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Elena Sterdt, Raimund Geene u.a.: Kinderarmut in Deutschland

Cover Elena Sterdt, Raimund Geene, Matthias Morfeld: Kinderarmut in Deutschland. Eine landkreisbezogene Analyse und Evaluation des Bildungs- und Teilhabepaktes der Bundesregierung. Carl Link (Kronach) 2017. 153 Seiten. ISBN 978-3-556-07302-5.
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Thema

Kinder gehören (nach Darstellung der Autor/innen) „in Deutschland zu den Hauptbetroffenen der Folgen von Armut“, womit u.a. eine gesellschaftliche Exklusion einhergehe (S. 7). Abhilfe soll eine Maßnahme der Bundesregierung schaffen, indem von Armut betroffenen Kindern durch einige finanzielle Zuschüsse eine verbesserte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden soll. So ist 2011 in Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts von 2010 zur „Neugestaltung der Mindestsicherungsleistungen für Kinder im SGB II (Zweites Buch Sozialgesetzbuch, Grundsicherung für Arbeitssuchende) und SGB XII (Zwölftes Buch Sozialgesetzbuch, Sozialhilfe)“ die Einführung des BuT (Bildungs- und Teilhabepaket) beschlossen worden (S. 7). Eltern der betroffenen Kinder erhalten dadurch auf Antrag die Möglichkeit folgende Leistungen zu beziehen:

  • Erstattung von Kosten für ein- und mehrtägige „Ausflüge und Fahrten in Kitas und Schulen“,
  • Zuschüsse von 100 € pro Jahr für Gegenstände des „persönlichen Schulbedarfs“,
  • Erstattung von Kosten für die Beförderung zur Schule,
  • finanzielle Lernförderung zur Erreichung festgesetzter Lernziele,
  • Zuschüsse zur „gemeinschaftliche(n) Mittagsverpflegung“,
  • 10 € monatlich für Mitgliedsbeiträge zu „Sport, Spiel, Kultur und Geselligkeit“ (S. 22-25).

Dieses Paket geriet immer wieder in die Kritik des öffentlichen Diskurses, da oftmals u.a. die vorgesehenen Ressourcen nicht voll genutzt wurden. So konnte der Landkreis Stendal „im Jahr 2012 nur 50 % des bereit gestellten Budgets für das BuT ausschöpfen“, obwohl er 2009 bundesweit die höchste Quote an Kinderarmut aufwies (S. 7).

Autorin und Autoren

  • Elena Sterdt ist Geschäftsführerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Frühe Bildung.
  • Raimund Geene ist Professor für Kindergesundheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
  • Matthias Morfeld hat die Professur für System der Rehabilitation an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Herausgegeben wird die Studie vom Vorstand des Kompetenzzentrums Frühe Bildung (KFB), einem Institut des Fachbereichs Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie basiert auf einer Kooperation zwischen dem Landkreis Stendal und der Hochschule Magdeburg-Stendal unter Mitwirkung des Jobcenters und des Sozialamtes (vgl. S. 41). Sie zielt darauf ab, „Auskünfte über die konkrete Inanspruchnahme der Leistungen des BuT im Landkreis Stendal zu geben.“ (S. 41)

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im 1. Kapitel „Das Bildungs- und Teilhabepaket zur Bekämpfung der Kinderarmut“ wird zunächst kurz die sozialwissenschaftliche Diskussion zum Thema Kinderarmut (nach Butterwegge u.a.) zusammengefasst und insbesondere der Begriff der relativen Einkommensarmut, „bezogen auf jene Personen, denen weniger als 50 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung steht“, (S. 12) erläutert. Es folgt eine Darstellung von Ergebnissen zu Stigmatisierung (nach Stangl u.a.) im Kontext von Sozialleistungsempfänger/innen und von Kindern, die von Armut betroffen sind (nach Schulze, Zander u.a.), eine Skizze der Datenlage zur Armutsentwicklung in Deutschland und im Landkreis Stendal sowie eine Erläuterung der Entwicklung des BuT, seines Umfangs und seiner Inhalte (vgl. S. 22-25).

Im 2. Kapitel „Studienlage zur Inanspruchnahme des BuT“ werden drei Evaluationsberichte zur bundesweiten Inanspruchnahme des BuT sowie der Zwischenbericht einer Evaluation der Stadt Hamburg und Daten zum Thema, die vom Sozialamt des Landkreises Stendal zur Verfügung gestellt wurden, zusammenfassend dargestellt.

