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Stefan Metzger: Das Spiel um Anerkennung

Cover Stefan Metzger: Das Spiel um Anerkennung. Vereine mit Türkeibezug im Berliner Amateurfußball. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 210 Seiten. ISBN 978-3-658-19260-0. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Stefan Metzger untersuchte Fußballvereine in Berlin, die von Migranten gegründet wurden und überprüfte, ob diese, als Problemfälle oder als Ausdruck von Abgrenzung angesehenen Vereine, zur Entwicklung von Parallelgesellschaften beitragen.

Stefan Metzger konstatiert, dass die Gründung von Vereinen mit Türkeibezug als Antwort auf mangelnde Partizipationsangebote in den deutschen Fußballvereinen gesehen werden können. Die Erfahrung von Ausgrenzung hätte dabei eine wichtige Rolle im Gründungskontext der Vereine gespielt.

Das Buch beschreibt Fremdzuweisungen im Hinblick der Vereinsgründungen von Fußballvereinen mit Türkeibezug und setzt dagegen die Selbstpositionierungen der Gründungsmitglieder.

Der Autor zeichnet an drei Vereinen beispielhaft auf, dass durch eine positive Selbstattribuierung transnationale Fußballkarrieren zwischen Deutschland und der Türkei befördert wurden.

Schließlich wird der Amateurfußball als Arena für Kontakte der Migrationsgesellschaft dargestellt, und somit als Ort, in dem Bedürfnisse und Ansprüche zur Teilhabe, nicht nur im Berliner Amateurfußball, sondern darüberhinaus in der Gesellschaft ausgehandelt werden.

Autor und Entstehungshintergrund

Stefan Metzger legt mit seinem Buch eine komprimierte Fassung seiner Dissertationsschrift vor, die er am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereicht hatte. Er promovierte als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung.

Aufbau

Das Buch umfasst 189 Seiten Text und ein aktuelles Literaturverzeichnis von 27 Seiten. Es ist übersichtlich im acht Kapitel gegliedert.

Das achte Kapitel kann losgelöst vom übrigen Text rezipiert werden, denn es beschreibt die Entstehungsgeschichte des Fußballs und ist daher auch als Vorauslektüre zu empfehlen.

Im Anhang findet sich ein Verzeichnis von Spielern, die in Deutschland geboren wurden und die den Sprung in die zweite türkische Liga in der Saison 2012/2013 geschafft haben.

Inhalt

In Kapitel 1 fragt Metzger nach dem Grund der Vereinsgründung migrantisch geprägter Fußballvereine. Er stellt die Forschungstradition vor, die einerseits die Migrantenorganisationen als Brücke zur Integration betrachtet und diese andererseits als Desintegrationsfalle aufgezeigt hat.

Da jedoch die Dichotomie zwischen Ausländern und Nicht-Ausländern an Erklärungskraft eingebüßt habe, sei die Unterscheidung zwischen Staatsbürger und Ausländer auch in der Wissenschaft zunehmend obsolet geworden. Nichts desto trotz bliebe die Integrationsfrage im Amateurfußball bestehen, was sich an der Namensgebung zeige, aus der sich das Herkunftsland der Akteure ablesen lasse. Eine Abstammungsgemeinschaft würde als Ethnie bezeichnet, allerdings sei die Ethnizität oftmals vorausgesetzt und es mangele an Untersuchungen der Faktoren, welche diesen Prozess initiieren. Mit Barth wird hier eine neue Betrachtungsweise vorgestellt: der Prozess der ethnischen Grenzziehung, ein Aushandlungsprozess auf der Makroebene von Politik, Medienund Bildungssystem aber auch auf der Mikroebene im Austausch des alltäglichen Miteinanders, hier im Besonderen im Rahmen des Amateurfußballs.

Die Forschungsfrage der Dissertation befasst sich genau mit der Rolle, welche die Ethnizität für migrantisch geprägte Fußballvereine spielt.

Kapitel 2 trägt den markanten Titel: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“. Methodologisch geht es um die Fokussierung, auf die Binnensicht dessen, was in den Fußballvereinen mit Türkeibezug „auf dem Spiel“ steht. Dabei gelingt es Metzger Konflikte im Amateurfußball aus der Sicht der beteiligten Menschen mit Migrationshintergrund zu beschreiben. Er behandelt die Auseinandersetzung anstehender Probleme als gesellschaftliche Konflikte, in denen es um Schiedsrichterentscheidungen und Sportgerichtsverhandlungen im Kampf um Zugehörigkeit und um den gleichberechtigten Status all der Sprachen geht, in denen sich die Spieler auf dem Platz verständigen wollen sowie um die Verteilungskonflikte bei der Vergabe von Sportplätzen.

