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Herbert Bassarak: Lexikon der Schulsozialarbeit

Cover Herbert Bassarak: Lexikon der Schulsozialarbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 634 Seiten. ISBN 978-3-8487-1594-7. 98,00 EUR.
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Thema

Bislang hat das rasant wachsende Feld der Schulsozialarbeit noch kein Referenzwerk in Form eines Lexikons besessen. Dabei tun begriffliche Klärung und sachlogische Präzision Not, firmiert doch bereits das titelgebende Stichwort Schulsozialarbeit unter Lemmata wie schulbezogene Jugendarbeit, schulbezogene Jugendhilfe oder soziale Arbeit an Schulen bzw. Jugendarbeit an Schulen. Wachsende Heterogenität und Interkulturalität an Schulen, neue Konzepte und Paradigmen, die durch Inklusion und Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem des letzten Jahrtausends evoziert worden sind, aber auch wachsende Schwierigkeiten von Eltern mit Erziehung bzw. komplexer werdende Erziehungsarbeit in einer Mediengesellschaft haben für einen spürbaren Bedeutungsgewinn der Schulsozialarbeit gesorgt.

Die begriffliche Vielfalt verweist auf das zentrale Defizit, das oftmals beklagt wurde: Selten existieren für dieses Berufs- und Forschungsfeld an der Schnittstelle diverser Disziplinen und Verantwortlichkeiten einheitliche bzw. konsensuale Definitionen. Entsprechend liefert das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ erstmals zu über 450 Stichworten Überblicksartikel, die von namhaften Experten bzw. ausgewiesenen Praxisvertretern verfasst worden sind. Dies entspricht dem Versuch, Grundlagen, Rahmenbedingungen, Praxisbereiche und Forschungstendenzen im Bereich der Schulsozialarbeit systematisch zu beleuchten.

Herausgeber

Prof. Dr. Herbert Bassarak (geb. 1949) absolvierte zunächst eine Verwaltungsausbildung und studierte dann Sozialarbeit, Erziehungswissenschaft und Raumplanung an der TU Dortmund. Von 1985 bis 2014 lehrte er als Professor für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg, Fakultät Sozialwissenschaften. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Sozialmanagement, Modernisierung des öffentlichen Sektors, insbesondere kommunale Sozialverwaltungen und Soziale Dienste, Sozial- und Jugendhilfeplanung, Organisationsentwicklung, Jugendarbeit, Hilfe zur Erziehung, Schulsozialarbeit, Zusammenarbeit öffentlicher und gemeinnütziger Träger, Netzwerkarbeit und Netzwerkpolitik, Führen und Leiten, Kollegiale Beratungssysteme, Supervision und Coaching. Darüber hinaus ist er ehrenamtlich sehr aktiv, u.a. als Gründungsmitglied und erster Vorsitzender der „Gemeinnützigen Gesellschaft für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.“. Seit 2008 ist er ferner Vorsitzender der „Landesarbeitsgemeinschaft Schulsozialarbeit Bayern e.V.“.

Autorinnen und Autoren

An dem Lexikon haben mehr als 200 Autorinnen und Autoren verschiedener Wissenschafts- und Berufsfelder mitgearbeitet, die vorrangig an diversen Hochschulen und Forschungsinstituten, in Sozialämtern, Verwaltungen, sozialen Einrichtungen und Schulen tätig sind.

Aufbau

Das Lexikon ist klassisch aufgebaut:

  • Vorwort
  • Stichwörter in alphabetischer Reihenfolge
  • Stichwortverzeichnis
  • Literaturverzeichnis
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Inhalt

In einem knappen Vorwort erläutert der Herausgeber die Zielsetzungen der Publikation: Das Lexikon stelle „im deutschsprachigen Raum eine Innovation dar. Es will Nachschlagewerk und Orientierungshilfe für Erziehungs- und Bildungssysteme sein.“ (S. 5) Daher intendiert das fast 640 Seiten umfassende Buch, „ein breites Spektrum zentraler Aspekte der Schulsozialarbeit“ (S. 5) abzudecken, wodurch der Praxisbezug vice versa angedeutet wird. Der Umfang der einzelnen Artikel ist begrenzt, was der Zielsetzung des Projekts entsprochen hat, dem potenziellen Leserkreis ein kompaktes Werkzeug zur Verfügung zu stellen. Grundsätze des Lexikons seien u.a. Ganzheitlichkeit, Transparenz und Vernetzung, die nicht zuletzt durch eine „große Zahl binnenstruktureller Verweise“ (S. 5) sichergestellt werden. Ferner betrachtet das Lexikon die Schulsozialarbeit systemisch, mit der Folge, dass vielfältige Aspekte des Erziehungs- und Bildungswesens betrachtet werden müssen, die man prima vista nicht zwingend erwartet hätte. Zielgruppe seien alle an Schule, Bildung und Erziehung Beteiligten, denen kompetente Hilfen und sachlich versierte Informationen zur Verfügung gestellt werden sollen.

