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Yener Bayramoğlu: Queere (Un-)Sichtbarkeiten

Cover Yener Bayramoğlu: Queere (Un-)Sichtbarkeiten. Die Geschichte der queeren Repräsentationen in der türkischen und deutschen Boulevardpresse. transcript (Bielefeld) 2018. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-4297-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band beschäftigt sich mit den Darstellungen von LSBTI* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter*) in deutschen und türkischen Boulevardmedien. Yener Bayramoğlu hat dazu die Tageszeitungen „Bild“ (Deutschland) und „Hürriyet“ (Türkei) auf relevante Inhalte zu Genderambiguität, Lesben, Trans* und Schwulen ausgewertet. Die Ergebnisse stellt er vergleichend dar und ordnet sie theoretisch in die Forschungen zu Sichtbarkeit / Unsichtbarkeit ein.

Herausgeber_innen und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf der Doktorarbeit von Yener Bayramoğlu. 1984 geboren, promovierte Bayramoğlu an der FU Berlin zum Dr. phil.; er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule; seine Postdoc-Forschungen zu queerer Flucht wurden vom Magherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung der FU Berlin ausgezeichnet.

Das Buch wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

Aufbau

Bei dem Buch „Queere (Un-)Sichtbarkeiten“ handelt es sich um eine klassische Monographie, die gemäß den Vorgaben für eine Doktorarbeit strukturiert ist. Das Buch ist sorgfältig gearbeitet und gut lesbar. Die Hauptkapitel im Inhaltsverzeichnis sind:

  1. Queere Stimmen, Stille und (Un-)Sichtbarkeiten
  2. Sichtbarkeit und ihre Bedeutung für die LSBTI*-Bewegung
  3. Diskursanalyse als Methodologie
  4. Queere (Un-)Sichtbarkeiten in „Bild“ und „Hürriyet“
  5. Fazit

Ein Literaturverzeichnis beschließt den Band.

Das vollständige Inhaltsverzeichnis ist bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehbar.

Inhalt

Da dem Buch die Beiträge in „Bild“ und „Hürriyet“ bis zum Jahr 2010 zugrunde liegen, stellt Bayramoğlu zunächst in der dem Buch vorangestellten Danksagung die Bezüge zu aktuellen Entwicklungen her. Dabei geht er auf die großen Demonstrationen der letzten Jahre in Istanbul und die aktuellen, besorgniserregenden Entwicklungen unter der AKP-Regierung ein und thematisiert ebenso die gleichermaßen gefährlichen rechtsextremen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland, in der die rechtsextreme Partei AfD (Alternative für Deutschland) bei der letzten Bundestagswahl 12,6 % der Stimmen erhielt.

Die eigentliche Grundlegung für den Band erfolgt in der Einleitung, die eine gute Übersicht über den Band bietet und – gemeinsam mit dem Abschnitt „Forschungsgegenstand“ – das erste Kapitel („Queere Stimmen, Stille und (Un-)Sichtbarkeiten“) ausmacht. Bayramoğlu umreißt hier das Anliegen des Bandes: Er wolle nicht eine einfache Fortschrittsgeschichte schreiben und nur auf die „positiven“ Seiten sehen, vielmehr gehe es bei der Betrachtung queerer Geschichte um eine „Geschichte voller trauriger Momente“ (S. 14). Auch „solche traurigen Momente [sind] so prägend, sogar konstitutiv für viele queere Identifikationen“ – und auch wenn es wichtig sei, die „glücklichen Momente [und…] Stolz als schöpferische[] Kräfte[]“ zu untersuchen, so gelte es auch, die „Momente der Scham als prägend für die Identifikationsprozesse in den Blick zu rücken“ (ebd.). Mit Scham seien Verletzlichkeiten verbunden, die konstitutiv für Identifikation und Geschichte seien.

