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Natasha A. Kelly: Afrokultur

Cover Natasha A. Kelly: Afrokultur. »der Raum zwischen gestern und morgen«. Unrast Verlag (Münster) 2016. 204 Seiten. ISBN 978-3-89771-221-8. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Autorin

Natasha A. Kelly ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten (Post-)Kolonialismus und Feminismus. Die in London geborene und in Deutschland sozialisierte Panafrikanistin versteht sich selbst als „akademische Aktivistin“, die stets versucht, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. In und durch die Künste bringt sie dies zum Ausdruck. Zudem hat sie als Dozentin an zahlreichen privaten und staatlichen Einrichtungen in Deutschland und Österreich gelehrt und referiert und ist seit vielen Jahren in der Schwarzen [1] Community engagiert. Zu ihren jüngsten Publikationen gehören „Sisters and Souls“, eine Anthologie zu Ehren der afrodeutschen Dichterin May Ayim (Orlanda 2015) und „Afrokultur. der raum zwischen gestern und morgen“ (2016), ihre Dissertationsschrift, die im Unrast Verlag erschienen ist.

Seit 2015 präsentiert Kelly mit verschiedenen Schwarzen Künstlerinnen jährlich die sequentielle Performance-Reihe„M(a)y Sister“ zu Ehren von May Ayim am HAU Hebbel am Ufer Theater Berlin. Vom 1. Bis 3. November 2018 kuratiert sie dort „The Comet“, ein Black Speculative Arts Symposium, eine Veranstaltungsreihe zu Afrofuturismus und W.E.B. du Bois in Berlin, zu Ehren dessen Geburt vor 150 Jahren.

Thema

Natasha A. Kelly stellt durch die Darstellung der Biografien und Werke von W.E.B. du Bois, Audre Lorde und May Ayim zum einen Schwarze deutsche Geschichte in den Kontext von globaler (post-)kolonialer Herrschafts- und Widerstandsgeschichte. Zum anderen analysiert sie rassistische Machtverhältnisse im Bereich der Wissenschaft. In vielen Facetten geht Natasha A. Kelly auf die Beiträge und das Wirken der drei Autor*innen ein, die einen zentralen Beitrag für den Widerstand gegen Rassismus international und insbesondere in Deutschland hatten und haben. Zudem stellt sie ihr Verständnis rassismuskritischer Wissens-Aneignungen dar.

Aufbau und Inhalt

In Schulen, Hochschulen und Universitäten in Deutschland werden in Bildungsmaterialien vielfach koloniale Afrika-Bilder und rassistisches Gedankengut über Menschen in Afrika und Personen afrikanischer Herkunft verwendet und verbreitet. Die Vielfalt des Wissens aus und in Afrika und der Wissenschaftler*innen afrikanischer Herkunft wird in der Regel nicht zur Kenntnis genommen. Dem entspricht auch die systematische Unterrepräsentanz von Lehrer*innen und Professor*innen afrikanischer Herkunft (und anderer Migrationsländer) an Schulen und Universitäten. Als wissend und bedeutsam werden vor allem als „weiß“ und „europäisch“ angesehene Personen behandelt, zitiert, angehört und analysiert. In dieses Machtverhältnis intervenieren Wissensvermittler*innen wie W.E.B. du Bois, Audre Lorde und May Ayim, die alle Mehrfachzugehörigkeiten, rassistische und geschlechterbezogene Unterdrückung und den Widerstand durch Selbstorganisation und Selbst-Artikulation betonen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im Kapitel zu Schwarzen Wissens_reproduktionen in Deutschland wird die Wissensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte in Kolonialismus-kritischer Perspektive re_historisiert. Insbesondere wird der Zusammenhang der gesellschaftlichen Position zur Anerkennung oder Diskriminierung im Wissenschaftsbetrieb in einer von Rassismus strukturierten Gesellschaft thematisiert.

