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Jürgen Körner: Gutes Tier - böser Mensch?

Cover Jürgen Körner: Gutes Tier - böser Mensch? Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 223 Seiten. ISBN 978-3-525-46275-1. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Obwohl viele Menschen das Zusammenleben mit Tieren oder zumindest den regelmäßigen Kontakt mit ihnen nicht aus ihrem Alltag wegdenken können [1], hat sich erst seit den 1980er Jahren im angloamerikanischen Sprachraum, seit den 2000er Jahren in Deutschland das transdisziplinär orientierte Forschungsfeld der Human-Animal-Studies entwickelt. Inzwischen liegen eine Reihe wissenschaftlicher Beiträge aus den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften vor, unter anderem philosophische Grundlagentexte wie „Tiere denken“ von Richard David Precht. Doch im Wesen dieser Trans-Disziplin ist es begründet, dass ihre Inhalte nur bedingt objektiv verhandelt werden – oftmals entsteht eine Polemik im Kreuzfeuer zwischen militanten Tierschützern einerseits und nahezu unkritischen Anhängern einer Verwertungsmentalität andererseits.

Dass es einen begehbaren, wenn auch steinigen Weg zwischen diesen Alternativen gibt, beweist Jürgen Körner mit seinem ehrgeizigen Unterfangen eine „Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung“ vorzulegen.

Autor

Jürgen Körner, 1943 in Erfurt geboren, lehrte als Professor für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin. Er ist Diplom-Psychologe, Psychoanalytiker und Lehranalytiker der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) und der International Psychoanalytic Society (IPA). 2009 gründete er mit Christa Rohde-Dachser die International Psychoanalytic University Berlin.

Körner forscht und publiziert nicht nur zu den Theorien und Methoden der Psychoanalyse und Psychodynamik sowie der psychoanalytischen Pädagogik, sondern auch zu den Themen jugendliche Delinquenz und Mensch-Tier-Beziehung.

Entstehungshintergrund

Im Jahre 1996 veröffentlichte Körner ein Buch mit dem Titel „Bruder Hund und Schwester Katze“. Sein Anliegen sei es damals gewesen, so schreibt er, das Rätsel der Liebe des Menschen zum Tier zu erhellen. Weitergehend wolle er sich nun der Frage zuwenden, welche bewussten und unbewussten Motive für die Tierliebe verantwortlich seien und auf welche Elemente sich eine solide Tierethik stützen könne.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine Monographie in sechs locker zusammengehaltene, auch einzeln zu rezipierende Kapitel. Er beginnt mit dem Bereich Kommunikation mit Tieren, skizziert sodann die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung, um über einige weitere Etappen hinweg abschließend eine Ethik der Mensch-Tier-Beziehung zu formulieren. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

1 „Wie kommunizieren Menschen mit Tieren?“ – das kurze Eingangskapitel kreist um die sogenannte „Affektansteckung“ bzw. „Stimmungsübertragung“; während man bei Menschen eher von „Affektansteckung“ spreche, sei es bei Tieren angebrachter, von „Stimmungsübertragung“ zu reden. Beides sei nur „innerartlich“ möglich, denn Kommunikation verlaufe in erster Linie innerhalb der Kategorie Mensch oder der Kategorie Tier; ein Tier lerne zwar sehr schnell, „die Stimmungen eines Menschen zu erspüren“, umgekehrt sei dies kaum der Fall; alle Erscheinungen, die man unter dem Begriff der Empathie subsumiere, bezögen sich auf die Begegnung von Mensch zu Mensch, ein Mensch könne hingegen nicht erfassen, was in einem Tier vor sich gehe.