Im 3. Kapitel „Das Studienprojekt“ werden Vorgehensweisen und empirische Methoden erläutert. Zu Beginn haben orientierende Expert/innengespräche im Sozialamt und im Jobcenter statt gefunden, woran fünf Bachelorarbeiten von Studierenden der Angewandten Kindheitswissenschaften zu den Themen: Schulsozialarbeit, „BuT-Zuschüsse im Rahmen des Kita-Besuchs“ sowie zur kommunalpolitischen Strukturbildung zur Bekämpfung von Kinderarmut angeknüpft worden sind. Im Dezember 2013 sind sechs halboffene leitfadengestütze Expert/inneninterviews im Jobcenter durchgeführt worden. Ferner sind Inanspruchnehmer/innen und leistungsberechtigte Nicht-Inanspruchnehmer/innen mittels standardisierter Fragebögen schriftlich interviewt worden, wobei neben Fragen nach Umfang, Zufriedenheit und „Schwierigkeiten bei der Antragstellung“ (S. 51) bzw. nach Gründen für die Nicht-Inanspruchnahme auch nach Stigmatisierungserfahrungen und/oder -befürchtungen gefragt worden ist (vgl. S. 41 - 42). Die Auswertung ist „deskriptiv mittels SPSS 20.0“ erfolgt (S. 51).

Im 4. Kapitel „Qualitative Untersuchungsergebnisse“ werden die Ergebnisse der einzelnen Bachelorarbeiten skizziert und die Ergebnisse der Expert/innen-Interviews u.a. entlang der Themen: Information zum BuT und zu dessen einzelnen Leistungen sowie „Schwierigkeiten bei der Antragstellung“, Gründe für Unzufriedenheit und Nicht-Inanspruchnahme, „Beratungsleistung durch die Agentur“ sowie Stigmatisierung dargestellt.

Das 5. Kapitel ist der Auswertung der quantitativen Erhebung gewidmet. Insgesamt sind 154 leistungsberechtigte Inanspruchnehmer/innen und 117 Nicht-Inanspruchnehmer/innen befragt worden, wobei die erste Gruppe neben der Beantwortung der standardisierten Fragen z.T. die Möglichkeit erhielt ihre Antworten kurz zu kommentieren. Sowohl in tabellarischer Form als auch im Kommentar werden die Ergebnisse beschrieben. Es schließt sich eine differenzierte Auswertung für die beiden Gruppen an.

Im 6. Kapitel werden die Auswertungsergebnisse aller Analysen und Befragungen zusammengefasst. So belegen die Bachelorarbeiten durchgängig, dass es nicht gelingen kann ein so komplexes Problem, wie das der Kinderarmut, allein mit den Leistungen des BuT zu bekämpfen. Hierzu seien sozialraumorientierte Maßnahmen notwendig. Schulsozialarbeit hingegen stelle ein probates Mittel dar, zumindest den Folgen der Kinderarmut zu begegnen (vgl. S. 106).

„Inhaltlich zeigen sich bürokratische Problematiken hinsichtlich der Leistungsbereiche Schulausflüge, Mittagsverpflegung, Sport- und Kulturangebote und Nachhilfebewilligung. Unproblematisch verlaufen v.a. pauschale Finanzierungen von Schulbedarf sowie für Fahrtkosten, die durch Bereitstellung durch das Land Sachsen-Anhalt kaum zu Problemfällen führen.“ (S. 106)

Dies bestätigen i.W. auch die Befragungsergebnisse der Inanspruchnehmer/innen, während die befragten Nicht-Inanspruchnehmer/innen zu ca. 60 % angegeben haben, nicht ausreichend über das BuT und seine Möglichkeiten informiert zu sein. Hinzu kommt, so ein weiteres Ergebnis, dass einige Leistungen wie z.B. die finanzielle Unterstützung zur Mitgliedschaft in Sportvereinen zwar auf Interesse stoßen, aber u.a. aus Mangel an Angeboten nicht realisiert werden könnten (S. 107).

