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Michael Macsenaere, Thomas Köck u.a. (Hrsg.): Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe

Cover Michael Macsenaere, Thomas Köck, Stephan Hiller (Hrsg.): Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Erkenntnisse aus der Evaluation von Hilfsprozessen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 141 Seiten. ISBN 978-3-7841-2990-7.

Beiträge zur Erziehungshilfe ; Band 46.
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Thema

Im Zeitraum von 2014 bis 2017 evaluierte der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz stationäre Jugendhilfeangebote, die sich an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge richteten. Unter Beteiligung von 36 Einrichtungen und Diensten, konnten quantitative Daten über ca. 1200 begonnene Maßnahmen und ca. 150 abgeschlossene Maßnahmen erhoben werden. Zusätzlich wurden daraus 19 Maßnahmen mittels qualitativer Leitfadeninterviews beschrieben. Die vorliegende Publikation stellt die zentralen Ergebnisse der Studie vor und ordnet diese sodann aus unterschiedlichen Perspektiven in den Fachdiskurs ein.

AutorIn oder HerausgeberIn

  • Michael Macsenaere ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz.
  • Thomas Köck ist Gesamtleitung des Campus Christophorus Jugendwerks in Breisach-Oberrimsingen
  • Stephan Hiller ist Geschäftsführer des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen

Entstehungshintergrund

Bereits in den Jahren 2013 und 2014 konnte ein Anstieg der Fallzahlen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in der Jugendhilfe verzeichnet werden. Demgegenüber standen wenige wissenschaftliche Publikationen, welche die Situation und die daraus resultierenden Besonderheiten dieser Adressaten, untersuchten. Die bestehenden Wissenslücken im Bezug auf Wirkfaktoren und Effektivität der Jugendhilfemaßnahmen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, sollten durch die Evaluation geschlossen werden. Während des Projektzeitraums(2014-2017) stiegen 2015 und 2016 die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in der Jugendhilfe nochmals extrem an und die Versorgung dieser stellte alle beteiligten Akteure vor zahlreiche Herausforderungen.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert:

  1. Der erste Teil beinhaltet eine knappe Beschreibung des Forschungsdesigns und der Durchführung der Datenerhebung, sowie eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse.
  2. Im zweiten Teil kommen verschiedene Akteure zu Wort und ordnen die Ergebnisse in die aktuelle Fachdebatte ein.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu 1 – Evaluation

Zunächst schildern die Autoren die Ausgangslage der Evaluation, geben einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand und formulieren grundlegende Hypothesen für die Studie. Diese betreffen die Themengebiete Prozessqualität, Effektivität und Wirkfaktoren. Anschließend wird der Projektverlauf und die verwendete quantitative und qualitative Methodik beschrieben.

Dieser kurz gehaltenen Ausführung folgt eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse aus dem quantitativen Forschungsdesigns:

  • Herkunft und Flucht: Es werden Aussagen zur Herkunft der Jugendlichen und zu belastenden Ereignissen vor und während der Flucht getroffen.
  • Inobhutnahme: Der am Beginn der Hilfe stehende Clearingprozess wird hinsichtlich Ablauf, Dauer und inhaltlicher Akzentuierung beschrieben.
  • Beginn der Jugendhilfe: Hier werden Ergebnisse zur Altersstruktur, Geschlechterverteilung, Maßnahmenart, Sprachkenntnissen, Aufenthaltsstatus, psychosozialen Problemlagen und Ressourcen der Jugendlichen, zum Zeitpunkt des Eintritts in die Jugendhilfe, dargestellt.
  • Verlauf und Ende der Jugendhilfe: Anhand von 4 Messzeitpunkten mit 6-monatigem Abstand wird der Hilfeverlauf dargestellt. Dabei stehen vor allem die Rahmenbedingungen, wie beispielsweise Betreuungssetting, Aufenthaltsstatus, Hilfedauer und Art der Beendigung, im Vordergrund.
  • Effektivität: Anhand der gleichen Messzeitpunkte werden nun die pädagogischen Effekte, die sich für die Jugendlichen in diesem Zeitraum ergeben haben, in den Vordergrund gestellt.
  • Wirkfaktoren: In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse zur Effektivität mit den Ergebnissen zum Hilfeverlauf zusammengeführt und verschiedene Wirkfaktoren detailliert herausgearbeitet. Außerdem werden auch Faktoren benannt, die keinen signifikanten Zusammenhang zur Effektivität aufzeigen.
  • Multivariate Analyse der Wirkfaktoren: Abschließend werden mittels Varianzanalysen bestehende Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Wirkfaktoren beleuchtet.

Der ausführlichen Darstellung der quantitativen Ergebnisse folgt nun eine kurze Auswertung der Ergebnisse aus den Leitfadengestützen Interviews. Dabei werden aus Sicht der Jugendlichen diejenigen Aspekte genannt, die sie in Deutschland als besonders bedeutsam erlebt haben. Punktuell werden auch zuvor benannte Wirkfaktoren aus der Sichtweise der Jugendlichen beschrieben.

