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Bettina Isengard: Nähe oder Distanz?

Cover Bettina Isengard: Nähe oder Distanz? Verbundenheit von Familiengenerationen in Europa. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 271 Seiten. ISBN 978-3-86388-764-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Es war kein geringerer als Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der der Familie eine entscheidende Rolle für den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft, für ihre – wenn man so will – interne Solidarität zusprach. Im System der Sittlichkeit – so Hegel in seiner Rechtsphilosophie – jenem System, in dem sich aufbauend auf abstraktem Recht und Moralität menschliches Leben schließlich zur Gänze entfalten kann, ist es die Familie, die noch vor der „bürgerlichen Gesellschaft“ und ihrem „System der Bedürfnisse“ die Grundlagen dessen bildet, was schließlich der Staat vollendet. Das war – Hegel publizierte die „Philosophie des Rechts“ 1821 – vor bald zweihundert Jahren.

Seither, seit den Zeiten des entstehenden Nationalstaats, seit dem Wandel agrarischer Gesellschaften erst zu Industriegesellschaften, dann zu Dienstleistungs- und Informationsgeselllchaften, seit dem Wandel der Verkehrsmittel von der Kutsche zum Flugzeug und der Änderung nationaler Grenzregimes zu immer größerer Niederlassungsfreiheit sowie integrierten Arbeits- und Warenmärkten, seit der wachsenden Inklusion von Frauen in die Arbeitsmärkte, haben sich nicht nur die Geschlechter, sondern auch die Generationenbeziehungen grundlegend gewandelt – nicht zuletzt auch aufgrund einer jedenfalls im europäischen Bereich immer länger werdenden persönlichen Lebensspanne.

Autorin

Dieser Wandel konnte und kann die Beziehungen verschiedener Familiengenerationen nicht unberührt lassen und genau davon handelt das soeben erschienene Buch von Bettina Isengard, ihres Zeichens Privatdozentin am soziologischen Institut der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehen.

Die übersichtlich aufgebaute Arbeit weist nach einer Einleitung acht Kapitel auf, von denen das zweite Kapitel die Grundlagen einer Theorie der Generationenbeziehung entfaltet, während das dritte Kapitel „Familiengenerationen und Wohlfahrtsstaat“ thematisiert.

Während das vierte Kapitel – es geht in der vorliegenden Arbeit nicht zuletzt um empirische Ergebnisse – Daten und Methoden klar erläutert, setzen sich die folgenden Kapitel, stets empirisch gestützt, mit folgenden Themen auseinander:

  • „Familienstrukturen und Solidaritätsnormen“
  • „Wohnentfernungen in Europa“,
  • dem Phänomen der „(Beinahe-))Koresidenz in Europa“,
  • den „Finanziellen Transfers und geldwerten Leistungen in Europa“,
  • schließlich der Problematik von „Wohnraum oder Geld“ sowie endlich mit
  • „Kontakthäufigkeiten in Europa“.

Ein letztes, zehntes Kapitel zieht ein Fazit, Anhang und Literaturliste komplettieren die Lektüre, während es die in den Text eingestreuten, mehr als vierzig Abbildungen, Tabellen und Grafiken – von „Kinderzahlen in Europa“ über „Wohnentfernungen zum nächsten erwachsenen Kind in Europa“ bis zu „Täglichen Kontakten und Bildung in ausgewählten Ländern“ – den LeserInnen jederzeit erlauben, sich ein Bild von der quantitativen Beschaffenheit der einzelnen Faktoren zu machen.

Diskussion

Die Verfasserin der vorliegenden Arbeit ist nicht nur eine theoretisch arbeitende Soziologin, sondern eben auch eine in allen Details der Empirie und Statistik bewanderte Sozialforscherin, so daß wir es bei der vorliegenden Arbeit um eine – und das ist selten – empirisch gestützte, starke Theorie zu tun haben.

Lässt sich also auch heute noch die immer wieder beschworene Annahme von der Familie als der „Wiege der Gesellschaft“ bzw. als wesentlichem wenn nicht wesentlichstem Solidaritätsfaktor aufrecht erhalten? Isengards sowohl diachronisch als synchronisch – von Portugal im Westen bis Polen im Osten – aufrechterhalten?