Neben einem ersten Hinweis auf die differenzierte Herangehensweise, die den gesamten Band prägt, führt Bayramoğlu in der Einleitung weitere Themenfelder ein: Die hauptsächlichen Fragen der Arbeit richten sich (a) auf Diskussionen um Temporalitäten – also ein Verständnis von Zeitlichkeiten, das nicht einer steten Höherentwicklung folgt –, (b) auf mediale Texte als Kulturform – konkret geht es um die Bedeutung von Boulevardzeitungen – und (c) um postkoloniale Kritik an einer dichotomen Vorstellung der Welt (S. 16). Durch den Vergleich „unterschiedlicher Temporalitäten, in Deutschland und der Türkei, werden die Darstellung einer einheitlichen queeren Geschichte sowie die Universalität solcher zeitlichen Ereignisse [wie die Stonewall-Unruhen, die AIDS-Krise, Anm. HV] infrage gestellt“ (S. 17). Über den Vergleich einer türkischen und einer deutschen Boulevardzeitung gelinge es darüber hinaus, die geläufige westliche Perspektive infrage zu stellen, „der zufolge der Westen ein Ort der sexuellen Freiheit und der Geschlechtergerechtigkeit sei […], während der ‚Orient‘ ein Ort sei, an dem jegliche normabweichenden Sexualitäten und Geschlechteridentitäten unterdrückt und ausgelöscht würden“ (S. 20). Mit Verweis auf die Arbeit von Evren Savcı weist Bayramoğlu darüber hinaus darauf hin, dass durch die Höherbewertung „westlichen Wissens“ auch innerhalb einer LSBTI*-Community in der Türkei Ungleichheiten entstehen: Aktivist_innen, „die Zugang zum westlichen kulturellen Kapital haben“ (S. 22), könnten die Diskussionen bestimmen, wogegen andere Personen als ungebildet und ihre gelebten Weiblichkeit_en und Männlichkeit_en (und Geschlechtlichkeit_en insgesamt) als unpassend oder aggressiv zugeschrieben würden. Es werde so „epistemologische Gewalt“ (ebd.) erzeugt, die etwa gegen Sex-Arbeiter_innen wirke, hingegen Personen der Mittelschicht befördere.

Im Abschnitt Forschungsgegenstand werden anschließend die beiden Zeitungen „Bild“ und „Hürriyet“ vorgestellt. Es wird die jeweilige Geschichte der Zeitungen, mit einschneidenden Ereignissen, erläutert; ebenso der Charakter der Zeitungen und ihre Auflagenzahl. Während sich die „Bild“-Zeitung rasch klar politisch einsortierte und bspw. gegen die Schüler_innen- und Student_innen-Unruhen in der BRD und Westberlin ab 1967 sowie gegen die DDR klar Partei bezog, stellt sich die Geschichte der „Hürriyet“ wechselvoller dar – immer wieder geprägt von staatlichen Verfolgungen gegen Journalist_innen, schließlich durch eine wechselvolle Haltung zur AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, dt.: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung).

Das zweite Kapitel „Sichtbarkeit und ihre Bedeutung für die LSBTI*-Bewegung“ wendet sich den unterschiedlichen Dimensionen von Sichtbarkeit zu. Bayramoğlu vermeidet hier eine vorschnelle Positionierung und arbeitet vielmehr die verschiedenen Perspektiven heraus. Dabei stellt er zunächst „Sichtbarwerden als politische Strategie“ (S. 43) vor, wie sie die Kämpfe in der Christopher Street 1969, später dann in der BRD und der Türkei geprägt habe. Die Radikalität auch einer Schwulenbewegung der BRD habe sich aus den Schüler_innen- und Student_innen-Protesten gespeist, später sei dann auch der Praunheim-Dannecker-Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ hinzugekommen. Die jeweiligen Kämpfe stellt Bayramoğlu ausführlicher dar, um dann auf die Lesben der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) zu zoomen und den medialen Einfluss der Bild-Zeitung deutlich zu machen. In einer dreiwöchigen Serie diffamierte die Bild-Zeitung 1973, unter dem Titel „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“, lesbische Frauen. Hier, wie für die AIDS-Krise, weist Bayramoğlu auf die Bedeutung der Medien und explizit der Boulevardzeitung „Bild“ hin.

In Bezug auf die Türkei zeige sich der Militärputsch 1980 als bedeutsam, weist Bayramoğlu im Abschnitt „Die Bedeutung der Sichtbarkeit im türkischen Kontext“ nach: „In paradoxer Weise führte die politische Atmosphäre des Militarismus zu einem Diskurs über Sexualität, in dem in der medialen Öffentlichkeit zum ersten Mal offen über Themen wie Homosexualität sowie Geschlechtsangleichungen gesprochen wurde.“ (S. 51) Seien zwar – wie in Deutschland – überwiegend abwertende Repräsentationen festzustellen, so eröffneten diese Darstellungen dennoch auch (positive) Optionen der Sichtbarkeit. Summarisch stellt Bayramoğlu in diesem Abschnitt die bedeutendsten Eckpunkte türkischer LSBTI*-Geschichte heraus.

