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Claudia Olivier: TransREmigration

Cover Claudia Olivier: TransREmigration. Rückkehr im Kontext von Transnationalität, persönlichen Netzwerken und Sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. 304 Seiten. ISBN 978-3-8376-3903-2. D: 34,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Thema

Basierend auf dem transnationalen Verständnis von Rückkehr entwickelt Claudia Olivier-Mensah das Konzept einer transnationalen sozialen Arbeit weiter, die auf mobile Akteure in einer globalisierten Welt reagiert und zwischen gesellschaftlichen Makro- und Mikrostrukturen vermittelt. Ausgehend von einer empirischen Studie mit und über ghanaischen RemigrantInnen beleuchtet sie soziale Transfers, transnationales Wissen und persönliche Netzwerke und gelangt so zu einer Akteurs- und Agency-fokussierten Perspektive sozialer Arbeit auf Rückkehr.

Autorin

Claudia Olivier-Mensah promovierte im Rahmen des DFG Programmes „Transnational Social Support“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie ist Dozentin für Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft an der JGU Mainz.

Aufbau

Die Autorin wählt die neue Form der kumulativen Dissertation: Sechs Beiträge, die bereits in Fachzeitschriften publiziert worden sind werden vom einleitenden Kapitel über den theoretischen und konzeptionellen Zusammenhang gefasst. Die Beiträge erscheinen erstmals in einem Band.

Inhalt

Ausgehend von einer empirischen Studie mit ghanaischen RückkehrerInnen vertieft die Autorin nicht nur theoretisch-analytische Überlegungen zur transnationalen Arbeit, sondern stellt auch forschungstheoretische und -praktische Überlegungen an. Die Struktur der Rezension orientiert sich am Aufbau der Publikation.

Kapitel 1. Das einleitende, erstmals veröffentlichte Kapitel begründet die Auswahl der Beiträge und bindet sie inhaltlich zusammen. Ausgehend vom Konzept der Transnationalität kann Rückkehr als individueller Prozess, der innerhalb Grenzen übergreifender sozialer Netzwerke geschieht, betrachtet werden. Dies ermöglicht eine Agency- fokussierte Perspektive auf den Rückkehrer, dessen Netzwerke, soziale Transfers sowie Denk- Wissens- und Handlungsmuster im Vordergrund stehen. Die Perspektive der sozialen Arbeit auf den Themenkomplex muss also sowohl praktisch-empirische als auch analytisch-theoretische Dimensionen beleuchten.

Kapitel 2. In diesem Beitrag widmet sich die Autorin der sozialen Arbeit, welche, um auf die Bedürfnisse und den Unterstützungsbedarf von Klienten mit transnationalen Biographien zu reagieren, selbst transnational werden muss, um nicht in Gefahr zu laufen durch eine nationale Brille in Theorie und Praxis eingeschränkt zu werden. Als „transmigrantisch“ beschreibt sie jegliche Grenzüberschreitung innerhalb sozialer Konstrukte wie Nation, Ethnie und Kultur. Beispiele aus der Forschung, die sich konzeptionell und empirisch mit Transmigration und sozialer Arbeit befassen, zeigen den aktuellen Forschungsstand auf.

Kapitel 3. Ausgehend vom Konzept der „Developmental Social Work“ zeigt die Autorin anhand von vier Praxisbeispielen aus der Subsahararegion, auf welchen Mikro- und Makroebenen Akteure den Ansatz umsetzen. Dieser verknüpft Gesellschaftsentwicklung mit ökonomischen Initiativen zur Bekämpfung von Armut. Darauf basierend wird ein mögliches Aufgabenfeld der sozialen Arbeit konstruiert, der eine Vermittlerrolle zwischen den vier Mikro- und Makroebenen (staatlich, wirtschaftlich, kommunal und individuell) einnimmt, die Akteure vernetzt und ein Ineinandergreifen der Programme und Angebote fördert.

Kapitel 4. Um die zirkuläre Dynamik von persönlichen Netzwerken zwischen Rückkehrern und Herkunftsgesellschaft zu erforschen führte die Autorin qualitative Interviews, welche durch den Einsatz der egozentrierten Netzwerkanalyse (s. Kapitel 6 und 7) ergänzt wurden. Sie stellt fest, dass die Transfers auf zeitlich versetzter Reziprozität beruhen und verschiedene Formen (ökonomischen, instrumentell, informativ) haben können. Die Betrachtung zirkulärer Transfers als signifikant für eine erfolgreiche Rückkehr nimmt den/die RückkehrerIn ganzheitlich in die Betrachtung und trägt zu einem erweiterten Verständnis von Rückkehr bei.

