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Claudia Hontschik: Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen

Cover Claudia Hontschik: Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. 128 Seiten. ISBN 978-3-86489-202-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Die Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, also des Gehirns und des Rückenmarks, die alle Funktionen des Körpers steuern. Signale vom und zum Gehirn werden als elektrische Impulse durch die Nerven in alle Teile des Körpers geleitet. Die Nerven sind von einer isolierenden Hülle aus dem Stoff Myelin ummantelt.

Bei einer MS-Erkrankung beschädigen Entzündungsherde das Myelin, es wird mit der Zeit durch Narbengewebe ersetzt. Die in den Nerven fortgeleiteten elektrischen Signale werden dadurch behindert, fehlgeleitet oder blockiert. Dementsprechend gestört sind die Funktionen, die über die betroffenen Nerven gesteuert werden, also etwas Muskelbewegungen und -koordination oder die Sehkraft.

Die Ursache der Multiplen Sklerose ist unbekannt. Sicher ist nur, dass man sich diese Krankheit zuzieht, man hat sie nicht von Geburt an. Sie ist nicht ansteckend.

Die Anzahl der Betroffenen liegt in Deutschland liegt in Deutschland bei etwa 200 000. Man schätzt, dass weltweit etwa zwei Millionen Menschen unter der Krankheit leiden. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind weiblichen Geschlechts.

Meist beginnt die MS mit Schüben, deren Symptome zu Krankheitsbeginn zunächst ganz unspezifisch sind und daher oft erst nach Jahren erkannt werden. Der weitere Verlauf ist im Einzelfall nicht vorhersagbar.

Nach jahrelangem Verlauf kann sie auch in eine chronische Form übergehen, wobei es ohne weitere Schübe zu einer ständigen, langsamen Verschlechterung kommt. Die Multiple Sklerose ist nach wie vor eine unheilbare Erkrankung (s. S. 14-15).

Die Lebensführung der Betroffenen ist massiv eingeschränkt.

Autorin

Claudia Hontschik, Jahrgang 1953, studierte Pädagogik in Marburg und Frankfurt am Main. Sie arbeitete im Projekt „Kita 3000“ der Stadt Frankfurt am Main mit Kindern, anschließend als Fortbildungsreferentin. Danach studierte sie Supervision in Kassel und bildete sich zur systemischen Beraterin weiter. Seit 1998 ist sie freiberuflich tätig.

Claudia Hontschik ist verheiratet mit dem Mediziner Dr. Bernd Hontschik, der seit vielen Jahren durch seine kritischen Kolumnen in der „Frankfurter Rundschau“ die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen kritisch und dabei faktenreich kommentiert. Ohne ihn, so die Autorin (S. 121), „würde es dieses Buch gar nicht geben.“

Entstehungshintergrund

An einem der Geburtstage ihres Mannes wurde Claudia Hontschik schwindelig, sie stolperte, der rechte Fuß blieb ständig hängen. Seit Wochen putzte sie sich ihre Zähne mit der linken Hand, weil die rechte es nicht mehr konnte. Sie war immer dünner geworden. Untersuchungen in einem Krankenhaus offenbarten Erschütterndes: ein großer Tumor in der einen, ein kleinerer Tumor in der anderen Hirnhälfte – „Meine Welt brach zusammen.“ (S. 9)

Nach vier Operationen an ihrem Gehirn wurde fürs Erste „die Odyssee des Wahnsinns“ (S. 13) beendet. Dem letzten erforderlichen Eingriff (Jodimplantate mussten wieder herausgezogen werden…) ging die Information voraus: „Der Neuropathologe hatte sich geirrt. Er musste sich zum zweiten Mal korrigieren. Was da in meinem Gehirn tobte, war doch kein bösartiger Hirntumor, auch kein gutartiger Hirntumor – sondern gar kein Hirntumor. Es war eine hochakute Entzündung, genannt ‚Encephalomyelitis disseminata‘ oder akute Multiple Sklerose.“ (S. 12-13)

Vier Jahre dauerte es, bis sich das „Leben wieder in einigermaßen geordneten Bahnen bewegte. Die Anfangszeit war besonders schwierig.“ (S. 18)

Soweit möglich, wenn auch unter deutlich anderen Rahmenbedingungen, knüpfte Claudia Hontschik an ihr altes Leben an.