2 „Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ – ausgehend von der Makro-Trias Frühmittelalter, Hochmittelalter und Neuzeit fokussiert Körner die wesentlichen Eckpfeiler in der historischen Entwicklung der Beziehung vom Menschen zum Tier. Für das Frühmittelalter könne man das Konzept einer „archaischen Permeabilität“ ausmachen, eine Art präreflexiver Umgang zwischen Mensch und Tier, der sich unter anderem in der Übertragung animalischer Eigenschaften auf den Menschen äußere (heute gebe es Reste davon in Wendungen wie „stark wie ein Pferd“ oder „bienenfleißig“). Es gehe um eine Nähe, um eine animistische Denkweise sogar, die man mit dem präoperationalen Entwicklungsstadium von Kleinkindern gleichsetzen könne. Im Zuge der zunehmenden Individualisierung der Menschen im Hochmittelalter, mit dem Erwachen von Selbstreflexivität und Selbstbewusstsein, bringe man auch den Tieren mehr Aufmerksamkeit als zuvor entgegen, was sich nicht zuletzt in Bestrafungen von Tieren oder auch der Tierbeigabe bei Hinrichtungen von Menschen zeige. Davon abzugrenzen seien die Tierprozesse, die meist mit der Tötung des Tieres endeten, in denen Tiere jedoch als ernstzunehmende Angeklagte auftraten. Auch für das Hochmittelalter gelte noch, dass keine Theory of Mind vorhanden gewesen sei, Mentalisierungsfähigkeit habe sich erst allmählich vom 11. bis zum 13. Jahrhundert herausgebildet. Tierprozesse seien in gewisser Weise auf dieselbe Stufe wie Hexenprozesse zu stellen: beide dienten dem sich im christlichen Sinne als sündig empfindenden Menschen als projektive Entlastung von göttlichen Strafen.

Mit dem Erwachen der selbstreflexiven Fähigkeiten des Menschen ab dem Hochmittelalter gehe das Nachdenken über das Mensch-Tier-Verhältnis einher. Mehr und mehr distanziere sich der Mensch vom Tier, er fühle sich überlegen und markiere die Grenze zwischen den Kategorien immer schärfer. Nach einem Höhepunkt in der Aufklärung kehre sich diese Denkweise ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der Epoche der Empfindsamkeit, die zur Romantik hinführe, wieder um. Der Mensch definiere sich nicht mehr hauptsächlich als intellektbegabtes Wesen, sondern werde sich mehr und mehr seiner eigenen Gefühligkeit bewusst. So bilde sich allmählich eine Liebe zum Tier heraus, die in die Tierliebe der Moderne münde. Einen Meilenstein auf diesem Weg setze kein Geringerer als Immanuel Kant, der, so resümiert Körner, die ethische Verpflichtung des Menschen, Tiere zu schützen, betone. Doch trotz dieses Bewusstwerdungsprozesses, auch trotz der Gründung des ersten Tierschutzvereins in Deutschland (1838) habe es weiterhin Tierhetze, Tierkämpfe und vielerlei weitere offiziell geduldete Quälereien von Tieren gegeben. In Deutschland habe erst das Tierschutzgesetz von 2006 die strafrechtliche Verfolgung dieses Umgangs mit Tieren kodifiziert.

Aus psychologischer Perspektive betrachtet, zeichne sich die neuzeitliche Mensch-Tier-Beziehung dadurch aus, dass man versuche, sich eine Vorstellung vom Innenleben der Tiere zu machen. Resonanzphänomene der Tiere würde man jedoch fälschlicherweise als Affektansteckung deuten. Man müsse immer beachten, dass kein Mensch ein Modell vom Innenleben der Tiere besitzen könne, der Versuch sich die Psyche eines Tieres zu vergegenwärtigen, müsse also egozentrisch bleiben, denn dem Menschen seien nur seine eigenen Modelle bekannt.

