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Valerija Sipos, Ulrich Schweiger: Gruppentherapie. Ein Handbuch (...)

Cover Valerija Sipos, Ulrich Schweiger: Gruppentherapie. Ein Handbuch für die ambulante und stationäre verhaltenstherapeutische Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2., überarbeitete Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-17-031639-3. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Obwohl in der psychotherapeutischen Ausbildung und Praxis die Einzeltherapie in der Regel im Vordergrund steht, gewinnt die Gruppentherapie in Kliniken und Praxen zunehmend an Bedeutung. Angesichts der vorliegenden Evidenz und den praktischen Gründen ist dies auch sinnvoll. Das Autorenteam [1] hat sich bei der Veröffentlichung zum Ziel gesetzt „praktische Hilfe bei der Planung und Umsetzung von gruppentherapeutischen Methoden und Techniken zu bieten. Dazu werden die (manchmal versteckten) grundlegenden Prinzipien der einzelnen gruppentherapeutischen Verfahren und Methoden transparent gemacht“ (S. 11).

Inhaltlich verorten sich die Autorinnen mit ihrem Manual in der Verhaltenstherapie, konkreter der dritten Welle der Verhaltenstherapie. In diesem Rahmen sollen verschiedene Formen von verhaltenstherapeutischen Gruppen angeboten werden:

  • Transdiagnostische Gruppen (Behandlung von Patienten mit heterogenen psychischen Störungen)
  • Problemlösegruppen
  • Störungsspezifische Gruppen

Im Buch werden viele Fallbeispiele aus dem konkreten therapeutischen Alltag der Autorinnen dargestellt. Folglich richtet es sich vor allem an (angehende) Psychotherapeuten.

Autorin und Autor

  • Dr. Valerija Sipos ist Leitende Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck.
  • Prof. Dr. Ulrich Schweiger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie psychosomatische Medizin, ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:

  • Im ersten Kapitel werden grundlegende (theoretische) Konzepte der Gruppentherapie umfassend dargestellt,
  • in den folgenden Kapiteln wird anhand praktischer Fallbeispiele die Umsetzung der Gruppentherapie dargestellt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im Vorwort wird empfohlen, das Buch zweimal zu lesen. Zunächst solle das Buch chronologisch gelesen werden, um dann, nach der Rezeption der Praxisbeispiele im zweiten und dritten Teil, die Grundlagen noch mal zu lesen „(…) um zu einem vertieften Verständnis der grundlegenden Prinzipien zu kommen“ (S. 12).

Zu Grundlegende Konzepte der Gruppentherapie. Im ersten Kapitel liefern die Autoren einen relativ umfassenden theoretischen Hintergrund der Entwicklung gruppentherapeutischer Angebote. Hierbei gehen sie explizit schulenübergreifend vor und beschränken sich nicht ausschließlich auf verhaltenstherapeutische Konzepte. Zunächst skizzieren Sie die historische Entwicklung der Gruppentherapie, um dann auf deren Wirkfaktoren näher einzugehen. Anschließend werden Verfahren, Methoden, Techniken und Setting beschrieben. Abschließend werden drei Modelle der Gruppentherapie vorgestellt:

  • interaktionsorientierte Gruppenkonzepte
  • einzelfallorientierte Gruppenkonzepte
  • störungsspezifische und auf Prävention ausgerichtete Gruppenkonzepte

Hierbei muss festgehalten werden, dass die häufig in Manualform veröffentlichten störungsspezifischen psychoedukativen Gruppentherapieprogramme der dritten Gruppe zugeordnet werden. Derartige Programme unterscheiden sich grundsätzlich von den stärker interaktiv geprägten anderen beiden Konzepten.

Zu Praxis der verhaltenstherapeutischen Gruppentherapie. In diesem Abschnitt „(…)werden allgemeine Bedingungen und Regeln dargestellt, die dabei helfen, funktionsfähige Gruppen in der Verhaltenstherapie aufzubauen“ (S. 39). Im weiteren Verlauf erläutern die AutorInnen:

  • die wesentlichen Modelle und Methoden der verhaltenstherapeutischen Gruppentherapie,
  • typische Schwierigkeiten bei der Durchführung,
  • ein Vergleich des Vorgehens bei interpersoneller Gruppentherapie und transdiagnostischer Gruppe,
  • ein Problemlösetraining,
  • sowie konkrete Beispiele von transdiagnostischen und störungsspezifischen Gruppentherapien (bei Essstörungen)

Zu Basisfertigkeiten des Leiters bei der praktischen Umsetzung verhaltenstherapeutischer Gruppen. Hier werden die Einstellungen und Fertigkeiten der Therapeutin, die bei der Umsetzung von verhaltenstherapeutischen Methoden der Gruppentherapie und beim sogenannten „Troubleshooting“ essenziell sind, dargestellt. Folgende Themen werden konkret bearbeitet:

  • Überzeugung, dass die Gruppentherapie ein hilfreiches und angemessenes Setting ist
  • Erfolgserlebnisse schaffen
  • Integration von Außenseitern über direkte Zuwendung
  • „Making lemonade out of lemons“ (schwierige Situationen nutzen, um eigene therapeutische Strategien zu reflektieren)
  • Fähigkeit zur Selbstbeobachtung
  • Freundlichkeit angesichts von feindseligen Verhalten
  • Kenntnis von Validierungsstrategien
  • Fähigkeit, die verschiedenen Interaktionsebenen bewusst zu beachten
  • Fähigkeit, mit Angst und Scham umzugehen und Selbstwertgefühl aufzubauen
  • Auswahl der Gruppenmitglieder
  • Umgang mit Werten und Zielen
  • Patienten mit Persönlichkeitsstörungen in der Gruppentherapie

Insbesondere dem letzten Abschnitt, in dem die Arbeit mit persönlichkeitsgestörten Menschen thematisiert wird, wird umfassend Raum geboten. Hier wird grob zwischen der Arbeit mit externalisierenden und internalisierenden Verhaltensweisen unterschieden. In beiden Fällen sei das Ziel „(…) Patienten mit Persönlichkeitsstörung die Möglichkeit zu bieten, Fertigkeitendefizite durch Üben auszugleichen und ihr Verhalten so zu verändern, dass es besser an die sozialen Realitäten angepasst ist“ (S. 190).