Im Zwischenfazit sieht Metzger das Aufbegehren der jungen Fußballspieler als Selbstbehauptungsstrategie. Sie wollten nicht länger diktiert bekommen, in welcher Sprache sie sich zu unterhalten hätten. Das Aushandeln von gesellschaftlichen Positionen und gesellschaftlichem Status habe symbolischen Charakter und schaffe den Spielern die Anerkennung, die ihnen in anderen Bereichen oftmals verwehrt sei.

Metzger stellt dezidiert die Zugänge zu seinem Forschungsfeld dar, den Prozess der Typenbildung und des gezielten Samplings, in dem er seine wissenschaftlichen Nahaufnahmen durchführte. Die Kurzportraits der ausgesuchten Vereine zeigen eine wohl überlegte Auswahl, die exemplarisch für unterschiedliche Facetten des Konfliktaustausches und der Selbstbehauptungsstrategien steht. Mit einer Methodentriangulation aus Interviews und teilnehmender Beobachtung konnte Metzger sich sowohl ein Bild über Haltungen und Einstellungen der Interviewten machen als auch die gesamte Atmosphäre zwischen den Spielern und ihren Zuschauern wahrnehmen. Er reflektiert seine Rolle im Forschungsprozess und die Attribuierungen, die ihm seitens seiner Interviewpartner angetragen wurden, insbesondere die Tatsache, dass er als Mensch ohne Migrationshintergrund über Menschen mit Migrationshintergrund forschte, um Prozesse der ethnischen Differenzierung zu untersuchen. Die Datenauswertung beschreibt der Autor als einen komplexen Prozess mit mikrosprachlichen Analysen. Durch den Austausch der Daten in einer Analysegruppe sollte eine Multiperspektivität der Datenauswertung erreicht werden, um vorschnellen Deutungen vorzubeugen. Metzger beschreibt den Einsatz des Computerprogrammes MAXQDA, mit dem Interviewskripte systematisch nach zentralen Mustern oder Motiven codiert werden konnten.

Kapitel 3 behandelt die Gründungsmotive von Fußballvereinen mit Türkeibezug in der Berliner Sportpolitik. Einerseits gab es das Bestreben, den Fußballsport im vertrauten Kreis von Bekannten und Freunden auszuüben sowie religiös-kulturelle Werte der Mitglieder zu beachten, andererseits wurde eine Berücksichtigung der Spieler in Mannschaften und Vereinsgremien erwartet. Aus der Innenperspektive wurde diese Partizipation den Vereinen mit Türkeibezug jedoch lange Zeit verwehrt. Die erschwerte Aufnahme in den Berliner Fußballverband wurde von den hier untersuchten Vereinen als Ausgrenzung erlebt, der Wunsch nach Partizipation im Sport sei evident gewesen.

Die Verbandsarbeit wurde nicht nur im Hinblick auf den Sport als wichtig erachtet, sondern mehr noch als soziale Unterstützung der Jugendlichen, um diese „von der Straße zu holen“. Die Verwirklichung dieses Wunsches wurde allerdings erschwert. Was aus einer Außensicht als Abschottungstendenz bezeichnet wurde, wurde aus der Innensicht als mangelnde Chancen zur Integration gewertet.

Als Reaktion auf die gespürte Benachteiligung wurde 1978 vom türkischen Sportbegegnungszentrum ein eigener Fußballverband mit einer eigenen Fußballliga gegründet. Doch erst zwanzig Jahre später wurde ein türkeistämmiger Vertreter zum Präsidiumsmitglied eines DFB-Regionalverbandes in Deutschland gewählt. Dies führte zur Bildung einer Lobby für mehr Mitbestimmung im Berliner Fußballverband.

Kapitel 4 untersucht das Spiel um Selbstbestimmung einmal aus der Außensicht und ferner aus der Selbstpositionierung unterschiedlicher Vereine.

Die türkischen Namen der untersuchten Fußballvereine hatten zur Folge, dass sie undifferenziert als türkische Vereine gesehen und auch so betitelt wurden. Dagegen wandten sich die Vereine, weil sie wohl zu Recht befürchteten, pauschalierend als integrationsunwillig und als Problemvereine betrachtet zu werden.

