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Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern

Cover Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2018. 205 Seiten. ISBN 978-3-17-030858-9. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Die Autorinnen behandeln differenziert die Bedeutung bindungstheoretischer Anforderungen und Schlussfolgerungen für die Unterstützung eines gelingenden Bindungsaufbaus vor allem für Kinder, die in Dauerpflege aufgenommen werden. Sie geben in einer Dreiteilung in ihrem Buch eine Übersicht über die Pflegekinderhilfe in Deutschland mit einem Vergleich zu entsprechenden Erziehungshilfen in England, den USA und Rumänien, über Grundlagen und Forschungsergebnisse zur Bindungsforschung und schließlich über bindungstheoretisch begründete Interventionsansätze zur Förderung der Bindung zwischen Pflegeeltern und Pflegekind. Bindungstheorie und bindungspädagogische Konzepte sind seit Langem zentrale Bestandteile der pädagogischen Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Eine sachliche und differenzierte Zusammenstellung von Forschungsergebnissen und evaluierten Interventionsansätzen fehlte aber bisher in der Fachliteratur zur Pflegekinderhilfe.

Aufbau und Inhalt

Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek aufrufen.

Katja Nowacki und Silke Remiorz geben zunächst einen Überblick die Entwicklung des Pflegekinderwesens in Deutschland nach 1945 und die damit einhergehende Spezialisierung und Professionalisierung der Pflegekinderdienste. Die Differenzierung der Vollzeitpflege und rechtliche Grundlagen im Sozialgesetzbuch und Bürgerlichen Gesetzbuch werden ergänzt durch übersichtliche graphische Darstellungen. Interessant sind vor allem die aktuellen Zahlen zu Unterbringungen in der Vollzeitpflege – zu einem guten Teil im Vergleich zur Heimerziehung –, die die Autorinnen vorlegen. Dabei streifen sie auch das Thema der migrationssensiblen Erziehungshilfe für Kinder- und Jugendhilfe, von denen mindestens ein Elternteil nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Anhand der Diskussion über die Motivation von Pflegeeltern wird deutlich, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse des Kindes in den Fokus zu stellen. Weniger differenziert erscheinen die eher kurzen Kapitel zu weiteren zentralen Themen in der Pflegekinderhilfe: Umgangskontakte, Rückführungen und vorzeitige Beendigungen, obwohl die Autorinnen auch hier immer wieder auf Forschungsergebnisse zurückgreifen. Vor dem sehr interessanten internationalen Vergleich, einem informativen Blick auf die Erziehungshilfe in England, den USA und Rumänien, plädieren die Autorinnen – unterstützt durch Forschungsergebnisse – für eine Unterstützung und Fachberatung von Pflegeeltern

Die Aufschlüsselung der Vorerfahrungen der Kinder, die in Vollzeitpflege aufgenommen werden, in sozio-ökonomische Belastungen, Belastungen durch Erkrankungen der Eltern und traumatisierende Erlebnisse in der Herkunftsfamilie, weist in der Schlussfolgerung auf den spezifischen Bedarf der Pflegekinder.

Im dritten Kapitel wird die Bindungstheorie in ihrer Entwicklung und mit einer Reihe von Forschungsergebnissen, Fallbeispielen und mit einer differenzierten Übersicht über Methoden, die Bindungsverhalten und Bindungsrepräsentationen erfassen, sachlich und inhaltlich umfassend vorgestellt. Wohltuend ist, dass Bindungstheorie nicht wie in anderen Fachbeiträgen dogmatisch als zentrale Theorie und Maxime in den Mittelpunkt gestellt wird, ohne dass die Autorinnen die Bedeutung einer korrigierenden Bindungserfahrung für das Pflegekind herunterzuspielen. Die wiederum mit zahlreichen interessanten Forschungsergebnissen unterfütterte Darstellung von Bindungsverhalten und Bindungsrepräsentationen bei Pflegekindern und Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Bindungsmustern, entwickelt gerade durch ihre sachlich-objektive Sprache eine stärkere Wirkung auf die Leserinnen und Leser, und lenkt den Blick auf die Möglichkeiten, Pflegekinder und Pflegeeltern zu unterstützen.

Abschließend beschreiben Katja Nowacki und Silke Remiorz nicht weniger als acht spezifischer Interventionsansätze zur Förderung der Bindung zwischen dem Pflegekind und seinen Pflegeeltern. Dieser Teil ist – auch hier wieder in seiner differenzierten Darstellung und gestützt durch Evaluationsstudien – für die Praxis der Begleitung und Beratung von Pflegeverhältnissen von hoher Relevanz. Hier ergibt sich ein ganzer Strauß an Fördermöglichkeiten, um Pflegeverhältnisse frühzeitig zu analysieren, Risiken zu erkennen und Pflegeeltern oder auch Pflegekinder in ihrer Bindungsentwicklung zu unterstützen.

Diskussion

Die undogmatische, mit der Vielzahl der verwendeten Quellen und Studien seriöse und sachliche Darstellung dieses bedeutsamen Themas in der Pflegekinderhilfe ist eine große Hilfe für die Vorbereitung und Begleitung von Pflegefamilien. Sie regt zur Vertiefung insbesondere der Interventionsansätze an und gleicht die Schwächen im ersten Teil aus, in der das Pflegekinderwesen zu wenig an der modernen Pflegekinderhilfe orientiert vorgestellt wird.

Fazit

Insgesamt legen Katja Nowacki und Silke Remiorz ein Fachbuch vor, in dem durch thematische Dreiteilung und Zusammenführung eine für Fachbücher ungewöhnliche Spannung entsteht, die dazu beiträgt, dass die Neugier der Leserinnen und Leser von Kapitel zu Kapitel wächst. Ein wichtiges und empfehlenswertes Buch, fast ein must-have.

Summary

Katja Nowacki and Silke Remiorz present a book, that is high of relevance for the counseling and support in foster care. They offer a very differentiated presentation of attachment theory und intervention approaches to support attachment between children and parents in foster care.


Rezensent
Dr. Richard Müller-Schlotmann
Diplom-Pädagoge. Zentrum für Pflegekinderhilfe an der Stiftung Evangelische Jugendhilfe Menden, Bereichsleiter Pflegekinderhilfe
Homepage www.ev-jugendhilfe-menden.de
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Zitiervorschlag
Richard Müller-Schlotmann. Rezension vom 23.03.2018 zu: Katja Nowacki, Silke Remiorz: Bindung bei Pflegekindern. Bedeutung, Entwicklung und Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-030858-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24019.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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