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Sabine Wagenblass: Vertrauen in der sozialen Arbeit

Cover Sabine Wagenblass: Vertrauen in der sozialen Arbeit. Theoretische und empirische Ergebnisse zur Relevanz von Vertrauen als eigenständiger Dimension. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 175 Seiten. ISBN 978-3-7799-1765-6. 19,00 EUR, CH: 33,60 sFr.

Reihe: Soziale Praxis.
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Das Thema

Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, ausgehend von sozialwissenschaftlichen Vertrauenskonzepten, Vertrauen als wissenschaftlichen Fachbegriff für eine dienstleistungsorientierte Jugendhilfe systematisch zu beschreiben und theoretisch tragfähig zu machen.

Subjektorientierung, Kontrolle und Machtassymetrie in der Jugendhilfe

Vor dem Hintergrund einer lebensweltorientierten Jugendhilfe weist die Autorin darauf hin, dass die Beziehung zwischen Professionellen und AdressatInnen der Jugendhilfe weiterhin durch die Ambivalenz zwischen Subjektorientierung und Kontrolle sowie der Machtassymmetrie gekennzeichnet ist. Die gleichzeitige Erfahrung von Entlastung und Abhängigkeit sowie von Hilfe und Kontrolle sind Kennzeichen für diese Ambivalenz. Jugendhilfeleistungen, insbesondere solche mit einem hohen Gebrauchswert für die Betroffenen, können einerseits als Entlastung erfahren werden, wenn sie unterstützend und kompensatorisch bei der Bewältigung ihrer spezifischen Problemlagen wirksam werden. Andererseits aber können die AdressatInnen aufgrund der hierarchisch ungleich verteilten Verfügungsgewalten weder das Handlungswissen noch die Handlungsweisen der Professionellen ausreichend kontrollieren. Diese Abhängigkeit vom ExpertInnenhandeln und -wissen hat folgenreiche Auswirkungen auf die Lebensgestaltung der Individuen (S.112).

Vertrauen auf der Makroebene

Die Autorin unterscheidet zwei Ebenen des Vertrauens. Auf der Ebene der Gesellschaft geht es um die zunehmende Abhängigkeit der Individuen von Institutionen angesichts der sozialen Wandlungsprozesse. Auf der Mikroebene ist Vertrauen dagegen ein Moment, das Interaktionsprozesse zwischen den VertreterInnen von Institutionen und den AdressatInnen wesentlich bestimmt.

Auf der makrosoziologischen Ebene geht die Autorin der Rolle des Vertrauens in soziale Institutionen am Beispiel der Transformation des Jugendhilfesystems in den neuen Bundesländern nach der Wende nach. In ihrer Sekundäranalyse vorliegender Studien des Forschungsprojektes "Jugendhilfe im Umbruch" (1992 bis 1999) zu diesem Transformationsprozess geht es der Autorin weniger um Organisationsaspekte dieses Prozesses, sondern vielmehr um die "Erzeugung und Repräsentation von kollektiven Regelungen und Mechanismen, durch die die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure soweit eingegrenzt werden, dass relative Vorhersagen über institutionalisiertes Handeln und zwar unabhängig von den personalen Eigenschaften der Akteure möglich werden." (S. 25). Mit den Kategorien: Leitidee, Legitimation, Dauerhaftigkeit, Erwartbarkeit und Verbindlichkeit, allesamt kennzeichnende Strukturelemente einer Institution, charakterisiert sie diesen Transformationsprozess, den sie als wechselseitigen, subjektiven, kollektiven und institutionsbezogenen Anpassungsprozess begreift, in dessen Rahmen Akzeptanz der Leitideen Repräsentationen der Jugendhilfe durch die Bevölkerung entsteht.

Ein solcher Prozess kann, so die Autorin, nur dann erfolgreich verlaufen, wenn eine "Kultur des Vertrauens" im Sinne einer "längerfristigen, stabilen, positiven Einstellung der Gesellschaftsmitglieder gegenüber der neuen Gesellschaftsformation und ihrer Institutionenordnung" entwickelt werden kann.