3 „Wie wir die Tiere verwenden“ – nach einem kurzen Ausflug zur Theorie des sozialen Interaktionismus listet Körner vier Grundängste des Menschen auf (Existenzangst, Angst vor Verlust, Angst vor Wirkungslosigkeit, Schuldangst), die prinzipiell nur mithilfe anderer Menschen bewältigt werden könnten. Wenn diese Anstrengungen jedoch ins Leere liefen, würden Tiere Verwendung finden: Zweifel an der eigenen Existenz, die Angst, von anderen nicht wahrgenommen zu werden, könne ein Hund kompensieren, der den Menschen immer freudig erwarte. Dasselbe treffe auf die Angst vor dem Verlassenwerden zu, denn die Treue von Hunden, als berühmtes Beispiel nennt Körner Hachiko, sei legendär. Bei der Angst vor Wirkungslosigkeit manifestiere sich die Asymmetrie im Mensch-Tier-Verhältnis. Das Motiv, „unsere Angst vor eigener Einflusslosigkeit durch Machtausübung über die Tiere zu besänftigen“ präge „unser Verhältnis zur belebten Natur“ (S. 88). Der Schuldangst schließlich werde beim Zusammensein mit den vermeintlich gutherzigen Tieren, dies sei jedoch eine typisch menschliche Verkennung, der Wind aus den Segeln genommen. Tiere seien kaum vorwurfsvoll, was auch unseren Gleichmut gegenüber der Massentierhaltung erklären könnte.

4 „Die Mensch-Tier-Differenz“ – zu Anfang erwähnt Körner das Modell der „pathozentrischen Tierliebe“, das sich in der Romantik entwickelt habe. Der Anspruch, sich in Tiere einzufühlen, beruhe auf einem Irrglauben, der heute so stark wie nie zuvor ausgeprägt sei, denn die Argumentation der „Assimilationisten“ beruhe auf der Similarität von Mensch und Tier, auf der Annahme, dass es nicht gerechtfertigt sei, Menschen einen Sonderstatus zuzubilligen. Nach dieser Ideologie sei die Betonung der Unterschiede zwischen Mensch und Tier „speziezistisch“ und impliziere eine Entwertung der Tiere. Diese kritische Haltung gegenüber den „Differentialisten“ werde – so räumt Körner, der Differentialist, ein – aus einem historischen Blickwinkel heraus verständlich, denn die cartesianischen Kategorien der „res cogitans“ (Menschen) und „res extensa“ (Tier, Dinge) wirkten nach.

Körners Anliegen ist es, die Differenz zwischen Mensch und Tier, zum einen aus der Perspektive des Menschen, zum anderen – soweit irgend möglich – aus der Perspektive des Tieres zu konturieren. Sowohl in dem Punkt Denken als auch in dem Punkt Intentionalität geht Körner von Stufenmodellen aus: mit den „vier Stufen der mentalen Repräsentation“ von Hauser (2001) gelangt er zu der Schlussfolgerung, dass „nur einige wenige, in der Phylogenese hochstehende Säugetiere über ein Ich-Bewusstsein oder die Fähigkeit zur Metakognition“ (S. 105) verfügen. Auf den „vier Stufen der Intentionalität“, definiert von Daniel Dennett (1981), könnten wohl die meisten Säugetiere zur zweiten Stufe gelangen (Gegenstände bestimmen, Vorlieben zu erkennen geben), doch eine Intentionalität auf der dritten Stufe (Gedanken des Gegenübers erfassen) sei fraglich, dabei liege vermutlich eher ein Fall operanter Konditionierung vor. In puncto Moral, letzte Domäne der Differenz, betont Körner, dass bei Tieren, auch wenn es anders aussehe (Beobachtungen etwa bei Primaten in freier Natur), lediglich ein „moralanaloges Verhalten“ wirke, das dem Überleben der Gruppe diene und phylogenetisch begründet sei. Es gebe keine Hinweise dafür, dass „Tiere selbstreflexiv moralische Erwägungen anstellen könnten“ (S. 118). Bei dem Versuch, vom Tier aus die Differenz zum Menschen auszuloten, bezieht sich Körner exemplarisch auf drei große Themen: so lässt die Art und Weise, wie sich ein Bienenschwarm untereinander verständigt, vermuten, dass man hier eine Analogie zu kognitiven Prozessen im Menschen sehen kann. Die Sinnesleistungen unterschiedlicher Tiere beruhen auf der Nutzung eines Magnetsinns und die Orientierungsleistungen der Wandertiere sehen die Kombination von zwei Orientierungssystemen vor. Dass sich Tiere von Menschen unterscheiden, könne also – so folgert Körner hier – nicht in Frage gestellt werden. Zentral sei vielmehr die Bewertung der Unterschiede und der Imperativ, daraus keine Überlegenheit und erst recht keine Instrumentalisierung für menschliche Zwecke abzuleiten.

