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Monika Rafalski: Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken

Cover Monika Rafalski: Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken. Die vier psychischen Grundfunktionen in Psychotherapie und Individuation. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 236 Seiten. ISBN 978-3-17-028412-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Rafalskis Buch stellt die vier psychischen Grundfunktionen Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken vor – allgemein sowie in ihrer extravertierten und introvertierten Ausprägung. Dabei nimmt die Autorin Bezug auf ihre Bedeutung für die individuelle Entfaltung, für schulische Förderung und gesellschaftliche Zeitstile sowie ihre Symbolik und spirituelle Bezüge eingegangen. Basierend auf C. G. Jungs Forschungen zur Typologie wird ein modernes Modell der ausgewogenen Entwicklung aller Funktionen vorgestellt, das therapeutische Relevanz über unterschiedliche Psychotherapieschulen hinaus haben soll. Die Autorin geht davon aus, dass so neurotische Einseitigkeiten und Dissoziationen diagnostisch erfasst und therapeutisch bearbeitet werden, eigene Begabungen erkannt und ins innere Gleichgewicht kommen sowie bessere Zugänge zu Hochsensibilität erschlossen werden können.

Autorin

Monika Rafalskiist Diplom-Psychologin und als Analytische Psychotherapeutin in eigener Praxis sowie am C.G. Jung-Institut Stuttgart als Dozentin, Supervisorin und Lehranalytikerin tätig.

Aufbau

Das Buch umfasst vier Teile mit neun Kapiteln:

    Teil 1 Grundsätzliches

  1. Das dynamische Zusammenspiel der vier Grundfunktionen
  2. C. G. Jungs Typologie – Ausgangspunkt
  3. Teil 2 Darstellung der einzelnen Funktionen

  4. Die wahrnehmende Dimension
  5. Die urteilende Dimension
  6. Teil 3 Die Grundfunktionen und ihre Einstellungsmodi

  7. Die polaren Einstellungsmodi der Grundfunktionen: Introversion – Extraversion
  8. Phänomenologie der Funktionen in ihrer jeweiligen Einstellung
  9. Teil 4 Ausblick

  10. Schatten und gegenseitige Ergänzung
  11. Transformation – „die mittlere Ebene“
  12. Das rote Buch: „Amor triumphat – das Rad der vier Funktionen“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Zunächst führt die Autorin in das dynamische System der vier Grundfunktionen nach C. G. Jung ein: Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken. Dabei handelt es sich um „grundsätzlich voneinander unterschiedene Grundfunktionen der menschlichen Psyche“. Unter energetischem Aspekt betrachtet sind sie unterschiedliche Erscheinungsformen der Libido, unter strukturellen Aspekt gesehen sind sie psychische Strukturen des Ich-Bewusstseins, die im Unbewussten wurzeln. Sie entwickeln sich nach Jung’scher Vorstellung von Geburt an aus den bereits vorgeburtlichen angelegten Keimen in Wechselwirkung mit dem jeweiligen Lebensumfeld und Beziehungsnetz. Jede Funktion enthält den energetischen Entwicklungsimpuls, sich der Ganzheitstendenz der Psyche entsprechend im Verlauf des Lebens zu entfalten und ist lebenslang differenzierbar.

Durch die Wechselwirkung von angeborener individueller Konstellation und Einflüssen des Umfelds hat jede ihr ganz spezifisches „Funktionen-Schicksal“, das in „komplementärer Beziehung zu den übrigen Funktionen und deren Schicksal steht“ (22). Sie stellen ein System vernetzter komplementärer Entitäten psychischer Struktur und Energie dar, deren innere Ordnung durch ihre wechselseitigen Beziehungen hervorgerufen und gekennzeichnet wird, die aber als Relationen nicht als Kausalitäten wirken. Die Autorin betont die innere Gesetzmäßigkeit, die mit dem Prinzip energetischen Gleichgewichts, Komplementarität und Selbstregulation zusammenhängt (21). So stellen die vier Grundfunktionen die Grundlage des Ich-Bewusstseins dar und dienen insofern dazu, sich gemäß den eigenen subjektiven Gegebenheiten in der inneren und äußeren Welt zu orientieren. Damit ermöglichen sie es dem Individuum, die inneren und äußeren Gegebenheiten durch zwei Funktionen (Empfinden und Intuieren) wahrzunehmen, und das Wahrgenommene andererseits durch zwei weitere, nämlich wertende Funktionen (Fühlen und Denken) zu beurteilen. Dieses System der vier Funktionen wird modellhaft im Bild eines gleichseitigen Achsenkreuzes veranschaulicht. Der Kreuzungspunkt dieser beiden Achsen, der sogenannte fünfte Pol in der Mitte, repräsentiert das Ich-Bewusstsein (27).

