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Tanja Sturm, Monika Wagner-Willi (Hrsg.): Handbuch schulische Inklusion

Cover Tanja Sturm, Monika Wagner-Willi (Hrsg.): Handbuch schulische Inklusion. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 334 Seiten. ISBN 978-3-8252-4959-5. D: 37,99 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Herausgeberinnen

Die Herausgeberin Tanja Sturm ist Professorin an der Universität Münster, Institut für Erziehungswissenschaft, und Monika Wagner-Willi ebenfalls als Herausgeberin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel.

Thema

Das Handbuch widmet sich in besonderer Weise dem Spannungsverhältnis der inklusiven Gestaltung von Lernkulturen im Kontext organisationsspezifischer Einbettung einerseits und marktwirtschaftlichen Anforderungen andererseits.

Zielgruppe

Als Zielgruppe sollen in erster Linie Studierende angesprochen werden.

Aufbau

Die 20 Beiträge sind nach folgenden Teilen gegliedert:

  1. Einführung und Grundlagen: zentrale Diskurse, Begriffe und theoretische Zugänge zum Thema.
  2. Schulische Bildungsorganisationen und Inklusion.
  3. Professionelle und Adressatinnen und Adressaten im Feld schulischer Inklusion.

Im Folgenden werden die genannten Buchteile kurz umrissen und dort jeweils ein Themenschwerpunkt besprochen.

Zum 1. Teil

Dieser Teil widmet sich Diskursthemen zur Inklusion sowie u.a. Organisations-, Differenz-, Intersektionalitäts- und Anerkennungstheorien (Judith Butler). Perspektiven werden aus erziehungswissenschaftlicher und wissenssoziologischer Sicht entwickelt. Dabei wird eine sozialwissenschaftliche Betrachtung auf den inklusionspädagogischen Gegenstandsbereich in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft bevorzugt.

Beispielsweise beschreiben Anja Tervooren und Nicolle Pfaff in ihrem Beitrag „Inklusion und Differenz“ die Etablierung des Inklusionsbegriffs in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft, skizzieren die Entwicklung differenztheoretischer Perspektiven und erörtern Vorschläge differenztheoretischer Zugänge. Zu diesen Vorschlägen gehört u.a. die Bedingung, Nicht-Behinderung und Normalität zu verstehen, wie auch soziale Differenzen mit anderen Differenzlinien in Beziehung zu setzen. Dadurch wird die Ausbildung einer kritisch-konstruktiven Position gegenüber zukünftig zu gestaltenden Inklusionspraktiken möglich. Die Notwendigkeit einer solchen Position ergibt sich dabei aus den zahlreich dargestellten Forschungsbefunden. Dies betrifft etwa die erhöhte Zuweisung von Schülerinnen und Schülern zu Förderschulen aufgrund der Merkmale Geschlecht und/oder Migrationshintergrund (institutionelle Diskriminierung).

Zum 2. Teil

Es wird eine Ideengeschichte der Inklusion bezogen auf die Schulpädagogik skizziert, internationale Entwicklungen dargestellt sowie auf Forschungsbefunde eingegangen. Herausgearbeitet werden Aspekte der Steuerung in der Schulorganisation und es wird die Schulentwicklung in gesellschaftlichen Spannungsfeldern dargestellt.

Ein weiterer Themenschwerpunkt ist inklusiver Fachunterricht, Inklusion und Leistung sowie Kompetenz und Disability.

Eine Markierung in der Forschungsentwicklung seit 1970 stellt die UN- Behindertenrechtskonvention dar. Waren in den frühen Jahrzehnten Schulversuche, ausgestattet mit Begleitforschung, häufig zu finden, ergeben sich seit ca. 2010 neue Themen. Untersucht werden beispielsweise Formen sozialer Teilhabe in der Primarstufe. Mit einem Hinweis auf Studien in Nordengland werden dort erzielte Ergebnisse genannt, die feststellen, dass der Faktor Behinderung nicht zwangsläufig zur Isolation führen muss.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis auch aus dem Primarbereich: „Die defizitäre Sichtweise seitens Erwachsener beeinflusst Kinder mit Behinderung in Bezug auf Lernen, Teilhabe und Zugang zu Lerninhalten negativ“ (S. 147). In der Sekundarstufe zeigt sich eine zunehmende Distanz zwischen Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung, die aber gegen Ende des 8. Schuljahres endet und wieder zu einer Annäherung führt. Generell sind Übergangsphasen Gegenstand von empirischen Untersuchungen (Kindertagesstätte – Primarstufe – Sekundarstufe). Weiterhin referiert dieser Beitrag von Eva Theresa Böhm, Katharina Felbermayr und Gottfried Biewer Erkenntnisse zur Unterrichtsforschung. Hier werden englischsprachige Publikationen herangezogen, die z.B. auf die Bedeutung von feed-back und die Bereitstellung von zeitlichen Ressourcen hinweisen.