Anders, als von den Autor/innen vermutet, sind es gerade überwiegend die befragten Inanspruchnehmer/innen, die angeben, dass es ihnen „unangenehm sei, Leistungen des BuT zu beziehen“ und nicht diejenigen, die keine Leistungen beantragen, obwohl sie einen Anspruch hätten (S. 104). Nur 3 % von ihnen kreuzten an, dass „die eigene Hilfebedürftigkeit nicht sichtbar werden solle.“ (S. 104) Hier vermuten die Autor/innen eine „intuitiv verinnerlichte Vermeidungshaltung …, die aus Gründen psychischer Opportunität die potenzielle Stigmatisierungsgefahr negiert, um die (innere) Auseinandersetzung mit der belastenden Zuschreibung schon im Ansatz abzuwehren..“ (S. 107)

Im 7. Kapitel werden Vorschläge für Handlungsstrategien entwickelt, die sich sowohl darauf beziehen, wie die Anforderungen aus dem BuT effektiver umgesetzt werden können (u.v.a durch eine Vereinfachung der bürokratischen Verfahren zur Antragstellung), aber auch welche zusätzlichen Strategien notwendig sind, um der Kinderarmut zu begegnen (z.B. durch Schulsozialarbeit, Prävention, Vernetzung der beteiligten Institutionen).

Die Fragebögen für die qualitativen und quantitativen Erhebungen befinden sich im Anhang.

Diskussion

Inhaltlich verdeutlicht die vorliegende Studie neben den Problemen der Bürokratie, der mangelnden Vernetzung und der z.T. unzureichenden Information der Leistungsberechtigten die strukturellen Grenzen einer solchen Maßnahme, wie das BuT, das nicht die Gründe für Armut bekämpfen, sondern nur z.T. in Einzelfällen einige Probleme verringern kann. Dort, wo es aufgrund der Infrastruktur kein kulturelles Angebot gibt, nützen auch die (viel zu knapp bemessenen) 10 € im Monat nichts.

Hervorzuheben ist auch, wie gerade dieses Flickwerkprogramm bestehende Strukturen zerstören kann, wenn z.B. die pauschale Unterstützung für den Mittagstisch in der Schule nicht mehr möglich ist, weil diese Leistung bereits im Katalog des BuT enthalten ist (vgl. S. 105). Eine weitere Stärke der Studie zeigt sich, wenn Widersprüche herausgearbeitet werden, so wird deutlich, dass sich die Berater/innen im Jobcenter in einer widersprüchlichen Situation befinden, wenn sie einerseits „Leistungen zur Grundsicherung auf Begrenzungs- und Kürzungsmöglichkeiten“ prüfen und auf der anderen Seite für „Leistungen des Bildungspaktes proaktiv“ werben sollen (S. 110).

Nicht immer nachvollziehbar sind die Vermutungen der Autor/innen über das Zustandekommen der Ergebnisse zum Thema Stigmatisierung im Rahmen der quantitativen Befragung (vgl. z.B. S. 104 und 107).

Vorbildhaft ist die Kooperation zwischen dem Landkreis und seinen Institutionen und der Hochschule zu sehen, wenn wie hier im klassischen Sinne eines Praxisforschungsprojektes die Forschungsfragen aus der Praxis mit der Hochschullehre und deren Prüfungsanforderungen verbunden werden. Zwar lassen sich durch die ausführlichen Darlegungen der Vorgehensweisen und Methoden Redundanzen nicht vermeiden, dafür kann die vorliegende Evaluationsstudie als eine Art Leitfaden für zukünftige Praxisforschungsprojekte gelesen werden. Insofern kann ich das Buch Studierenden, Lehrenden und Vertreter/innen aus der Praxis in vielen sozialen Bereichen empfehlen.

Fazit

Mit Hilfe verschiedener Methoden der empirischen Sozialforschung geht die Studie der Frage nach, in welchem Umfang und unter welchen Umständen die Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) der Bundesregierung im Landkreis Stendal in Anspruch genommen werden bzw. welche Gründe dazu beitragen, dass Leistungsberechtigte auf eine Antragstellung verzichten.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
(im Ruhestand) Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts Homepage www.hs-hannover.de E-Mail: barbara.ketelhut@hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 29.06.2018 zu: Elena Sterdt, Raimund Geene, Matthias Morfeld: Kinderarmut in Deutschland. Eine landkreisbezogene Analyse und Evaluation des Bildungs- und Teilhabepaktes der Bundesregierung. Carl Link (Kronach) 2017. ISBN 978-3-556-07302-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23972.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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