An diese Einführung in die Grundfunktionen schließen sich alle Vorstellungen des Typologiekonzeptes von Jung an. Dabei ist die Festlegung eines Menschen auf einen sogenannten Typus nicht als Einschränkung zu verstehen, sondern soll dem Wirken des selbst im Prozess von Individuation und Therapie Raum geben, und stellt somit auch einen wesentlichen Faktor von Salutogenese dar.

Im Jungschen Sinne ist das Wahrnehmen nicht nur auf die reine Sinnesempfindungen auf der materiellen Ebene beschränkt, sondern bezieht sich ebenso auf intuitives Wahrnehmen anderer Realitätsdimensionen. Diese beiden Wahrnehmungsfunktionen werden als komplementär betrachtet. Die Intuition beschreibt hingegen die Funktion des übersinnlichen Wahrnehmens, in dem Sinne, dass sie den immateriellen geistig-psychischen Gehalt der inneren und äußeren Realität erfasst, der nicht sinnlich wahrnehmbar ist (52). Intuition und Empfinden ergänzen sich auf komplementäre Weise. Dabei kann die Intuition durch äußere Einflüsse und innerkirchliche Konstellationen aktiviert werden und ist dem persönlichen und kollektiven unbewussten an Direktlisten verbunden und vermittelt dem Ich dessen Wissen (53).

Wie die wahrnehmende Grundfähigkeit des Menschen besteht auch beurteilende Dimension des Menschen aus zwei sich polar ergänzenden Grundfunktionen: Fühlen und Denken. Die Fühlfunktion beschreibt die Autorin als: „alle Werte, urteilende Funktion“, die „zusammen mit der Denkfunktion die beurteilende Grundfähigkeit bildet, wobei sich die Wertkriterien beider Funktionen grundsätzlich unterscheiden. Die Kriterien des Fühlens bewegen sich zwischen den Polen ‚sicher-unsicher‘, ‚angenehm-unangenehm‘, auf deren Basis sich ein vielfältiges Spektrum von Fühlurteilen ereignet“ (63). Die Denkfunktion ist wie die Fühlfunktion eine wertende, urteilte Grundfunktion (91). Jung Unterschied zwischen aktiven und passiven Denken, wobei unter aktivem Denken die bewusste Willenshandlung verstanden wurde (Intellekt), während mit passiven Denken eine nicht willentlich gesteuerte Aktivität der Denkfunktion assoziiert wird. Die Autorin betont, dass der Erkenntnisprozess der Funktion ein sich lebenslang Fortsetzender Prozess ist, der zur Erweiterung des Bewusstseins beitragen kann und zu neuen Einsichten verhilft.

Im dritten Teil des Buches werden die vier Grundfunktionen als psychische Orientierungsstruktur des Menschen eingeführt und erläutert. Entscheidend ist dabei die Libido, die die einzelnen Grundfunktionen im psychischen Prozess aktiviert. Dabei führt die Autorin zahlreiche Fallbeispiele an.

Im vierten Teil des Buches arbeitet die Autorin die Möglichkeiten heraus, die sich aus dem Jung'schen Konzept für die Transformation des Ich's ergeben. Sie betont hier insbesondere die besondere Bedeutung der Tiefenfunktion (205), die „eine Brücke zu den tieferen Schichten des Unbewussten darstellt bzw. ihren Sitz im Unbewussten hat.“ Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass die Tiefenfunktionen nicht nur einen relevanten subjektiven Faktor hat, sondern im kollektiven Unbewussten der Menschheitsgeschichte wurzelt.

Diskussion und Fazit

Rafalskis Buch spiegelt ihre vielfältigen praktischen therapeutischen Erfahrung und umfassenden theoretischen Kenntnisse der Jung'schen Psychologie wieder. Sie beschreibt die vier psychischen Grundfunktionen Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken umfassend und bricht sie in ihrer Bedeutung für die vielfältigen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und therapeutischen Kontexte herunter. Dabei geht sie auch konsequent der Frage nach, wie Jungs Ideen in unterschiedliche psychotherapeutische Kontexte transferiert und dort umgesetzt werden können.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 04.12.2018 zu: Monika Rafalski: Empfinden, Intuieren, Fühlen und Denken. Die vier psychischen Grundfunktionen in Psychotherapie und Individuation. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-028412-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24013.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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