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Michael Gehler: Internationale Geschichte im globalen Wandel 2

Michael Gehler: Internationale Geschichte im globalen Wandel, Band 2. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2018. 1278 Seiten. ISBN 978-3-487-15570-8. 98,00 EUR.

Reihe: Historische Europa-Studien / Historic Europe Studies. Geschichte in Erfahrung, Gegenwart und Zukunft, hrsg. vom Institut für Geschichte der Stiftung Universität Hildesheim unter der Leitung von Michael Gehler, Teilband 13.2.
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Thema

Von der „Hildesheimer Europa-Schmiede“ kann gesprochen werden, betrachtet man die zahlreichen Forschungsberichte, die seit Jahren vom Institut für Geschichte unter der Leitung des Historikers für Neuere Geschichte, Inhabers des Jean Monnet Chairs, des vormaligen Direktors des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013-2017), Gastprofessors an mehreren europäischen Universitäten und Mitglieds des EU-Partnerschafts-Konsortiums „Researching and gathering first-hand accounts with a view to writing a history of the European Commission“, Michael Gehler, vorgelegt werden (vgl. dazu die Rezension des 1. Teilbandes).

Entstehungshintergrund

Seit dem Sommersemester 2007 findet an der Universität Hildesheim die hochschulöffentliche Vortragsreihe „Europa-Gespräche“ statt. Das Format gilt als Innovation dafür, in der Gesellschaft die Erkenntnis zu fördern, dass eine demokratische und freiheitliche Entwicklung einer humanen Existenz von Individuen und lokalen und globalen Gemeinschaften nur mit einem europäischen Identitätsbewusstsein innerhalb einer „globalen Ethik“ möglich ist. Im Rahmen der vom Hildesheimer Geschichtsinstitut begründeten Reihe „Historische Europa-Studien“ werden die Ergebnisse der „Europa-Gespräche“ nunmehr, nach 2012 („Deutschland, der Westen und der europäische Parlamentarismus“), 2013 („Zwischen Diktatur und Demokratie. Erfahrungen in Mittelost- und Südosteuropa“) und 2015 („Banken, Finanzen und Wirtschaft im Kontext europäischer und globaler Krisen“), zum vierten Mal mit dem Doppelband „Internationale Geschichte im globalen Wandel“ vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Es werden die Vorträge auf der Grundlage von drei Zielaspekten zur wissenschaftlichen Europa-Geschichte und -Politik vorgestellt: Internationale Geschichte und Raum – Internationale Geschichte und Imperien – Internationale Geschichte zwischen Theorie und Praxis. Zu Wort kommen dabei WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen, ÖkonomInnen und ExpertInnen aus gesellschaftspolitischen Bereichen. Jeder Vortrag wird ergänzt durch einen Gesprächstext, mit dem die Vortragenden zu ihren Motiven, Forschungsschwerpunkten und Erkenntnissen befragt werden. Einige der ReferentInnen äußern sich zu ihrem Thema auch in Interviews, die im Hildesheimer Bürgerradio „Tonkuhle“ (Fm 105,3, Livestream Kabel 97,85) ausgestrahlt wurden.

Mit dem Blick über den europäischen Gartenzaun kommen die gesellschaftlichen und politischen Situationen in Afrika, China, Japan, Russland und der Sowjetunion zur Sprache. Der Band wird in drei Kapitel gegliedert. Im ersten geht es um „Kolonialismus und Völkerrecht im Kontext der Internationalen Geschichte und des Internationalismus“; im zweiten um die Spannweite „Von Russland und die Sowjetunion zur Russischen Föderation“; und im dritten Kapitel um „Afrika, China, Japan und Europa im Kontext von Globalisierung und Postkolonialismus“.

Am 25. Juni 2014 trat der in Göttingen studierte Universalhistoriker Harald Kleinschmidt mit dem Thema „Das europäische Völkerrecht und die ungleichen Verträge an der Wende zum 20. Jahrhundert“ an. Er, der mit seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Homme Internationalis verstanden werden kann, hat in Stuttgart, Göttingen, in den USA und in Japan gelehrt. Es sind das Völker-, Staats- und Handelsrecht, Imperialismus, Kolonialismus und (Hegemonial-)Macht, die seine Forschungen bestimmen und ihn als einen fundierten Experten bei der Analyse von ungleichen völkerrechtlichen Verträgen ausweisen. Die Erblast der europäischen Kolonialexpansion zeigt sich nicht nur in der einseitigen, macht- und expansionsbestimmten Kolonialpolitik, sondern auch in der nachfolgenden, weiterhin wirkenden Korruption der indigenen herrschenden Eliten.