5 „Warum sollen wir Tiere achten und lieben?“ – so lautet also die entscheidende Frage, die nicht mit rationalen Erwägungen zu klären sei. In Anlehnung an Ursula Wolfs „Texte zur Tierethik“ (2008) differenziert Körner die relevanten ethisch-moralischen Parameter in metaphysische, empirische und anthropozentrische Konzepte. Während in den metaphysischen Konzepten die (normativ vom Menschen festzusetzende) Würde der Tiere und ihr „Selbstzweckcharakter“ (in ihrer Welt verfolgen sie den Erhalt ihrer Art) im Mittelpunkt stehe, konzentrierten sich die empirischen Konzepte, allen voran der Utilitarismus, z.B. vertreten von Peter Singer und seinem „Great Ape Project“, auf den Subjektstatus der Tiere. Mit der Einschätzung, dass dieser unter Umständen höher einzustufen sei als bei einem Säugling, der aufgrund einer Krankheit nicht lange lebensfähig sei oder bei einem Menschen mit mehrfachen Behinderungen, erregte der Speziezismus-Kritiker Singer großes Aufsehen. Ein Kritiker der Singerschen Variante des Utilitarismus, Tom Regan, schreibe den Tieren mentale Fähigkeiten zu, die seiner Meinung nach empirisch nachweisbar seien. Mit der sogenannten „Präferenz-Autonomie“ (in Entscheidungssituationen wissen Tiere, was sie zu tun haben) seien Tiere bei einer Vorstufe der Vernunftfähigkeit angelangt und besäßen demzufolge einen Subjektstatus. Die Anhänger anthropozentrischer Konzepte, so Körner, verlangten aus rein egoistischen Gründen nach einem achtsamen Umgang mit Tieren. Da sei als Erstes der Aspekt des Nutzens zwar mehr als fragwürdig, aber die Kritik daran könne ebenfalls kuriose Auswüchse haben, so etwa bei den „Abolitionisten“, die sogar eine Rückzüchtung bestimmter Nutztierrassen forderten. Als Nächstes sei hier eine „pathozentrische“, „in menschlichem Mitleid gründende Umweltethik“ (S. 152) zu nennen. Das Leiden der Tiere etwa bei Käfighaltung sei keineswegs in Abrede zu stellen, eine Mitleidsethik führe jedoch in die falsche Richtung, sie habe oft etwas Herablassendes, es gebe keine emotionale Brücke zu Tieren, Tiere könnten von unserem Mitleid nicht angesteckt werden. Das letzte anthropozentrische und in diesem Fall metaphysische Konzept bestehe aus einer Tugendethik, in deren Kern es um die Verpflichtung des Menschen gegenüber sich selbst gehe, Tiere zu schützen.

6 „Versuch einer altruistischen Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“Körner referiert ein ethisches Dilemma aus dem Utilitarismus: Soll der Mensch mit geistiger Behinderung in einem übervollen Rettungsboot über Bord gehen oder der Hund? (vgl. S. 169). Für die meisten Menschen sei die Entscheidungsfindung leicht, denn sie folgten der metaphysischen Präsupposition, dass es einen kategorialen Unterschied zwischen Mensch und Tier gebe. Aus psychologischer Perspektive lässt der Autor danach noch einmal die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung Revue passieren, bevor er zwei Extreme der Tierliebe einander gegenüberstellt: „Auf der einen Seite eine egozentrische Indienstnahme der Heimtiere und bedenkenlose, allerdings weitgehend im Verborgenen stattfindende Verwendung der Tiere in der industriellen Massentierhaltung. Auf der anderen Seite die kompromisslose Haltung radikaler Tierrechtsbewegungen, welche den Menschen jeglichen Zugriff auf die Tiere untersagen wollen“ (S. 174).