Der das Kapitel beschließende Abschnitt „Diskussionen über Sichtbarkeit in queertheoretischen Ansätzen“ widmet sich den theoretischen Prämissen der soziologischen Sichtbarkeits-Forschung. Sichtbarkeiten, die über Massenmedien entstehen, stellten demnach „entweder Substanzen dar, die im Rahmen alternativer Medien dekonstruiert, wieder bearbeitet bzw. neu interpretiert werden müssen, oder sie bieten im Falle eines Zuwachses an Sichtbarkeit einer minorisierten Gruppe die Möglichkeit zum Zugewinn politischer Macht“ (S. 55). Bei der Bedeutung von Sichtbarkeit wird Bayramoğlu dabei zunächst ganz praktisch und erläutert die Situation eines queeren Kindes: „Muñoz weist darauf hin, dass dieses Kind, wenn es nicht nur queer, sondern auch nicht-weiß ist, nicht nur zur Zielscheibe von Homophobie wird, sondern auch von Rassismus. Insofern ist die intersektionale Herangehensweise ebenfalls ein Interesse queertheoretischer Arbeit. Das Kind muss einen Weg finden und Strategien entwickeln, um sich vor den Bildern der Massenmedien schützen zu können, was diesbezüglich auch die Bildung seiner eigenen Identität stark prägt.“ (S. 56) Sichtbarkeit hat damit ganz praktische Auswirkungen – etwa um „die Regime des Normalen zu bearbeiten“ (S. 57), gleichzeitig ergebe eine genauere Analyse – für die Bayramoğlu insbesondere Michel Foucault und Michael Warner heranzieht –, dass es nicht einen „positiven“ Diskurs auf der einen, einen „negativen“ auf der anderen gebe – vielmehr ergebe sich die Verwobenheit beider. Dominante Bedeutungsstrukturen und Gegenöffentlichkeiten seien miteinander verschränkt.

Um die Wirkung der dominanten Öffentlichkeit / der Massenmedien nachvollziehbar zu machen, geht Bayramoğlu auf Herrschaftstheorien ein. Aufbauend auf Theorien von Louis Althusser und Stuart Hall, zeigt er, wie Fragen um Repräsentation und Sichtbarkeit auch dabei eine Rolle spielen, wie Menschen regierbar gemacht, also zu „Subjekten“ geformt, werden. Damit Botschaften (soziale Konzepte, rechtliche Regelungen etc.) ihre Wirkung entfalten könnten, sei es erforderlich, dass „Empfänger die Fähigkeit haben, die kodierten Aussagen zu dekodieren“ (S. 59) – erst auf diese Weise könnten Machtverhältnisse wirken und Herrschaft ausgeübt werden. Im Prozess des Dekodierens sei es möglich, entweder die dominante Sicht einfach zu reproduzieren, gleichzeitig seien aber auch Veränderungen von Bedeutungen möglich.

Sichtbarkeit sei in diesen Prozessen auch mit Unsichtbarkeit verwoben. So werde Sichtbarkeit nur für einige erreicht, wogegen andere – und ihre Interessen – unsichtbar blieben bzw. durch die Sichtbarkeit der Ersteren zum Verschwinden gebracht würden. „Die Gewalt gegen diejenigen, die schon kein richtiges Leben verkörpern, die sich in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod bewegen, hinterlässt eine Spur, die keine Spur ist“, zitiert Bayramoğlu die Queer-Theoretikerin Judith Butler und skizziert, wie einiges Leid und einige Verletzlichkeiten gesellschaftlich gesehen werden, während „die physische Gewalt gegen den Körper sowie die Verluste der Menschenleben [anderer Menschen] nicht bzw. kaum repräsentiert werden.“ (S. 60) Abschließend für das Kapitel rezipiert der Autor Theorien (u.a. von Antke Engel, Sabine Hark und Rosemary Hennessy), nach denen der „Zuwachs an Sichtbarkeit […] mit dem neoliberalen Diskurs von Differenz als einem individuellen kulturellen Kapital [überlappt]“ (S. 62) und entsprechend die gesellschaftlichen Liberalisierungen in Bezug auf sexuelle Orientierungen im Kontext der neoliberalen kapitalistischen Entwicklung gesehen werden müssten. Mit dem Zuwachs an Sichtbarkeit könnten auch „homophobe Gegenreaktionen“ einhergehen (S. 63); als Paradoxie der Normalisierung in Massenmedien ergebe sich eine „Entpolitisierung der Sichtbarkeit“ – „Sichtbarkeit der Differenzen [werde] schlicht zu einer gefeierten Eigenschaft der neoliberalen Gesellschaft“ (ebd.), die sie darüber hinaus ggf. noch gegen andere Länder in Stellung bringe, um die eigene Überlegenheit herauszustellen.

