socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anke Schneider: "... damit ich mich spüre ...". (selbstverletzendes Verhalten)

Cover Anke Schneider: "... damit ich mich spüre ...". Zur Symptomgenese und Symptomspezifität selbstverletzenden Verhaltens. theoretische Reflexionen und eine empirische Studie zu Selbstverletzung und Piercing. Logos Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-8325-0741-1. D: 40,50 EUR, A: 41,60 EUR, CH: 72,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Selbstverletzungen bei Jugendlichen sind in den letzten Jahren immer stärker in das Licht der (Fach-) Öffentlichkeit gerückt. Diese oberflächlichen Hautverletzungen werden insbesondere von Mädchen und jungen Frauen in Form von Schneiden, Kratzen oder auch Verbrennungen am eigenen Körper vorgenommen. Die unterschiedlichen Ausprägungen und Hintergründe dieses Verhaltens werden in diesem Buch sehr differenziert erläutert. Inwieweit dieses selbstverletzende Verhalten ähnliche Funktionen wie das Piercen erfüllt, wird anhand einer empirischen Studie untersucht.

Autorin

Dr. Anke Schneider studierte in Heidelberg Erziehungswissenschaften, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Soziologie. Mit der vorliegenden Arbeit promovierte sie bei Prof. Micha Brumlik und Prof. Franz Resch. Frau Dr. Schneider verfügt über Praxiserfahrung im sozialpädagogischen, psychiatrischen und klinisch-pädiatrischen Bereich.

Aufbau und Inhalte

Das vorliegende Buch ist in drei große Teile untergliedert:

1. Klinische Aspekte selbstverletzenden Verhaltens. Im ersten Kapitel geht es um die spezifischere und differenzierte Darstellung der Symptomatik "Selbstverletzung". Hierbei werden zunächst allgemein gesundheitsschädigende Verhaltensweisen aufgeführt, ehe der konkrete Forschungsschwerpunkt der Arbeit definiert wird als offene Selbstverletzung durch das "direkte, bewusst oder unbewusst intendierte Zufügen einer oberflächlichen Hautverletzung am eigenen Körper durch Schneiden, Kratzen oder das Zufügen von Verbrennungen." Diese Form der Selbstverletzung wird von anderen Formen (wie zum Beispiel dem Münchhausen-Syndrom) klar abgegrenzt. Das zweite Kapitel befasst sich ausführlich mit der Psychopathologie und den Dynamiken, welche sich aus dem selbstverletzenden Verhalten ergeben (können). Dabei wird neben der Definition insbesondere auch eine diagnostische Zuordnung vorgenommen und erläutert, in welchen Formen und mit welcher Häufigkeit Selbstverletzungen auftreten. Auf der Grundlage gründlicher Literaturrecherche werden zudem die bedeutsamen Aspekte wie Suizidalität, Familienkonstellationen, Traumata und Sucht eingeordnet und ein typischer Verlauf einer Selbstverletzungsepisode dargestellt. Hieran knüpft die Wissenschaftlerin diverse Aspekte aus der Verhaltensforschung, der Neurobiologie, Lerntheorie und Entwicklungspsychologie zum Verständnis selbstverletzenden Verhaltens an, um hierauf bezugnehmend etwaige Funktionen von Selbstverletzungen darzulegen.

2. Weiterführende Überlegungen. Im dritten Kapitel stellt die Autorin die Bedeutung des Körpers in den Vordergrund und reflektiert dabei die kulturspezifische Körperdarstellung sowie die "krankheitswertige Selbstverletzung" hinsichtlich des klinischen und gesellschaftlichen Rahmens. In diesem Teil der Arbeit geht es neben ritualisierten Körperverletzungen auch um die veränderte Thematisierung des Körpers in der Moderne.

Das vierte Kapitel thematisiert die Bedeutung und Entwicklung der Affekt- und Emotionsregulation und des Körperbildes von der frühen Kindheit an.

Dabei wird der frühen Eltern-Kind-Beziehung, der Haut, Traumata und Deprivation sowie den Missbrauchserfahrungen eine besondere Rolle für Selbstverletzungen beigemessen.