Im Sammelband wird auch Kleinschmidts Vortrag „Verordnete Herrschaft. Kulturalismus, völkische Ideologie und Kolonialismus im frühen 20. Jahrhundert“ abgedruckt, den der Autor am 1. Juli 2010 hielt. „Wir wissen (heute), dass mit dem Kolonialismus viele Vorstellungen und Erwartungen verknüpft waren, die im Rückblick ganz unwahrscheinlich gewesen sind“. Es sind Entwicklungen, die sich zu Zeiten eines Johann Friedrich Blumenbachs, eines Sir Joseph Banks, eines Friedrich Konrad Hornemanns, und auch (noch) eines Hans Plischkes und Diedrich Westermanns anders und selbstverständlicher darstellten (der Rezensent erlaubt sich in diesem Zusammenhang auf das Forschungsprojekt „Der erste deutsche Afrikaforscher, der Hildesheimer Friedrich Konrad Hornemann <1792 – 1801>“ zu verweisen: Hildesheimer Universitätsschriften 7/1999, 11/2002, 13/2004, sowie: Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2005 und 2007).

Am 3. November 2014 referierte die österreichische Politikerin, Politikwissenschaftlerin, Nahost-Expertin und ehemalige Diplomatin Karin Kneissl über „Krisen und Konflikte im Maghreb und im Nahen Osten – Ergebnisse der Entente-Politik vor und nach dem Ersten Weltkrieg“. Seit dem 18. Dezember 2017 ist Kneissl Bundesministerin für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich. Ihren in Österreich und weltweit kritisierten Vergleich, dass der von Theodor Herzl begründete Zionismus der an den deutschen Nationalsozialismus angelehnten ‚Blut- und Boden-Ideologie‘ gleiche, wiederholte sie zwar in ihrem Hildesheimer Vortrag nicht; ihre eigenwillige Interpretation, „dass der 1. Weltkrieg aufgrund der Grenzen im Nahen Osten, die gerade wieder in Frage gestellt werden, noch nicht zu Ende ist“, jedoch bedarf der Korrektur und Kritik. Die in ihren Ausführungen durchscheinenden europaskeptischen Auffassungen münden in der m.E. ungerechtfertigten, ungerechten und ethnozentrischen, besonders fokussierten migrationskritischen Meinung: „Wir erleben nun das Chaos westlicher ‚humanitärer‘ und anderer Interventionen“.

Am 23. Januar 2012 sprach der EU-Diplomat und Jurist Hansjörg Kretschmer über seine Erfahrungen „Zwischen Moskau, Sarajevo, Ankara und Kabul“. Er kritisiert, dass im lokalen und globalen, politischen Diskurs allzu viele Worthülsen und Schlagworte verwendet würden: „Die Menschen sollten ihren Verstand zur Verteidigung der Demokratie verwenden.“ Als „gewachsener und gewordener Europäer“ … (und) Prediger der europäischen Werte plädiert er dafür, die Europäische Union nicht als ein machtvolles oder gar übermächtiges Imperium zu betrachten, sondern für „die Soft Power der Union, die einsatzbereiten und entschlossenen Ländern nicht immer behagt“ – eine Zukunftsvision!

