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Bettina Bannasch, Eva Matthes: Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur

Cover Bettina Bannasch, Eva Matthes: Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur. Historische, erzähl- und medientheoretische, pädagogische und therapeutische Perspektiven. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 242 Seiten. ISBN 978-3-8309-3753-1. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Herausgeberinnen

Bettina Bannasch ist „Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg“ (S. 233), Eva Matthes ebendort „Professorin für Pädagogik“ (S. 234).

Thema

Der Sammelband „Kinder- und Jugendliteratur“ ist keine eigentliche Darstellung der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur, sondern untersucht, so der Untertitel, „Historische, erzähl- und medientheoretische, pädagogische und therapeutische Perspektiven“ dieser Literatur.

Entstehungshintergrund

„Der vorliegende Band“, so die Herausgeberinnen in der „Einleitung“, ist hervorgegangen aus „einer Ringvorlesung …, zu der wir im Wintersemester 2016/17 an die Universität Augsburg eingeladen hatten“.

Aufbau

Die insgesamt zwölf Beiträge sind „in drei größere Themenbereiche untergliedert, die Kinder- und Jugendliteratur im Schnittpunkt von Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaft betrachten und sie aus drei unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen:

  1. Unter dem Oberthema ‚Historische Perspektivierungen‘ ist die Rekonstruktion der Ausbildung von Konzeptionen der Kinder- und der Jugendliteratur in ihren historischen Kontexten gefasst …
  2. Die Beiträge, die das zweite Kapitel unter dem Stichwort ‚Erzähl- und medientheoretische Perspektivierungen‘ versammelt, widmen sich unterschiedlichen Text-Bild-Verhältnissen und -lektüren …
  3. ‚Pädagogische und therapeutische Perspektivierungen‘ bringt schließlich der dritte große Themenbereich“ (S. 13f).

Noch vor dieser Erläuterung zu Aufbau und Inhalt des Sammelbandes klagen die Herausgeberinnen freilich schon die „Anerkennung“ für ein „Spezialgebiet“ ein, „das trotz theoretisch avancierter Forschung nach wie vor um Anerkennung kämpfen muss.“ Es wird „behaftet mit dem Makel anspruchsloser Schlichtheit, allen qualifizierten Einreden zum Trotz, die auf der Grundlage strukturalistischer Literaturtheorie auf die Differenz von ‚Schlichtheit‘ und ‚Einfachheit‘ verweisen, und dies schon seit langem.“ Trotzdem: „Der Trivialitätsverdacht behauptet sich hartnäckig … Vielleicht am verhängnisvollsten in dem Bemühen um Anerkennung von Kinder- und Jugendliteratur in der ‚seriösen‘ Literaturwissenschaft erweist sich ihre Beziehung zur Pädagogik. Ästhetik und Erziehung scheinen einander unversöhnlich gegenüberzustehen.“ Fazit dieser Klagen: „In Deutschland fristet die erziehungswissenschaftliche Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur ein weitgehend marginalisiertes Schattendasein“ ( 7). Überdies: „Kinder- und Jugendliteratur … wird nicht nur im Bereich der Literaturvermittlung oftmals und nicht selten in einer durchaus abwertenden Weise mit Frauen verbunden“ (12).

Inhalt

In ihrer historischen Rückschau „Bürgerlicher Kindheitsentwurf und Kinderliteratur der Aufklärung“ (S. 19 - 32) zitiert Pia Schmid Kants Vorlesungen „Über Pädagogik“: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (26) Freilich: „Die Hauptströmung der Mädchenerziehungstheorien propagiert differenztheoretisch die Erziehung zur Hausfrau, Gattin und Mutter, also die Erziehung für die Familie, was stets im Rekurs auf die weibliche Natur bzw. Bestimmung begründet wird. Die Gegenströmung plädiert egalitätstheoretisch dafür, Mädchen letztlich genauso wie Knaben zu erziehen und ihnen eine umfassende Bildung zukommen zu lassen, denn der Verstand, so das zentrale Argument, habe kein Geschlecht …“ (29). Grundsätzlich zu berücksichtigen ist dabei, dass zwar Kinder und Jugendliche lesen, dass sich aber Erwachsene, anfangs vorlesend, immer wieder in dieses Verhältnis einmischen.

