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Rainer Balloff: Kinder vor dem Familiengericht

Cover Rainer Balloff: Kinder vor dem Familiengericht. Praxishandbuch zum Schutz des Kindeswohls unter rechtlichen, psychologischen und pädagogischen Aspekten. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 3., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 452 Seiten. ISBN 978-3-8487-3981-3. 58,00 EUR.
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Thema

Trennung und Scheidung der Eltern, Regelung des Umgangsrechts, Betreuung eines Kindes außerhalb des eigenen Elternhauses, Rückführung eines Kindes in die Herkunftsfamilie – dies sind nur einige wenige der zahlreichen Situationen, in denen „Kinder vor dem Familiengericht“ stehen können und in denen ihr Wohl schützenswert ist. Das vorliegende Buch widmet sich diesen vielfältigen Konstellationen und wendet sich dabei sowohl an die an den jeweiligen Verfahren beteiligten Professionen als auch an die Eltern selber. Nach seinem Selbstverständnis will der Autor auch Laien oder „Semiprofessionellen“ einen leichteren Zugang zum Inhalt ermöglichen und handhabt daher die Ausführung und Wiedergabe der Rechtsprechung sparsam.

Autor

Dr. Rainer Balloff ist studierter Jurist und Psychologe. Er war bis 2009 wissenschaftlicher Leiter des Arbeitsbereichs Forensisches Psychologie und Familienrechtspsychologie an der FU in Berlin und arbeitet zudem als Sachverständiger bei dem von ihm mitbegründeten „Institut Gericht & Familie Service GbR“.

Aufbau

Das Werk gliedert sich in zwei große Teile:

  1. Der erste Teil (S. 17-280) befasst sich mit dem Kind vor dem Familiengericht bei Trennung und Scheidung.
  2. Der zweite (S. 281-418) setzt sich mit der Fremdplatzierung von Kindern auseinander.

Der erste Teil des Buches ist also mit gut zwei Dritteln des Umfangs der deutlich größere. Abschließend finden sich Literaturverzeichnis und Sachregister. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

1. Das Kind vor dem Familiengericht bei Trennung und Scheidung

Der Teil „Das Kind vor dem Familiengericht bei Trennung und Scheidung“ ist seinerseits in 14 einzelne Kapitel untergliedert:

  • Trennung und Scheidung
  • Vermittlung bei Trennung und Scheidung
  • Das Trennungs- und Scheidungskind
  • Regelung der elterlichen Sorge
  • Kind und Institutionen
  • Umgangsrecht
  • Sorge- und Umgangsrecht – Zusammenfassung
  • Wille des Kindes
  • Beschneidung des männlichen Kindes
  • Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) des Kindes
  • Die Bindung des Kindes
  • Geschwister
  • Rechtsanwälte als Parteianwälte
  • Das Kind im Familiengericht

2. Fremdplatzierung

Die Darstellung der Fremdplatzierung umfasst insbesondere die Kapitel:

  • Unzureichende Versorgung des Kindes
  • Die Annahme als Kind
  • Kinderehen
  • Unbegleitete Flüchtlingskinder

Wie man bereits dieser Kapitalübersicht entnehmen kann, befasst sich der Autor neben grundsätzlichen Fragestellungen etwa zur Regelung der elterlichen Sorge auch mit Themen, die in den zurückliegenden Jahren an besonderer Relevanz gewonnen haben (etwa mit der medizinischen Behandlung von intergeschlechtlichen Neugeborenen, Kinderehen oder der Rechtsstellung von unbegleiteten Flüchtlingskindern). Im Interesse der Aktualität der Neuauflage werden auch das neue Sachverständigenrecht, das am 15.10.2016 in Kraft getreten ist oder etwa auch neuere Entwicklungen in der Rechtsprechung zum (paritätischen) Wechselmodell dargestellt.

