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Steffen Beigang, Karolina Fetz u.a.: Diskriminierungs­erfahrungen in Deutschland

Cover Steffen Beigang, Karolina Fetz, Dorina Kalkum, Magdalena Otto: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 2017, 1. Auflage. 337 Seiten. ISBN 978-3-8487-4675-0. 79,00 EUR.

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Autor*innen

Die Autor*innen: Steffen Beigang, Karolina Fetz, Dorina Kalkum und Magdalena Otto haben als Mitarbeitende im Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität die vorliegende von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes beauftragte Studie unter der Projektverantwortung von Prof.in Dr.in Naika Foroutan durchgeführt und veröffentlicht.

Thema

Die zentralen Fragen der Studien lauteten:

  • Was wird unter Diskriminierung verstanden?
  • Welche Strukturen, Situationen und Handlungen werden als Diskriminierung eingeschätzt? Wie wird Diskriminierung in Deutschland erlebt?

Die nach Aussage der Autor*innen „bislang größte angelegte Umfrage, die individuelle Diskriminierungserfahrungen in Deutschland erfasst“ (vgl. Beigang u.a. 2017: 10) beinhaltet „eine telefonische Repräsentativbefragung mit rund 1.000 Befragten sowie eine Betroffenenbefragung mit der (…) über 18.000 Personen erreicht werden konnten“ (ebd.). Bei letzterer wurde von Diskriminierung betroffene Personen gebeten, zwei als besonders für sie bedeutsame Diskriminierungserfahrungen zu berichten.

Anfangs werden Befragten Situationen (sogenannte Vignetten) vorgelegt und gefragt, ob es sich um Diskriminierung handelt. Durch den Austausch der handelnden Personen bei gleichbleibender Situation und gleichbleibenden Handlungen konnte herausgefunden, welche Faktoren Einfluss auf die Einschätzung haben, ob und wie gravierend eine Handlung und Konstellation als Diskriminierung eingestuft wurde. Deutlich wurde hier u.a. dass die Diskriminierung von Frauen oft nicht als solche betrachtet wird. In Gruppengesprächen mit Akteur*innen verschiedener diskriminierter und privilegierter Gruppen wurden emotionale und analytische Aspekte sowie Bewältigungsstrategien besprochen.

„Innerhalb der Studie wurde ganz bewusst der Zugang über individuelle Diskriminierungserfahrungen gewählt. Denn nur dieser kann einen detaillierten Einblick in die Betroffenenperspektive gewähren und Fälle von Diskriminierung umfassend sichtbar machen.“ (Beigang u.a. 2017: 10)

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Nach der Vorstellung der Relevanz der Fragestellung und der zentralen Methoden und Fragen im ersten Kapitel werden im zweiten Kapitel zentrale theoretische Herangehensweisen (Prototypen-, Signaldetektions- und Schuldattributions-Theorien) beschrieben, die von außen erfolgende Kategorisierungs- und Zuschreibungsprozesse als Gemeinsamkeit haben, um im dritten Kapitel die Datengrundlage und die angewandten Erhebungs- und Auswertungsmethoden zu schildern.

Im Kapitel vier werden vor allem die qualitativen Befragungen Erhebungen sowie Teile der Repräsentativbefragung in Bezug auf konkrete Aspekte vorgestellt:

  • was wird als Diskriminierung wahrgenommen?
  • Wie werden Gleichstellungsmaßnahmen gesehen?
  • Was fördert oder verhindert Diskriminierung?

Nach der Klärung, was Personen unter Diskriminierung verstehen und welche Faktoren die Wahrnehmung von Diskriminierung beeinflussen, werden auch Gesellschafts- und Machtverhältnisse berücksichtigt.

Kapitel fünf widmet sich anhand der Repräsentativ-Befragung dem Thema, wie Diskriminierungserfahrungen in Deutschland verbreitet sind, welche Gruppen besonders diskriminiert werden und in Bezugnahme auf welche Merkmale diskriminiert wird.

Kapitel sechs untersucht anhand der Betroffenenbefragung die unterschiedlichen Lebensbereiche, in denen Diskriminierung ausgeübt und erlebt wird: Arbeitsleben, im Bildungs- und im Gesundheitsbereich, in der Öffentlichkeit und Freizeit, auf Ämtern und Behörden, im Privatleben, im Internet und auf dem Wohnungsmarkt.

