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Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder

Cover Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968. Hanser Verlag (München) 2018. 128 Seiten. ISBN 978-3-446-25915-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Das Private im Politischen

Was wird den „68ern“ nicht alles zugeschrieben, angedichtet, vorgeworfen oder verherrlicht? Je nach (partei-)politischer Einstellung werden die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die sich in den endsechziger bis Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts vollzogen haben, abgelehnt oder als neue gesellschaftliche Aufbruchstimmung dargestellt. In dieser eher unübersichtlichen Gemengelage dominieren entweder populäre Auffassungen oder populistische Feindbilder. Erst zaghaft wird im wissenschaftlichen Diskurs die „Zeit des Aufbruchs“ thematisiert. An der Philipps-Universität Marburg fand im Wintersemester 2017/18 eine Ringvorlesung zum Thema „Zeit der Rebellion“ statt. mit dem Anspruch durchgeführt, die 68er-Bewegung wissenschaftlich aufzuarbeiten. Referentinnen und Referenten diskutierten und reflektierten die vielfältigen Dimensionen und Entwicklungen jener Zeit; Zeitzeugen berichteten über ihre Motive und Erfahrungen; Erinnerungen mit lokalen, nationalen, internationalen und globalen Bezügen verdeutlichten die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen; mit dem kritischen Blick von heute wurde darüber gesprochen, was in den vergangenen 50 Jahren aus den Achtundsechzigern geworden ist; und als analytische Bestandsaufnahme wurde gefragt, ob und welche Prozesse jener Zeit bis heute wirken.

Entstehungshintergrund und Autor

Auf das Feld des wissenschaftlichen Nachdenkens über Zeitläufte begibt sich auch der Kasselaner Soziologe Heinz Bude. Seine Gesellschaftsanalysen zeugen von einem realistischen, positiv zugewendeten Verständnis über den Zustand der Gemeinschaft (vgl. dazu auch: Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18499.php). 2018 jährt sich die fünfzigste Wiederkehr des Beginns der 1968er-Bewegung, ein weiterer Anlass, bei der Aufarbeitung dieser spannenden und interessanten Zeit, neben den historischen Analysen auch persönliche Erinnerungen und Bewertungen in diesen Prozess einzubringen. Bude hat in den Jahren 1987 bis 1989 Gespräche und Interviews mit der 68er Generation geführt. Er benennt die zwischen 1938 bis 1948 Geborenen als junge Menschen, deren „Kindheit zwischen Ruinen in eine Welt des befreiten Lebens“ stattfand. Vor allem die meinungs- und massenbildenden Studierenden standen unter dem Eindruck und Einfluss von älteren Philosophen, wie z.B. des 1895 geborenen Max Horkheimer und des 1903 geborenen Theodor W. Adorno. Zustimmung und Ablehnung zu diesen Sozial- und Gesellschaftsforschern und -denkern hielten sich in den Vorbereitungs- und Anfangsjahren der 68er-Bewegung durchaus die Waage. So ist z.B. die Einschätzung des konsequenten Gegners der Aufbruchssituation, Karl Popper, bekannt, der die Theoretiker abschätzig wertete, sie ertränkten ihre Mitmenschen in einem Meer von Worten. Dazu passt auch das Zitat, was einer der interviewten Beteiligten über seine „Zeit der Befreiung“ ausspricht und das der Verlag auf die Rückseite des Bucheinbandes druckt: „Mit Adorno war‘s wie in der Oper: Sie verstanden nichts, konnten aber alles mitsingen“. Hier wird schon deutlich, dass der Soziologe Heinz Bude nicht gerade zu den unbedingten Märchenerzählern über die 68er Zeit gehört. Er lässt sich vielmehr zu den WissenschaftlerInnen einordnen, deren Bemühen dadurch gekennzeichnet ist, Visionen und Wirklichkeiten in eine analytische Balance zu bringen.