Die heute zu beobachtende Anthropomorphisierung der Tiere sei der historische Endpunkt einer sozialkognitiven Entwicklung und weit von der Art und Weise entfernt, wie der mittelalterliche Mensch sich quasi spontan und naturgegeben mit den Tieren auf eine Stufe stellte. In einer solchen Tierliebe drohe die Gefahr, dass ein Tier lediglich „einseitige Verwendung“ finde. Während ein menschlicher Gesprächspartner Täuschungsmanöver oder manipulative Mechanismen der projektiven Identifizierung meistens durchschaue, sei dies für ein Tier unmöglich. Somit biete es sich als Opfer der Manipulation an, hier zeige sich die Asymmetrie in der Mensch-Tier-Beziehung in besonderem Maße. Ein Tier könne sich nicht verstellen – diese Eventualität einer „einseitigen manipulativen Beziehung zum Tier“ (S. 183) übertrage dem Menschen eine besondere Verantwortung. Die Liebe zum Tier setze oftmals aus, wenn nicht die Tiere betroffen seien, die augenfällig in der Nähe des Menschen lebten. Demgegenüber sei im Umgang mit Haustieren eine rein egozentrisch motivierte Vermenschlichung zu beobachten. Es sei ein „Ausdruck von dekadenter Entgrenzung“ (S. 188), dass der Mensch in den Tieren nur sich selbst liebe. Wie kann demgegenüber eine altruistische Tierliebe aussehen? Körner erörtert im Hinblick auf eine Antwort zunächst das Phänomen des Altruismus: altruistisches Handeln sei prosozial, vom psychoanalytischen Standpunkt aus jedoch immer egoistisch motiviert, es beruhe auf der Verwendung des Gegenübers zwecks Lösung innerer Konflikte. Dem Dilemma des Altruismus sei nur mit einer ethischen Maxime beizukommen, mit einer echten altruistischen Liebe und damit dem Verzicht „auf die Verwendung des anderen im eigenen Interesse. Anders gesagt: Ich liebe den anderen, wie er für sich ist, und nicht, wie er für mich sein soll“ (S. 194). Die Grundsätze einer solchen Liebe für die Beziehung zum Tier zu formulieren, das ist Körners erklärtes Ziel in den letzten Abschnitten seiner Publikation. Als Erstes solle der Mensch sich über das Wohlergehen der Tiere freuen können. Dies bedeute, für gute Haltungsbedingungen aller Tiere zu sorgen, unabhängig davon, in welchem Umfeld sie lebten und unabhängig von ihrem eventuellen Nutzen. Mit einem ästhetischen Aspekt als Kernpunkt der altruistischen Ethik der Mensch-Tier-Beziehung lasse sich auch die Diskrepanz zwischen dem guten Tier, das leide und dem bösen Menschen, der ihm das antue, auflösen. Auf die Frage, ob man Tiere essen dürfe, solle man antworten, dass es ohnehin sinnvoll sei, von vorneherein den Fleischkonsum zu beschränken und bei dieser Reduktion zu wissen, dass die geschlachteten Tiere aus artgerechter Haltung stammen. „Eine ästhetisch begründete altruistische Mensch-Tier-Beziehung und das Konzept der Alterität“ beruhe auf der Anerkennung der Tiere um ihrer selbst willen. Körner beruft sich auf den Philosophen Martin Seel, der das Paradoxon des ästhetischen Interesses an der Natur und an den Tieren betone. Zwar unterliege der ästhetische Sinn einer kulturellen Genese, richte sich aber im Rahmen der altruistischen Tierliebe auf das, was nicht kulturell hervorgebracht worden sei. Die von ihm unterbreiteten Vorschläge seien, so Körner am Ende seiner Ausführungen, „auch als eine Variante des philosophischen Konzepts von der Alterität“ (S. 214) zu verstehen. Alterität und Identität seien voneinander abhängig, denn man suche „das Gemeinsame, aufeinander Bezogene in der Verschiedenheit“ (S. 215).