Die „Genese des romantischen Kindheitsideals“ (34) arbeitet Heiner Ullrich in seinem Beitrag „Romantische Kindheitskonzeptionen und Kinderliteratur in der Romantik“ (33 - 46) heraus: „Das narrative Fundament des romantischen Kindheitsideals bilden zwei uralte, religiös verankerte Mythen: der Mythos vom goldenen Zeitalter und der Mythos vom göttlichen Kind und Erlöser.“ (38) „Mit dieser Vorstellung vom Kind als Vater des Menschen wird hier – zuerst von den Poeten, dann von den Pädagogen der Romantik – die uralte Idee des absoluten Kindes erneuert, die nicht christlich, sondern hermetisch-gnostischer Herkunft ist (vgl. Assmann, 1978).“ (41)

Gabriele von Glasenapp akzentuiert in ihrem Beitrag „Suchbewegungen. Jugendliterarische Positionsbestimmungen vor und nach der Jahrhundertwende“ (47 – 64), dass Erwachsene „bestimmen, welche kinder- und jugendliterarischen Texte empfohlen, gedruckt, publiziert, rezensiert und in den Bibliotheken eingestellt werden“ – ein „Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den herrschenden und von Erwachsenen entwickelten Konzeptionen von Kindheit bzw. Jugend und den davon geprägten oder daraus resultierenden Texten.“ (49). Also wurden für „männliche Leser … mehrheitlich Abenteuerromane, Indianerromane, historische Romane, Kriegsromane, Kolonialromane publiziert … Erzählungen mit einer großen Handlungsdominanz und männlichen Protagonisten. Hinzu kamen Sachtexte … Für heranwachsende weibliche Leser… war das Gattungsspektrum deutlich geringer; zur populärsten Textsorte entwickelte sich eine Spielart des Entwicklungsromans, die unter der Bezeichnung ‚Backfischroman‘ oder ‚Pensionserzählung‘ bekannt geworden ist“, wobei „das Verdikt der Pädagogen den Erfolg und die Popularität der Gattung nicht im mindesten zu beeinträchtigen vermochten.“ (56) Ein „Paradigmenwechsel“ dann im Zusammenhang mit „Wandervogel- bzw. Jugendbewegung“ sowie der „Kunsterzieherbewegung … Vor allem von der Reformpädagogik wurde der Gedanke einer allgemeinen Kunstbildung im Kontext einer grundlegenden Erneuerungsbewegung aufgegriffen. In dieses Konzept oder besser Ideal einer Erziehung ‚für alle‘ hin zur Kunst soll natürlich auch die literarische Kunsterziehung einbezogen werden…“ (58).

In diesem Zusammenhang dann ein weiterer Hinweis auf Wolgast[1] und das Jahr 1896 als „entscheidende Zäsur … Heinrich Wolgast übernimmt die Redaktion der Jugendschriften-Warte … Zeitgleich veröffentlicht er sein bis heute bekanntestes Werk, eine Kampfschrift mit dem sprechenden Titel Das Elend unserer Jugendliteratur, deren Untertitel Ein Beitrag zur künstlerischen Erziehung der Jugend zugleich explizit auf die … Kunsterziehungsdebatte verweisen sollte“ (59). Denn, so Wolgast, „Die Jugendschrift in dichterischer Form muss ein Kunstwerk sein.“ (60).

Gabriela Scherer macht in ihrem Beitrag „Die Kategorie der ‚Einfachheit‘ und das ‚einprägsame‘ Bild im (Kinder-)Buch“ (67 - 85) mit „Friedrich Justin Bertuch, 1747 in Weimar geboren“,bekannt; er ist „Zeitgenosse Goethes und Wielands. … aber auch ein Kind der Epoche der Aufklärung, was bedeutet: Er war auch Mitakteur im sog. ‚pädagogischen Jahrhundert‘, in dem sich im Zuge der sog. ‚Entdeckung der Kindheit‘ das Subsystem ‚Kinder- und Jugendliteratur‘ ausgebildet hat. Die von Bertuch zwischen 1790 und 1830 herausgegebene monatliche Zeitschrift für Kinder, mit je fünf Kupfertafeln pro Einzelheft, aus deren Bindung sich ein mehrbändiges Sachbilderbuch für Kinder generierte, war nicht nur dem enzyklopädischen Gedanken der Wissenssammlung verbunden, sondern stand auch unter dem pädagogischen Impetus der didaktisch klugen Wissensvermittlung.“ (68)