William Edward Burghardt du Bois (1868-1963) war ein Begründer der Soziologie, der Black Studies. Er war Historiker sowie Mitbegründer der afroamerikanischen Bürger*innenrechtsbewegung, der Analysen und kritisch-reflexive sowie intervenierende Ideologien vermittelte. Er behandelte u.a. die Versklavung und den Widerstand gegen diese und den Kolonialismus in den USA sowie den Beitrag der sich befreit habenden ehemals versklavten Personen an der Entwicklung der USA in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk ist „The Souls of Black Folk“ (1903 erschienen, ins Deutsche übersetzt 2003: Die Seelen der Schwarzen). W.E.B. du Bois studierte und promovierte in den USA und Deutschland und nahm maßgeblich Einfluss auf das Denken von Max Weber und viele andere Soziolog*innen und Historiker*innen. In seinen vielen Werken beschreibt er rassistische Verhältnisse in Verbindung mit kapitalistischer und vergeschlechtlichter Ausbeutung. In Zeitschriften, Zeitungen, Artikel und Reden analysiert er bestehende Gesellschaftsverhältnisse und vermittelt Visionen für konkrete gerechtere institutionelle und ökonomische Verhältnisse. Stets weist er dabei auf den subjektivierenden Charakter von Herrschaftsverhältnissen hin, jedoch auch auf Widerstands- und Transformationsmöglichkeiten, zum Beispiel mit seinem Konzept des double consciousness, des doppelten Bewusstseins, oder durch Anregungen zu selbstorganisierten Schwarzen Communities. Seine eigene gesellschaftliche Positionierung im Gesellschaftsverhältnis Rassismus, welches er oft mit der Metapher des trennenden Schleiers benennt, thematisiert er dabei stets in Verbindung mit seinen Analysen und Zielvorstellungen.

Audre Lorde (1934-1992) war eine lesbische, feministische und Schwarze, Mutter und Aktivistin, die die Selbstorganisation und literarisch-künstlerische Aktivität von Schwarzen Frauen in den USA und in Deutschland maßgeblich begründet, gefördert, inspiriert und begleitet hat. Als Kultur-Vermittlerin hat sie systematisch Diskriminierungs- und Gewalt-Verhältnisse aus der Perspektive Schwarzer Frauen beschrieben, den Überlebenskampf, die Widerstandskraft und die Wichtigkeit des gemeinsamen Sprechens, Hörens und Erlebens. Sie beschreibt Wege, wie die zum Schweigen gebrachte eigene Stimme wieder lebendig werden kann. Für Lorde sind „Sprechen und Schreiben epistemologische Werkzeuge, die zum Akt der Selbstoffenbarung und den damit verbundenen Möglichkeiten der Selbstprüfung und Transformation der eigenen Identität führen.“ (Kelly 2016: 34). In autobiografischen Büchern, Gedichtbänden und Vorträgen zeigt Lorde die Kraft der Poesie, „um die Wunden des rassistischen Separatismus und ihre gelebte emotionale Isolation zu lindern.“ (Kelly 2016: 35). In mehreren Besuchen in Deutschland organisierte Audre Lorde Vernetzungstreffen Schwarzer Frauen und inspirierte so das Buch „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“, herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Ayim und Dagmar Schultz (1986).

May Ayim (1960-1926) war eine afro-deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin in der Schwarzen deutschen Community. May Ayim hat mit ihrer Rekonstruktion der Geschichte Schwarzer Deutscher (ihrer Diplomarbeit, die mit anderen Texten im Buch Farbe bekennen erschien) und ihren Gedichten den systematisch ausgeübten Rassismus in Deutschland vor und nach der „Wiedervereinigung“ beschrieben. In eindrücklichen Gedichten schildert May Ayim rassistische Abwertungen, das Absprechen des Deutschseins gegenüber afrodeutschen Personen und den beständigen Widerstand und die Selbstbehauptung gegenüber Rassismus. Natasha A Kelly beschreibt May Ayim als „change-agent“, als Vermittlerin des Wechsels, „die in der Lage ist, sich durch selbstreflexives Schreiben selbstkritisch in Beziehung zur weißen Mehrheitsgesellschaft wahrzunehmen. Indem sie ihre eigenen Wissens_reproduktionen als Medium einsetzt, um ein ‚neues‘ Bewusstsein innerhalb der deutschen Bevölkerung zu verbreiten, bringt sie gesellschaftliche Veränderungen hervor, die nicht zuletzt ihrem unabhängigen Blick, dem Wechselspiel von Blickregime und Un-Sichtbarkeit sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache geschuldet sind.“ (Kelly 2016: 52). Die „Ent-Wahrnehmung“, also die Nicht-Wahrnehmung, afrodeutscher Personen, wird von May Ayim kritisiert und verändert.

