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Marlis Pörtner: Ernstnehmen - Zutrauen - Verstehen

Cover Marlis Pörtner: Ernstnehmen - Zutrauen - Verstehen. Personzentrierte Haltung im Umgang mit geistig behinderten und pflegebedürftigen Menschen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 242 Seiten. ISBN 978-3-608-96166-9. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

Den Mittelpunkt dieses Buches bilden die Grundprinzipien der personzentrierten Arbeit. Es sind Empathie, Wertschätzung, Kongruenz, die Orientierung am subjektiven Erleben, die Bestätigung der kleinen Schritte und vor allem die Überzeugung, dass nicht die Defizite das Entscheidende sind, sondern die Ressourcen. Konkret und praxisnah wird beschrieben, wie diese Prinzipien im Alltag der Institution und im therapeutischen Umgang umgesetzt werden können.

Autorin

Marlies Pörtner ist Psychologin sowie Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Zu ihren Klient*innen gehören Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Parallel dazu ist sie in sozialen Einrichtungen als Praxisberaterin und Supervisorin tätig.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage erschien 1996, mittlerweile liegt die 11. Auflage vor, die aktualisiert und überarbeitet wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 243 Seiten, diese gliedern sich in 14 Kapitel und einem Anhang. Im Fließtext findet man eine Fülle von Beispielen, die durchnummeriert und zur besseren Sichtbarkeit eingerückt sind. Manche Begriffe und Erläuterungen sind kursiv gedruckt und heben sich damit vom Fließtext ab. Wünschenswert wäre ein Stichwortverzeichnis gewesen, leider ist es nicht vorhanden.

  1. Einführung
  2. Worum es geht?
  3. Die Grundlagen der personzentrierten Arbeit
  4. Richtlinien für den Alltag
  5. Besondere Aspekte in der Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung
  6. Auswirkungen für die Betreuerinnen
  7. Der Stellenwert des Konzeptes in der Institution
  8. Ist das personzentrierte Konzept auch in der Familie brauchbar?
  9. Prä-Therapie
  10. Personzentrierte Arbeit in unterschiedlichen Berufsfeldern
  11. Verwandte Ansätze im Pflegebereich
  12. Ein hoffnungsloser Fall?
  13. Konsequenzen für Aus- und Fortbildung
  14. Ausblick

Das erste Kapitel hat den Ursprung des personzentrierten Konzeptes und den Sprachgebrauch zum Inhalt. Das zweite Kapitel skizziert, was es heißt, personzentriert zu arbeiten und wozu ein Konzept notwendig ist. Die Ausführungen werden an zwei Beispielen konkretisiert. Im dritten Kapitel werden die Grundlagen der personzentrierten Arbeit beleuchtet, Teil A erläutert die theoretischen Grundlagen, die sich auf das humanistische Menschenbild, auf die personzentrierten Haltung und der Theorie vom Selbstkonzept beziehen. Teil B beinhaltet die Handlungsgrundlagen, vor allem ist damit das Gleichgewicht zwischen Rahmen und Spielraum gemeint. Ein zentraler Faktor stellt das Erleben dar. Die Autorin arbeitet heraus, dass nicht das, was fehlt Gegenstand der Betrachtung sein sollte, sondern das, was da ist. Jede Veränderung beginnt mit einem kleinen Schritt und der Weg ist ebenso wichtig wie das Ziel. Auch gilt es, Vertrauen in Entwicklungsmöglichkeiten zu haben und die Selbstverantwortung der Person nicht aus dem Blick zu verlieren.

Das vierte Kapitel „Richtlinien für den Alltag“ behandelt 15 Zugänge wie das Zuhören und das Ernstnehmen. Ausgangspunkt des Handelns ist die Normalsituation. Es hilft, beim Naheliegenden zu bleiben und sich nicht durch Vorwissen bestimmen lassen. Es gilt Erfahrungen zu ermöglichen, auf das Erleben einzugehen und zu ermutigen. Nicht hilfreich ist es, ständig auf das Symptom zu starren, sondern hilfreich ist, die Eigenständigkeit zu unterstützen, überschaubare Wahlmöglichkeiten zu geben und Stützen für selbstständiges Handeln anzubieten. Klare Informationen sind ebenso hilfreich wie eine Sprache, die verständlich ist.

Um besondere Aspekte in der Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung geht es im fünften Kapitel. Ziel ist, das Erleben nahezubringen und eigene Impulse anzuregen. Auch die Einstellung zur Behinderung ist Thema. Behandelt werden die Themen Paarbeziehungen und Sexualität sowie schwierige Anforderungen des Gruppenlebens.

Das Arbeiten nach dem personzentrierten Konzept hat Auswirkungen für die Betreuenden (Kapitel sechs) in zweierlei Richtungen: in den Anforderungen und im Gewinn.