Bei Theresia Dingelmaier (87 - 105) geht es um „komplexe Wechselverhältnisse von Bild und Text“. Schon in der „Einführung“ heißt es sehr klar: „Der Akt des Lesens verwandelt Texte in Bilder, nicht äußerlich auf dem Papier, sondern innerlich im Kopf eines jeden Lesers und auch Zuhörers. Das, was nach einem Leseakt im Gedächtnis bleibt, sind nicht Buchstaben, Wörter und Sätze, sondern die von uns anschaulich-bildhaft erzeugten Bilder und visuellen Erzählungen unserer Fantasie. Daher ist auch jeder Leseakt subjektiv, veränderbar, immer kreativ – ‚Jeder Leser ist zunächst sein eigener Illustrator‘ (Ries 1991, S. 10).“ (87)

Véronique Sina behandelt den „Holocaust-Comic Die Suche im Kontext der Kinder- und Jugendliteratur“ (107 - 125). Zunächst geht es um Comics als „Medium für die Massen: Als populärkulturelles Medium … ist der Comic immer wieder mit dem Vorwurf der ‚Trivialität‘ konfrontiert.“ Er ist überdies „lange Zeit aus dem Kanon angesehener Künste ausgeschlossen worden und muss bis heute immer wieder um seinen Status als ernst zu nehmende Erzähl- und Darstellungsform bangen“. Dazu kommt, dass Schülerinnen und Schüler erst lernen müssen, „mit dem Medium selbst umzugehen, seine Funktionsmechanismen und narrativen Strategien zu verstehen und zu hinterfragen.“ (107) Insofern war die Publikation des Holocaust-Comic ‚Die Suche‘ im Jahr 2007 durch das „Anne-Frank-Haus in Amsterdam in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Historischen Museum Amsterdam“ (112) ein kompliziertes und gewagtes Unterfangen. „Ziel des ausdrücklich für die schulische Vermittlung konzipierten Werkes ist es, ‚auch über die Niederlande hinaus einen für Jugendliche neuen Zugang zur Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung anzubieten‘ (Franz u. Siegele, 2011, 353).“ (113). In ihrem ‚Fazit‘ kann Véronique Sina resümieren: „Der an eine jugendliche Leserschaft gerichtete Holocaust-Comic Die Suche vermag mit Hilfe gestalterischer Mittel, welche die Medialität des Comic thematisieren und ausstellen, die Möglichkeiten und Grenzen der Darstellbarkeit des Holocaust zu reflektieren.“ (122).

Unter der Überschrift „Konkurrenzen und Korrespondenzen“ behandelt Klaus Maiwald „Filme/ Verfilmungen für Kinder und Jugendliche“ (127 - 143) und gibt im „Fazit“ zu bedenken, „dass ein Roman in der Produktion vergleichsweise günstig ist, eine enger umgrenzte Leserschaft sucht und daher im ästhetischen Kalkül freier ist. Ein Film ist in der Herstellung kostspielig, benötigt daher ein breites Publikum und ist stärker auch einem kommerziellen Kalkül verpflichtet.“ (140).

Einem dezidiert politischen Thema widmet sich Petra Götte in ihrem Beitrag „Zwischen Parteinahme und Polarisierung. Zur Darstellung von ‚Einheimischen‘ und ‚Fremden‘ in Arnim Greders Bilderbuch Die Insel“ (2002) (147-164). Schon in der „Einleitung“ kann sie feststellen: „Das Spektrum migrationsbezogener Themen, die in Bilderbüchern behandelt werden, ist breit.“ (147). „Die im Folgenden entfaltete Bilderbuchanalyse versteht sich als migrationspädagogisch fundiert, wobei hier Prozesse der Konstruktion von Fremdheit und Differenz im Vordergrund stehen … Zugehörigkeit und Differenz, Eigenheit und Fremdheit sind relationale Kategorien“ (148).