Bevor der Autor seine Untersuchungsergebnisse detailliert vorstellt, erläutert er in dem Kapitel „Diskursanalyse als Methodologie“ seine methodologischen Grundlagen und die genutzte Methodik. Bayramoğlu legt seiner Analyse „eine historische Diskursanalyse [zu Grunde], die sich nicht auf die herrschende Geschichtsschreibung beschränken, sondern authentische Archive ermitteln soll“ (S. 77) – und verweist in diesem Sinne auf die Arbeiten von Margerete Jäger und Siegfried Jäger. Im Weiteren beschreibt der Autor die Eingrenzung des Materials innerhalb des Zeitraums von 1969 bis 2010, wobei er sich auf zentrale Wendepunkte konzentriert und entsprechend Material zu 54 Ereignissen in der „Hürriyet“ und zu 52 Ereignissen in der „Bild“ ausgewählt habe. Es folgen die genaue Beschreibung der Analyseschritte und die Begründung der Auswahl der Fragestellung. Sie richtet sich auf:

  • den Verlauf der Darstellung der Heteronormativität;
  • die sich zeigenden Wendepunkte;
  • die diskursiven Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen beiden untersuchten Medien.

Es schließt sich das umfassendste Kapitel des Buches, „Queere (Un-) Sichtbarkeiten in ‚Bild‘ und ‚Hürriyet‘“, mit der Ergebnisdarstellung an. Darin werden nacheinander die Ergebnisse für die medialen Konstruktionen von (1) „Genderambiguität als Genderstörung“, (2) Lesben, (3) Trans*-Personen und (4) Schwulen über insgesamt 170 Seiten vorgestellt. Alle vier Abschnitte enden mit einem Zwischenfazit, in dem die zentralen Punkte zusammengefasst – und für das das Buch beschließende „Fazit“ vorbereitet – werden.

(1) Der Teil zur medialen Konstruktion „Genderambiguität als Gender-Störung“ bildet mit zehn Seiten den knappsten der Ergebnisdarstellung, was einen Rückschluss auf die wenigen dieser Kategorie zuzuordnenden auswertbaren Textabschnitte gibt. In diesen zeigten sich „abwertende[] Repräsentationen wie Kriminalisierung und Pathologisierung“, aber auch „spielerische[] Versuche[] der Nebeneinanderstellung von gegensätzlich erscheinenden Kategorien (wie Männlichkeit und Schwangerschaft) sowie neuen Kategorieentwicklungen (wie Mann-Frau)“ (S. 109) – die letzteren Versuche dienten der „schockierenden“ Darstellung, „dennoch lassen sich diese Texte, im Gegensatz zum eigentlichen Zweck ihrer Produktion, auch als Darstellung von Möglichkeiten deuten, die binären und rigiden Kategorien des Genders und der Sexualität zu unterlaufen.“ (Ebd.)

(2) Bzgl. der medialen „Konstruktion von Lesben“ zeigten sich als Motive „Die Kriminalisierung von Lesben“, „Die Erotisierung von Lesben“, „Die Repräsentation der Lesbe als gescheiterte Heterosexuelle“ und „Die Normalisierung von Lesben“. Alle Motive zeigten sich sowohl in „Hürriyet“ als auch in der „Bild“ – jedoch, entsprechend der theoretischen Grundlegung der Temporalitäten, nicht in einfacher zeitlicher Abfolge etwa einer „Normalisierung“, sondern als Motive, die mal in geringerer, mal in größerer Intensität die Berichterstattung der beiden Medien prägten. Für die_den Lesenden ist hier sicherlich die mehrwöchige Serie der „Bild“ „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ am markantesten, die einen „Höhepunkt“ der Negativdarstellungen von lesbischen Frauen darstellt. Als bedeutendster Unterschied zeigt sich, dass in der „Bild“ viel häufiger über Lesben als in der „Hürriyet“ geschrieben wurde, in Letzterer zudem insbesondere fokussiert auf die Auslandsberichterstattung.