Aufbau und Inhalt

Bude legte 1995 die Studie „Das Altern einer Generation“ vor, in der er über die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung der Jahrgänge von 1938 bis 1948 nachdenkt und fragt, welche Einwirkungen und Situationen dazu beigetragen haben, dass die 68er-Bewegung einen solchen (nachhaltigen) Einfluss ausüben konnte. Der Aufbau des von Bude so genannten „Familienromans der Bundesrepublik“ verläuft nach den Interview- und Gesprächsanlässen, die er mit ehemaligen 68ern in den Jahren 1987 bis 1989 geführt hat und die er nun, 2018 gewissermaßen als Remix neu und neu interpretierend vorlegt.

Da ist das Gespräch mit Peter Märthesheimer, den er Anfang Januar 1987 in München traf. Märthesheimer schrieb zusammen mit seiner Frau Pea Fröhlich das Drehbuch zu Fassbinders Film „Die Ehe der Maria Braun“, in dem vor allem die Schauspielerin Hanna Schygulla eine prägende und dominierende Rolle spielte und die schwierige Situation der, „eigentümlich abwesende(n) Amwesenheit nach 1945“ darstellte. Es war „der ganz naive und doch ganz sichere Glaube, dass man als Individuum gemeinsam mit anderen etwas bewegen könne. Einfach so“. Diese Sicherheiten und gelebten Gewissheiten bewirkten bei Bude das Gefühl, er befände sich „in einem reinen Außerhalb“ – ein Eindruck, der sich als Fazit seiner Geschichte von 1968 eignet.

Bei der damaligen, im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) als Frauen- und Emanzipationsvertreterin engagierten Adelheit Gurtmann, der Stimme aus dem Radio, die Bude im November 1988 in Köln traf, war auch diese „eigene Sehnsucht nach Welt“ zu verspüren. Es waren auch die veränderten Blickrichtungen, die emanzipatorische Filme und Literatur bei ihr bewirkten. Ihre Erinnerungen an diese aktive Zeit, die sie als Revolutionärin und junge Mutter eines Kindes verbrachte, verdeutlichen ebenfalls nicht ein gesamtgesellschaftliches, ideologisches Bewusstsein, sondern die eher individuellen Zielsetzungen: „Wir haben … nicht gegen die ganze Welt ankämpfen wollen, es ging uns und mir vielmehr darum, Möglichkeiten zu entdecken und was anders zu machen“.

Das nächste Interview führte Bude im Winter 1988 mit dem späteren Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Osnabrück, Klaus Bregenz. Er, der Nachkömmling einer Flüchtlings- und Arbeiterfamilie, war ein Adorno-Schüler. Seine Studierstube im Frankfurter Institut für Sozialforschung lag neben dem Büro des Meisters. In Bregenz entdeckt Bude jene schicksalhafte und prägende Situation, dass es bei der Dreiecksbeziehung Vater – Mutter – Kind eher eine Leerstelle, nämlich die des an- wie gleichzeitig abwesenden Vaters, gab und damit zu einer Mutter-Sohn-Beziehung wurde. Das Hingezogensein und die Gefolgschaft, die Bregenz zu Adorno empfand und ihn in die vordersten Linien der 68er Protestaktionen katapultierten, erklärt Klaus Bregenz ganz lapidar: Er wollte von Adorno den Trick des Überlebens lernen.

Camilla Blisse, die als eine der wichtigsten feministischen Theoretikerinnen im deutschsprachigen Raum gilt, traf Bude im Herbst 1989 in ihrer Berliner Wohnung. Sie, die in der 68er Zeit eine Aversion gegen die entstehenden, konkurrierenden Organisations- und Kampfstrukturen empfand, hielt im Klinikum Westend Krankenwache beim sterbenden Rudi Dutschke. Aufgewachsen in einer vaterlosen Familie stilisierte Camilla Blisse den Vater als den „Steppenwolf“ und Retter aus dieser unübersichtlichen und zukunftslosen Zeit. Nicht Adorno mit seinen Theorien, sondern Bach mit seiner Musik waren die anfänglichen Halteseile der jungen Frau. Erst beim Studium erfuhr sie ihr Aha-Erlebnis, nämlich die „Praxis von Denkfreiheit und des Widerstandgeistes“. Und die Notwendigkeit, aktiv, individuell und kollektiv für gesellschaftliche Veränderungen einzutreten; trotz der Verzweiflung und der (scheinbaren) Ohnmacht, „dass von der Veränderbarkeit des Menschen immer weniger zu halten ist“.