Diskussion

Das erste Kapitel, obwohl die Kernthesen später leitmotivisch wiederholt werden, hätte man sich unbedingt länger wünschen dürfen, denn der Standpunkt, dass „Affektansteckung“ bzw. „Stimmungsübertragung“ nur innerartlich wirksam seien, hätte unbedingt neurowissenschaftlich hergeleitet werden müssen, was aber vermutlich noch nicht dem aktuellen Stand der Forschung entspricht. Sicher, ein Mensch kann sich wohl tatsächlich kein Bild von dem Affektleben eines Tieres machen, aber kann er sich nicht trotzdem „anstecken“ lassen? Umgekehrt funktioniert es doch ebenso. Denn wie ist es mit dem Hund, der niemals gelernt hat, seine Pfote auf den Arm seines traurigen Besitzers zu legen, es aber dennoch regelmäßig tut? Handelt es sich dabei nicht, über das bloße „Erspüren der Stimmungen“ hinaus, um Spiegelphänomene, die man, wenn nicht jetzt, dann in einigen Jahren vielleicht, mit modernen bildgebenden Verfahren darstellen kann? Quod erat demonstrandum. Bereits im ersten Kapitel schlägt Körner den sich im Weiteren intensivierenden polemischen Ton an, der vermutlich seine Argumentation im Umkreis des Differenzgedankens, der Alterität von Mensch und Tier, stützen soll. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen.

Sehr spannend zu lesen ist das Kapitel zu der „Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung“, obgleich es sehr summativ bleibt und die Argumentation ein bisschen zu geradlinig gerät. Zum ersten Mal fügt Körner nun kurze Zwischenfazits in seine Texte ein, die einerseits hilfreich sind, die man sich andererseits aber, in Anbetracht der Kürze der einzelnen Abschnitte, hätte sparen können. Für die sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts permanent steigernde Liebe zum Tier zitiert Körner ein Gedicht von Matthias Claudius. Obwohl dieses allein die Ausführungen schon sehr auflockert, wären weitere Beispiele, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuhauf zu finden, sehr passend gewesen.

„Wie wir die Tiere verwenden“ – in diesem Kapitel (3) schwingt ein im Allgemeinen leichter und berechtigter Vorwurf der Instrumentalisierung mit, obwohl die Liebe zum Tier, die am Anfang der vermeintlichen Instrumentalisierung steht, eine hinreichende Würdigung findet.

Das Kapitel über die „Mensch-Tier-Differenz“ ist gespickt mit massiven Seitenhieben gegen die sogenannten „Assimilationisten“. Sicher wäre es gänzlich übertrieben zu behaupten, dass es keinen oder kaum einen Unterschied zwischen Mensch und Tier gebe, aber zu sagen, dass bei Tieren nur moralanaloges Verhalten vorliege, also kein echtes Mitgefühl etwa, sondern lediglich ein Phänomen, das man als analog einstufen könnte, ist ähnlich kurzsichtig. Vielleicht gibt es doch Intentionalität bei Hunden und nicht nur operante Konditionierung. Das lässt sich nach heutigem Wissensstand nicht festlegen. Was die Mensch-Tier-Differenz angeht, so ist des Weiteren unbedingt einem Gradualismus das Wort zu reden (den Körner ebenfalls erwähnt) und individuelle Unterschiede innerhalb der einzelnen Tiergattungen und -klassen sind zu berücksichtigen. Jeder, der mit Tieren lebt, kann sich auf Myriaden von Beispielen stützen.

