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Jutta Hartmann, Astrid Messerschmidt u.a. (Hrsg.): Queertheoretische Perspektiven auf Bildung

Cover Jutta Hartmann, Astrid Messerschmidt, Christine Thon (Hrsg.): Queertheoretische Perspektiven auf Bildung. Pädagogische Kritik der Heteronormativität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-8474-2061-3. 22,00 EUR.

Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft, Folge 13 (2017).
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Thema

Das „Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft“ wendet sich in seiner 13. Ausgabe (2017) queertheoretischen Perspektiven in der pädagogischen Arbeit mit Kindern (und Jugendlichen) zu. Dabei werden einerseits pädagogische Konzepte und andererseits die Situation von queeren Kindern / queeren Familien beleuchtet.

Herausgeber_innen und Entstehungshintergrund

Bei der Ausgabe „Queertheoretische Perspektiven auf Bildung – Pädagogische Kritik der Heteronormativität“ handelt es sich um das Jahrgangsheft 2017 des „Jahrbuchs Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft“. Mittlerweile (inkl. Jahrgang 2018) sind 14 Hefte in der Zeitschriften-Reihe erschienen, wobei die Ausgabe 2017 die erste mit explizitem Bezug zu Queer Theory im Titel darstellt, wenn auch einige andere Ausgaben einen reflektierten Umgang mit Fragen um Geschlecht und Sexualität im Sinne der Queer Theory erkennen lassen.

Die Zeitschrift nutzt ein Peer-Review-Verfahren; ein wissenschaftlicher Beirat begleitet zudem die Redaktionsarbeit.

Aufbau

Die Ausgabe „Queertheoretische Perspektiven auf Bildung“ ist gegliedert in

  • einen Schwerpunktteil (bestehend aus einer Einleitung, einem Essay und vier weiteren Beiträgen)
  • einen offenen Teil
  • einen Teil zur Würdigung von Barbara Rendtorff und
  • einen Rezensionsteil.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Gehen wir für einen Einstieg einen Schritt zurück, so zeigt sich, dass in der BRD erst 1994 – damals noch in Angleichung an DDR-Recht – der § 175, der mann-männliche Sexualität sanktionierte, abgeschafft wurde. Auch erst seit Beginn der 1990er Jahre hat sich die Situation in der Pädagogik gewandelt: Bis dahin wurde selbst Homosexualität in Lehrbüchern oft noch als „Störung“ oder „Abweichung“ verhandelt! Heute richtet sich Pädagogik darauf, Toleranz und Akzeptanz zu fördern – nicht nur im Hinblick auf Homosexualität. Die entsprechenden Bildungskonzepte werden entsprechend seit den 1990er Jahren entwickelt und geraten immer wieder in die gesellschaftlichen Aushandlungen um den gesellschaftlich richtigen Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sowie dem Gegenstück, dem lange Zeit gesellschaftlich propagierten Modell „Vater – Mutter – Kind“, wobei gerade in der alten BRD die Frau oft zuhause bleiben und sich um das Wohl von Mann und Kindern sorgen sollte.

Die Relevanz der Betrachtungen der vorliegenden Ausgabe wird vor dem Hintergrund dieser eigentlich recht neuen Entwicklungen deutlich. Seitdem ist wissenschaftlich einiges geschehen und stellt die aktuelle Ausgabe „Queertheoretische Perspektiven auf Bildung – Pädagogische Kritik der Heteronormativität“ einige der Entwicklungen vor und betrachtet sie gerade vor dem Hintergrund der Queer Theory. Sie wird in der von den Herausgeberinnen Jutta Hartmann, Astrid Messerschmidt, Christine Thon verfassten Einleitung entsprechend zunächst klar umrissen: „Entsprechend steht queer in den Sozial- und Kulturwissenschaften für eine theoretische Ausrichtung, die gängige Normalitätsvorstellungen von Geschlecht und Sexualität auf deren machtvolle Konstruktion hin analysiert. Queertheoretische Perspektiven untersuchen Machtmechanismen, die Identitäten zuordnen, anordnen und kontrollieren, und verstehen Prozesse der Identifizierung als zu befragende Voraussetzungen von Identität. Den gängigen Ordnungsmechanismen nicht länger verhaftet, entnaturalisieren und entnormalisieren queere Perspektiven Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität.“ (S. 17, Hervorhebungen ausgelassen) Ausgehend von der theoretischen Konzeption befassen sich die Autor*innen spezifisch mit „Heteronormativität“ in der Pädagogik und mit Fragen der Vereindeutigung in Bildungsprozessen.

In den folgenden Beiträgen wird die Bedeutung einer Perspektive in der Bildungsarbeit, die Normalität und geschlechtliche Stereotype reflektiert, ausbuchstabiert. So setzt sich Susanne Luhmann in einem englischsprachigen Beitrag – dem einzigen in dieser Ausgabe – ausgehend von Fotografien mit Verflechtungen zwischen geschlechtlichen und rassifizierenden Zuschreibungen auseinander. In der Auseinandersetzung mit Karnevalskostümen macht sie Machtverhältnisse sichtbar und reflektiert sie.