Entsprechend dem Untertitel des Werkes (Schutz des Kindeswohls unter „rechtlichen, psychologischen und pädagogischen Aspekten“) wählt der Autor für seine Darstellungsweise einen mehrdimensionalen Ansatz: einleitend finden sich in den jeweiligen Kapiteln vielfach Statistiken (etwa über die Anzahl von nichtehelichen Lebensgemeinschaften oder eingetragenen Lebenspartnerschaften) oder eine Darstellung des wissenschaftlichen Diskussionsstandes (z.B. zum Wechselmodell „viel alter Wein in neuen Schläuchen?“, S. 116). Es folgt eine Darstellung der für die jeweilige Thematik relevanten rechtlichen Grundlagen. Letztlich bindet der Autor entwicklungspsychologische und pädagogische Überlegungen in seine Ausführungen mit ein, ohne die ein adäquater Schutz des Kindeswohls wohl kaum möglich wäre.

Diskussion

Das Buch zeichnet sich durch seine disziplinübergreifende Darstellung der Materie aus. Dem Autor gelingt es aufgrund seiner Qualifikation als Jurist und Psychologe gekonnt, die Darstellung der rechtlichen Grundlagen mit psychologischen und pädagogischen Überlegungen zu verknüpfen.

Dabei ist das Werk einerseits so verständlich geschrieben, dass es einen Zugang zu der Thematik unabhängig von einer entsprechenden Vorbildung in der jeweiligen Fachmaterie ermöglicht. Andererseits ist es aber auch so fundiert und durch die praktische Erfahrung des Autors geprägt, dass es seinem Untertitel gerecht wird und als „Praxishandbuch zum Schutz des Kindeswohls“ in familiengerichtlichen Verfahren taugt.

Chancen und Risiken einer solch übergreifenden Darstellung liegen im Einzelfall eng beieinander: So stellt der Autor im Rahmen des Kapitals über „Vermittlung bei Trennung und Scheidung“ (S. 46 ff.) die Grundlagen und möglichen Abläufe einer Familienmediation vor. Im Rahmen des Kapitals „Das Kind im Familiengericht“ (S. 259 ff.) werden die Grundlagen der Kommunikation mit dem Kind dargestellt, was unter anderem auch die beispielhafte Auflistung ganz konkreter Formulierungen möglicher Fragen an das Kind mit einschließt. – Die Darstellung der Themen „Gesprächsführung“ und „Mediation“ ist zwar einerseits recht ausführlich, sie kann aber gleichwohl eine gesonderte und vertiefte Auseinandersetzung mit der jeweiligen Materie nicht ersetzen. Daher stellt sich die Frage, ob die Behandlung dieser Themenbereiche nicht spezifischen Publikationen überlassen werden sollte.

Darüber hinaus scheint die Gliederung des Werkes nicht immer ganz zwingend. Dies betrifft z.B. die „Beschneidung des männlichen Kindes“ oder die „Intergeschlechtlichtkeit des Kindes“ im Rahmen des Teils über die Trennung und Scheidung einerseits oder die Frage der „Kinderehen“ im Rahmen des Teils „Fremdplatzierung“ andererseits. Letztlich ist dies aber Ausdruck der Vielfalt der Fragestellungen, die im Bereich „Schutz des Kindeswohls“ von Relevanz sind und stört die Lektüre des Buches nicht.

Fazit

Der Begriff des „Kindeswohls“ ist wohl der zentrale Begriff im Bereich des Rechts von Kindern und Jugendlichen. Eine adäquate juristische Auslegung dieses Begriffs kann in der Praxis aber nur dann erfolgen, wenn auch pädagogische und psychologische Wertungen in die Anwendung der entsprechenden Normen mit einbezogen werden. Eine solch disziplinübergreifende Sichtweise für den Praktiker handhabbar zu machen und dadurch die Bedingungen für Kinder zu verbessern und das Kindeswohl zu schützen, ist der besondere Verdienst des Werkes.


Rezensent
Prof. Dr. Burkhard Küstermann
Professor an der BTU Cottbus-Senftenberg
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Zitiervorschlag
Burkhard Küstermann. Rezension vom 10.01.2019 zu: Rainer Balloff: Kinder vor dem Familiengericht. Praxishandbuch zum Schutz des Kindeswohls unter rechtlichen, psychologischen und pädagogischen Aspekten. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 3., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8487-3981-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24002.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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