Mit ihrer Namensgebung brachten die Vereine sehr unterschiedliche Identifikationen zum Ausdruck. Metzger zeigt exemplarisch Vereine mit einer politischen Orientierung, die sich auf das Mutterland bezog, ein Verein habe sich aber expressis verbis sogar von der Türkei abgegrenzt, indem er mit der Namensgebung seine kurdischen Wurzeln betonte. Die religiöse Identifikation einiger Vereine zog auch Muslime aus anderen Ländern an. Andere Vereine orientierten sich an Vereinen der türkischen Süper Lig. Metzger fand, dass in der letzten Zeit die Identifikation der Vereine dynamischer geworden sei, so änderte ein türkischer Verein zweimal seinen Namen und nennt sich nun FC Kreuzberg. Auch Mehrfachzugehörigkeiten zeugen von einer Veränderung bei der Identifikation. Insgesamt konnte eine Abnahme des Türkeibezugs festgestellt werden.

Im 5. Kapitel geht es um die Selbstbehauptung im Berliner Amateurfußball. Besonders bei Sportgerichtsverhandlungen hätten sich die Vertreter der Vereine mit Türkeibezug benachteiligt gefühlt, was zum einen daran gelegen habe, dass es sich bei der Runde der Richter um eine alleinige Gruppe deutschstämmiger Menschen gehandelt habe, die mit der untereinander vertrauten Ansprache des Du, von vornherein als parteiisch angesehen worden wären. Andererseits gab es seitens der Jugendlichen in den untersuchten Vereinen keine Eigeninitiative, um das Schiedsrichteramt zu ergreifen. Die jungen Menschen, die vom Verband zu den Kursen angemeldet wurden, erlebten die Position des Schiedsrichters als problematisch, da ihnen von vorne herein Parteilichkeit unterstellt wurde, sobald sie Spiele mit Mannschaften aus unterschiedlichen Ethnien pfiffen. Insgesamt waren die Schiedsrichter aus Vereinen mit Türkeibezug deutlich unterrepräsentiert, sodass es nicht wundert, dass erst sehr spät eines ihrer Mitglieder in das Schiedsgerichts-Gremium aufgenommen wurde. Seitens der Eltern wurden die jungen Spieler wohl eher von der Schiedsrichtertätigkeit abgehalten. Nach der Wiedervereinigung wurde den besagten Schiedsrichtern, besonders im Osten Berlins und außerhalb der Stadt, Parteilichkeit unterstellt. Sie wurden massiv mit herabwürdigenden Bezeichnungen beschimpft, was sie ihrerseits zum Kontern anstachelte.

In Sportgerichtsverhandlungen ging es vordergründig um Konflikte auf dem Fußballplatz, wie etwa um den Gebrauch der Sprache und die Vergabe der Sportplätze. Letztlich hätten sich die Auseinandersetzungen als Status- und als Verteilungskonflikte gezeigt, die auch über das Fußballfeld hinaus als Kämpfe und Aushandlungen von gesellschaftlichem Status und von gesellschaftlichen Positionen anzusehen seien.

Das 6. Kapitel behandelt einen Aspekt, der als eine große Chance für die Fußballspieler mit Türkeibezug angesehen werden kann. Es geht um transnationale Fußballkarrieren zwischen Deutschland und der Türkei.

Die Internationalisierung des Fußballsportes zog gleichzeitig eine Professionalisierung der Spieler nach sich, für die es ein wesentlicher Karriereschub war, in ausländischen Vereinen zu spielen.

Dies galt offensichtlich auch für die Spieler der türkischen Nationalelf, allerdings war hier die Zahl der ausländischen Spieler begrenzt. Nicht begrenzt war jedoch die Aufnahme von qualifizierten Spielern mit türkischen Vorfahren, sogenannte almancılar, die in Deutschland ausgebildet worden waren. So kam es, dass diese bevorzugt die Chance bekamen, in der türkischen Süper Lig zu spielen. In der Saison 2012/2013 gab es 52 Spieler, die in Deutschland geboren waren und in der Süper Lig in der Türkei spielten. Bis auf zwei deutschstämmige Spieler waren sie almancılar. Damit zählten sie nicht als ausländische Spieler und somit war ihre Aufnahme in die türkische Nationalelf nicht begrenzt.

Metzger beschreibt an einzelnen Karrierebeispielen die Vor- und Nachteile des Spielertransfers und zeigt auf, dass Spieler, die in der „Talentschmiede Berlin“ hervorragend ausgebildet wurden, wegen mangelnder Chancen in Deutschland Gelegenheitsstrukturen in der Türkei als transnationale Option nutzen konnten. Es entstand ein System von transnationalen Scouts, die besonders in Berlin türkeistämmige Fußballspieler beobachteten und ihnen bei entsprechender Eignung eine Aufstiegschance in den türkischen Profifußball ermöglichten. Allerdings blieb dieser Sprung, der von der Eltern- und Großelterngeneration stark unterstützt wurde, für viele ein Traum und entsprach nicht immer den erhofften Karrierezielen, sodass der Spielertransfer in die Türkei auch kritisch gesehen wurde.