Zu Fragen von Gruppentherapeuten aus der Praxis. Im abschließenden Kapitel werden 16 konkrete Fragen, die in der Praxis bereits gestellt wurden, im Sinne von FAQs beantwortet. Beispiele hierfür sind:

  • Störungsspezifische Gruppen – Vor- und Nachteile
  • Umgang mit schwierigen emotionalen Zuständen: Was soll ich tun, wenn jemand aus der Gruppe raus will, dissoziiert oder weint?
  • Wie soll ich mit passiver Konsumhaltung in der Gruppe umgehen?

Diskussion

Bereits im Untertitel wird darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Buch um ein praxisrelevantes Werk handelt; es ist ein „Handbuch für die ambulante und stationäre verhaltenstherapeutische Praxis“. Dieser Anspruch wird vollumfänglich erfüllt. Bei angemessenem theoretischem Input werden unglaublich viele transkribierte Praxisbeispiele geliefert, durch die sowohl schwierige, als auch gelungene Therapiesituationen anschaulich gemacht werden.

Insbesondere die grundlegenden Methoden der verhaltenstherapeutischen Gruppentherapie (Kapitel 2.2) werden anhand eines 80-seitigen Fallbeispiels verdeutlicht. Hier werden vorab die Gruppenteilnehmerinnen beschrieben, diverse Sitzungen in wörtlicher Rede wiedergegeben und sämtliche therapeutischen Interventionen mit kurzen Kommentaren aus einer didaktischen Metaebene erläutert. Inhaltlich orientiert sich das Buch an den Therapieformen der dritten Welle der Verhaltenstherapie. Dennoch wird zu Beginn auch umfassend auf andere Formen (analytische und gesprächspsychotherapeutische Ansätze) eingegangen.

Allenfalls an dieser Stelle könnten kleine kritische Anmerkungen erfolgen. So wird beispielsweise auf Seite 24 zurecht darauf hingewiesen, dass gewisse Techniken aus anderen therapeutischen Schulen auch im Rahmen der Verhaltenstherapie ihre Anwendung finden können. Als Beispiele wird zum Beispiel auf die „Arbeit mit leeren Stühlen“ oder „Imagination“ verwiesen. „Übertragungsdeutung“ sei jedoch „aus der Störungstheorie der Verhaltenstherapie nicht ableitbar“ (ebd.). Dies erscheint zunächst plausibel, könnte meines Erachtens jedoch auch anders gesehen werden: So könnten Reaktionen von Gruppenteilnehmenden, die analytisch im Sinne einer „Übertragung“ interpretiert würden, aus verhaltenstherapeutischer Sicht auch als konditionierte Reaktionen auf erlernte Beziehungsmuster verstanden und nutzbar gemacht werden. Dies geschieht durchaus in Therapieformen der dritten Welle, beispielsweise bei der Schematherapie nach Young, auf die in diesem Buch jedoch weniger eingegangen wird. Diese Diskussion mag jedoch bereits sehr kleinlich und ein wenig akademisch sein.

Spannend ist, die Umsetzung von weiteren Therapiestrategien der dritten Welle in einem anderen Kontext (der Gruppentherapie) erläutert zu bekommen. Konkret erfolgt dies beispielsweise durch:

  • Planung angemessenen Therapeutenverhaltens in der Gruppe anhand des Kiesler-Schemas mit (S. 157-161). Diese Strategie wurde dem CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy) entnommen.
  • Validierungsstrategien der DBT (Dialektische Behaviorale Therapie, S. 162-166) zum Zweck der Beziehungsstärkung.

Auch das abschließende Kapitel ist zwar kurz, jedoch sehr informativ, da es auf übersichtliche Art und Weise genau jene Fragen beantwortet, die im Rahmen von Supervisionen regelhaft auftreten.

Fazit

Verhaltenstherapeutische Gruppentherapie funktioniert. Das beweisen diverse Studien. Dennoch wird sie immer noch eher selten angewendet. Grund dafür dürften vor allem Unsicherheiten auf Seiten der Therapeuten sein. Auch in der Psychotherapieausbildung ist dies nicht ein zwingender Anteil. Beim vorliegenden Buch wird deutlich, dass es sich um ein Werk von Praktikerinnen handelt. Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Wer verhaltenstherapeutische Gruppentherapie anbieten möchte, sollte es unbedingt gelesen haben.


[1] aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden männliche und weibliche Form jeweils wechselseitig verwendet. Es sind immer sämtliche Geschlechter gemeint


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 26.11.2018 zu: Valerija Sipos, Ulrich Schweiger: Gruppentherapie. Ein Handbuch für die ambulante und stationäre verhaltenstherapeutische Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-031639-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24012.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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