Sehr gut gelungen ist die Präsentation der unterschiedlichen Konzepte (Kapitel 5), auf denen die Liebe zu Tieren beruht, obschon auch in dieser die Polemik alles andere als zu kurz kommt. Freilich – ein Diktum wie das von Ingrid Newkirk – mit den Menschen sei „ein Pesthauch über die Welt gekommen“ (S. 147) – kann mit mehr als einem Fragezeichen versehen werden, aber das, was laut Körner bei „radikalen Tierschützern“ immer wieder „durchschimmert“ – „Tiere sind gut, Menschen sind schlecht“ – trifft nicht selten zu. Nutztierhaltung abschaffen zu wollen, eine Forderung der Abolitionisten, bleibt zwar zurzeit noch, dabei ist Körner zuzustimmen, utopisch, weshalb jedoch eine Rückzüchtung bestimmter Nutztierrassen per se abgelehnt wird, erschließt sich ebenso wenig. Mit dem, was Körner als „Mitleidsethik“ bezeichnet, ist ein vorläufiger Gipfel der Polemik erreicht. Eine solche Ethik führe in die völlig falsche Richtung. Dem kann entgegengehalten werden, dass dies für Erwachsene möglicherweise zutreffen mag, für Kinder und Jugendliche indessen nur sehr bedingt. Die Verpflichtung zu einer Tierethik muss in pädagogischen Konzepten angelegt sein und im Zuge der Umsetzung ist es völlig egal, ob ein Tier merken kann, ob wir mit ihm leiden oder nicht, völlig egal auch, dass Menschen angeblich nur innerartliche Repräsentanzen des Leidens haben können. Was zählt, ist sich vorstellen zu können, dass ein Tier leidet und in einem nächsten Schritt dieses Leiden empathisch zu begleiten. Mit diesem Vermögen ist eine wesentliche Etappe in der Entwicklung des Kindes vollzogen und dabei gleichzeitig eine erste fundamentale Annäherung an die Verpflichtung, achtsam mit Leben umzugehen.

Im Kontext der „Licht- und Schattenseiten sozialkognitiver Kompetenzen“, Teil seines Schlusskapitels, setzt Körner die „Indienstnahme“ von Tieren im häuslichen Bereich ohne weitere Kommentierung mit der industriellen Massentierhaltung gleich. Mit diesem apodiktischen Tonfall ist nun der endgültige Kulminationspunkt der stigmatisierenden Attacken erreicht. Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass manche Tiere nur aus egozentrischen Gründen gehalten werden. Aber wenn die Egozentriker einen achtsamen Umgang mit ihren Tieren pflegen und auf ihr Wohlergehen achten, dann wird das Tier nicht nur „in Dienst“ genommen, sondern kann sich eigenständig und als Gefährte des Menschen entfalten.

Wenn sich Körner im Kontext des Entwurfs seiner „altruistischen Ethik“ auf die Punkte der Asymmetrie zwischen Mensch und Tier sowie die kategorialen Unterschiede konzentriert, dann kann man ihm erneut sehr gut folgen. Wenn er sagt, dem ist vorbehaltlos zuzustimmen, dass Altruismus immer egoistisch sei (und ebenso die altruistische Liebe zum Tier), dann muss man notgedrungen folgern, dass hier auch eine Form von Anthropozentrismus vorliegt, mit anderen Worten: die Differenz zu den verworfenen anthropozentrischen Konzepten erweist sich als eine sich im Fließen befindende Pseudo-Differenz. Auf den letzten Seiten folgt die massive Denunzierung der Anthropomorphisierung und der Vorwurf, dass darin doch der wahre Speziezismus liege, Tiere zu lieben, weil sie so viele menschliche Eigenschaften hätten. Ohne jegliche Tiefendimension kritisiert Körner darüber hinaus PETA (S. 203) und das Streben einer amerikanischen Tierschützergruppe nach einem „Policing Nature“ (S. 205). Eine Aussage wie „Häufig zielen die Konzepte der Tierschützer darauf ab, die Sonderstellung des Menschen infrage zu stellen“ (S. 209) muss ebenso stark bezweifelt werden. Die Punkte, auf die es in der „altruistischen Ethik“ in erster Linie ankommt, Ästhetik und Alterität, gehen leider etwas unter. Vor allem das Konzept der Alterität, das lediglich auf den letzten zwei Seiten ins Spiel kommt, wirkt aufgesetzt.