Im siebten Kapitel wird der Stellenwert des Konzepts in der Institution betrachtet und ausgeführt, was es heißt personzentriert zu arbeiten. Hier liegt der Fokus auf der Führung. Das Konzept des personzentrierten Arbeitens ist ein Führungsinstrument und auch schon Teillösungen sind hilfreich. Es bedarf der sorgfältigen Einführung sowie klarer und sinnvoller Strukturen. Am Beispiel von zwei Institutionen wird das Konzept „Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen“ beschrieben. Das sind der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Bremen und die Stiftung für Schwerbehinderte in Luzern (SSBL). Die Beispiele zeigen deutlich, dass auch zwei verschiedene Vorgehensweisen möglich sind, die das gleiche Ziel verfolgen. Daran schließt die Reflexion an, ob das personzentrierte Konzept auch in der Familie brauchbar ist.

Das neunte Kapitel hat die sog. Prä-Therapie zum Inhalt. Dabei handelt es sich um eine Methode, zum Aufbau eines Kontakts zu Klient*innen, die kontaktbeeinträchtigt sind. Sie beruht auf klientenzentrierten Grundlagen der Wertschätzung, Einfühlung und Echtheit (Kongruenz). Im Sinne eines übergreifenden Prinzips werden fünf verschiedene Arten auf das Klientel einzugehen angewandt: das Ansprechen der Situation, das Eingehen auf die Körperhaltung, das Ansprechen des Gesichtsausdrucks, das Wort-für-Wort-Wiederholen und das Prinzip des Wiederaufgreifens. Dieses Modell ist auf alle Situationen anwendbar z.B. auch beim Umgang mit Halluzinationen. Dieser Abschnitt schließt mit Anwendungsmöglichkeiten im Alltag.

Kapitel 10 und 11 betrachten die personzentrierte Arbeit in unterschiedlichen Berufsfeldern wie z.B. einer psychiatrischen Klinik in Belgien, einem Kinderheim im Ruhrgebiet und in der Gemeindearbeit in Südafrika. Es gibt verwandte Ansätze im Pflegebereich, als Beispiel werden humanistische Pflegekonzepte und die Validation genannt. Die Autorin berichtet auch von Erfahrungen aus der Demenzpflege.

Das 12. Kapitel trägt den Titel „Ein hoffnungsloser Fall?“. Dargestellt wird eine therapeutische Einzelarbeit mit einer schwer geistig behinderten Frau.

Das Ende des Buches zeigt Konsequenzen für Aus- und Fortbildung auf und im letzten Kapitel wird ein Ausblick gegeben.

Im Anhang wird das sog. „Bremer Modell“ aus verschiedenen Perspektiven (Leitung, Mitarbeitende und Team) ausführlicher beschrieben.

Diskussion

Das Buch verknüpft verständlich geschriebene Theorie mit praktischen Beispielen. Damit gelingt es, den Ansatz der personzentrierten Haltung anschaulich darzustellen. Dabei handelt es sich keineswegs um einen neuen Ansatz, das Buch ist zum ersten Mal 1996 erschienen und wurde nun in der 11. Auflage überarbeitet aufgelegt. Der Titel „Ernstnehmen, Zutrauen und Verstehen“ fasst in diesen drei Begriffen den personzentrierten Ansatz zusammen. Dessen Grundlage ist der klientenzentrierte Ansatz von Carl Rogers, der ihn ursprünglich in der Arbeit mit Verhaltensauffälligen entwickelte. Der personzentrierte Ansatz geht über das therapeutische Arbeitsfeld der Gesprächspsychotherapie hinaus und ist in anderen Feldern einsetzbar.

In sechs Schaukästen werden Kerninformationen in Form von Leitfäden

  • Leitfaden 1: Handlungsgrundlagen,
  • Leitfaden 2: Richtlinien für den Alltag,
  • Leitfaden 3: den eigenen Anteil erkennen,
  • Leitfaden 4: Situationsbezogene Selbstreflexion,
  • Leitfaden 5: Beispiele für Qualitätskriterien, abgeleitet aus den Handlungsgrundlagen und
  • Leitfaden 6: Beispiele für Qualitätskriterien, abgeleitet aus den Richtlinien für den Alltag.

Der Ansatz ist nach wie vor aktuell, er zielt darauf ab, die Lebensqualität der betreuten Personen zu verbessern und Handlungsspielräume zu erweitern. Die Autorin macht von Anfang an klar: es geht nicht um Erziehung! Sie macht auch deutlich, dass es ihr darum geht, darauf zu schauen, was da ist, statt einseitig diagnostizierend die Defizite in den Blick zu nehmen. Nach ihrem Verständnis sollten Wissen und Kenntnisse im Sinne einer Verständnishilfe eingesetzt werden, um die eigenen Verständnismöglichkeiten zu vertiefen und dem Gegenüber ein Angebot zur Verfügung zu stellen, welches Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume offen lässt (S. 18).