Der Beitrag von Kaspar H. Spinner „Vermittlungsinstanz Schule“ (165 – 181) behandelt die „Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur“ und bezieht sich „im Wesentlichen auf die erzählende fiktionale Kinder- und Jugendliteratur; Lyrik, Theaterstücke und Sachbuch bleiben ausgeklammert“ (165). Es geht um „1. Die Philanthropen und die Kinderliteratur“; „2. Die romantische Kinderheits- und Literaturauffassung und ihre Folgen für die Schule“ (168 ff); „3. Heinrich Wolgast und die Folgen“ (172 f); „4. Nach dem 2. Weltkrieg …“ (173 ff); „5. Die siebziger Jahre“ (175 f) mit der zentralen Aussage „die Kinder- und Jugendliteratur hat in der Schule immer mehr an Boden gewonnen; heute ist Deutschunterricht ohne sie kaum mehr denkbar.“ (176) Überdies ist, so in „6. Gegenwärtige Situation“ (176 ff), „Kinder- und Jugendliteratur heute ein multimediales Phänomen“, beschäftigt sich „mit Bilderbüchern, Comics, Filmen, Videos und Computerspielen“ (178). Das aber bedeutet, so die Schlussfrage von Kaspar H. Spinner : „Woher soll man in der Schule die Zeit nehmen, die notwendig wäre für all die Zielsetzungen, die mit guten Argumenten eingefordert werden?“ (179)

Der kenntnisreiche Beitrag von Gabriela Paule „Dramatische Texte für Kinder und Jugendliche. Türöffner ins Theater?“ (183 – 197) beginnt mit „Entwicklungslinien seit 1950 … In der DDR sollte das Kinder- und Jugendtheater nach sowjetischem Vorbild einen Beitrag zur ideologischen Erziehung leisten, im Sinne des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft. … In der Bundesrepublik wurde in der Restaurationsphase zunächst eher an Vorkriegsentwicklungen angeknüpft.“ (184)

Hervorgehoben werden „die beiden Berliner Theater Grips und Rote Grütze“; sie „erarbeiteten, häufig im Kollektiv auf der Basis ausgiebiger Recherchearbeit, sozialkritisch-politische Stücke, die vorher im Kinder- und Jugendtheater undenkbar gewesen wären.“ (184) Als „Texte“ (186 ff) werden gesondert benannt „Krähe und Bär oder die Sonne scheint für uns alle von Martin Baltscheit (2015)“, das „Jugendstück The Working Dead. Ein hartes Stück Arbeit von Jörg-Menke-Peitzmeyer (2015)“ und „das Kinderstück Parzival – Ritter, Ritter, Ritter! (2007) von Horst Hawemann und dem Ensemble des Pfütze-Theaters in Nürnberg“ (187).

Es folgen begriffliche Klärungen, d.h. ein Blick auch auf „Theaterformen, in denen die Kinder und Jugendlichen selbst spielen. Hierunter fallen zum einen die sogenannten Jugendclubs an Theatern, in denen Theaterprofis mit ausgewählten Jugendlichen arbeiten. Die Produktionen werden häufig in den regulären Spielplan des Theaters aufgenommen und richten sich mit professionellem Anspruch an die gesamte Öffentlichkeit. Anders ist dies in Kinder- oder Jugendtheatergruppen verschiedener Freizeitinstitutionen“ bzw. beim „Schultheater“ (191 f). Im abschließenden „Fazit“ (195 f) auch hier wieder eine Forderung an die „Schule“: „Nur wenn Deutschunterricht der dramatischen Kinder- und Jugendliteratur sowohl dramendidaktisch als auch theaterdidaktisch einen festen Platz einräumt und die dadurch eröffneten Chancen konsequent nutzt, wird er seiner Aufgabe gerecht, Kindern und Jugendlichen Einblick in die äußerst vitale Kunstform Theater zu ermöglichen, sie im Laufe ihrer Schulzeit mit Rezeptionskompetenz auszustatten und sie auf diese Weise zu genussvoller kultureller Partizipation zu befähigen.“ (196)

