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Frieda Sichel: Die Herausforderung der Vergangenheit

Cover Frieda Sichel: Die Herausforderung der Vergangenheit. Jüdische Selbsthilfe in Kassel und Johannesburg. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2018. 211 Seiten. ISBN 978-3-95565-228-9. D: 17,90 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Im Jahr 1975 erschienen die Lebenserinnerungen von Frieda Sichel unter dem Titel „Challenge of the Past“ in Johannesburg. Erst jetzt liegt eine deutsche Übersetzung des Bandes vor. Der Band behandelt eine Reihe von Themen: die Anfänge Sozialer Arbeit, des Frauenstudiums und die Geschichte jüdischer Menschen und der Presse in Deutschland, jüdische Selbsthilfe während des Nationalsozialismus, Soziale Arbeit in Südafrika und die Geschichte der Stadt Kassel. Frieda Sichel war studierte Soziologin, stammte aus einer Verlegerfamilie, hatte enge Kontakte mit führenden jüdischen und nichtjüdischen Sozialpolitiker_innen und emigrierte mit ihrer Familie nach Südafrika. Dort arbeitete sie mehrere Jahre wiederum in der Sozialen Arbeit und wirkte dort u.a. am Aufbau professioneller Strukturen mit.

Entstehungshintergrund

40 Jahre nach dem Erscheinen der englischen Erstausgabe hat das Archiv der deutschen Frauenbewegung (Kassel – verantwortlich Cornelia Wenzel) gemeinsam mit dem Kasseler Historiker Wolfgang Matthäus und mit der für Thema und Geschichte hervorragend geeigneten Übersetzerin Eva Schulz-Jander eine kommentierte deutsche Ausgabe vorgelegt.

Aufbau

Der autobiographische Text Frieda Sichels wurde von den Herausgeber_innen und der Übersetzerin durch erklärende und auseinandersetzende Texte gerahmt. In den editorischen Vorbemerkungen werden die Geschichte der Veröffentlichung und Veränderungen im Vergleich zur Originalausgabe aufgeführt. Daran schließen Vorbemerkungen der Übersetzerin an, die sich nicht auf mögliche Probleme der Übertragung beziehen, sondern sich mit der Autobiographie und an sie anschließenden Fragen beschäftigen.

Auf 150 Seiten folgt sodann der Text Frieda Sichels in zwei Teilen:

  1. Nach Danksagungen und einer Einführung durch den südafrikanischen Rabbiner Dr. A.S. Super nimmt die Autorin zunächst einen Rückblick auf die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland und ihrer Familie seit dem 17. Jahrhundert vor.

  2. In Teil II folgt ihre ebenfalls in historische Entwicklungen eingebettete Autobiographie.

Im Anschluss weist der Band die Anmerkungen von Herausgeber_innen und Übersetzerin auf, eine „Lokalgeschichtliche Skizze“ von Wolfgang Matthäus sowie einen Personenindex, Kurzbiographien zu vielen der in dem Band genannten Personen sowie Angaben zu Quellen und den Herausgeber_innen sowie der Übersetzerin.

Inhalt

Frieda Sichel beginnt ihre Ausführungen mit einer Darstellung des sozialgeschichtlichen Hintergrundes jüdischer Menschen in Deutschland und vor allem der Entwicklung der Zeitung „Kasseler Tageblatt“, dessen Herausgeber und Verleger ihre Familie war. Bis zum Jahr 1933 skizziert sie eine „heile Welt“, in der jüdischen Menschen zwar auch bestimmte Verbote auferlegt waren (insbesondere in Armee, Marine, Verwaltung und den Universitäten), aber gleichzeitig eine „allgemeine Atmosphäre“ bestand, in der „die etablierte jüdische Mittelschicht Frieden, Reichtum und Sicherheit genießen konnte“ (S.?19). Insofern schreibt die Autorin eine Emanzipationsgeschichte aus den rechtlichen Begrenzungen und Ghettos, in der von den anfänglichen individuell ausgestellten „Schutzbriefen“ die schrittweise und nicht immer linear verlaufende Akzeptanz jüdischer Mitbürger_innen entstand.

Ausgeführt wird dies am Beispiel ihrer eigenen Familie, die in Kassel ein Druck- und Verlagshaus betrieb, aus dem u.a. eine der ersten demokratisch orientierten Zeitungen der Stadt hervorging. Damit spiegelt der Band auch die wechselhafte Lokalgeschichte der Stadt, in der zunächst vor allem die liberale Gesetzgebung der französischen Besatzung unter Napoleons Bruder Jerome einen Fortschritt für die jüdischen Bürger_innen bedeutete.

Der Band zeigt damit aber auch die Fragilität einmal errungener sozialer und humanitärer (wie demokratischer) Fortschritte: mit der Regierungsübernahme der NSDAP im Jahr 1933 erfuhr die Emanzipationsgeschichte ein jähes Ende.