Noch einmal zurück zum Anthropomorphismus: Obgleich Körner unterschiedliche Beispiele heranzieht, bleibt er in der Definition des Anthropomorphismus selbst undifferenziert. Dass der Anthropomorphismus gerade in der tier-, insbesondere der hundegestützten Therapie ein Grundbaustein der Kooperation ist, und zwar kein „naiver“, sondern ein „reflektierter“ oder „investigativer“ Anthropomorphismus, führen Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler brillant in ihrer Praxis der hundegestützten Therapie[2] aus. Die beiden erfahrenen Hundeführer oder eher Parts im Mensch-Hunde-Team sprechen ebenfalls zum Mitgefühl, das der Hund zeigen kann, eine deutliche Sprache: Hunde lassen sich von den Gefühlen ihrer Besitzer anstecken und Spiegelneurone „schaffen einen gemeinsamen Resonanzraum. Je größer die gemeinsame Handlungserfahrung ist, desto besser gelingt auch die empathische Kommunikation“ [3]. Allen Tieren die Qualität der Empathiefähigkeit zuschreiben zu wollen, wäre selbstredend unsinnig, dass diese bei Hunden und vermutlich auch anderen Haustieren vorhanden ist, dem dürften viele Tierbesitzer uneingeschränkt zustimmen.

Vor Augen halten sollte man sich zu guter Letzt, dass Körners Referenzraum in der „Kultur des Abendlandes“ liegt und sich im Vergleich zwischen den einzelnen Ländern des Okzidents erhebliche Unterschiede offenbaren würden. Das Titelbild der Monographie, ein Torero, der sich in der Stierkampfarena vor seinem Opfer aufbaut, unterstreicht dies sehr eindringlich. „Gutes Tier – böser Mensch?“ – die sich aus der Frage ergebende These weist Körner zwar mehrfach dezidiert zurück und nutzt sie als Argument gegen „militante Tierschützer“. In Anbetracht des Titelbildes jedenfalls würde man die Behauptung „gutes Tier – böser Mensch“ mit einem klaren Ja beantworten. Eine kulturübergreifende Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung muss im Übrigen noch geschrieben werden – die Forschungen dazu stecken in den Kinderschuhen.

Leider geht der mitunter polemische Stil mit Redundanzen einher. Leitmotivisch wiederholt werden die „nur innerartlich wirksame emotionale Ansteckungsfähigkeit“ und die angenommene Unfähigkeit des Menschen sich vorzustellen, was in einem Tier auf affektiver Ebene geschieht. Und sehr befremdlich wirkt, dass Körner gleich zwei Mal die indische Sekte des Jainismus erwähnt, deren Anhänger die Wege vor sich fegten, um keine Kleinstlebewesen zu schädigen (S. 160 u. S. 186).

Fazit

Körner ist seinem Anspruch, unter dem Titel „Gutes Tier – böser Mensch?“ eine Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung zu schreiben, insofern gerecht geworden, als er die Mensch-Tier-Interaktion aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus beleuchtet und am Ende seinen Entwurf einer „altruistischen Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“ vorstellt. Der insgesamt wertvolle Beitrag im Feld der Human-Animal-Studies wird jedoch nicht unwidersprochen bleiben, weil der Autor in manchen Teilen zu heftig, nicht nachvollziehbar und oft nicht fundiert genug die Positionen der Tierschützer, deren Meinungen er nicht teilt, attackiert. Außerdem versäumt er es, den Aspekt der Alterität hinreichend auszuführen. Wesentliche Meilensteine in der Mensch-Tier-Psychologie werden gänzlich ausgespart, so etwa das weite Feld der tiergestützten Pädagogik und der tiergestützten Therapie. Auch wenn es die Ontologie der Mensch-Tier-Interaktionen weit ins Pragmatische hinein transzendiert, in der Fragestellung hätte man es verorten können. Nichtsdestoweniger ist für die Monographie eine Leseempfehlung auszusprechen, schon allein deshalb, weil es Körber streckenweise sehr gut gelingt, zwischen den ideologischen Extremen der Tierliebe zu vermitteln.


[1] Vgl. dazu die kürzlich beendete (1. Juli 2018) Ausstellung „Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen“ des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (04.08.2018).

[2] Vgl. Rainer Wohlfarth/ Bettina Mutschler: Praxis der hundegestützten Therapie. Grundlagen und Anwendung. München – Basel: Ernst Reinhardt Verlag, 2. Aufl. 2017, S. 36. Vgl. die Rezension.

[3] Ebd., S. 56.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 22.08.2018 zu: Jürgen Körner: Gutes Tier - böser Mensch? Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-46275-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24024.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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