Unter dem Titel „Geschichten, die beißen und die Wahrheit in sich tragen“ schreibt Barbara Bräutigam „Vom Nutzen der Kinder- und Jugendliteratur in der Psychotherapie“ (199 - 214), d.h. von der „Macht und … Kraft von Geschichten“ und gibt sogleich zu bedenken: „Psychotherapien und Romane gleichen sich an dem entscheidenden Punkt, dass in ihnen Geschichten erzählt werden.“ (199) Ähnlichkeiten auch in der Zielvorstellung: „Ein wesentliches Ziel in Kinder- und Jugendlichentherapien besteht darin, Selbstwirksamkeitserleben und Selbstwertgefühl zu stärken“ (208 f).

Im abschließenden Beitrag fragt Hans-Heino Ewers Welche Rolle spielt die Kinder- und Jugendliteratur in der Geschichte von Kindheit und Jugend?“ Er thematisiert also „Überschneidungen zwischen historischer Pädagogik und Kinder- und Jugendliteraturforschung“ (215 – 232) und unterstreicht sogleich: „Diesem für Erziehung und Sozialisation ganz und gar nicht unbedeutenden Medium kann wissenschaftlich nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn mehrere akademische Disziplinen an dessen Erforschung beteiligt sind – unter diesen neben der Literatur- und Medienwissenschaft, der Sozial-, Kultur- und Religionswissenschaft eben auch die Erziehungswissenschaft“ (216), stellt doch die „moderne Kinder- und Jugendliteratur, wie sie sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hat, … ein bedeutendes Erziehungs- und Sozialisationsmedium dar“, hat also „einen entscheidenden Anteil an der Herausbildung moderner Kindheit und Jugend wie auch des modernen Familienlebens und moderner Erziehungspraktiken“. Bücher „stellen bedeutende Transmissionsriemen dar“, sind demnach „nicht nur als Widerspiegelung, sondern auch als Movens gesellschaftlichen Wandels in Rechnung“ zu stellen (228). Dazu zwei Beispiele: – ein historisches: „Kinderliterarisch gebündelt sind all diese Reformprojekte in den Kinderschauspielen eines Christian Felix Weiße, nicht zuletzt in der Familie der Rahmenhandlung von dessen Zeitschrift Der Kinderfreund (1776-82)“ (219); – ein gegenwärtiges Zitat von Peter Härtling (1990): „Hilf ihnen, ihre Welt zu verstehen, zu durchschauen, zu bezweifeln, zu befragen …“ (228).

Die Schluss-Zeilen von Ewers können zugleich als Schlusswort für den Sammelband insgesamt stehen: „Moderne Gesellschaften westlicher Prägung sind auf dauerhaften Wandel programmiert. … Literatur … vermag gewissermaßen von außen in die auf Bewahrung ausgerichteten familiären Binnenwelten einzudringen und die dort herrschende transgenerationelle Weitergabe von Sitte und Anstand zu unterbrechen.“ Dabei „zeigen die neuen, audiovisuellen Medien der letzten Jahrzehnte eine Reichweite, die die Kinderliteratur nie besessen hat und nie wird erlangen können. … Die Kinder- und Jugendliteratur bleibt in ihren anspruchsvollen Ausprägungen ein Experimentierfeld für neue Ideen und innovative Problemlösungen – und zwar nicht zuletzt dank ihrer relativ geringen Produktionskosten. Hinsichtlich ihrer alltagskulturellen Prägekraft dürfte sie jedoch an Bedeutung eingebüßt haben. Diese besitzt sie allenfalls noch dank ihrer Film- und Fernsehadaptationen.“ (229)