(3) Im Hinblick auf die „mediale Konstruktion von Trans*-Personen“ ist das Verhältnis zwischen beiden Zeitungen umgekehrt: Hier reichen die wenigen Berichte in der „Bild“ nicht aus, um einen Vergleich vornehmen zu können (vgl. S. 199). Hingegen zeigen sich in der „Hürriyet“ ausführliche Beiträge zu Trans*, beginnend im Zusammenhang mit der Geschlechtsangleichung des türkischen Popstars Bülent Ersoy. Dabei zeigten sich auch hier in der Berichterstattung die Motive Pathologisierung, Kriminalisierung, Erotisierung und Normalisierung – nun im Hinblick auf Trans*. Es zeige sich aber auch in Beiträgen, in denen das pathologisierende Motiv überwiegt, zuweilen ein produktiv nutzbarer Möglichkeitsraum für queere Interventionen, etwa wenn Ersoy in einem Beitrag das letzte Wort erhält (vgl. S. 156f). In der „Hürriyet“ werde Trans* dabei meist fokussiert auf Großstädte und häufig mit Bezügen zu Sexarbeit vorgestellt. Dabei konnte „zudem festgestellt werden, dass das Trans*-Subjekt dann in die Norm integriert wird, wenn es sich von der Sexarbeit distanziert bzw. die Sexarbeit aus seiner Repräsentation beseitigt wird“ (S. 202). Im Kontext von politischem Aktivismus – etwa in Bezug auf den 1987 stattfindenden Hungerstreik – wurden Trans* in der „Hürriyet“ zumindest vorübergehend als politische Akteur_innen dargestellt. Im gesamten Materialkorpus gab es lediglich zwei Beiträge zu Trans*-Männlichkeit_en (je einer in der „Hürriyet“ und in der „Bild“), die übrigen befassten sich mit Trans*-Weiblichkeit_en.

(4) In Bezug auf die „mediale Konstruktion von Schwulen“ zeigt sich, neben den auch bei den übrigen Themenfeldern zu findenden Motive Pathologisierung, Kriminalisierung und Normalisierung noch das weitere Motiv der „skandalisierenden Repräsentation von Schwulen“. In diesem Motiv, das sich wie die übrigen in beiden Medien finde, werde Schwulsein „als empörend, verwirrend und beschämend für das Subjekt selbst, aber viel mehr noch für die Dominanzgesellschaft dargestellt“ (S. 205). Bei der Pathologisierung der Schwulen spiele im besonderem Maße die Zuschreibung „pervers“ zu sein sowie die Verbindung zu HIV/Aids eine Rolle. In Bezug auf die normalisierende Darstellung trete der Schwule als „aktivistische Figur“ hervor und spiele die Befassung mit prominenten Schwulen und Fragen (ehelicher) Anerkennung eine Rolle. Als ein bedeutsamer Unterschied zeige sich, dass in den normalisierenden Darstellungen der „Bild“ Fragen der Ehe (bzw. Eingetragenen Lebenspartnerschaft) zentral seien; diese kämen auch in der „Hürriyet“ vor, in der aber eher „der schwule Tourist“ in Bezug auf „die Wirtschaft des Landes“ und „ein besseres Image [für die Republik Türkei] in der internationalen Öffentlichkeit“ (S. 268) die prägenden normalisierenden Repräsentationen seien.

