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Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Herausforderung Integration

Cover Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Herausforderung Integration. Wie das Zusammenleben mit Geflüchteten und MigrantInnen gelingt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 240 Seiten. ISBN 978-3-8379-2712-2. D: 34,90 EUR, A: 28,70 EUR.
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Thema

Immer wenn es um Immigration geht, ist das Zauberwort „Integration“ gleich zur Hand, so auch nach der Ankunft von Hunderttausenden Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen. Die sozialwissenschaftliche und gesellschaftspolitisch hoch brisante Frage ist die, was „Integration“ konkret bedeutet und wer damit zu tun hat. Katholische und Evangelische Christen haben sich dafür in Theorie und Praxis besonders engagiert.

Herausgeber

Dr. Siegfried Karl ist Studentenpfarrer und Dozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Hans-Georg Burger dort Pressereferent und Publizist.

Autorinnen und Autoren

Insgesamt 25 Autorinnen und Autoren haben zu diesem Band beigetragen. Sie vertreten die Institutionen im Umfeld, also die Landesregierung, die Stadt Gießen, die Kirchen, die Hochschulen, ebenso wie einzelne Dienste und Organisationen; dazu kommen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer u.a. aus dem Bereich der Theologie und Politikwissenschaften.

Entstehungshintergrund

Die Katholische Hochschulgemeinde Gießen hatte zu ihrem neunzigjährigen Bestehen zu einem Kolloquium „Herausforderung Integration“ eingeladen. Die meisten Grußworte, Berichte und Vorträge des 12.11.2016 wurden überarbeitet und um etliche Artikel ergänzt (Redaktionsschluss Juli 2017)

Aufbau

In diesem Band sind nach den Grußworten der Oberbürgermeisterin und des Diözesanadministrators sowie der mit 25 Seiten ausführlichen Einleitung insgesamt 18 Texte unterschiedlicher Sorten versammelt: kurze politischen Statements von Bernhard Vogel (ehemaliger Ministerpräsident) und Jo Dreiseitel (damaliger Staatssekretär in Hessen), Interviews mit Experten, Stichpunkte oder Erfahrungsberichte aus der (eigenen) Praxis, ausgefeilte Abhandlungen, abschließend der Anhang zur Geschichte der KHG Gießen, zuletzt (auf 10 Seiten) eine ausführliche Vorstellung aller Autorinnen und Autoren.

Im Mittelpunkt stehen die „Konzepte zur Integration“ und die „Erfahrungen aus der Praxis“, vor allem aus der Hochschulgemeinde und den Hochschulen selbst. Mit über 50 Seiten ist der Artikel über „Ansätze für eine Ethik der Integration“ der umfangreichste.

Ausgewählte Inhalte

Aus den 18 Beiträgen sind folgende hervorzuheben:

1. Nach Ansicht des Politologen Claus von Leggewie ist Integration das, was sich ergibt, wenn gesellschaftliche Subsysteme, ja auch Parallelgesellschaften zusammenwirken. Dabei auf eine deutsche Leitkultur zurückgreifen zu wollen, sei nutzlos, da eine solche weder ethnisch noch kulturell definiert werden könnte, geschweige denn auf einen Nenner zubringen wäre. Für die Herausgeber ist Integration ein Projekt, ein Prozess, der Jahre und Jahrzehnte dauern wird, weil die Globalisierung gerade erst so richtig begonnen hat.

2.Yasar Sarikaya (Prof. für Islamische Theologie) und die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Ulrika Kilian sehen einen großen Fortschritt darin, dass das Fach Islamische Religion flächendeckend an weiterführenden Schulen in Hessen eingeführt ist. Damit ist eine Form der Anerkennung verbunden. Für die Öffentlichkeit gibt es Klarheit, welche Inhalte hierbei wichtig sind und aus dem Koran abgeleitet werden können, welche nicht.

3. Cornelia Tigges (Migrationsdienst der Caritas) und Pater Frido Pflüger (Jesuiten-Flüchtlingsdienst) halten es für unverantwortlich, den Familiennachzug für subsidiär geschützte Flüchtlinge auszusetzen, da dies der Integration schade. Pflüger ist überzeugt davon, dass die Fluchtursachen nicht ausreichend bekämpft, ja vielmehr verstärkt werden, wenn die starken Ökonomien die Märkte in West- und Ostafrika kaputt machen.