Eine ebenfalls an MS erkrankte frühere Kollegin schlug das Verfassen eines Buches vor… Ein Buch für MS-Kranke wollte die Verfasserin jedoch nicht schreiben, sie sah eher einen Sinn darin, „Geschichten von Leuten zu erzählen, für die Multiple Sklerose Alltag ist. Wie sieht der aus, wie managt man das, wie kann man damit leben, was kann man für Bewältigungsstrategien finden?“ (S. 23)

Claudia Hontschik entschied sich, mit Interviews zu beginnen; sechs Frauen und vier Männer waren bereit dazu. Doch, so die Einsicht nach dem Versuch, das Aufgeschriebene auszuwerten, zu strukturieren: „Die Geschichten waren zu deprimierend, das würde niemand lesen wollen.“ (S. 30)

Die Schlussfolgerung: „Ich musste eine Wende einleiten. (…) Ich machte mir Notizen, formulierte Geschichten aus den Notizen. All meine Interviews, die Erzählungen und die Gedanken darüber haben das Feld abgesteckt, bevor ich dann aus meinem eigenen Erleben heraus verschiedene Fäden und Themen wiederaufnehmen konnte. So entstanden die Geschichten von Frau C.“ (S. 31)

Aufbau

Über 112 Seiten nimmt die Verfasserin Lesende mit auf eine Reise durch ihren Alltag. Den Schluss des hervorragend und liebevoll verarbeiteten Buches bilden ein informatives Glossar zur Klärung vielleicht unbekannter Begriffe und ein Wort des Dankes an unterstützende Personen.

Inhalt

Die in einer klaren, präzisen und viele Fragen aufwerfenden Sprache geschriebenen kurzen Kapitel gewähren einen Einblick in verschiedene Situationen: Frau C. kann nicht mehr Auto fahren, geht ins Kino, ist mit dem Rollstuhl unterwegs, fährt nicht nach Ägypten, steht morgens auf, geht ins Restaurant, will ins Theater, zieht um, träumt von Heilung und denkt auch über Selbstmord nach…

Diskussion

Claudia Hontschik klagt nicht an, obwohl sie manches erleben und durchleben musste, was dazu Anlass gegebenen hätte. Es ist die Art ihres Erzählens, die unweigerlich bei Leserinnen und Lesern jene Reaktionen hervorruft, welche bereits bei einer guten Bekannten einsetzten, als die Autorin sich von ihr über mehrere Stunden interviewen ließ: „Entsetzen, Mitleid, Staunen, Fassungslosigkeit und Mitgefühl wechselten sich bei meinem Gegenüber ständig ab.“ (S. 30)

Die Lektüre irritiert im hohen Grade, da sie das Ausmaß von dem mit der Erkrankung verbundenen Leid schonungslos deutlich werden lässt und vor Augen führt, wie gedanken- und rücksichtslos von der Welt der (noch) Gesunden davon ausgegangen wird, dass Erkrankte sich mit dem Leben zu arrangieren haben; sie erschüttert zutiefst den Glauben an ein intaktes Gesundheitssystem.

Zugleich weckt sie große Bewunderung und Respekt vor der aufgebrachten Energie der Verfasserin und vor der offensichtlichen Zuneigung und Liebe, die Claudia Hontschik aus ihrem Umfeld zuteilwird.

Fazit

Man mag kritisch einwenden, dass diejenigen, die zu diesem Buch – neben in gleicher Weise Betroffenen und fachlich Interessierten – sicherlich auch greifen sollten, es nicht tun werden. Die Verdrängungsleistungen, sich unangenehme Wahrheiten vom Leibe zu halten, sind bei der Mehrheit der Menschen erstaunlich ausgeprägt. Kein Kinobesitzer, kein Restaurantinhaber würde nach der Lektüre gleich einen Umbau der sanitären Anlagen veranlassen, um sie rollstuhlfreundlich zu gestalten…

Dieser – im Grunde kollektiven – Ignoranz wird zu wenig entgegengehalten, da wir uns alle der süßlichen Illusion von der ewigen Gesundheit hingeben und ‚Störenfrieden‘ keinen Raum geben wollen.

Das Buch „Frau C. hat MS“ lässt eine solche ‚Flucht‘ nicht zu, da es in seiner Bilanz ein im wahrsten Sinn des Wortes wachrüttelndes Werk ist, das größte Beachtung verdient hat.


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 28.02.2018 zu: Claudia Hontschik: Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen. Westend Verlag (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-86489-202-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23987.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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