Am 11. April 2011 referierte der österreichische Jurist, seit Januar 2009 als Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag tätige und seit März 2012 als dessen Vizepräsident fungierende Cuno Tarfusser über „Die internationale Strafgerichtsbarkeit und der Internationale Strafgerichtshof: Herausforderungen und Perspektiven“. Er informierte über die historische Entwicklung der internationalen Strafgerichtsbarkeit, stellte die Ziele und Arbeitsweisen des IStGH/ICC vor, erläuterte die Einschränkungen und Defizite, wie sie sich aus der von den Vereinten Nationen festgelegten Aufgabenstellung ergeben und verdeutlichte an Fallbeispielen die Bedeutung der Täter- und Opferbestimmungen. Die bedeutsame Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs als Völkerrechts-Institution wird mit der Definition des Begriffs „Verbrechen“ deutlich. Im internationalen Strafrecht gilt das „contexual element“, des Elements, das den Kontext beschreibt, das die allgemeine Festlegung – Tat und Schuld – ergänzt. „Ethik und Moral sind, neben dem Gesetz, die Basis jeder richterlichen Entscheidung“. Im Interview, das das Hildesheimer Bürgerradio „Radio Tonkuhle“ mit ihm geführt hat, spricht der Referent über die Rechts- und Moralvorstellungen, die Richter, Staatsanwälte und Verteidiger einhalten und nach den Grundsätzen des „civil law“ tätig sein sollten. Thomas Muntschick fragt Tarfusser: „Kommen wir zu den Quellen, von denen Sie informiert werden. Wem trauen Sie eher: dem britischen Geheimdienst oder WikiLeaks?“ – „Ich traue weder dem Einen, noch dem Anderen. Als Richter vertraut man immer den Akten, Dokumenten und Unterlagen, die sich selbst aufgrund von anderen Unterlagen legitimieren. Ich traue von vornherein tendenziell niemandem und allen. Erst Beweise, die auf deren Glaubwürdigkeit evaluiert sind, tragen dazu bei, dass mein Urteil sich langsam formt. Richter zu sein ist nichts einfaches. Man kann nicht so grundsätzlich und pauschal sagen, dass man dem Einen oder dem Anderen glaubt. Glauben gehört in die Kirche, der Richter wägt auf Grund von Fakten ab.“

Der Historiker von der TU Chemnitz, ordentliches Mitglied der Preußischen Historischen Kommission, Vorsitzender der Prinz-Albert-Gesellschaft, Mitglied des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und Vorstandsmitglied der Ranke-Gesellschaft, Frank-Lothar Kroll, hat am 8. April 2013 referiert über „Russland und Europa. Historisch-politische Probleme und kulturelle Perspektiven“. Er setzte sich mit den von Russland beanspruchten historischen und aktuellen Machtpositionen und Einflussansprüchen auseinander und kontrastiert sie mit den an Russland gestellten Erwartungen, ein Teil Europas zu sein und eine Brückenfunktion zwischen Europa und Asien zu bilden. Mit der Einschätzung – „Russland hat im Westen keinen Anwalt, den es wohl verdient“ – ruft der Autor dazu auf, die „Befindlichkeiten des russischen kollektiven Gedächtnisses“ kennen zu lernen, um die im Westen irritierenden hegemonialen und imperialen Vorstellungen und Mentalitäten besser einschätzen zu können.

Am 25. Juni 2012 stellte der Historiker und Politikwissenschaftler Wilfried Loth „Willy Brandt, Michail Gorbatschow und das Ende des Kalten Krieges“ vor. Weil, wie der Autor betont, Erfolge immer viele Väter haben, wollte er auf einen Aspekt hinweisen, der sich jenseits des Rampenlichts abspielte, aber für das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung von entscheidender Bedeutung gewesen sei: Die Entwicklung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Brandt und Gorbatschow. Es waren die direkten Kontakte, die der damalige Bundeskanzler in geduldiger, beständiger und mühseliger Weise mit seiner Ostpolitik gegenüber der Sowjetunion pflegte. Mit der neuen, sozialdemokratischen Ausrichtung hin zu einem „demokratischen Sozialismus“ konnten Gemeinsamkeiten entdeckt, gegenseitige Interessen „auf Augenhöhe“ angesprochen und so Gegensätze, Ängste und Ideologien diskutiert werden. Loths Rat an die Geschichtsschreibung und -analyse: „Wenn sich die Integrationsgeschichtsschreibung noch stärker von nationalen und ideologischen Denkschemata befreit, kann sie zur Entwicklung eines historischen Bewusstseins der Europäischen Union beitragen“.