Welche Stichwörter finden sich im Lexikon? Das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ orientiert sich an einerseits an den konkreten sozialen Problemen in bzw. mit der Schule, ferner mit dem sozialräumlichen Umfeld der Institution. Aber auch die relevanten wissenschaftstheoretischen Diskurse der letzten Jahrzehnte werden erörtert. Unter „Schulsozialarbeit“ werden im gleichnamigen Artikel „die operativen Ansätze und Aktivitäten an Schulen [bezeichnet], die – verbindlich vereinbart und kontinuierlich durchgeführt von einer sozialpädagogischen Fachkraft – sich uneingeschränkt an alle am Lern- und Lebensort Schule lernenden und arbeitenden Schülerinnen und Schüler richten, mit dem Ziel, deren Entwicklung bestmöglich und ganzheitlich mit sozialpädagogischen Angeboten und Interventionen zu begleiten, zu fördern und zu unterstützen.“ (S. 423) Dieser Definition des Nürnberger Bildungsmanagers Günter Ebert folgt eine Betrachtung der Ursprünge, der Ziele, Rahmenbedingungen, beruflichen Voraussetzungen und finanziellen Grundlagen. Ergänzt wird der Überblicksartikel durch mehrere, sachlich kompatible, Einzelfacetten und Teilgebiete fokussierende Folgeartikel, u.a. „Schulsozialarbeit in der Arbeiterwohlfahrt“, „Schulsozialarbeit – im Spiegel der Kinder- und Jugendberichte (1965-2013 der Bundesregierungen)“.

Die im Lexikon behandelten Stichwörter reichen, alphabetisch geordnet, von „Abgrenzung Jugendsozialarbeit an Schulen und Schulsozialarbeit“ bis zu „Zwangsheirat“.

Stefanie Pohl, beruflich als praktizierende Schulsozialarbeiterin tätig, hat sich im Eröffnungseintrag des Lexikons der Herausforderung gestellt, eine begriffliche Abgrenzung zu leisten: „Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) basiert auf einer Bedarfsanalyse im Rahmen der Jugendhilfeplanung“ (S. 13). Dies wird mit den beiden großen Bezugssystemen in Verbindung gesetzt: Sozialarbeit als gesetzlich festgelegte Einzelfallhilfe nach dem Sozialgesetzbuch und Schulsozialarbeit als Hilfe für alle Schulbesucher. Der Artikel ist systematisch gegliedert und führt zahlreiche Themenfelder und Praxisbeispiele an, ferner ist er durch Querverweise vielfältig vernetzt, etwa zu Stichwörtern wie „Konzeptionen und Konzepte in der Schulsozialarbeit“, „Jugendhilfeplanung“, „Integration“, „Grundschule“, „Schulleitung“, „Arbeitsform ‚Arbeit mit Einzelnen‘“, „System Schule“, „Jugendhilfe“, „Berufsschule“ oder „Team“.

Das letzte Stichwort im Lexikon lautet „Zwangsheirat“, es wurde von Jutta Lohrsträter-Wienker und Karl-Heinz Gröpler verfasst. Das Autorenduo verbindet Praxis mit Theorie durch die Kombination einer Schulsozialarbeiterin mit einem Hochschuldozenten. Auch dieses Stichwort beginnt mit einer knappen Begriffserläuterung: „Der Tatbestand der Zwangsheirat (Z.) ist bei einer durch Gewalt oder Drohung erzwungenen Ehe gegeben“ (S. 530). Daran schließen sich Erläuterungen zu Formen, Hintergründen und Umgangsweisen mit „Zwangsheirat“ an, u.a. wird festgehalten: „In akuten Notfällen ist die Polizei über den Fall und ein bevorstehendes Untertauchen zu informieren, um unnötige Suchaktionen nach eingehender Vermisstenmeldung zu vermeiden.“ (S. 531) Weitere Praxishilfen für verschiedene Zielgruppen folgen. Verknüpft wird der Artikel durch Verweise auf Stichworte wie „Gewalt“, „Kontext“, „Interventionen“, „Helfersysteme“, „Vertrauensperson“ oder „Jugendamt“.

