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Brigitte Kukovetz: Irreguläre Leben

Cover Brigitte Kukovetz: Irreguläre Leben. Handlungspraxen zwischen Abschiebung und Niederlassung. transcript (Bielefeld) 2017. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-3959-9. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Menschen ohne Aufenthaltsstatus befinden sich häufig in äußerst prekären und zugleich widersprüchlichen Situationen, gleichsam in einer „Catch-22“-Lage. Einerseits müssen sie unter erschwerten Bedingungen ihr Überleben organisieren und schaffen damit die Voraussetzungen für ihre Integration. Auf der anderen Seite versuchen sie, der staatlichen Aufmerksamkeit zu entgehen, um nicht abgeschoben zu werden.

Autorin und Enstehungshintergrund

Das vorliegende Buch beruht auf einer Dissertation, mit der Brigitte Kukovetz 2015 an der Universität Graz (Steiermark) im Fach Soziologie promoviert wurde. Sie ist seit September 2015 Universitätsassistentin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz, Arbeitsbereich Erwachsenen- und Weiterbildung.

Aufbau und Inhalt

Vor dem Hintergrund der Situation in Österreich geht die Autorin im Wesentlichen aus Sicht der Akteure der Frage nach, welche Strategien Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität wählen, um ihr Überleben zu sichern und eventuell einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erhalten. Dem wird gegenüber gestellt, welche Handlungsoptionen andererseits Unterstützer*innen und Beamt*innen wählen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das Buch beginnt mit einer umfangreichen methodischen und theoretischen Einleitung, in der auch die persönliche Verortung der Verfasserin aufgezeigt wird: Sie vertrete eine „supranationale Position“. Weil es sich kein Mensch aussuchen könne, in welchem Land er oder sie geboren wird, müsse es ein allgemeines Recht auf Migration, d.h. auf Aus- und Einwanderung, geben. Ohne es explizit auszusprechen, stellt Kukovetz damit die Legitimität von Abschiebungen als der Kehrseite von Einwanderungsregelungen und -begrenzungen in Frage.

Der Einleitung folgt eine Übersicht des Forschungs- und Erkenntnisstandes. Hier wird die einschlägige aktuelle Literatur vorgestellt als auch anhand der vorliegenden Statistiken (bis 2016) die quantitative Seite des Themas „Abschiebungen aus Österreich“ beschrieben.

Kapitel 3 und 4 stellen das thematische Zentrum des Buches dar: Die Lage, in der sich Menschen ohne Aufenthaltsstatus befinden, wird als „Catch-22“-Situation beschrieben. Der vor allem im Englischen bekannte Begriff geht auf den Titel eines Romans von Joseph Heller zurück und benennt eine paradoxe Situation, aus der das Individuum wegen einander widersprechender Regelungen nicht entkommen kann. Menschen ohne Aufenthaltsstatus befänden sich, so eine zentrale These Kukovetz', in einer solchen „Catch-22“-Zwickmühle:

  • Auf der einen Seite könnten sie ihren Aufenthalt allenfalls dann legalisieren und damit sichern, wenn sie durch Schulbesuch, eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts etc. eine erfolgreiche Integration in die österreichische Gesellschaft nachwiesen.
  • Auf der anderen Seite werde von staatlicher Seite gerade alles getan, um eine solche Integration zu verhindern.

Dieses „Catch-22“-Phänomen wird ausführlich dargestellt und analysiert, bevor in Kapitel 4 beschrieben wird, wie die unterschiedlichen Personengruppen damit umgehen:

  • Der Schwerpunkt liegt dabei erwartungsgemäß auf dem Verhalten der von Abschiebungen gefährdeten Menschen, das zunächst allgemein-strukturell (Kap. 4.1, „Handlungen zwischen Inklusion und Unsichtbarmachung“, und
  • Kap. 4.2, „Der Umgang Abschiebungsgefährdeter mit behördlichen Anfragen“) und dann anhand von
  • Fallbeispielen (Kap. 4.3, „Handlungspraktiken und ihre Bedingtheiten als Prozesse“) erläutert wird. Dem werden dann die Handlungen der Behördenmitarbeitenden und der Unterstützenden sowie
  • andere „intervenierende Einflüsse“ in Kapitel 4.4 gegenübergestellt.