Im das Buch beschließenden Kapitel „Fazit“ fasst der Autor zentrale Erkenntnisse zusammen und trifft Schlussfolgerungen. Die folgende Passage bringt die Ergebnisse in ihrer Differenziertheit auf den Punkt: „Diese Publikation hat gezeigt, dass Boulevardjournalismus seit 1969 sowohl in der Türkei als auch in Deutschland ein vielfältiges und großes Repertoire von queeren Repräsentationen produziert hat. Es ist nicht ausreichend, die unterschiedlichen Formen von Repräsentationen schlicht als Stereotypisierungen zu verstehen und zu argumentieren, dass solche Repräsentationen die Realität nicht widerspiegeln würden. Ebenfalls zu kurz gegriffen ist es, die Darstellungen in die dichotomen Kategorien ‚gut‘ und ‚schlecht‘ aufzuteilen. Es scheint sich vielmehr um ein Spannungsfeld zu handeln, das sich wiederholt zwischen der diskursiven Konstruktion von Heteronormativität und widerständigen, alternativen queeren Deutungen bildet. Durch dieses Spannungsfeld werden die Grenzen des Sagbaren und Sichtbaren in den Medien ständig neu gezogen bzw. verschoben. Des Weiteren scheinen sich die konträren Deutungen gegenseitig zu beeinflussen: Während der boulevardjournalistische Versuch, queere Identitäten abwertend darzustellen, oft Räume für queere Repräsentationen eröffnet, führen ‚positive‘ Darstellungen von queeren Subjekten in den Boulevardformaten oft dazu, dass kritische und politische Potenziale der queeren Deutungen gezähmt oder gelöscht werden.“ (S. 269)

Zentrale Ergebnisse sind daher, dass (a) auch abwertende Repräsentationen queerer Personen Möglichkeiten für diese eröffnen können und dass (b) die normalisierenden Darstellungen, dazu beitragen, Anschlusspunkte zu alternativen queeren Deutungen in den Massenmedien auszulöschen. Der politische Aktivismus – abwertend oder unterhaltsam dargestellt – war bedeutsam, um Repräsentationsräume zu eröffnen. In Bezug auf die Forschungen zu Temporalitäten zeigt die Studie, dass in beiden Medien – in beiden Ländern – unterschiedliche Brüche bedeutsam sind, die in Bezug zu lokalen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen stehen. In beiden Medien ließen sich zahlreiche diskriminierende Repräsentationen – aber auch zahlreiche normalisierende – feststellen, was der in Deutschland im politischen Spektrum geläufigen West-Ost-Differenzierung in Bezug auf LSBTI*-Rechte im Hinblick auf die Darstellungen in den Boulevardzeitungen „Bild“ und „Hürriyet“ widerspricht.

Diskussion und Fazit

Yener Bayramoğlu ist in mehrfacher Hinsicht eine exzellente Arbeit gelungen. So besticht das vorliegend Buch durch seine Differenziertheit – Aussagen werden gründlich abgewogen und materialreich belegt. Weder von abwertenden, noch von positiv-normalisierenden Darstellungen von LSBTI* lässt sich Bayramoğlu besonders beeindrucken, sondern nimmt sie in den Materialkorpus – und diskutiert auf ihrer Grundlage Begrenzungen und Möglichkeitsräume, die sich mit medialen Repräsentationen von LSBTI* in Massenmedien – speziell in Boulevardzeitungen – ergeben können.

Gerade die produktive und mehrschichtige Würdigung von Boulevardzeitungen, anstatt sie, wie sonst oft, als problematisch für die Repräsentation von Marginalisierten darzustellen, kann zu weiteren Reflexionen über Repräsentationen und Sichtbarkeiten anregen. Bayramoğlu verweist für diese Würdigung auf Erkenntnisse der Medienforschung: „Boulevardformate in den Medien bieten vor allem auch deswegen einen fruchtbaren Boden für queertheoretische Analysen, weil sie die Aufmerksamkeit einerseits auf das Privatleben prominenter Personen wie Politiker_innen verschieben, andererseits aber dem Leben nicht-prominenter Personen viel mehr Platz einräumen als Qualitätsmedien. Anstatt Ereignisse und Fakten darzustellen, wird vielmehr der Alltag der Personen bzw. das Privatleben der Prominenten in einer fiktionsähnlichen Narration thematisiert. Die Berichterstattung verfolgt dabei keine lineare Logik, sondern vermischt oftmals widersprüchliche Deutungen sowie emotionalisierte Erzählweisen (Lünenborg 2009, 8). Des Weiteren verschieben sich durch die Boulevardisierung die Grenzen von Privatheit und eröffnen sich Räume für Figuren, Narrative und Repräsentationen, die zuvor nicht als Teil der Öffentlichkeit gesehen wurden. Dies wiederum bietet ein großes Potenzial, um zu untersuchen, wie sich auch die Grenzen der Sichtbarkeiten ständig bewegen (ibd. 13).“ (S. 19) Diese Betrachtungen decken sich mit Analysen zu Reality-Shows im Fernsehen, in denen zwar Menschen mitunter „voyeuristisch“ vorgeführt werden und zunehmend mit (vermeintlichen) „Tabubrüchen“ auch in Bezug auf geschlechtlich-sexuelle Themen geworben wird (vgl. Lünenborg 2011a und 2011b) [1], damit aber auch Raum für Repräsentation nicht-cis*-geschlechtlicher und nicht der heterosexuellen Norm entsprechender Menschen entsteht – und junge Leute wiederum die Möglichkeit erhalten, sich mit konkreten Protagonist_innen zu identifizieren und einen wertschätzenden Selbstbezug zu entwickeln.