Diskussion

Information und Interpretation (Theoretisierung). Auffallend ist, dass die Inhalte einzelner Kinder- bzw. Jugendbücher ebenso wie einzelne AutorInnen nur knapp oder gar nicht vor- und dargestellt werden; fast immer geht es sehr schnell um, so mein Eindruck, möglichst komplizierte Theoretisierungen, den im Untertitel genannten historischen, erzähl- und medientheoretischen, pädagogischen und therapeutischen Perspektiven. Eine erholsame Ausnahme ist der Beitrag von Gabriela Scherer insofern, als sie nicht vorschnell kompliziert theoretisiert, sondern vor allem und zunächst präzise informiert. Zum Beispiel: „Browns Bilderbuch … erzählt die Begegnung einer arroganten Oberschichtmutter und ihres schüchternen Sohnes sowie ihrer reinrassigen Hündin mit einem arbeitslosen Unterschichtvater, dessen fröhlich unbekümmerter Tochter sowie deren vierbeiniger Promenadenmischung bei einem Spaziergang im Stadtpark.“ (72) Freilich kommt auch Gabriela Scherer nicht ohne Klage aus: „Die Kinderliteraturforschung, dergestalt von der institutionellen Abwertung ihres Forschungsgegenstandes narzisstisch gekränkt, möchte sich deshalb auch ungern zusätzlich auch noch mit der Didaktik beschmutzen.“ (83)

Fehlende Anerkennung des Gegenstandsbereichs. Mangelnde Anerkennung wird in so gut wie allen Beiträgen thematisiert, zumindest angemerkt; bei mir führte das, muss ich gestehen, zu gelangweiltem Unverständnis, zumal sich der Eindruck festsetzte, dass manche AutorInnen die Anerkennung durch Häufung von Theorievokabeln provozieren wollen.

Theater. Gegenwärtiges Theater ist in dem Sammelband vielfach vertreten; aus der Vergangenheit wird Johan Amos Comenius immerhin einmal erwähnt bei Gabriela Scherer (67), allerdings nicht mit der ‚Schola Ludus‘, auch nicht mit seinem Stück ‚Diogenes cynicus redivivus sive De compendiose philosophando‘. Luther, Melanchthon und die protestantischen Schulmeister, etwa Johannes Sturm am Gymnasium in Straßburg, Christian Weise in Zittau – nachfolgend das Jesuitentheater fehlen ganz. Als Ergänzung füge ich wenigstens einen Auszug aus Luthers Tischreden ein: „Comödien zu spielen soll man um der Knaben in der Schule willen nicht wehren, sondern gestatten und zulassen, erstlich dass sie sich üben in der lateinischen Sprache, zum anderen, dass in Comödien fein künstlich erdichtet, abgemalet und fürgestellet werden solche Personen, dadurch die Leute unterrichtet und ein Jeglicher seines Amts und Standes erinnert und vermahnet werde, was … gebühre, wohl anstehe, und was er thun soll; … Zudem werden darinnen beschrieben und angezeigt die listigen Anschläge und Betrug der bösen Bälge … welches denn sehr nütz und wol zu wissen ist.“ (Spielräume – Spielträume. Das Theater der Jugend und sein Treffen. Zum 10-jährigen Bestehen des Theatertreffens der Jugend’ hg. von Hans Chiout und Edgar Wilhelm, Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, 1990, S. 15)

Fazit

Die Kinder- und Jugendliteratur erweist sich als faszinierender Gegenstandsbereich mit unterschiedlichsten Bezugs- und Betrachtungsperspektiven: als Literatur ist sie Kunstwerk und Zeitzeugnis, in Didaktik und Pädagogik ist sie sowohl Lernmittel wie Lerngegenstand, als historisches Phänomen interessant in ihrer Entwicklung wie als Spiegel jeweiliger Gegenwart.

Das weite Panorama wird in den zwölf Beiträgen und der „Einleitung“ der beiden Herausgeberinnen kompetent und facettenreich eingefangen; es wird vor allem theoretisch perspektiviert; konkrete Informationen zu AutorInnen und Inhalten sind eher spärlich.


[1] Schon in ihrer Einleitung (S. 11) hatten die Herausgeberinnen auf Wolgast hingewiesen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel
Institut für Spiel- und Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin
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Zitiervorschlag
Hans Wolfgang Nickel. Rezension vom 01.06.2018 zu: Bettina Bannasch, Eva Matthes: Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur. Historische, erzähl- und medientheoretische, pädagogische und therapeutische Perspektiven. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3753-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24015.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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