Ein Blick in das umfangreiche Stichwortverzeichnis lässt bestimmte Schwerpunkte des Lexikons erkennen: Es gibt – in plausibler Weise – Begriffe, die unmittelbar mit der Schulsozialarbeit assoziiert sind, etwa „Absentismus“ (mit vier Einträgen zu „Kindeswohlgefährdung“, „Lösungen“, „Schulmüdigkeit“ und „Schulverweigerung“), „Arbeitsform“, „Arten von Schwierigkeiten“, „Beratung“, „Einzelfallberatung“, „Fördermaßnahme“ (mit sieben Einzelbeiträgen), „Formen der Schulsozialarbeit“, „Geschichte der Schulsozialarbeit“, „Leitlinien der Schulsozialarbeit“, „Studium der Schulsozialarbeit“ usw. Ferner findet sich eine große Gruppe an Einträgen, die die Bereiche und Schnittmengen der Schulsozialarbeit durch Einträge aus anderen Wissenschaftsbereichen bzw. bildungs- und sozialwissenschaftlichen Grundbegriffen aus einer spezifischen Sicht beleuchten. Einen interessanten Zugang zur Thematik bieten auch die zahlreichen regional- bzw. länderspezifischen Einträge, etwa zu „Schulsozialarbeit in der Schweiz“ oder „Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt“.

Nicht am Ende der einzelnen Artikel platziert, sondern am Ende des Lexikons sind die Literaturangaben des Bandes, fast 80 Seiten mit allen Einzeltiteln aus den Einzelartikeln. Es entsteht so ein komplexes und voll umfängliches Bild von der Vielfältigkeit der Schulsozialarbeit, ihren Verflechtungen und der gemeinhin konstatierten Unschärfe.

Diskussion

Die von rund 200 Autorinnen und Autoren verfassten über 450 Stichworte bieten eine sorgfältige Darstellung der Grundlagen, Formen und Rahmenbedingungen der Schulsozialarbeit im deutschsprachigen Raum. Die Artikel sind recht homogen gegliedert, dabei kompakt angelegt und in sich verständlich konzipiert. Die großen Mehrwerte des Lexikons sind sicherlich einerseits die weite Zielgruppe: Es adressiert nicht nur die Fachwissenschaft durch eine präzise Terminologie, sondern auch die Praktiker durch die zahlreichen Ergänzungen mit fachpraktischen Hinweisen, Erfahrungen und einer Auswahl von zum Teil ineinandergreifenden Best-Practice Beispielen. Dadurch wird das „Lexikon der Schulsozialarbeit“ den Ansprüchen der rasant wachsenden Bedeutung der Schulsozialarbeit gerecht. Anderseits leistet das Lexikon darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Schulsozialarbeit, da es durch das umfangreiche Literaturverzeichnis auf dem aktuellen Stand der Forschung, durch die grundsätzliche Offenheit für die thematischen Ränder und nicht zuletzt durch die interne Vernetzung geradezu für Aus- und Fortbildung in den Tätigkeitsfeldern der Schulsozialarbeit beste Voraussetzungen bietet. Monieren könnte man im Detail natürlich die Auswahl der Stichwörter. Aber das entsprechende Desiderat hat der Herausgeber einleitend mit Verweis auf einen „work in progress“ (S. 5)-Status problematisiert. Denn das Praxisfeld Schule ist vielfältigen Herausforderungen ausgesetzt und reagiert durch die systemische Verschränkung in nicht immer voraussehbarer Weise. Mit der Folge, dass manche Neologismen wie „Multiprofessionelle Teams“, aktuell hoch gehandelt als wichtiges Mittel, um Brennpunkt- und Problemschulen zu stärken, im Lexikon nicht vertreten sind. Sie lassen sich höchstens aus verschiedenen Einzelbeiträgen indirekt erschließen.

Fazit

Das weite Arbeits- und Forschungsfeld der Schulsozialarbeit hat mit dem von Herbert Bassarak herausgegebenen Lexikon nun ein Nachschlagewerk zu vielen relevanten Themen, Konzepten und Modellen. Durch die Praxisbeispiele ist es auch ein Handbuch für die konkrete schulische Arbeit und die Ausbildung von Sozialarbeitern und Lehrkräften geworden. Für viele wesentliche Begriffe werden aus praktischer wie theoretischer Perspektive fundierte Artikel geboten. Durch die Breite der Stichwörter wird das Lexikon auch interessant für angrenzende Bereiche der Sozialen Arbeit und Erziehungswissenschaft. Herbert Bassarak hat in seinen Vorwort den Anspruch an das Lexikon präzise formuliert: „Das Werk soll quasi als alltäglicher Begleiter den in der Schulsozialarbeit Wirkenden und Verantwortung Tragenden unterstützen und qualifizieren.“ (S. 6) Diesen Anspruch erfüllt das Lexikon ohne Einschränkung.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 01.06.2018 zu: Herbert Bassarak: Lexikon der Schulsozialarbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-1594-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23983.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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