Das folgende Kapitel hebt die weibliche Identitätsbildung besonders hervor, da von Selbstverletzungen in einem Verhältnis von 2:1 bis 10:1 überwiegend Frauen betroffen sind.

Hier wird auch die Bedeutung der Menarche sowie der besonderen Entwicklungsanforderungen bei Mädchen bzw. Frauen in der Moderne ausführlich beschrieben.

3. Eigene Forschung. In Kapitel 6 wird die von der Autorin durchgeführte, empirische Studie ausführlich beschrieben. Es wurden Mädchen und jungen Frauen im Alter von 14 bis 22 Jahren befragt, welche den Kriterien

  • "Jugendliche mit unauffälligem Piercing"
  • "Jugendliche mit auffälligem Piercing"
  • "Patientinnen mit klinischer Selbstverletzungsproblematik"

entsprachen. Die Ergebnisse der Untersuchung werden hier detailliert präsentiert. Im Kapitel 7 werden die Ergebnisse der Forschungsarbeit kritisch zusammengefasst und auf ihre Praxisrelevanz hin überprüft. Mit einem achtzehnseitigen Literaturverzeichnis schließt die Arbeit ab, ehe im Anhang zwei der verwendeten Fragebögen wiedergegeben werden.

Zielgruppen

(Sozial-)Pädagogen/-innen, Psychologen/-innen, Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeuten/-innen, welche mit der Klientel sich selbst verletzender Menschen zu tun haben. Insbesondere auch Lehrer/-innen dürften aus der Datenlage und gründlichen Recherche vielfältige Informationen gewinnen können.

Fazit

Dieses Buch ist als Doktorarbeit geschrieben und von daher nicht ohne weiteres für alle noch nicht mit der Thematik befassten Menschen leicht zu lesen. Die Vielfalt an Zitaten und Fachtermini sowie drucktechnischen Mängeln wird so manchen Leser stellenweise stark fordern. Wer spezifische Handlungsanleitungen für den Umgang mit jungen Menschen, die sich selbst verletzen, sucht, wird hier weniger fündig werden. Vielmehr erhält man ein äußerst gründlich recherchiertes Werk, das in außergewöhnlicher Weise ältere und jüngste Forschungsergebnisse präzisiert darstellt.

Die vielfältigen Hintergründe für selbstverletzendes Verhalten bei jungen Menschen werden gut gegliedert dargelegt. Die unterschiedlichen Erklärungsansätze und Bezugspunkte zum Piercen vermag die Autorin überzeugend vorzustellen. Die farbige, graphische Präsentation der Untersuchungsergebnisse vermittelt einen guten Überblick. Man gewinnt einen nachvollziehbaren Einblick in die Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt sich selbst verletzender Personen. Praxisrelevante Handlungsstrategien fehlen aber in dem Buch fast gänzlich. Hier werden meines Erachtens zu große Übertragungsleistungen der Leser/-innen gefordert. Leider hat die Verfasserin bei der Arbeit versäumt, auf die Bedeutung der diversen, jüngeren Bezüge zu Selbstverletzungen in Fernsehen, Jugendliteratur und Kinofilmen hinzuweisen.

Dieses Buch ist im Gesamten gesehen eine gute Einladung, sich intensiver und vor allem genauer mit den Hinter- und Beweggründen selbstverletzenden Verhaltens bei Mädchen und jungen Frauen zu befassen, auf dass es künftig spürbar wirksamere Hilfen gibt. Dieses Buch ist eine gute Grundlage für weitere Forschungsvorhaben bezüglich dieser Thematik.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
E-Mail Mailformular


Alle 54 Rezensionen von Detlef Rüsch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 01.02.2005 zu: Anke Schneider: "... damit ich mich spüre ...". Zur Symptomgenese und Symptomspezifität selbstverletzenden Verhaltens. theoretische Reflexionen und eine empirische Studie zu Selbstverletzung und Piercing. Logos Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-8325-0741-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2404.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung