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Marlis Prinzing, Nina Köberer u.a. (Hrsg.): Migration, Integration, Inklusion

Cover Marlis Prinzing, Nina Köberer, Michael Schröder (Hrsg.): Migration, Integration, Inklusion. Medienethische Herausforderungen und Potenziale für die digitale Mediengesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 276 Seiten. ISBN 978-3-8487-4304-9. 49,00 EUR.

Kommunikations- und Medienethik, Band 8.
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Thema

Was sind Medienethische Herausforderungen?

  • Gesellschaftliche Vielfalt abzubilden und zu präsentieren, gilt als eine der wichtigsten Aufgaben der Medienmacher. Sie haben den Auftrag, zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen, indem sie allen Gruppen Zugang und Stimme geben.
  • Medien kennen kaum noch Grenzen, geben aber auch Orientierung; für Menschen auf der Flucht sind Smartphones unverzichtbar. Wann ist die Menschenwürde verletzt: Wenn die Verhältnisse elend sind oder die Menschen, die das Elend erleiden, fotografiert werden?

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die Herausgeberschaft liegt bei Dr. Marlis Prinzing (Prof. für Journalistik, Hochschule Macromedia Köln), Dr. Michael Schröder (Dozent an der Akademie für Poltische Bildung Tutzing) und Dr. Nina Köberer (Referentin am Niedersächs. Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung. Sie vertreten hierbei die Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK).

Autorinnen und Autoren

Die Autoren und Autorinnen lehren und forschen an Hochschulen in Hannover, Aachen, Dortmund, Mittweida, Athens/Ohio, Wien, München, Eichstätt, Leipzig,Tübingen, Klagenfurt, Zürich und Ludwigsburg. Ferner beteiligten sich Medienpädagoginnen und Redakteure von Zeitungen und ARD/BR an der Publikation.

Entstehungshintergrund

Die Publikation geht im Wesentlichen auf eine Tagung im Februar 2017 zurück, die DGPuK und die Tutzinger Akademie ausrichteten.

Aufbau

Die Publikation besteht aus zwanzig Beiträgen, auf fünf Kapitel verteilt. Schlüsselbegriffe sind dabei:

  • soziale Funktion von Medien
  • Medienwirklichkeiten/ konstruktiver Journalismus
  • Integration und Partizipation
  • Berichten über Menschen auf der Flucht

Die Handreichungen für die Praxis (Kapitel V), einschließlich einiger Erfahrungsberichte, bilden mit neun Beiträgen den Schwerpunkt der Publikation.

Ausgewählte Inhalte

Aus den inhaltlichen Beiträgen sollen folgende exemplarisch skizziert werden.

Können sich alle Gruppen und Gemeinschaften in den Medien wiederfinden? Welches Bild von ihnen wird vermittelt? Wie können sie teilhaben und mitwirken? Diese Fragen stellen sich mit Bezug auf behinderte Menschen, die – wie der ARD Programmdirektor Herres auflistet, sich attraktiver Sendeformate und erheblicher Sendezeiten, vor allem auch barrierefreier (Untertitel, Audiodescription), erfreuen. Das Optimum besteht natürlich darin, dass über sie nicht nur als Opfer und Helden, sondern als interessante Mitmenschen berichtet wird, die u.a. übrigens auch behindert sind.

Menschen auf der Flucht: Journalisten und NGOs haben Bilder geliefert, die jeder kennt. Die (überfüllten bzw. leeren) Schlauchboote stehen dabei für Menschen, die zu Tausenden die Flucht übers Mittelmeer mit dem Leben bezahlten. Die Flüchtlinge,die in den überfüllten Lagern (von Lesbos z.B.) oder „in Schlamm und Dreck“ vor den Toren der Balkanroute ausharren, haben die europäischen Gesellschaften aufgerüttelt. Sind diese Fotos fair?! Haben diese Menschen nicht das Recht auf das eigene Bild, fragt Carmen Krämer.

Viel zu wenig werden Flüchtlinge als Akteure wahrgenommen bzw. präsentiert. Das gilt insbesondere auch für Personen, die in Unterkünften leben und auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge warten. Michael Haller kalkuliert, wie oft, d.h. wie selten (nämlich 3 bis 6 %) Menschen mit Fluchterfahrung in den Print- oder Online-Medien zu Wort kommen, ganz im Gegensatz zu den medienaffinen Politikern und Behördenvertretern. Ein ausgezeichnetes Beispiel guter Praxis bilden die kulturell sensiblen Kolumnen und Reportagen, die Personen mit Fluchterfahrung (aus Uganda, Syrien, Afghanistan) als freie Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung liefern.