Immerhin stimmen im europäischen Durchschnitt über 70 % aller Befragten der Aussage „Eltern sollten alles für ihre Kinder tun, selbst auf Kosten des eigenen Wohlergehens“ zu, während sich deutliche Abweichungen nach oben für die südeuropäischen Länder wie Griechenland (91 %), Italien (88 %) und Spanien (87 %), aber auch für Wohlfahrtsstaate wie Schweden (89 %) zeigen; während die entsprechenden Werte vor allem für Tschechien deutlich niedriger sind. Analoge Werte zeigen sich bei der Zustimmung zu der Aussage daß „Großeltern für ihre Enkel im Falle von Schwierigkeiten dasein sollten.“ Von besonderem Interesse für das Verständnis nationaler Kulturen sind freilich auch hier länderspezifische Abweichungen – Differenzen die zu erklären intensiverer, historisch-kultureller Forschung bedürfte. Auf jeden Fall lässt sich gegen konservative Deutungen all dieser Befunde begründet entgegnen, daß es offensichtlich nicht der Wohlfahrtsstaat ist, der die innerfamilialen, intergenerationellen Solidaritäten zerstört hat: Im Gegenteil: das Beispiel Schweden zeigt, daß der Wohlfahrtstaat an der Aufrechterhaltung und Stärkung dieser geradezu massiv beteiligt ist.

Allerdings: „Die Befunde zeigen“ so Isengard„daß intergenerationelle Kontakte wohlfahrtsstaatlich strukturiert werden: Je größer die Armutsbetroffenheit und je schlechter die Arbeitsmarktsituation ist, desto häufiger stehen die Generationen miteinander im Kontakt. Auch der Wert der Familie an sich, der über die Einstellung familialer Verpflichtungsnormen sowie den Anteil der Katholiken operationalisiert wird, zeigt, daß in Ländern,in denen die Familie einen höheren Stellenwert hat, die Generationen häufiger miteinander in Kontakt stehen.“ (S. 22)

Stark pauschalisierend schließt sich Isengard daher in Anlehnung an Tartler einer Gesamtdiagnose im Sinne „innerer Nähe durch äußere Distanz“ an. Denn „auch wenn über alle untersuchten Länder hinweg erwachsene Kinder und ihre Eltern nah beieinander wohnen und häufig miteinander kommunizieren, sind ganz enge Verbindungen in Form von Koresidenz und täglichen Kontakten eher die Ausnahme – wie in Griechenland – und nicht die Regel.“ (a.a.O.).

Auf der Basis dieser Befunde postuliert die Autorin abschließend einige sozialpolitische Forderungen, die die intergenerationelle Solidarität fördern können, Maßnahmen, die gerade nicht durch einen Rückzug des Staates gekennzeichnet sind – womit es letzten Endes um die bekannten Forderungen, nach Kindergartenplätzen, Pflegekräften sowie ausreichendem Wohnraum für alle Generationen mit ihren je altersspezifischen Bedürfnissen geht.

Indes: die der quantitativen, empirischen Sozialforschung verpflichtete Autorin kann – ihrem Ansatz gemäß – gar nicht anders als zentrale Dimensionen jeder Soziologie der Familie, als auch der Familiensolidarität systematisch zu vernachlässigen: nämlich die ihrer Sozialisationsfunktion sowie ihrer nur durch zunächst qualitative Methoden erforschbaren affektiv-emotionalen Bedeutsamkeit für Individuen und deren Nachkommen. Ganz abgesehen davon, daß zwar Generations- und länderspezifische Faktoren erhoben wurden, jedoch die Klassen- und Schichtspezifizität familialer Solidarität völlig vernachlässigt wird. Beides aber: affektiv-emotionale Innenseite und schichtspezifischen Ausprägung werden in dieser Arbeit nicht berücksichtigt.

Wie hieß es in Hegels Rechtsphilosophie, im § 173? „In den Kindern wird die Einheit der Ehe, welche als substantiell nur Innigkeit und Gesinnung, als existierend aber in den beiden Subjekten gesondert ist, als Einheit selbst eine für sich seiende Existenz und Gegenstand, den sie als ihre Liebe, als ihr substantielles Dasein, lieben.“

Zielgruppe und Fazit

Der besprochenen Arbeit ist der Duktus einer überragenden akademischen Qualifikationsarbeit auf jeder Seite und Zeile anzumerken, woraus zugleich hervorgeht, daß sie in erster Linie nicht auf Professionelle im unmittelbar klientelbezogenen als LeserInnen zielt. Vielmehr richtet sich dieses Buch an die akademische Sozialwissenschaft, ist aber auch ohne jeden Zweifel für all jene geeignet, ja sogar notwendig, die im sozialpolitischen Bereich tätig sind, und die Zeit aufwenden können, sich theoretisch zu informieren.


Rezensent
Prof.em. Dr. Micha Brumlik
Fachbereich 4 Erziehungswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt am Main, dzt. „Senior Advisor am Selma Stern Zentrum jüdische Studien Berlin/Brandenburg
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Zitiervorschlag
Micha Brumlik. Rezension vom 20.04.2018 zu: Bettina Isengard: Nähe oder Distanz? Verbundenheit von Familiengenerationen in Europa. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-764-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24030.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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