In einem theoretischen Exkurs auf die Arbeiten von Anthony Giddens und Niklas Luhmann begründet die Autorin diese Notwendigkeit und stellt dabei besonders die Funktion des Vertrauens zur Reduktion sozialer Komplexität voraus. Deutlich wird in diesen Ausführungen auch, dass Vertrauen sich einerseits aus Leistungsfähigkeit, Transparenz und Regelhaftigkeit sozialer Systeme (institutionelle Dimension) und andererseits aus subjektiven Erfahrungen und Deutungen (personale Dimension) speist.

Vertrauen auf der Mikroebene der Jugendhilfe

Neben den genannten makrosozialen Funktionen stellt die Verfasserin mit Blick auf die Jugendhilfe zwei Funktionen von Vertrauen heraus:

  1. es ermöglicht ein höheres Maß an Lebensweltorientierung durch konkretere Ausrichtungen an der Situation der AdressatInnen und erhöht damit auch den Gebrauchswert für deren Alltagsbewältigung.
  2. Und es trägt darüber hinaus dazu bei, dass eine Koproduktion der AdressatInnen wahrscheinlicher wird und damit auch die Effekte von Jugendhilfemaßnahmen gesichert werden können. "Grundlegende Voraussetzung ist hierbei die situations- und kontextspezifische Ausdeutung des jeweiligen Falles. Dies beinhaltet die Fähigkeit zur Reflexion des professionellen Handelns. ... Das heißt, die Professionellen müssen ein Verständnis davon haben, was sie tun und zudem die Fähigkeit entwickeln zu verstehen, was sie tun während sie es tun. Dies umfasst die Kompetenz, das eigene Handeln mit der Lebenspraxis der AdressatInnen in Beziehung zu setzen und die Auswirkungen der möglichen zukünftigen Folgen professionellen Handelns auf die Lebenspraxis der Betroffenen bereits im Prozess der Hilfeleistung mit zu thematisieren und zu reflektieren." (S. 115).

Empirische Überprüfung

Vertrauen auf personaler Ebene entsteht also durch die Professionalität des Handelns im Feld. Generalisiertes Vertrauen auf der Makroebene und spezifisches Vertrauen auf der personalen Ebene bilden zugleich die Dimensionen für die Sekundäranalyse der Daten des Forschungsprojektes "Jugendhilfe im Umbruch" im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit. Die Ergebnisse dieses Teils sind in hohen Maße ambivalent: den positiven Einstellungen zum System Jugendhilfe aus der Sicht der befragten AdressatInnen stehen nur wenig konkrete Erfahrungen und geringe Kenntnisse über seine Struktur gegenüber. Auch hinsichtlich der persönlichen Aspekte unterscheiden sich die Einschätzungen von jugendlichen AdressatInnen erheblich von denen der professionellen Akteure - ein deutliches Zeichen dafür, dass hier der lebensweltliche Anschluss an Hilfekonzepte noch nicht befriedigend gelungen ist.

Fazit

Insgesamt liefert die vorliegende Arbeit wichtige und erhellende Überlegungen zur Kategorie des Vertrauens in der Sozialen Arbeit. Dabei überwiegen die strukturellen Aspekte deutlich gegenüber Überlegungen zur Rolle von Vertrauen in einer pädagogischen Beziehung. Die generellen Ausführungen der Autorin und ihre theoretische Grundlegung zur Funktion von Vertrauen können aber für solche weiterführenden Reflexionen wertvolles Material bieten. Insofern liegt die Stärke dieser Arbeit auch eher im theoretischen Teil und weniger in seiner empirischen Überprüfung.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 26.04.2005 zu: Sabine Wagenblass: Vertrauen in der sozialen Arbeit. Theoretische und empirische Ergebnisse zur Relevanz von Vertrauen als eigenständiger Dimension. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1765-6. Reihe: Soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2400.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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