Die Forschungsgruppe macht abschließend darauf aufmerksam, dass bezüglich der Inklusion der soziale Hintergrund des Elternhauses und die Vielfalt wertschätzende Haltung der Lehrkräfte eine bislang unterschätzte Rolle spielen – nicht zuletzt weil das Eintreten für Inklusion eine normative Entscheidung beinhaltet.

Zum 3. Teil

Der letzte Teil der Veröffentlichung richtet sich an die professionellen Lehrkräfte in einer inklusiven Schule mit entsprechender Unterrichtspraxis. Thematisiert wird in diesem Kontext die Bedeutung von Schulleitungen. Drei Beiträge widmen sich den Lehrpersonen im Unterrichtsgeschehen:

  • Differenzkonstruktion,
  • Professionalisierung,
  • Lehrerinnen und Lehrerbildung.

Der letzte Beitrag des Bandes unter dem Titel „Schülerinnen und Schüler: Inklusion und Differenz in mehrdimensionaler Perspektive“ von Monika Wagner-Willi betrachtet den Schulalltag prozessorientiert und differenzübergreifend mit Bezug zum Lerngegenstand, zur sozialen Situation in der Klasse wie auch in Bezug zu Peergruppen.

In dem Beitrag zu multiprofessionellen Teams wird darauf hingewiesen, dass multiprofessionelle Kooperationsanstrengungen im Konflikt mit der hergebrachten Organisationslogik stehen, weil diese parzellierte Aufgliederungen in unterschiedlichen Untereinheiten bevorzugt. Soll die daraus resultierende Addition verschiedener professioneller Expertisen vernetzt werden, muss eine neue interaktive, durch Wertschätzung und Vertrauen getragene, Ordnung gemeinsam erarbeitet werden. Ein weiteres Problem ist die berufliche Autonomie insbesondere der Lehrpersonen. Der Autor, Patrik Widmer-Wolf, verweist aber darauf, dass die Annahme von Autonomieverlust bei verstärkter Zusammenarbeit nicht zwingend ist. Der von Heterogenität geprägte inklusive Unterricht erfordert ein interdisziplinäres berufliche Selbstverständnis der beteiligten Berufsgruppen und bestehende Differenzen müssen als egalitär wahrgenommen werden. Das sich insgesamt ergebende Spannungsfeld wird u.a. auf das Handlungsfeld Schulsozialarbeit bezogen. Hier kommt die häufig vorfindliche schulkritische Position der Schulsozialarbeit erschwerend hinzu. Insgesamt zeigen aber einschlägige Befunde zur Kooperation im Zusammenhang mit Ganztagsschulen, dass befriedigende, zu einer gelingenden Multiprofessionalität führende, Pfade in Bezug zur Schulsozialarbeit gefunden werden konnten.

Diskussion

Das Handbuch führt auf eine umfassende und anspruchsvolle Weise in das inklusive Bildungsverständnis ein, wobei der Begriff Lehrbuch statt Handbuch im Buchtitel angemessener erscheint.

Da die Herausgeberinnen die einschlägig Studierenden als wichtige Zielgruppe des Bandes beschreiben, wäre eine sich verstärkt der Praxis widmende Perspektive begrüßenswert gewesen. So hätten z.B. heterogenitätserfahrene Schulleute aus ihren Praxiszusammenhängen einen konstruktiven Beitrag liefern können. Ein inklusives Bildungsverständnis und die Erörterung der Notwendigkeit von Multiprofessionalität in inklusiven Schulen erfordert auch eine heterogene Verzahnung von Theorie und Praxis in einem solchen Handbuch.

Hinzu kommt, dass Studierende der Disziplin Erziehungswissenschaft, insbesondere aber Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter, auch auf die zukünftige Berufspraxis vorzubereiten sind. Dies leistet das Handbuch nur gegrenzt. Das Großprojekt Inklusion hat noch viele theoretische wie eben auch praktische Hindernisse zu bewältigen, bevor eine Schule der Vielfalt zu einer allgemeinen Schulpraxis geworden ist.

Fazit

Das Handbuch führt auf eine umfassende Weise in das inklusive Bildungsverständnis ein. Schwerpunkte sind zentrale Diskurse und theoretische Zugänge zum Thema Inklusion, die Bedeutung schulischer Bildungsorganisationen für Inklusion sowie die Positionierung professioneller Fachpersonen im Feld schulischer Inklusion. Als bevorzugte Zielgruppe des Bandes sind Studierende der einschlägigen Fachbereiche angesprochen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 12.04.2018 zu: Tanja Sturm, Monika Wagner-Willi (Hrsg.): Handbuch schulische Inklusion. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8252-4959-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24005.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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