Kapitel 5. Brain Gain beschreibt die Annahme, dass der Rückkehrer als Wissensträger das Erlernte in seinem Heimatland umsetzen und zur Entwicklung des Staates beitragen kann. Warum es doch oft zum Brain Waste kommt, also das ungenutzt bleiben von Wissen und Fähigkeiten, und warum die Rückkehrförderung aus Perspektive der sozialen Arbeit dies abmindern kann, begründet die Autorin mit der Differenzierung zwischen explizitem (Fachwissen) und implizitem Wissen (Werte, Verhalten, Überzeugungen). Während Rückförderungsprogramme sich oft auf eine nationalstaatliche Nutzensperspektive des Fachwissens konzentriert, erlaubt die Akteur-fokussierte Perspektive der sozialen Arbeit auf Rückkehr das implizite transnationale Wissen mitzudenken, welches Einfluss auf die Entwicklung und Selbstwirksamkeit der Akteure hat.

Kapitel 6. Die qualitative soziale Netzwerkanalyse ist ein partizipatives Erhebungsinstrument, im Rahmen des Interviews wird gemeinsam eine Netzwerkkarte erstellt. In diesem Beitrag stellt die Autorin forschungspraktische Überlegungen zu Vor- und Nachteilen haptischer Erhebungsinstrumente wie Papier und Stift an, trotz der Verfügbarkeit digitaler Mittel. Ausgehend von ihren Erfahrungen im Forschungsfeld plädiert sie für analoge Erhebungsmaterialien, da sie mehr gestalterischen Freiraum lassen sowie die Nutzungshürde senken. Für die Auswertung der erstellten Netzwerkkarte nutzte die Autorin das Programm VennMaker und erreichte so eine Verflechtung und gegenseitige Ergänzung analoger Materialien und digitaler Technik.

Kapitel 7. Durch forschungstheoretische Überlegungen zur qualitativen Netzwerkanalyse vertieft und schärft der zweite Beitrag den methodischen Teil der Beitragssammlung. Der gezielte Einsatz der QNA zur Erforschung transnationaler Beziehungen wird anhand zweier Beispiele aus der Praxis diskutiert. Es handelt sich um eine quantitative Studie von Andreas Herz (2014) und eine qualitative Studie, die die Autorin selbst durchgeführt hat. Der methodische Beitrag trägt zur Weiterentwicklung erziehungswissenschaftlicher und transnationaler Forschungsinstrumente bei.

Diskussion/ Fazit

Die neuartige Publikationsform der kumulativen Dissertation in der Sozialwissenschaft erlaubt es, das Thema Transnationalität, Rückkehr und soziale Arbeit aus vielfältigen Perspektiven wahrzunehmen und weiterzudenken. Das Aufgreifen und Vertiefen einer Thematik in mehreren Kapiteln (z.B. Kap. 6 und 7) erzeugt Tiefenschärfe. Gegenüber der Monographie hat eine kumulative Dissertation Vorteile, birgt aber auch Gefahren: Es erlaubt, die thematische Bandbreite weiter zu fassen und einen Themenkomplex expansiv zu behandeln, läuft aber Gefahr einen zu großen Bogen spannen und den Gesamtzusammenhang zu verlieren.

Die Publikation gibt forschungsmethodisch interessante Anreize (Stift und Papier trotz digitaler Tools, Kapitel 6) und greift die aktuelle Debatte über eine transnationale soziale Arbeit auf. Hilfreich für die Praxis der sozialen Arbeit sind Kapitel 3 und 5, welche wichtige Einblicke in Alltagsherausforderungen und Organisationsstrukturen ghanaischer Rückkehrer geben.


Rezensentin
Julia Büchting
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Zitiervorschlag
Julia Büchting. Rezension vom 12.02.2018 zu: Claudia Olivier: TransREmigration. Rückkehr im Kontext von Transnationalität, persönlichen Netzwerken und Sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3903-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23994.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


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