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Wulf D. Hund: Wie die Deutschen weiß wurden

Cover Wulf D. Hund: Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus : mit 10 farbigen Abbildungen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. 212 Seiten. ISBN 978-3-476-04499-0. D: 19,95 EUR, A: 20,51 EUR, CH: 20,50 sFr.
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Die weiße, nordische, arische und germanische Rasse

Das Definitions-, Klassifizierungs- und Wertungsmerkmal, dass es bei den Menschen Rassen gäbe und dies auch durch unterschiedliche, wertvolle und schädliche Eigenschaften nachweisbar sei, etwa durch die Hautfarbe und andere körperliche Unterschiede, die bald auch in das Zu- und Absprechen von geistigen Merkmalen mündeten, ist zwar ein uraltes Phänomen; aber die ideologische, höherwertigkeitsbestimmte Begrifflichkeit, dass die „weiße Rasse“ intellektuell und existentiell den anderen (minderwertigeren) Rassen überlegen sei, ist ein Ergebnis der hegemonialen, machtpolitischen und hierarchischen Politik der Weißen, wie sie sich im Faschismus und Nationalismus entwickelt hat (Susan Arndt, Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php). Die „Rassenlehre“, wie sie im deutschen Nationalsozialismus und im europäischen Faschismus und Kolonialismus entstanden ist und praktiziert wurde, beruht ja auf angeblichen „Selbstverständlichkeiten“, karitativen, ja sogar moralischen Begründungen, wie sie z.B. von dem in seiner Zeit hochgeachteten, international anerkannten deutschen Missionar und Sprachforscher Dietrich Westermann (1875 – 1956) überliefert sind, wenn er in dem Beitrag „Der afrikanische Mensch und die europäische Kolonisation“ 1939 schreibt: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“ (vgl. dazu auch: www.sozial.de/; sowie: Silvio Vietta, Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21880.php). Der Ethno-, Germano- und Eurozentrismus ist bis heute nicht überwunden, wie die Kakophonien der Rechtsradikalen, Nationalisten und Populisten zeigen. Ein Merkmal rassistischen Denkens und Handelns ist der Hass auf das Andere, Bedrohliche und Unbekannte. Ein Kraut dagegen wächst nur auf den Boden der Bildung und Aufklärung (Karim Fereidooni, Hrsg., Rassismuskritik und Widerstandsformen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22589.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Frage, wie wir geworden sind, wie und was wir sind, muss intellektuell und philosophisch beantwortet werden. Dazu ist der Blick in die Vergangenheit notwendig, die Kompetenz, die Lage der Welt zu beurteilen, und die Fähigkeit und das Bemühen, sich eine humane Zukunft der Menschheit vorzustellen. Der (em.) Soziologe von der Universität Hamburg, Wulf D. Hund, geht mit seinem Buch „Wie die Deutschen weiß wurden“ an die Wurzeln des bis heute nicht überwundenen, ja vielleicht sogar wachsenden ethnischen und rassistischen Bewusstseins, gegenüber den Barbaren, Fremden und Bösen die Guten, Besseren, Tüchtigeren, Bevorzugten… zu sein. Es sind natürlich nicht „die“ Deutschen, die in den Rassisten-Topf geworfen werden, sondern eher die gesellschaftlichen und politischen Außenseiter, die sich in Deutschland bei Pegida, der NPD, den Neonazis, den Reichsbürgern und der AfD versammeln und mit ihrer Geschichtsverklitterung und ihrem Hass auf alles Fremde den öffentlichen Eindruck vermitteln, dass „der Schoß fruchtbar noch ist“. Die kritische Aufarbeitung des kolonialen, rassistischen Denkens und Tuns vollzieht sich seit einigen Jahren durch die im angelsächsischen Forschungsdiskurs entwickelten „Critical Whiteness Studies“, die im deutschen als „Kritische Weißseinsforschung“ bezeichnet wird (Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt (Hg.) Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast Verlag 2006, 552 S.; sowie: Dieter Borchmeyer, Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22472.php).

Aufbau und Inhalt

Interessant, dass der Autor im Untertitel des Buches den Begriff „Heimat“ zwar in Klammern setzt, den schwierigen, umstrittenen und ideologisch überbelasteten Begriff – der immerhin derzeit wieder en vogue zu sein scheint, wenn der mögliche, neue Innenminister der deutschen Koalitionsregierung in seinem künftigen Innenministerium „Heimat“ als politischen Auftrag reklamiert – wenn auch wahrscheinlich eher ironisch, trotzdem aber in den Rassismusdiskurs einbezieht (vgl. dazu auch: Edoardo Costadura / Klaus Ries, Hrsg., Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21311.php). Nach der Einführung in die Thematik weist der Autor insgesamt noch neun Kapitel auf:

  • „Vorspiel auf dem Theater“
  • „Die Farben der Sünde“
  • „Schwarze Ritter und Heilige Schwarze“
  • „Schwarzes Volk als ‚faules Gesindel‘“
  • „Rassen made in Germany“
  • „Völkerschau mit Kolonialwaren“
  • „Gelbe Gefahr und Schwarze Schmach“
  • „Herrenvolk und Untermenschen“
  • „Vom ‚Persilschein‘ zum ‚Weißen Riesen‘“.