Der Hamburger Historiker, wissenschaftliche Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes und wissenschaftliche Leiter des russisch-deutschen Projekts zur Suche und Digitalisierung von Archivunterlagen „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“ am Deutschen Historischen Institut in Moskau, Andreas Hilger, sprach am 9. Januar 2012 über „Neue Erkenntnisse zum Michail Gorbatschow, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 1985 bis 1991“. Hilger bezog dabei Quellenmaterialien ein, die bis dahin in der Geschichtsschreibung nicht berücksichtigt werden konnten, wie z.B. den Zeitzeugenbericht Lothar de Maizières, die Biographie Genschers, die Studie über Mitterrand, die Biographie über Gorbatschow und seine gesammelten, erst in neuerer Zeit einsehbaren Unterlagen. Die Zielsetzungen, die Gorbatschow bei seiner sowjetischen Politik auswies – Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Völker, Erhalt der Sicherheitsbalance in Europa, europäische Abrüstung, Unantastbarkeit der europäischen Grenzen, Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen der UdSSR mit dem Ausland, Reform und Stabilisierung der UdSSR – wurden, wie die gegenwärtige Geschichte zeigt, nur teilweise erreicht. Wie kann man die Enttäuschungen einordnen und verstehen, wenn Gorbatschow (sinngemäß) zu Kohl sagt: „Wir haben so viele Zugeständnisse gemacht: Wir haben so viel versprochen. Jetzt kommt nichts zurück. Hast du mich jetzt doch in die Falle gelockt?“

Am 25. Juni 2014 hielt Horst M. Teltschik den Vortrag „Frieden und Sicherheit in ganz Europa – Chancen und Versäumnisse“. Der Politologe, ehemalige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz und Berater von Bundeskanzler Kohl, diskutierte drei Fragestellungen: Wie haben sich die Beziehungen zu Russland entwickelt? – Was können wir aus der Ukraine-Krise lernen? – Wie sieht es mit der Europäischen Union aus? Teltschik bricht mehrere Lanzen für seinen Chef Helmut Kohl und rückt so manches Vorurteil und Gerede über ihn gerade. „Zur Öffnung der Mauer mussten viele Faktoren zusammenkommen: Die Reformpolitik Gorbatschows, die Demokratisierung Polens und Ungarns und dessen Grenzöffnung am 11. September 1989, die Fluchtwelle aus der DDR und die Massendemonstrationen, die im Oktober 1989 ihren Anfang nahmen.“

Der österreichische Politik- und Rechtswissenschaftler, Botschafter und Senior Advisor am Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik, Franz Cede, reflektiert am 23. November 2009 mit seinem Beitrag „Von der chaotischen zur autoritären Demokratie Russlands: Post-imperialer Schock und Übergang von Jelzin zu Putin“. Die Zeitzeugenerinnerungen Cedes sind ohne Zweifel für die neuere Geschichtsschreibung außerordentlich aufschlussreich und wichtig. Gewissermaßen als „Putin-Versteher“ erläutert er das Phänomen, wie sich die unglaubliche Popularität erklären lasse, die der amtierende Präsident in seinem Land (sogar in zunehmendem Maße) genießt: „Das eigentliche Geheimnis des phänomenalen Aufstiegs dieses Politikers (liegt) in seiner Fähigkeit …, den russischen Menschen wieder Stolz und Selbstvertrauen einzuflößen“. So empfiehlt er: „Ich halte es für essentiell, dass Russland und die Europäische Union zu einem kooperativen Verhältnis kommen.“

Der an der Universität in Innsbruck tätige Politikwissenschaftler, Osteuropa- und Russlandexperte Gerhard Mangott analysierte mit seinem Vortrag vom 7. Juli 2014: „Gescheiterte Demokratie und autoritäre Konsolidierung: Die russische Föderation von Boris Jelzin bis Wladimir Putin. Die politische Schwäche Jelzins arbeitete Putin in seine machtgeöffneten Hände. „Putin versucht mit der nationalistischen, antiwestlichen (als verkommen, dekadent und abartig deklarierten) Mobilisierung … eine neue Legitimationsgrundlage für das System Putin zu schaffen. Angesichts der wachstumsschwachen Wirtschaft soll die nationale Identität zur neuen Herrschaftsgrundlage werden“.