Am Ende dieses Kapitels steht ein Exkurs zu Widerstandshandlungen gegen Abschiebungen.

In einem weiteren Kapitel wird beschrieben, welche Folgen eine Catch-22-Situation haben kann. Das resümierende Endkapitel enthält unter anderem eine Zusammenfassung der Ergebnisse und offene Forschungsfragen sowie mögliche Konsequenzen für die Politik. Ein Glossar zum Verständnis vor allem der juristischen Begriffe und eine (graphische) Aufbereitung des typischen Ablaufs von Abschiebungen aus Österreich stehen im Anhang.

Diskussion

Die Beschreibung der Situation, in der sich Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität befinden, als „Catch-22“-Phänomen ist zumindest originell. Sie macht zugleich deutlich, als wie paradox die Anforderungen von diesen Menschen empfunden werden können, die von verschiedenen Seiten an sie gestellt werden (intensive Integration in die Aufnahmegesellschaft vs. Vermeidung jedweden Auffallens).

Dass die betroffenen Personen auch als Akteure wahrgenommen und beschrieben werden und eben nicht nur als Objekte staatlichen Handelns, ist im gegenwärtigen politischen Diskurs eine wohltuende Ausnahme. Die Verfasserin legt ihre politische Einstellung zu Abschiebungen sehr offen dar. Ihr Infragestellen der Legitimation für Abschiebungen versperrt ihr allerdings den unvoreingenommenen Blick auf die Perspektive der im Auftrag des Staates Handelnden, vor allem der Beamtinnen und Beamten in den einschlägigen Behörden. Deren Sichtweise wird zwar zitiert, aber es wird nicht diskutiert, inwieweit hinter ihr nicht auch eine gewisse rechtliche Logik steckt: Wenn in einem demokratischen Verfahren Gesetze zur Migrationskontrolle beschlossen werden, stellt die Abschiebung – sofern bei ihr die Menschenrechte der Betroffenen gewahrt werden – eine an sich legitime Maßnahme zur Durchsetzung eben dieser Gesetze dar. Aber vielleicht hätte eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Argumentation auch den Rahmen der Arbeit gesprengt.

An manchen Stellen zuckt eine Leserin oder ein Leser auch zusammen. Wenn heutige Abschiebungen mit den Vertreibungen von Bevölkerungsgruppen (etwa im „Dritten Reich“) gleichgesetzt werden, es sogar heißt: „Abschiebungen sind die derzeit legalisierte Form von Vertreibung“ (Seiten 56 f.), dann ist das, höflich formuliert, a-historischer Unsinn. Solche Vergleiche verbieten sich eigentlich von selbst.

Und man hätte sich gewünscht, entweder die Verfasserin oder ihre Lektorin hätte sich zwischen „Handlungspraxen“ und „Handlungspraktiken“ (letztere Pluralform dürfte die korrekte sein) entschieden.

Fazit

Dennoch ist das Buch, obwohl es sich mit der Lage in Österreich beschäftigt, auch hilfreich für die Diskussion über die Situation von Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland, gerade weil es die betroffenen Personen als Akteure und nicht als bloße Objekte in den Blick nimmt. Alleine schon deshalb wünscht man ihm eine weite Verbreitung.


Rezensent
Stefan Keßler
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Referent für Politik und Recht
Homepage www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de
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Zitiervorschlag
Stefan Keßler. Rezension vom 16.07.2018 zu: Brigitte Kukovetz: Irreguläre Leben. Handlungspraxen zwischen Abschiebung und Niederlassung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3959-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23967.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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