Danach wird in Kapitel sieben dargestellt, ob und wie Personen auf Diskriminierungen gemäß des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes reagieren und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Den Einfluss von einzelnen oder fortgesetzten Diskriminierungserfahrungen auf die eigene Gesundheit behandelt Kapitel acht.

In Kapitel neun werden zentrale Ergebnisse nochmals zusammengefasst und Empfehlungen ausgesprochen.

Am Ende erfolgt das umfangreiche Literaturverzeichnis, die Liste der mitwirkenden Expert*innen, Fragebögen u.a.

Diskussion

Es handelt sich um eine sehr umfangreiche Studie zu Diskriminierungserfahrungen, die sowohl den aktuellen Forschungsstand zu den entsprechenden Themen berücksichtigt, relevante Theorien nachvollziehbar darstellt, anwendet und erweitert als auch um eine sehr genaue Beschreibung von Diskriminierungserfahrungen, deren Wahrnehmung und Handlungsstrategien diskriminierter Personen. Methodisch sind die Kapitel klug aufeinander aufgebaut und die Lesenden werden in den einzelnen Analyseschritten gut mitgenommen.

Deutlich werden das gravierende Ausmaß rassistischer und religionsbezogener Diskriminierung sowie von Diskriminierung im Geschlechterverhältnis, in Bezug auf zugeschriebene Behinderung, Alter und der sexuellen Orientierung (vgl. Beigang u.a., S. 288 ff.). Deutlich wird, dass auch nicht durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erfasste Diskriminierungen vielfach erlebt werden, insbesondere sozioökonomische und bildungsbezogene Diskriminierung. Vielfach werden auch Formen der institutionellen Diskriminierung in und durch Behörden berichtet. Die vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen enthalten Gesetzesänderungen, die Ausweitung der Schutzbereiche und Schutzmerkmale des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, die Herstellung von mehr Transparenz sowie das Schaffen von Bewusstsein für Diskriminierung. Zudem wird mehr Forschung und mehr Unterstützung der von Diskriminierung betroffenen Personen empfohlen.

Auffällig in der Studie ist die nicht systematisch einbezogene Diskriminierung im Aufenthalts- und Asylrecht, die alle Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit benachteiligt, vor allem Nicht-EU-Bürger*innen. Dies sollte in Folgestudien einbezogen werden, ebenso die Diskriminierung von Wohnungslosen. Hilfreich wäre auch eine umfangreichere Schilderung und Analyse von Antidiskriminierungsmaßnahmen in anderen Ländern gewesen, z.B. die Berichte zum Macpherson-Report (Stephen Lawrence Inquiry) in Großbritannien. Eine Debatte zum Verhältnis von sozialer Ungleichheit, Diskriminierungsverhältnissen zu politisch-gesellschaftlichen und steuer- und aufenthalts-, asyl-rechtlichen Gegenstrategien hätte ergänzt werden können.

Fazit

Gerade zu Zeiten der „Me Too“- und „Me Two“-Debatten, in der insbesondere von rassistischer Diskriminierung betroffene Personen über ihre Diskriminierungserfahrungen berichten, ist die Lektüre dieses Buches aufs Wärmste zu empfehlen, da anhand systematischer Erhebungen und nachvollziehbarer Analysen gezeigt wird, dass diese Gruppe – auch laut umfangreicher und fundierter aktueller Forschungen – systematisch diskriminiert wird. Zugleich wird sichtbar, dass im Bereich Geschlechterverhältnisse, Behindert-Werden, Einkommen, Bildung sowie sexueller Orientierung und Identität Diskriminierung systematisch ausgeübt und erlebt wird. Die zunehmende soziale Ungleichheit und die Realität von Diskriminierungen wird aus subjektiver Perspektive nachgezeichnet. Das Buch liefert somit umfangreiche Schilderungen von Diskriminierung und Handlungsmöglichkeiten gegen diese. Daher ist dieses Buch für alle, die sich mit dem Thema Diskriminierungserfahrungen akademisch oder privat auseinandersetzen, sehr zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 16.08.2018 zu: Steffen Beigang, Karolina Fetz, Dorina Kalkum, Magdalena Otto: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 2017, 1. Auflage. ISBN 978-3-8487-4675-0. Die Studie ist auch online einzusehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24001.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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