Der Politikwissenschaftler von der Universität Marburg, Hubert Zimmermann, trug am 10. Januar 2011 vor: EU – China: Eine strategische Partnerschaft?“. Das Fragezeichen verdeutlicht, dass die Beziehungen der Europäischen Union zu China nicht als unproblematisch und ungestört betrachtet werden können. Es sind sowohl Handelshindernisse, als vor allem Demokratie-, Rechts-, Menschenrechtsfragen, imperiales und Großmachtstreben, die eine faire Kooperation erschweren. Der Begriff „Strategische Partnerschaft“ muss ehrlich und verantwortungsvoll nicht nur ökonomisch und wertschöpfend, sondern global-ethisch gefüllt werden. Die Parole, die in vielerlei Hinsicht den europäischen Einigungsprozess angelastet wird: „Security first and economy second“ ist eine Schimäre dann, wenn sich an den festgefügten (selbstverständlichen) europäischen Prioritäten – Europa / USA – nichts ändert. Eine ehrliche, gleichberechtigte „Achse“ EU/China… böte sich an! Und, ins Poesiealbum der Europäer geschrieben: „Man wird nicht zum Europäer, indem man in Europa sitzt.“

Der Rechts-, Politikwissenschaftler und österreichische Diplomat Michael Reiterer fragte am 16. Dezember 2013: „Europa und Asien – Ist die EU auf der Verliererstraße?“ Die Skepsis speist sich zum einen aus den Beobachtungen, dass bei den Europäern ein „europäisches Bewusstsein“ oder gar eine „europäische Identität“ unzureichend vorhanden und entwickelt ist, andererseits die machtvollen, sogar identitätsstiftenden Stimmungen und Aktivitäten der Asiaten vorandrängen. Die an Wirtschaftsmacht und politisch-strategischem Einfluss zunehmenden BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), die im hegemonialen, westlichen Jargon als „Schwellenländer“ bezeichnet werden, dürfen nicht als Kontrahenten, sondern müssen als Partner verstanden werden. Das aber wird nur gelingen, wenn wir in Europa die Bürgerbeteiligung und das Bürgerbewusstsein stärken, sodass die europäische Einigung keine Zwangsjacke und kein Käfig, sondern eine Chance und eine Bühne für ein friedliches, gerechtes und gleichberechtigtes gutes und gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde ist.

Reiterer referierte am 8. Dezember 2014 erneut zur Frage: „Japan: Das Land der aufgehenden Sonne als auferstehende Macht?“ Mit 3/11 wird ein für Japan und die Welt erschütterndes Datum genannt: Tohoku-Erdbeben und Fukushima. Es sind Menetekel, die jedoch im Ursprungsland und ringsherum unterschiedlich interpretiert und bewertet werden. Und es sind die Entwicklungen der Globalisierung, die eine Global Governance notwendig machen.

Der Historiker von der Universität Linz (vormals Universität Innsbruck), Thomas Spielbüchler, weist als Lehr- und Forschungsschwerpunkte aus: Postkoloniale Geschichte Afrikas, Konflikte und Konfliktmanagement im postkolonialen Afrika, afrikanische Integration, Nationbuilding in postkolonialen Gesellschaften sowie afrikanische Befreiungsbewegungen im Kalten Krieg. Am 9. September 2012 trug er das Thema „Selbstfindung in Afrika. Der lange Weg zur Afrikanischen Union“ vor. Nationale Unabhängigkeits- und panafrikanische Visionen bestimmten die Widerstands- und Freiheitsbewegungen im kolonialen Afrika. Sie waren unterschiedlich beeinflusst, bestimmt und abhängig von den Macht- und Unterdrückungsstrukturen der Kolonialherren Es dauerte Jahrzehnte, bis sich aus den nationalen Strukturen nach der Unabhängigkeit konkrete politische, ökonomische und kulturelle Ideen entwickeln konnten, um Zusammenschlüsse und Einheiten auf dem afrikanischen Kontinent zu bilden. Die seit 1963 bestehende „Organisation der Afrikanischen Einheit“ (OAU) kann als ein erster, schwieriger Schritt hin zu mehr sein!