Im 7. Kapitel zieht Metzger sein Resümee, das die Ambivalenz des Amateurfußballs in der Migrationsgesellschaft aufzeigt. Viele Aspekte, die er in seiner Dissertation untersucht hat, können nur mit einem sowohl als auch beantwortet werden. Bei Fußballvereinen mit Türkeibezug handelt es sich, wie die Untersuchung gezeigt hat, um zivilgesellschaftliche Vereinsgründungen, um Vereine, die in Deutschland registriert sind, die aber dennoch als „türkische Vereine“ im Verdacht stehen, sich abzuschotten. Der Bezug zur Türkei, der zu Beginn der Vereinsgründungen evident war, hat jedoch an Bedeutung verloren, sodass die Vereine heute betonen, dass sie deutsche Vereine seien. Sie wollen als Berliner Vereine gesehen werden. Der FC Kreuzberg hat seinen Namen zweimal geändert und sich nun nach seinem Stadtteil umbenannt.

Doch nicht nur die Begeisterung für den Sport und für die damit einhergehende Geselligkeit, sondern auch die sportliche Partizipation am regulären Spielbetrieb und die Mitbestimmung in den Verbandsstrukturen zeugen von dem Wunsch zur Integration. Nachdem das erste türkeistämmige Mitglied in den Vorstand eines DFB-Landesverbandes gewählt wurde, setzte der Verband einen Ausschuss für Migration und Integration des Berliner Fußballbundes (BFV) ein, den Metzger in seiner heterogenen Zusammensetzung und seiner integrationspolitischen Agende in Deutschland als einmalig nennt, denn die verbandsinternen Interessenvertretungen im Freizeitbereich können als wichtiger Schritt zu mehr gesellschaftlicher Mitbestimmung gesehen werden. Das ehrenamtliche Engagement kam besonders in den Bereichen zum Tragen, in denen kompatible Angebote in der Aufnahmegesellschaft fehlten.

Metzger beschreibt den Einfluss der Fußballvereine mit Türkeibezug auf den sportlichen Aufstieg seiner Mitglieder als ein Sprungbrett für eine transnationale Profikarriere in der Türkei. Für die türkeistämmigen Jugendlichen aus Berlin stellte die Fußballkarriere in der Türkei eine sportliche Aufstiegschance dar, die ihnen in Deutschland nicht geboten wurde.

Das Selbstverständnis der Vereine war im Wandel begriffen und ging mit einem Öffnungsprozess für deutschstämmige Spieler einher. Es zeigten sich neue Zugehörigkeiten, wie Metzger es am Beispiel Kreuzberger Vereins aufgezeigt hat, der sich 2011 von Samsunspor in FC Kreuzberg umbenannt hat. Die Ablehnung der Bezeichnung als türkischer Verein war darin begründet, dass sich die Spieler als Deutsche identifizierten und sich vom dem Image als Problemverein befreien wollten. Sie wollten als „normale Vereine“ anerkannt werden und wiesen negative Klassifikationen und abwertende Zuschreibungen zurück. Bei Alltagskonflikten auf dem Fußballplatz wird der gesellschaftliche „Integrationsdiskurs“ besonders deutlich. Eine Zugehörigkeit wird demnach nicht allein durch das Staatsbürgerschaftsrecht festgelegt, sondern auch von gesellschaftlichen Institutionen verhandelt. Die Konflikte können als Kompensationsstrategien für soziale Ausgrenzung und somit auch als eine Selbstbehauptungsstrategie gesehen werden. Zudem stellt der Fußball einen Ort des Zusammenhalts dar, bei dem sich die Beteiligten kollektiv gegen eine Benachteiligung zur Wehr setzen. Diskriminierung einerseits und Selbstbehauptung andererseits sind Ausdruck von Ethnizität, die in der Migrationsgesellschaft ausgehandelt werden und denen eine immer größere Bedeutung zukommt.

Metzger bezeichnet den Amateurfußball als Kontaktarena und Aushandlungsort der Migrationsgesellschaft. Im Berliner Amateurfußball fokussieren sich die Chancen und Herausforderungen einer heterogenen Migrationsgesellschaft und treten wie unter einem Brennglas zu Tage. Die geschilderten Konflikte wertet der Autor nicht als Anzeichen einer Desintegration, sondern als sinnstiftend für eine postmigrantische Gesellschaft, zu deren Kernprinzip eine pluralistische Gesellschaft gehört, in der etablierte Machtpositionen hinterfragt und herausgefordert werden. Die untersuchten Vereine konnten sich vor Instrumentalisierungsversuchen von politischen Parteien und religiösen Organisationen in der Türkei lösen und zu zentralen Institutionen der Aushandlung werden.