„Man sagt: die Weißheit selbst sey eingezogen hier“, so sangen und tanzten die Neger, die Indianer und Asiaten bei dem Ballett, das 1662 aus Anlass der Hochzeit von Erdmuthe von Sachsen mit dem Markgrafen Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth aufgeführt wurde. Diese mehrdeutige Metapher überzieht und charakterisiert die Höherwertigkeitsvorstellungen der Altvordern – wie auch von Heutigen! Wer die Hautfarbe Weiß und nicht Gelb oder Rot oder Schwarz hat, ist per se intelligenter, klüger, wichtiger, wertvoller! Diese Einstellungen wuchsen und etablierten sich eben auch durch so genannte wissenschaftliche Studien, in denen Physiognomien von Menschen, Kopfformen und Gliedmaßen vermessen und verglichen wurden und damit den Anschein von Objektivität und Gültigkeit erwecken sollten. Die Andichtungen von Andersartigkeit als in Hautfarben abgestufte Wertigkeiten – Gelb, Rot, Schwarz – ließen das Weiß von vornherein strahlen!

Die Antisemiten, Faschisten und Nationalsozialisten allerdings hatten Schwierigkeiten, die von ihnen als „Untermenschen“ ausgewiesenen Juden dem Farb-Rassen-Schema zuzuordnen, weshalb sie sich darauf verständigten, dass die Juden eben „weiße Neger“ seien, ebenso wie die Zigeuner eben nichts anderes als Gesindel sind. Diese Hilfskonstruktion zur Aufrechterhaltung der rassistischen Einstellungen und Begründungen wurde dadurch auch akzeptabel, als im weltanschaulich-christlichen Diskurs der Jude (an sich!) als Antichrist bezeichnet wurde.

Schließlich begründeten die Sklavenhändler und -käufer, dass die „Neger“ (eigentlich) keine Menschen, sondern Waren waren und deshalb be- und vernutzt werden durften; wenn es eher gut für die Betroffenen ausging, als Pagen bei Hof, ansonsten in den Plantagen und Feldern Amerikas. Denn schwarz ist die Sünde und der Teufel – und der Neger: Schwarz als Tarnfarbe sozialer Devianz! „Schwarze Deutsche“, das war ein No-go, und dort, wo es sie gab, waren es eben nicht die „Reinrassigen“, „Germanischen“, „Arier“, oder auch die „Kaukasier“, wie der Professor für Weltweisheit, Christoph Meiners (1747 – 1810) definierte, sondern die „Minderwertigen“, die einer „Entartung“ und einer „Rassenschande“ entsprangen.

Dort nämlich, wo die aufgebaute und aufgestaute Eigentümlichkeit und das über(ge)zogene Selbstbewusstsein der Weißen sich zur Schau stellt, lässt sich das Fremde, das Andere, Niedrigere als das Eigene, gut anschauen; etwa in den öffentlichen „Neger- und Indianerschauen“ bei den Weltausstellungen und in den Zoos. Heute sind diese Diskriminierungen abgeschafft, aber in der Werbung wird das Weiße, das Strahlende, das Gute und Wohlschmeckende immer noch als Farbmetapher benutzt und mit Bildern und Stereotypen versehen, die den „Mohren“ unverhohlen auffordern, endlich weiß zu werden.

Diese Verirrungen reichen bis in die Philosophie und Staatskunst: Der Okzident und der Orient als die ungleichen Freunde oder Feinde? Das „christliche Abendland“ als der Retter gegen die „Achse des Bösen“? Die sich daraus entwickelnden schwülstigen und sexistischen Bilder und geheimen Wünsche der „weißen Frauen“ gegenüber dem „schwarzen Animalischen“ lassen sich auch heute noch in den Werbestrategien finden. Spielen heute Kinder noch „Zehn kleine Negerlein?“. Eher nicht, weil im Fanglied mittlerweile ja wegen der politischen Correctness aus den „Negerlein“ andere, unverfänglichere Benennungen geworden sind; auch weil die Spiele sich auf das Tablett verlagert haben. Doch in den Spielkonsolen sind es immer noch die Fremden, die Anderen, die die Bösen und die Einheimischen, die Eigenen, die Starken, die als Sieger hervorgehen. Es ist der alltägliche Rassismus, der „blackfacing“ als harmlose Rein- und Weißwäscherei betreibt, nicht selten unbewusst und unbedacht.

Fazit

„Wie die Deutschen weiß wurden“ – die Erzählung zielt nicht auf eine soziologische, gesellschaftspolitische Analyse der menschlichen Entgleisung, die als „Rassismus“ bezeichnet wird. Vielmehr gelingt es dem Autor, mit den auf 44 Seiten aufgeführten Quellenhinweisen ein Bild darzustellen, dass die geschichtlichen, kulturellen und mentalen, kollektiven Entwicklungen der Deutschen aufzeigt, mit Vorurteilen und Stereotypen aufräumt und Parallelen zum Heute zieht. Besonders wirkmächtig und überzeugend ist der Gedanke, dass „Heimat ( ) … einen historischen Ort (bezeichnet), an dem der Rassismus länger heimisch war als die Deutschen“. Das ist auch ein Fingerzeig, dass es falsch ist, wenn Politiker wie Unpolitische mit hektischen, oberflächlichen und anpasserischen Bemühungen auf den rassistischen Heimatbegriff der Rechtsradikalen und Populisten reagieren und den Traditions- und Heimatbegriff damit aushöhlen (vgl. dazu auch: Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.03.2018 zu: Wulf D. Hund: Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus : mit 10 farbigen Abbildungen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. ISBN 978-3-476-04499-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24010.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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