Genau wie Bo Hejlkov Elvén arbeitet Marlies Pörtner heraus, dass der fremdbestimmte Ansatz ausgedient hat, bei dem Außenstehende genau zu wissen meinen, was für das Gegenüber richtig und wichtig ist. Das ist ein überaltertes Paradigma. Wichtig ist, dass z.B. der Mensch mit Behinderungserfahrung Kontrolle über sich selbst behält, eine darauf aufbauende Begleitung ist auf Vertrauensbildung ausgerichtet. Selbstkontrolle bedeutet, Lösungsstrategien, die die Fokusperson für sich entwickelt hat, mit Ernsthaftigkeit zu begegnen. Handlungsleitend sollte sein, diese eigen-kreierten Strategien anzunehmen, zu unterstützen und zu begleiten. Leider werden sie oftmals nicht wahrgenommen, missachtet oder als ungünstig interpretiert. Damit wird die Chance vertan, die Person in ihren eigenen individuellen Ausdrucksformen, in ihrer Kommunikationsform zu unterstützen. Vor 25 Jahren prägte ich einen Satz, der bis heute Gültigkeit hat: „Aggression ist Kommunikation“ – dieser Satz unterstreicht, dass Menschen verschiedene Kommunikationsformate nutzen. Begleitpersonen haben die Aufgabe, diese zu entschlüsseln und einen Umgang damit zu finden. Das ist Begegnung auf Augenhöhe. Wer mehr über den Ansatz von Bo Hejlkov Elvén erfahren möchte, findet eine Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/22159.php.

Was personzentriert nicht meint ist die Person losgelöst von ihrem Umfeld zu betrachten und auftretende Schwierigkeiten ausschließlich auf sie selbst zurückzuführen. Die Landkarte der Faktoren auf S. 19 macht zahlreiche Einflussmöglichkeiten anschaulich.

Die Fokusperson wird in die Suche nach Lösungen einbezogen und es gilt, Verhaltensweisen als sinnvoll anzunehmen und diesen Sinn zu verstehen. Ziel ist, die Suche nach konstruktiven Lösungen statt – wie oft üblich – sich in zermürbenden Machtkämpfen aufzureiben.

Fazit

Vom Stil her ist das hier vorgelegte Buch klar und verständlich geschrieben. Die Inhalte sind anschaulich dargestellt und in den über 50 Beispiele konkretisiert. In dem hier beschriebenen Ansatz steht der Mensch im Mittelpunkt, es werden die individuellen Ressourcen berücksichtigt und damit von dem ausgegangen, was da ist, nicht was fehlt. Die Autorin Marlies Pörtner hat das Anliegen, Menschen dabei zu unterstützen, eigene Wege zu finden. Das gelingt! Das beweisen nicht nur die zahlreichen Praxisbeispiele von einzelnen Protagonist*innen, sondern auch die Vorstellung von Institutionen wie z.B. dem ASB in Bremen.

Den Kern dieses Buches bilden die Grundprinzipien der personzentrierten Arbeit. Es sind Empathie, Wertschätzung, Kongruenz, die Orientierung am subjektiven Erleben, die Bestätigung der kleinen Schritte und vor allem die Überzeugung, dass nicht die Defizite das Entscheidende sind, sondern die Ressourcen.

Oft erlebe ich, dass Mitarbeitende den personzentrierten Ansatz für nicht machbar halten, mit dem Argument, dass der Betreuungsschlüssel zu eng sei. Dieser Kritik möchte ich widersprechen, denn bei diesem Ansatz steht nicht die Quantität im Vordergrund, sondern die Qualität der Unterstützung, Begleitung und Begegnung.

Ich schließe mich den Worten der Autorin an: das personzentrierte Arbeiten ist kein Wundermittel, das alle anstehenden Probleme aus dem Weg schafft, es ist aber ein konstruktiver und gangbarer Weg, sich aufkommenden Problemen zu stellen und dabei die Würde und Integrität der betroffenen Menschen in den Vordergrund zu stellen. „Dazu bedarf es keiner zusätzlichen Mittel, nötig ist vielmehr ein Umdenken, bei dem alle Beteiligten nur gewinnen können“ (S. 219). Ergo: Es ist eine Frage der Haltung, eben der personzentrierten Haltung auf der Grundlage von Carl Rogers.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.04.2018 zu: Marlis Pörtner: Ernstnehmen - Zutrauen - Verstehen. Personzentrierte Haltung im Umgang mit geistig behinderten und pflegebedürftigen Menschen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-96166-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24009.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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