Es drängt sich die Frage auf: „Was haben die Leute im Kopf, wenn sie 1968 verteidigen, bekämpfen, beanspruchen oder sich darüber lustig machen?“. War 68 „das letzte heiße revolutionäre Ereignis und die erste coole Revolte“? Oder markierte sie „den Beginn eines ganz anderen und neuen Verständnisses von Politik“? Oder lässt sich die Zeit eher „als Ausdruck von vielfältigen Bedürfnissen und widersprüchlichen Wünschen (deuten), die nie über einen Kamm geschoren werden konnten“? Hier kommt auch Oskar Negt ins Spiel, der seine Erinnerungen als zôon politikon vorgelegt hat (Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php).

Es folgt der 1936 in Halberstadt geborene und 2014 gestorbene Hans-Peter Gente. Budes Gespräch mit dem späteren Publizisten und Leiter des Berliner Merve-Verlags fand an einem Novemberabend 1986 statt. Er bekannte, er sei in seiner studentischen Zeit völlig unvorbereitet, ohne Hegel- oder Marx-Kenntnisse auf Adorno gestoßen. Seine „Minima Moralis“ waren für ihn Lebenskunst. Der Weg hin zur Mitgliedschaft im SDS und zur Zusammenarbeit mit den Granden der 68er-Bewegung war vorgezeichnet. Er erinnerte sich, dass „die ganze SDS-Generation … ( ) damals sehr stark über ästhetische Erfahrung gekommen (sei) und versucht habe, diese politisch ins Werk zu setzen“.

„Das Leben folgt keinem roter Faden“, sondern trifft, wenn der Intellekt es zulässt, eigene intellektuelle und humane Entscheidungen und konfrontiert mit Bedingungen, die (scheinbar oder auch tatsächlich) nicht zu ändern sind. Was hilft – und da treffen wir wieder auf ein markantes Merkmal der 68er – die Suche nach Resonanz bei Gleichaltrigen und Gleichgesinnten. Der 1954 in Wuppertal geborene Heinz Bude und viele andere seines Jahrgangs schauten auf die 68er-Bewegung mit jugendlichen, erstaunten und oftmals unverständlichen Augen. Sie suchten nach Antworten bei denen, die sich kompetent(er) mit der Situation auseinanderzusetzen wussten; etwa der Schriftsteller Jean Amery, der in seinem Denken und Arbeiten insbesondere die ideologischen Aspekte des Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit in den Erinnerungs- und Analysediskurs zur 68er Zeit einbrachte. Die 68er wollten Befreiung von Bevormundung und Kapitalismus. In der geschichtlichen Zählung hatten sie dafür (theoretisch) zwölf oder 13 Jahre Zeit. Peter Gente allerdings meinte, dass 68 (eigentlich) nur einen Sommer lang dauerte. Der Historiker und Gesellschaftsanalytiker Heinz Bode freilich stellt fest, dass die kurze 68er-Aufbruchstimmung – das sollte eine eigene gesellschaftspolitische Entwicklung in Deutschland, im Vergleich zu den Aktivitäten in Frankreich, in Italien, in Japan und in den USA, charakterisieren – eine zweite Chance mit der rot-grünen Bundesregierung. Sie bewirkte zwar einige Aspekte des Befreiungswillens, aber sie wirkte nicht nachhaltig genug, um den tatsächlichen Perspektivenwechsel möglich zu machen.