Im Kapitel „Deutschland Postkolonial“ wird der Stand der postkolonialen Forschung in und zu Deutschland vorgestellt und die Perspektive der Dekolonialität als Zukunftsperspektive skizziert, um im Kapitel zu „Kolonialen Ent-Wahrnehmungsgeschichte(n)“ auf Praxen sprachliche Kolonialität durch das „Entnennen und Ent-Erwähnen“, das „Entäußern“ und „Entinnern“ sowie das „Entsehen und Ent-Visualisieren“ einzugehen. Schwarze Autor*innen und Akteur*innen werden oft nicht benannt, nicht präsentiert, nicht als Wissenschaftler*innen gesehen. Dies gilt mit kleinen Brüchen und Veränderungen seit der Zeit des Kolonialismus bis heute. Insbesondere in Diskursen über „die Schwarze Frau“ werden koloniale und sexistische Stereotype re_produziert. Insgesamt bestehen koloniale Wissensmuster und Denkmuster weiter fort und werden selten kritisiert. Wissen wird vielfach in kolonialer und rassistischer Perspektive und Logik als überlegen und interessant, versus unterlegen und uninteressant kategorisiert.

Im Fazit wird die Notwendigkeit, Schwarzes Wissen und Schwarze Autor*innen mit afrikanischer Herkunft zur Kenntnis zu nehmen, zu lesen und zu verbreiten, nochmals dargestellt, ebenso eine Kritik eurozentrisch weißer Wissens_reproduktion. Mit Bezug auf das Entäußern und Entinnern zeigt sich die Notwendigkeit, Erinnerungskultur in Deutschland neu zu gestalten und andere Perspektiven auf Geschichte(en) zuzulassen.

Fazit

Es handelt sich bei dem Buch von Natasha A. Kelly zweifellos um ein lesenswertes und inspirierendes Buch, welches tiefe und differenzierte Einblicke und Anregungen von drei bedeutsamen Autor*innen, ihren Werken und Biografien vermittelt und eine systematische und selbstreflexive Analyse von Wissenschaft und Gesellschaftsgeschichte. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch viele Leser*innen findet, da koloniale und rassistische Mechanismen fundiert analysiert und Veränderungsperspektiven nachvollziehbar dargelegt werden. Gerade angesichts derzeitiger Debatten um Zugehörigkeit und Rassismus hat das Buch eine hochaktuelle Relevanz und kann einen wichtigen Beitrag für eine kritische Perspektive leisten.


[1] Als „Schwarz“ werden sowohl rassismuserfahrene Personen als auch Personen afrikanischer Herkunft benannt, eine Bezeichnung, die auch von Selbstorganisationen in Deutschland verwendet wird.


Rezensent
Prof. Dr. Claus Melter
Fachhochschule Bielefeld, Arbeitsschwerpunkte diskriminierungs- und rassismuskritische Soziale Arbeit und Bildung, Dekolonisierung sowie Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus als „behindert“ und „krank“ angesehen wurden. Mitarbeiter bei Entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung – Bielefeld
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Zitiervorschlag
Claus Melter. Rezension vom 09.08.2018 zu: Natasha A. Kelly: Afrokultur. »der Raum zwischen gestern und morgen«. Unrast Verlag (Münster) 2016. ISBN 978-3-89771-221-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24006.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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