Der Amateurfußball hat relativ niedrige Zugangsvoraussetzungen, eine unkomplizierte Selbstorganisation, ein einfaches und allgemein anerkanntes Regelwerk und fußt auf einem universalen Leistungs- und Wettbewerbsgedanken. Das prädestiniert ihn als Austragungsort für Diskussionen um Migration, Partizipation und Zugehörigkeit.

Im 8. Kapitel zeigt Metzger die Entstehungsgeschichte des deutschen Fußballs auf und belegt, dass er bereits in seinen Anfängen Ende des 19. Jahrhunderts die Funktion eines Kontakt- und Aushandlungsraumes innehatte. Schon damals sei die Migration im Fußball der historische Normalfall gewesen.

Diskussion

Mein Interesse an Metzgers Buch bezog sich primär auf seine methodologische Vorgehensweise. Ich fand es großartig, dass ihm die Triangulation von Teilnahme, Beobachtung und qualitativen Interviews zu aussagekräftigen Daten gelang. Mit einer studentischen Analysegruppe konnte er mögliche Fehldeutungen minimieren. Er hinterfragte seine Rolle als Forschender im Forschungsprozess. Ein sehr aufwendiges Analyseverfahren ermöglichte ihm sprachliche Muster aufzudecken, zu kategorisieren und Gemeinsamkeiten zu gewichten. Es waren also Fakten, mit denen Metzger seine Aussagen belegen konnte. Doch darüber hinaus. hat seine Untersuchung es geschafft, die atmosphärischen Strömungen, die bei seinen Kontakten mitschwangen, einzufangen und wiederzugeben

Bei der Beantwortung seiner Fragen verließ sich Metzger jedochnicht allein auf seine Beobachtungen, sondern zog wissenschaftliche Untersuchungen aus anderen Disziplinen mit ein.

Dass die Frage nach der Sprache auf dem Fußballplatz eine so bedeutende Rolle in seiner Untersuchung spielt, hat mich nicht verwundert, habe ich als Fachleiterin doch selbst erlebt, dass in den Klassenräumen Regeln aushingen: „Wir sprechen Deutsch“ und dass sogar die Forderung erhoben wurde, auf dem Schulhof nur Deutsch zu sprechen. Die Mehrsprachigkeit hat heute einen hohen Stellenwert und die Primärsprache ist ganz entscheidend für die Identität der Menschen. Hier hat offensichtlich ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der wohl auch den Spielern der Berliner Amateurfußballspieler zu verdanken ist, die sich nicht ihre Sprache haben verbieten lassen.

Spannend fand ich auch die Erkenntnis, dass die Kommunikation mit den almancılar in der türkischen Süper Lig erschwert war, weil sie viele Redewendungen des Türkischen in ihrem Doppelsinn nicht verstehen konnten. Metaphern sind bekanntlich nicht wortwörtlich zu verstehen, denn ihre Ausbildung bedarf eines gesellschaftlichen Kontextes.

Fazit

Metzgers Dissertationsschrift untersucht die Gründe, aus denen heraus in Berlin Fußballvereine von türkeistämmigen Migranten gegründet wurden. Mit seinen sehr präzisen Analysen widerlegt er die Ansicht, dass die als „Problemfälle“ bezeichneten Vereine, als Ausdruck einer Parallelgesellschaft zu werten sind. Indem er eine Saison lang exemplarisch drei Vereine begleitete und qualitative Interviews durchführte, gelang es ihm, nachvollziehbar zu belegen, dass die untersuchten Vereine Aushandlungsorte der Selbst- und Mitbestimmung und nicht der gesellschaftlichen Ausgrenzung sind.

Metzger konnte zeigen, dass sich die Fußballvereine mit Türkeibezug im Laufe der Jahre hin zur Mehrheitsgesellschaft geöffnet haben. Fragen zur sozialen Anerkennung, zur gesellschaftlichen Teilhabe sind zentrale Themen, für die der Berliner Amateurfußball eine Arena bildet.


Rezensentin
Dr. phil. Rita Zellerhoff
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Zitiervorschlag
Rita Zellerhoff. Rezension vom 05.03.2018 zu: Stefan Metzger: Das Spiel um Anerkennung. Vereine mit Türkeibezug im Berliner Amateurfußball. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19260-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24016.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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