Der umfassende Vergleich gerade von einer Boulevardzeitung aus Deutschland und einer aus der Türkei – von „Bild“ und „Hürriyet“ – ist für aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten um die gesellschaftliche Situation von LSBTI* relevant. So werden eher Parallelen in den Texten zu LSBTI* in den beiden Boulevardzeitungen deutlich, in denen sowohl abwertende (und skandalisierende) als auch normalisierende Darstellungen auftauchen. „Negative“ und „positive“ Repräsentationen ziehen sich dabei durch die Berichterstattung des gesamten Zeitraums. Für die Darstellungen in beiden Medien sind einerseits konkrete Ereignisse bedeutsam, andererseits konkrete, lokale gesellschaftliche Ereignisse, die oft „Wendepunkte“ in den Berichterstattungen sind. Hier erweist sich die theoretische Analyse über (queere) Temporalitäten als innovativ und bedeutsam, da damit herausgearbeitet werden kann, dass queere Geschichte nicht als stete Fortschrittsgeschichte und gar mit einer ähnlichen Abfolge von Ereignissen verläuft. Anders als in der BRD und Westberlin stellte in der Türkei etwa die Geschlechtsangleichung von Bülent Ersoy einen wichtigen „Wendepunkt“ dar, mit dem Trans* in der „Hürriyet“ an Repräsentation gewonnen hat. In Deutschland gab es hinsichtlich Trans* im gesamten Untersuchungszeitraum von Bayramoğlus Studie keinen solchen Kulminationspunkt, der die „Bild“ zu einer größeren Berichterstattung über Trans* angeregt hätte – so reichten die entsprechenden Beiträge zu Trans* in der „Bild“ nicht dafür aus, dass Bayramoğlu sie mit denen in der „Hürriyet“ vergleichen konnte. In der deutschsprachigen Forschung ist, anders als etwa in den USA, die Reflexionsebene „queere Temporalities“ noch kaum gebräuchlich. Bayramoğlu leistet mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag, sie auch in die deutschsprachige Forschung einzuführen.

Ganz nebenbei erhält die Leser_in der Arbeit noch einen geschichtlichen Überblick über den Werdegang der beiden Boulevardzeitungen „Bild“ und „Hürriyet“, ebenso über einige zentrale Eckpunkte der LSBTI*-Geschichte in beiden Ländern. Und es werden zentrale Artikel der Boulevardzeitungen im Originaltext – und in Bezug auf die türkische „Hürriyet“ in deutscher Übersetzung – präsentiert, sodass eine, mitunter überraschende, skandalöse, zuweilen auch heitere Lektüre der Primärquellen komprimiert möglich ist. Dem Wissenschaftsbetrieb ist zu dieser reflektierten Arbeit zu gratulieren – Yener Bayramoğlu dafür ausdrücklich zu danken.


[1] Lünenborg, Margreth; Martens, Dirk; Köhler, Tobias; Töpper, Claudia (2011a): Skandalisierung im Fernsehen. Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten. Berlin (Vistas) 2011. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Band 65. /
Lünenborg, Margreth; Martens, Dirk; Köhler, Tobias; Töpper, Claudia (2011b): Skandalisierung im Fernsehen – Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten Eine Untersuchung im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) – Kurzfassung. Online: www.lfm-nrw.de (Zugriff: 22.4.2018).


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 30.04.2018 zu: Yener Bayramoğlu: Queere (Un-)Sichtbarkeiten. Die Geschichte der queeren Repräsentationen in der türkischen und deutschen Boulevardpresse. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4297-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24039.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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