Die Autoren schließen den ersten Teil, indem sie die anfangs aufgestellten Hypothesen prüfen, die wichtigsten Erkenntnisse in einem Fazit zusammenfassen und Empfehlungen für die zukünftige Ausgestaltung von Hilfeprozessen aussprechen.

Zu 2 – Fachbeiträge zum Themenbereich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und den Ergebnissen der Evaluation

Im zweiten Teil des Buches setzen unterschiedliche AutorInnen die Ergebnisse der Evaluation in Bezug zu ihrem jeweiligen Fachgebiet.

  • Jens Pothmann zeigt mit Bezug auf den aktuellen Forschungsstand die Anknüpfungspunkte zu anderen Studien und Berichten auf.
  • Johannes Fischer bewertet die Ergebnisse aus Sicht eines Jugendamtes und benennt sodann Kernkompetenzen, die besonders relevant für die jungen Menschen sein sollten.
  • Thomas Köck unterstreicht die Ergebnisse der Evaluation aus Sicht eines Erziehungshilfeträgers und plädiert für eine längerfristige Ausrichtung der Erziehungshilfe an den Bedarfen junger geflüchteter Menschen.
  • Silke Birgitta Gahleitner setzt die Ergebnisse in Bezug zu Erkenntnisse aus der Traumaforschung und -praxis und arbeitet die Notwendigkeit relativer Sicherheit als Ausgangspunkt eines Bewältigungsprozesses heraus.
  • Irmela Wiesinger nimmt die Empfehlungen der Evaluation auf und diskutiert deren praktische Umsetzung aus Sicht des Bundesfachverbandes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Diskussion

Anliegen des vorliegende Werkes ist es, die bestehende Forschungslücke für den Arbeitsbereich mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu verkleinern und Aussagen zu bereichsspezifischen Wirkfaktoren zu machen. Dazu werden die verschiedenen Wirkfaktoren systematisch und detailliert aus den erhobenen quantitativen Daten beschrieben und mittels Diagrammen anschaulich dargestellt. Zusätzlich werden die Ergebnisse durch eine qualitative Erhebung abgesichert. Die Ausführungen sind stets sachlich und gut nachvollziehbar. Wer sich vor allem für die eingesetzte Forschungsmethodik interessiert, wird feststellen, dass die Ausführungen dazu knapp gehalten sind und dennoch kein Mangel an Transparenz besteht.

Im zweiten Teil des vorliegenden Werkes werden die Ergebnisse in den praktischen Kontext der Hilfen zur Erziehung gesetzt. Die Kommentierung durch verschiedene Akteure aus diesem Bereich ermöglicht eine kritische Betrachtung der Evaluation. Besonders wertvoll sind diese Beiträge aber, weil sie es schaffen die theoretischen Erkenntnisse und Empfehlungen mit den konkreten alltäglichen Problemstellungen von unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen und Fachkräften zu verknüpfen. So wird der erste Schritt des viel beschworenen Theorie-Praxis-Transfers bereits durch die Veröffentlichung selbst geleistet. Die AutorInnen geben aber nicht nur Impulse für die praktische Arbeit, sondern benennen auch klar und deutlich, wo Missstände im Hilfesystem bestehen.

Dem vorliegenden Werk gelingt es einen wichtigen Beitrag zu einer qualitativ hochwertigen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu leisten und bestehende Wissenslücken zu schließen. Dabei richtet es sich gleichermaßen an Fachkräfte mit direktem Kontakt zu diesen Adressaten und Beteiligte auf Leitungs- und Steuerungsebene.

Fazit

Zentrale Fragestellungen im Bezug auf die Qualität der pädagogischen Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen werden in diesem Buch beantwortet. Die Autoren erheben Daten in einer bundesweiten Evaluation der stationären Jugendhilfeangebote und beschreiben mittels quantitativer und qualitativer Methodik zentrale Wirkfaktoren. Aus verschiedenen Akteurs- und Fachperspektiven werden die Ergebnisse sodann diskutiert und in die aktuelle Fachdebatte eingeordnet.

Der gut strukturierte Aufbau der Veröffentlichung ermöglicht einen umfassenden Einblick in die Debatte um eine professionelle Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Konzentration auf die wesentlichen Gesichtspunkte führt zu einer hohen Anschlussfähigkeit an die realen Bedingungen, unter denen die Hilfen häufig vollzogen werden und liefert wertvolle Impulse für eine Qualitätssteigerung auf Fall- und Systemebene.


Rezensent
Lukas Ballweg
Master of Arts – Beratung und Casemanagement, Sozialpädagoge
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Zitiervorschlag
Lukas Ballweg. Rezension vom 28.09.2018 zu: Michael Macsenaere, Thomas Köck, Stephan Hiller (Hrsg.): Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Erkenntnisse aus der Evaluation von Hilfsprozessen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-2990-7. Beiträge zur Erziehungshilfe ; Band 46. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24032.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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