Mit Blick auf Kindertageseinrichtungen geht Juliane Noack-Napoles den vorschulischen Bildungszielen in den 16 Bundesländern zur Förderung der „Geschlechtsidentität“ nach. Dabei zeigt sie auf, wie Geschlecht in den Bildungszielen normativ konzipiert ist und Kindern Möglichkeiten zur freien Entfaltung beraubt werden. Christine Riegel guckt aus einer ähnlichen Blickrichtung auf „queere Familien“ und wie sie in der pädagogischen Arbeit thematisiert werden. Trotz der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen hin zu Toleranz und Akzeptanz stellt sie fest, dass sie als „besonders“ markiert und abgegrenzt werden – und regt ein Umdenken an.

Bettina Kleiner und Florian Cristobal Klenk betrachten Konzepte der „Genderkompetenz“ und konstatieren u.a.: „Darüber hinaus werden [in den entsprechenden Konzepten, Anm. HV] konstituierende und begrenzende Geschlechternormen (Heteronormativität) und damit einhergehende Verwerfungen, Diskriminierungserfahrungen sowie die Bedeutung von Sexualität und Begehren nicht angesprochen. Uneindeutige Geschlechterentwürfe, Überschreitungen der Geschlechtergrenze und nicht-normkonforme Sexualitäten finden sich nicht repräsentiert“ (S. 102). „Genderkompetenz“ bedeute, so wie sie in den Konzepten (noch immer) Verwendung finde, dass einige geschlechtliche Identifizierungen und einige Lebensweisen in der Darstellung privilegiert werden, während andere unsichtbar bleiben bzw. gemacht werden. Die Autor*innen leiten ab, dass geschlechtliche Identitäten und Lebensweisen in ihrer Vielfalt thematisiert werden sollten und folgern mit Blick auf die bisherige Praxis in Konzepten der „Genderkompetenz“, dass „eine ‚Entdramatisierung‘, ‚Neutralisierung‘, ein ‚Ruhenlassen‘ von Geschlecht in Interaktionen strukturelle Ungleichheiten entweder verstärkt oder lediglich ver- bzw. aufschiebt“ (S. 106). Gleichzeitig merken sie an, „dass Adressierungen als ‚Junge‘, ‚Mädchen‘ oder als ‚Kind mit Migrationshintergrund‘ spezifische diskursive Kräftefelder erzeugen“ (S. 113), die die Handlungsmöglichkeiten der so Positionierten begrenzen.

Den Schwerpunkt beschließend geht Susanne Offen auf Fragen von „Eindeutigkeit“ und „Uneindeutigkeit“ in der politischen Bildung, mit Blick auf popkulturelle Akteur*innen, ein und stellt Fragen, wie „Möglichkeitsräume“ der Nicht-Identifizierung im Hinblick auf „Geschlechter und Sexualitäten“ (S. 124) entstehen können. Der Beitrag des „Offenen Teils“ der Ausgabe von Christian Andersen und Susanne Tschida ist nah am thematischen Schwerpunkt: Die beiden Autor*innen reflektieren Forderungen nach „mehr Männern in KiTas“ und gehen einigen Motiven in den Argumentationen nach, die, in Anlehnung an die Vorstellung der klassischen Kleinfamilie, die Bedeutung von Männern in der Kinderbetreuung betonen.

Die Ausgabe beschließen zwei Beiträge, die beim Symposium „Wissenschaft als Dissens“ im Oktober 2016 anlässlich des 65. Geburtstags von Barbara Rendtorff gehalten wurden sowie eine Doppelrezension.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Ausgabe „Queertheoretische Perspektiven auf Bildung – Pädagogische Kritik der Heteronormativität“ ist eine durchweg lesenswerte und gut gearbeitete Ausgabe. Sie greift aktuelle queertheoretische Diskussionsstränge auf und macht sie einem breiteren Publikum zugänglich. Dabei zielt die Anlage darauf, dass auch Interessierte, die sich noch nicht so ausführlich mit Queer Theory befassen konnten, über die Einleitung einen guten Einstieg erhalten und damit auch die folgenden Beiträge nachvollziehen können.

Damit wird auch die Basis für Diskussion bereitet: So eröffnet sich etwa die Frage, wie „Genderkompetenz“ in der pädagogischen Arbeit behandelt werden kann, ohne dass Stereotype reproduziert werden. In Bezug auf die Frage nach „mehr Männern in KiTas“ wäre neben den Vorstellungen von „Vater-Mutter-Kind“ auch die ökonomische Perspektive zu betrachten, die dieses Berufsfeld durch die schlechte Entlohnung (und zudem durch das geringe Prestige) derzeit für Männer unattraktiv macht; verschiedene normative Belange wirken entsprechend zusammen, möglicherweise gegensätzlich.

Kurz: Die hier vorliegende Buchausgabe ist entsprechend zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 27.12.2018 zu: Jutta Hartmann, Astrid Messerschmidt, Christine Thon (Hrsg.): Queertheoretische Perspektiven auf Bildung. Pädagogische Kritik der Heteronormativität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2061-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24034.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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