bietet uns dafür einige Anhaltspunkte (Carlo Strenger, Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22486.php).

Einen anderen, essayistischen Zugang zum Zwillingspaar „Freiheit und Kontrolle“ unternehmen der Berliner Publizist, Politik- und Theaterwissenschaftler Markus Metz und der Kaufbeurer Journalist und Autor Georg Seeßlen. Sie setzen sich mit dem Zwiespalt auseinander, dass in der Moderne die Menschen einerseits „mit einer nie gekannten Mannigfaltigkeit an Freiheitsoptionen konfrontiert“ sind, andererseits aber auch „die technischen Möglichkeiten und die weithin empfundene Möglichkeit zu immer mehr Kontrolle“ führen. Sie empfehlen ihr Essay nicht wie ein Fachbuch, sondern wie einen Roman zu lesen – weil die historische, mystische, mythische, gesellschaftspolitische und wirklichkeitsnahe Betrachtung dieser vertrackten Beziehung die eine Erkenntnis zutage bringt: „Wie einer oder eine lebt, in jedem Augenblick, das hat mit den Freiheiten und den Kontrollen zu tun. Und wie eine Gesellschaft funktioniert oder auch nicht, das auch“.

Aufbau und Inhalt

Die tatsächlich romanhafte Erzählung lässt sich in drei Teile gliedern.

  1. Im ersten Teil wird der Begriff „Freiheit“ in seiner philosophischen, historischen und aktuellen Vielfalt betrachtet;
  2. im zweiten der Begriff „Kontrolle“; und
  3. im dritten Teil entfalten die Autoren das Dilemma: „Freiheit ist unter vielem anderen das, was man tun kann, jenseits der Kontrolle, und zwar (negative Freiheit), weil es keine Kontrolle gibt, oder aber (positive Freiheit), weil man diese Kontrolle nicht fürchtet“, also mit ihr einverstanden ist, oder sich ihrer bedient.

Ist Freiheit Götter- oder Menschenwerk? Mythos oder Makulatur? Wenn im anthropologischen Diskurs der Mensch als Aufrechtgehender in der scala naturae die Mittelstellung zwischen Tier und Gott einnimmt, ist es durchaus erlaubt, die jenseitigen mit den diesseitigen Göttern der Menschen zu konfrontieren: Das lässt sich einerseits als phantasievolles, mythisches Unterfangen bewerkstelligen, wissend oder nichtwissend über die erdachte, überlieferte oder überbrachte Ideologie; andererseits als Analyse der konkret existierenden Wirklichkeiten. Als Bild und gleichzeitig Verirrung der Menschlichkeit dient dabei der Sklave, als der abhängige, unfreie Mensch, wie gleichzeitig der freigelassene Sklave als Befreiter. Es sind die menschengemachten Unterschiede zwischen Besitz und Besitzlosigkeit, zwischen Religiosität und Glaubenslosigkeit, zwischen Liberalität und Kapitalismus, zwischen selbstbestimmter und abhängiger Arbeit, zwischen Liebe und Hass, zwischen Selbstbestimmung und Unterdrückung, zwischen Befreiung und Lähmung, zwischen Gewinn und Verlust, zwischen Markt und Ausbeutung, zwischen Eigen- und Mehrwert, zwischen dem homo oeconomicus und dem homo empathicus, die das stringent verbundene Begriffspaar in der menschlichen Wahrnehmung entweder als Geschenk oder Gift wirksam werden lassen. Die „Dialektik von Freiheit und Kontrolle, die sich um eine strukturelle Gefährdung organisiert, offenbart sich auf der einen Seite, sehr praktisch, als ‚Verhalten‘ … (oder) einem Daneben-Verhalten“. Der Lust an der Freiheit steht wiederum die Furcht vor der Freiheit gegenüber. Denn es ist immer Macht im Spiel, ökonomisch, politisch, gesellschaftlich und ideologisch.

Wenn Natur ein System der Kontrolle ohne Götter (und Menschen?) ist, dann ist die „Kontrolle … das Beobachten von freien Entscheidungen“, nämlich als „soziale Kontrolle“ und als „technische Kontrolle“. Beides engt sowohl den individuellen und kollektiven Blick ein, erweitert ihn gleichzeitig. So lässt sich Kontrolle verstehen als „ein zweites Wissen, als eine Mechanik des Vergleichens, die zugleich eine Mechanik des Spaltens ist“, und zwar in umfassender, alltäglicher, individueller und lokal- und globalkollektiver Auswirkung. Die Begründungen, Rechtfertigungen und Zielsetzungen werden dabei logisch, rational, selbstverständlich oder alternativlos ausgegeben. Auch hier wirkt die Macht nicht wie ein Katalysator, sondern wie ein Berserker, vor allem wenn es sich um eine unkontrollierte, ungebändigte und nicht-legitimierte Macht handelt. Kontrolle wird überall ausgeübt, und in der sozialen Kontrolle – Stand, Herkunft, Körperlichkeit, Intellekt, Verhalten, Sprache und Kommunikation, Ort und Raum – artikulieren sich Spruch und Widerspruch.

Fazit

Die Freiheit der Kontrolle bedeutet zugleich die Kontrolle der Freiheiten. Diese Balance lässt sich nur dann erreichen, wenn ein radikaler Wechsel im Beziehungsgeflecht von Freiheit und Kontrolle vollzogen wird, nämlich eine „Transformation von Staat, Gesellschaft, Ökonomie und Kultur“. Metz und Seeßlen bringen in ihrer romanhaften Erzählung über die Vertracktheiten von Freiheit und Kontrolle immer wieder die als Untertitel gewählte „Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven“ ein, und die „Götter“, sowohl als gegebene, erdachte und erfundene Mächte, wie auch als menschengemachte, simulierte, materialisierte Güter. Nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer selbstbestimmten, kritischen Kompetenz lassen sich im menschlichen Dasein die Vorzüge von Freiheit und Kontrolle erkennen, wie die Risiken und Nachteile vermeiden. So kommen die Autoren zu der beinahe obskuren Aussage: „Je ausgeprägter Kontrolle wirkt, desto katastrophaler wirkt sich ihr Verlust aus“. Was hilft? Bildung und Aufklärung – sonst nichts!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.02.2018 zu: Markus Metz, Georg Seeßlen: Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-12730-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23966.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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