Marlis Prinzing erinnert an den Amoklauf vom 22.7.2016 in München, der durch Tausende von Falschmeldungen in den sozialen Medien eine Dynamik annahm, der sich die amtliche, behördliche Information nur mit großen Anstrengungen entgegenstellen konnte. Unbeschadet dessen, so auch Prinzing, haben die Redaktionen von Online- wie Printmedien ihre Kompetenz für die Kommunikation der Community in Zukunft richtig auszuspielen, wenn es darum geht, die Vielfalt von Ansichten und Lebensformen darzustellen und das Publikum dazu zubringen, sich am Diskurs zu beteiligen. Journalismus ist insofern „anwaltlich“ oder „konstruktiv“,als er sich in einer Sachfrage engagiert. In jedem Fall erhöht der Diskurs, der sich daraus ergibt, die Zuversicht, ein Problem lösen zu können.

Leonie Seng erinnert daran, das Negativberichte, etwa über Mängel in den Flüchtlingsunterkünften, auf die betroffenen Personen hin projiziert werden können, also negativ auf diese „abfärben“. Alternativen hierzu sind ausführlich diskutiert worden. Vielversprechend ist auch hier der sog. Konstruktive Journalismus, der keineswegs nur noch positive Nachrichten verbreiten möchte, sondern ein vollständiges Bild zeichnet, das immer auch „Entwicklung, Wachstum, Chancen“ mitdenkt.

Diskussion

In dem vorliegenden Band werden auch international vergleichende Studien vorgestellt, die sich damit befassen, wie Medien mit den Themen Migration und Flucht umgehen. Das Ergebnis lohnt indes kaum den Aufwand: Dass sich Online-Zeitungen in Äthiopien deutlich mehr mit der Migration in Ostafrika (Somalia, Eritrea, Südsudan!) als in Europa befassen, ist ja nicht wirklich überraschend. Immerhin gewinnen wir hieraus erneut die Anregung, Flucht nicht nur als ein europäisches Problem anzusehen, das mit Obergrenzen flott zu lösen sei.

In manchen Beitrag schimmert die Auffassung durch, Journalisten sollten einfach nur neutral, sachlich, distanziert berichten. Ist das so einfach? Diese Ansprüche einzulösen, verlangt in der Tat alle Anstrengungen. Bei Verletzungen von Menschenrechten hört es sich mit diesem Neutralitätsgebot aber auf! Es erstaunt schon, dass in diesem ausdrücklich der Ethik verpflichteten Band die Menschenrechte nur so halb in einem Artikel als der eigentlicher Maßstab herausgearbeitet werden. Die Menschenrechte begründen das Recht auf Gesundheit, Bildung, Familie, Wohnung, Meinungsfreiheit usf. einzig mit dem Menschsein – insofern liegt die Beweislast nicht bei den Flüchtenden (allein): Zu begründen wäre eigentlich, weshalb diese Menschenrechte so vielen Menschen vorenthalten werden/bleiben.

Von einer explizit ethischen Tagung bzw. Publikation hätte man sich auch mehr Aufschluss darüber erwartet, was denn nun den Bildberichterstatter und sein „Objekt“, Menschen in Not, anbelangt. Man beachte dabei, dass Photografen mit einem „guten“ Bild groß rauskommen möchten: Ich empfinde Wettbewerbe und Preise für Fotos mit Flüchtlingen als gewalttätig.

Fazit

Mit dem vorliegenden Band sind die Fachleute aus dem Journalismus, den Sozialwissenschaften und der Sozialen Arbeit aufgefordert, darüber nachzudenken, wie sie doch ÜBER „ihre“ Flüchtling verfügen, natürlich auch bei allem Wohlwollen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 05.03.2018 zu: Marlis Prinzing, Nina Köberer, Michael Schröder (Hrsg.): Migration, Integration, Inklusion. Medienethische Herausforderungen und Potenziale für die digitale Mediengesellschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4304-9. Kommunikations- und Medienethik, Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23991.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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