4. Die Gießener Präsidenten Joybrato Mukherfeem (Universität) und Mathias Willems (TH Mittelhessen) können über die ersten Erfolge berichten, studierfähige Flüchtlinge nicht nur zu beraten und als Gasthörer/innen in Lehrveranstaltungen einzuladen, sondern auch regelrecht zu immatrikulieren.

5. Pfarrer Hermann Wilhelmy (Flüchtlingsseelsorge der evangelischen Kirche) plädiert in dem Interview dafür, in der Flüchtlingspolitik die Menschenrechte obenan zu stellen, statt immer nur die Gesetze zu verschärfen.

6. Im Anschluss an den litauischen Philosophen Emmanuel Levinas entwickelt Siegfried Karl seine Ansätze für eine Ethik der Integration. Diese geht davon aus, dass die Menschen für den Anderen Verantwortung haben. Es geht nicht um einzelne Maßnahmen der Integration, sondern um die zwischenmenschliche Beziehung, die Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band werden viele Fragen der Flüchtlingspolitik angesprochen, wenn auch nicht tiefschürfend analysiert oder in allen Konsequenzen weitergedacht. Das beginnt u.a. bei der wohlfeilen Formel „Sicherung der EU-Außengrenzen“, die ja nicht verhindern kann und darf, dass Personen die Grenzen überschreiten, um Asyl zu beantragen.

Auch in diesem Band gibt es Beiträge, die versuchen, die Einstellungen der Bevölkerung (einschließlich der 20 % mit Migrationshintergrund?) in Bezug auf Migration und Flucht abzufragen. Allen Ernstes werden Stellungnahmen auf folgende Fragen erwartet: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollen sich an der deutschen Kultur orientieren.“ und „Einmal ganz allgemein gesprochen: Leben in Deutschland heute zu viele Ausländer?“ Da sollten die Sozialwissenschaften mal reflektieren, welche Denke sie so herbeifragen.

Auch in diesem Band zeigt sich: Wer sich davor scheut, von „Leitkultur“ zu sprechen, beschwört dann doch die „Werte“, allen voran die Gleichstellung von Mann und Frau. Als ob die in Deutschland längst perfekt und die Katholische Kirche eine ihrer großen Vorkämpferinnen gewesen sei.

Mancher Beitrag, so wird offengelegt, ist bereits anderwärts erschienen, einer sogar im November 1999 zum Thema „innerdeutsche Integration“.

Die abschließende Abhandlung, die mehr als ein Siebtel des Bandes ausfüllt, formuliert eine Ethik, die schwer nachvollziehbar ist und leider im Ungefähren bleibt. Hier hätte man sich doch mehr zur menschenrechtlichen Begründung von Flüchtlingspolitik erwartet.

Beim Thema (?) „Familiennachzug“ erinnere man sich auch an die Kinderrechtskonvention, die die Vertragsstaaten verpflichtet, Kindern nicht ihre Eltern vorzuenthalten und die Familie zu schützen.

Einzig Frido Pflüger bringt die Herausforderung, der wir uns eigentlich stellen müssen, auf den Punkt: „Wir tun so, als ob wir unser gutes Leben verdient hätten und es auch verteidigen dürften… Dabei blenden wir aus, wie sehr wir in Europa in der Vergangenheit – durch Kolonialismus und Versklavung – und in der Gegenwart, zum Beispiel durch unsere Waffenexporte und ungerechte Handelsbeziehungen, dazu beigetragen haben, dass die Welt so ist, wie sie jetzt ist.“ Und in Erinnerung an Kant formuliert er: „Ursprünglich aber hat niemand mehr Recht als der Andere, an einem Ort der Erde zu sein“!

Fazit

Festveranstaltungen, ausführlich dokumentiert, haben den Vorteil, dass sie unterschiedliche politische und zivilgesellschaftliche Akteure, bei allem Hang zur Selbstdarstellung, in den Diskursmodus bringen können. Wieweit Anstöße und Provokationen dann wirken, ist nicht abzuschätzen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 13.02.2018 zu: Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Herausforderung Integration. Wie das Zusammenleben mit Geflüchteten und MigrantInnen gelingt. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2712-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24004.php, Datum des Zugriffs 26.05.2018.


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