Frieda Sichels eigene Biographie kann gleichermaßen als eine weibliche Emanzipationsgeschichte des 20. Jahrhunderts gelesen werden. Geboren 1889 konnte sie als eine der ersten Frauen in Kassel an einem der von der Frauenbewegung eingerichteten Gymnasialkurse teilnehmen und damit – im Unterschied zu vielen vor ihr geborenen und den meisten ihres Alters – eine längere Bildungsphase sowie einen höheren Abschluss erlangen. 1911 nahm sie ein Studium in Baden auf. 1900 hatte Baden als erster deutscher Staat Frauen zum Universitätsstudium zugelassen. Nach einem ersten Studium Generale entscheidet sie sich für Soziologie und muss damit ein Praktikum in der Sozialarbeit absolvieren. In ihrer Studienzeit lernt Frieda Sichel viele bedeutende Wissenschaftler_innen sowie Persönlichkeiten der Bürgerlichen Frauenbewegung kennen, mit denen sie zum Teil auch weiterhin Kontakt hält. Im Ersten Weltkrieg nimmt sie zunächst Tätigkeiten im Rahmen der Versorgung wahr, entscheidet sich dann aber gegen eine weitere Karriere und für die Gründung einer Familie.

Die nationalsozialistische Politik führt dann jedoch dazu, dass Frieda Sichel sich erneut in sozialpolitischen Zusammenhängen engagiert. Schon früh hat sie die Bedeutung des NS für die jüdischen Bürger_innen erkannt und ist an der Entwicklung eines der ersten Umschulungsprogramm zur Vorbereitung auf die Emigration beteiligt. Ihr Engagement (u.a. als Vorsitzende der Frauenloge B´nai B´rith und als Angestellte der „Reichsvertretung der Deutschen Juden“) und ihre Bekanntheit führen u.a. dazu, dass Bertha Pappenheim, die Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, ihr ihre Nachfolge anträgt. Auf den Rat von Leo Baeck lehnt sie dieses Amt jedoch ab, da sie bereits unter Beobachtung der Gestapo steht. Leo Baeck rät zur Flucht. 1935 verlässt Frieda Sichel zunächst mit ihrem Mann Deutschland und begibt sich auf eine „Informationsreise“ nach Südafrika. Unmittelbar nach der Ankunft gelingt es beiden, Stellen zu finden und ihre Kinder nachzuholen. Frieda Sichel beteiligt sich im Weiteren u.a. an Hilfs- und Integrationsmaßnahmen für jüdische Geflüchtete aus Deutschland sowie einem Kinderrettungsprogramm. Schließlich ist sie am Aufbau professioneller Strukturen der Sozialen Arbeit im Südafrika beteiligt.

Nach 1945 unternimmt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann einen Remigrationsversuch nach Großbritannien, beide kehren aber schon bald nach Südafrika zurück. Drei Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes veröffentlicht Frieda Sichel ihre Autobiographie in Johannesburg.

Diskussion

Der Band bietet zeitlich umfangreiche Einblicke in die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Frieda Sichel macht darauf aufmerksam, dass diese Geschichte bis zum Jahr 1933 – mit kleinen Ausnahmen – als eine Emanzipations- und Erfolgsgeschichte zumindest der jüdischen Mittelschicht beschrieben werden kann. Die Übersetzerin und langjährige Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit merkt dazu an: „Kann man deutsch-jüdische Geschichte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialsten unter einem positiven Blickwinkel betrachten, wie es Frieda Sichel weitgehend tut?“ (Vorbemerkung der Übersetzerin, S. 9) Damit schreibt sie gegen ein Bild jüdischen Lebens in Deutschland, das nach 1945 weitgehend vom Holocaust überlagert wurde und hebt die Errungenschaften und Fortschritte hervor.

Und auch darauf macht Eva Schulz-Jander aufmerksam: Frieda Sichel erzählt keine „Opfergeschichte“. Sie „bleibt immer eine Handelnde“ (Vorbemerkung der Übersetzerin, S. 11). Dieses Handeln entfaltet sie in verschiedenen Bereichen, in der Bildung, der Sozialen Arbeit, in Kassel und Johannesburg, in der jüdischen Selbsthilfe während des Nationalsozialismus und im Exil. Sie gewährt damit Einblicke in ein bewegtes Leben, dessen Bewegung sie jedoch versucht zu kontrollieren und damit Einblicke in ein Frauenleben des 20. Jahrhunderts, das sicher als ausgewöhnlich zu bezeichnen ist.

Bei 150 Seiten Text ist klar, dass viele der Themen nur angerissen werden. Frieda Sichels Band bietet insofern Anlässe und Hinweise, die zum Weiterlesen in anderen Werken anregen. Ihr Text bleibt „durchlöchert mit Leerstellen, es bleiben offene Fragen“ (Vorbemerkung der Übersetzerin, S. 12) – und doch bilden die verschiedenen Stränge das Gewebe einer Frauengeschichte, jüdischer und deutscher Geschichte vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen und Entgleisungen.

Fazit

Frieda Sichels Autobiographie ist in mehrfacher Hinsicht interessant: für die Geschichte der Sozialen Arbeit in Deutschland und Südafrika, für die Geschichte jüdischer Menschen in Deutschland, die Geschichte des Frauenstudiums und der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland sowie die damit zusammenhängende Geschichte der Stadt Kassel.


Rezensentin
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 21.02.2018 zu: Frieda Sichel: Die Herausforderung der Vergangenheit. Jüdische Selbsthilfe in Kassel und Johannesburg. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-95565-228-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24022.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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