Fazit

2018, 50 Jahre nach 1968, stehen die Kinder und Enkel aus der 68er-Bewegung vor den gleichen, wie gleichzeitig auch vor völlig anderen, gravierenden Herausforderungen. Das heute „akademisch gebildete Linkssein“ artikuliert sich weniger mit Befreiungs-, denn mit Gerechtigkeitsforderungen: „Sie wollen nicht die große Befreiung der Gesellschaft, sondern Gerechtigkeit für Lebensentwürfe, die einer vorgestellten Mehrheitsgesellschaft zuwiderlaufen“. Diese Nachkommen propagieren und leben eher eine individuelle, rigorose Empfindlichkeit, eine mediale Versiertheit und eine affektive Mobilisierbarkeit, so Bude. Er beantwortet die Frage, was heute von der Idee der Befreiung, von der Sehnsucht nach Welt und von der Ernüchterung über Strukturen von langer Dauer bleibt, eher pessimistisch und pragmatisch: „Alles hat seine Zeit!“.

Die „Geschichte von 1968“ ist keine historische Analyse, sondern ein durchaus empathischer und individueller Ausblick eines Beinahe-68ers auf eine Zeit, die vergangen, aber gleichzeitig präsent ist, die bei den Heutigen Erstaunen, Bedauern, Hoffnung, Mut, Wut oder Geringschätzung auslöst. Sie zu ignorieren wäre das Dümmste was geschehen sollte!

Noch ein persönlicher Nachklapp: Der Rezensent, 1934 in dem behüteten, abgeschlossenen, festgefügten und selbstverständlich katholischen nordostbayerischen, an der böhmischen Grenze gelegenen Stiftland, in einer Kleinstadt geboren und aufgewachsen, stellt mit Erstaunen fest, dass er, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, dessen Vater, Obergefreiter einer Pionier-Komp., Inhaber des Sturmabzeichens, der Ostmedaille und des Verwunderten-Abzeichens, am 8. Mai 1944 mit 37 Jahren in Sewastopol auf der Krim den „Heldentod“ starb und dessen Mutter mühsam und anstrengend ihre beiden Kinder erzog, von den 68ern im fernen Frankfurt/M. und Westberlin wenig mitbekam. Das führt zu der Frage an die Aufarbeiter der 68er Zeit: Was war mit den Unberührten, Abseitsstehenden und Nichtstudierenden in der Provinz? Standen sie eher kopfschüttelnd, staunend, erwartend und unwissend den Aktivitäten der 68er gegenüber? Vielleicht sogar hoffend, dass bei den Aufstiegs- und Veränderungserwartungen der Intellektuellen auch für sie, die Handwerker, Volksschüler und Fabrikarbeiter etwas davon abfallen könnte? Diese Geschichte der 68er ist noch nicht geschrieben!

Anmerkung der Redaktion Am 6. März 2018 hat der Rezensent folgenden Nachtrag nachgeliefert:

Eine Marginale zur Rezension http://www.socialnet.de/rezensionen/23982: Ein Leser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Interview, das Bude im Winter 1988 mit dem späteren Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Osnabrück, Klaus Bregenz, geführt haben will (S. 41-55) – und der ein Buch über „Wert, Geld und Kapital“ geschrieben habe – nicht wirklich stattgefunden haben könne, weil es einen „Klaus Bregenz“ gar nicht gebe. Es ist in der Tat so, dass Bude bestätigt, dass ein K.B. gar nicht existiere, sondern es sich um eine „Mischperson“ im Sinne der Freudschen, metaphorischen und der Lacanschen metonymischen Fiktion handele; anders funktioniere eine Anonymisierung nicht, so Bude. Damit nicht weitere Leser dieser eigenartigen, erst einmal nicht identifizierbaren Erzählung aufsitzen, soll diese Klarstellung dienen! JoS


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.02.2018 zu: Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968. Hanser Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-446-25915-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23982.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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