Was ist die Welt? Wie ist sie zu begreifen? Als Staubkorn im Universum? Als Spucknapf göttlichen Geistes? Oder als Raum für Lebewesen? Es gibt immer wieder Versuche, die Vielfalt, Größe und die Grundlagen der Erde als Lebensraum der Menschen sichtbar, verstehbar und nachvollziehbar darzustellen; etwa mit der Annahme, die Welt sei ein „globales Dorf“ (Donella Meadows, Wenn die Welt ein Dorf wäre?, 2003 ). Diesen Gedanken verfolgen auch die beiden österreichischen Autoren Josef Nussbaumer und Andreas Exenberger mit ihrem Buch „Unser kleines Dorf“ (Eine Welt mit 100 Menschen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10572.php). Einer der Verfasser, der Tiroler Journalist und Historiker, Andreas Exenberger, referierte am 27. Juni 2011 zum Thema: „Europa als globales Dorf. Globalhistorische Reflexionen zu einem statistischen Gedankenexperiment.“ Die Erfahrung, dass es manchmal gelingt, die eigene ein- oder auch überschätzte Bedeutsamkeit dann zu relativieren, wenn man die Wirklichkeit herunterbricht in erkennbare und verstehbare Größen; etwa mit der Annahme, die Welt wäre ein Dorf, in dem 100 Menschen leben. Dann würde man feststellen, dass unter den Bewohnern 61 Asiaten und 12 Europäer lebten; dass der Wohlstand, der im Dorf vorhanden ist, zur Hälfte nur zwei Einwohnern gehört; 20 Bewohner verfügten über kein sauberes Trinkwasser … Übrigens: Die Europäer wohnen im Dorf nicht in der Schmuddelgasse, sondern an der Marktstraße! Exenbergers eindringliche Frage, warum es auf der Welt so viel Armut, Ungerechtigkeit und Unfrieden gibt, bleibt im Raum stehen!

Fazit

Auch der Blick über den interkulturellen Gartenzaun der „Hildesheimer Europa-Schmiede“ vermittelt historische und aktuelle Einblicke in die lokalen und globalen Wandlungs- und Veränderungsprozesse; nicht mit Blick auf eurozentrierte, sondern als euro- und globalstrukturierte Phänomene. Im Rahmen der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt kommt es darauf an, das nationale und internationale Geschichtsbewusstsein dahingehend zu stärken, dass Geschichte als vergangenheitsbestimmtes, gegenwartsbezogenes und zukunftsorientiertes Wissen und Verstehen gelebt wird. Die europäischen Einigungsprozesse, eingebunden in die globalen Wirklichkeiten und Visionen, stellen einen wichtigen Baustein dar, ein gerechteres, friedlicheres, menschenwürdigeres, gutes und gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde zu ermöglichen. Die „Europagespräche“ werden vom Institut für Geschichte an der Universität Hildesheim seit 2007 initiiert und organisiert. Als Marker lässt sich formulieren: Europa entdecken, erleben und erfahren – nicht als zufälliger und unharmonischer Flickenteppich, auch nicht als eurozentriertes Imperium, sondern als realexistierender, identitätsbestimmender, verbindender, vielfältiger, ethischer, moralischer, historischer und unfertiger Lebensraum für seine Bewohner, orientiert an dem Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt und im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: „Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“ (Europäischer Konvent, Entwurf eines Vertrages über eine Verfassung für Europa, 2003, S. 5).

Die universitätsöffentlichen Veranstaltungen der „Hildesheimer Europagespräche“ lässt im Sinne der Oral History Zeitzeugen zur aktuellen, politischen und historischen Entwicklung Europas zu Wort kommen. Es sind die vielfältigen, alltäglichen, fachbezogenen und interdisziplinären Aspekte, die die beiden Bände als Bausteine für ein Gemeinsames Europa ausweisen. Das alphabetisch geordnete Personenregister, das sich auf die beiden Teilbände bezieht, bietet den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, die in der Fortschreibung der Hildesheimer Europagespräche agierenden europäischen Akteure aufzufinden und in andere Zusammenhänge zu ordnen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.06.2018 zu: Michael Gehler: Internationale Geschichte im globalen Wandel, Band 2. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2018. ISBN 978-3-487-15570-8. Reihe: Historische Europa-Studien / Historic Europe Studies. Geschichte in Erfahrung, Gegenwart und Zukunft, hrsg. vom Institut für Geschichte der Stiftung Universität Hildesheim unter der Leitung von Michael Gehler, Teilband 13.2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23993.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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