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Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit

Cover Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 288 Seiten. ISBN 978-3-7799-3084-6. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.

Studienmodule soziale Arbeit.
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Thema

Im dem hier im Fokus stehenden Lehrbuch thematisiert Peter-Ulrich Wendt vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Bedingungen und Herausforderungen die Entwicklung Sozialer Arbeit zu einer eigenständigen Profession und Disziplin, ihre Zielgruppen und relevanten Handlungsfelder. Das Lehrbuch soll Studierenden der Sozialen Arbeit so primär dazu dienen „erste Orientierungspunkte und -anker zu setzen“ (S. 6), aber auch „Appetit machen“ (ebd.) neuen Fragen nachzugehen, weiterzuarbeiten und in das Thema einzutauchen: Um zu klären – wenn das überhaupt möglich ist – was denn nun Soziale Arbeit ist.

Autor_innen

Dr. disc. pol. Peter-Ulrich Wendt ist Professor für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg/ Stendal; seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Grundlagen und Methoden Sozialer Arbeit, insbesondere Soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit / Community Organizing sowie Kinder- und Jugendhilfe.

Ergänzend tragen acht Gastautor_innen aus unterschiedlichen Perspektiven zu einer Konkretisierung bei: Christian Bleck, Andreas Borchert, Gaby Girke, Gudrun Faller, Rahim Hajji, Cornelia Scheier, Simone Stüber und Alexander Nicolai Wendt.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Teil des Bandes „Grundlegungen“ (S. 20 ff.) fokussiert Wendt anfänglich die Frage „Was studiere ich da eigentlich: Soziale Arbeit?“ (ebd.) und analysiert die Differenz zwischen Wissen und Wahrheit, um so einerseits die Bedeutung von Sozialer Arbeit als Wissenschaft deutlich zu machen und andererseits den Blick dafür zu öffnen, dass „persönliche Subjektivität eine objektive Erkenntnis praktisch unmöglich macht“ (S. 25). So stellt er anhand des Thomas-Theorem dar, dass unterschiedliche Sichtweisen und damit verbundene differenzierte Deutungen Konfliktpotenzial bergen. Im Weiteren beschäftigt er sich mit Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession (S. 27 ff.) bevor er sich mit den Kennzeichen des Studiums der Sozialen Arbeit (S. 31 ff.) und dem Gegenstand Sozialer Arbeit (S. 47 ff.) auseinandersetzt. Die Gegenstandsbestimmung Soziale Arbeit leitet er dabei von der Definition der International Federation of Social Workers (IFSW) ab (S. 62). Schließlich beendet er den ersten Teil der Grundlegungen mit der Entwicklung der Sozialen Arbeit in Deutschland; hier differenziert er zwischen den Begründungen „Von ‚Armut‘ und Fürsorge“ (S. 67 ff.) und „Von Erziehung, Jugendfürsorge und Sozialpädagogik“ (S. 71ff.) bevor er chronologisch in den einzelnen Epochen ab 1900 die Entstehung und Entfaltung Sozialer Arbeit in Deutschland aufzeigt.

Im zweiten Teil erläutert WendtVerhältnisse“ (S. 86 ff.) unter denen gegenwärtig Soziale Arbeit stattfindet. Im Einzelnen fasst er darunter die Analyse der Gesellschaft (S. 86 ff.), soziale Ungleichheit (S. 92 ff.) und Armut (S. 94 ff.). Auch beschäftigt er sich in diesem zweiten Teil mit den Zielen (S. 105 ff.) und den Zielgruppen (S. 126 ff.) Sozialer Arbeit. Im Kapitel Zielgruppen Sozialer Arbeit erörtert er dabei zwar einerseits auch die unterschiedlichen Zielgruppen Sozialer Arbeit nach Altersgruppen gleichwohl kontextualisiert er diese andererseits mit den zu bewältigenden Umständen und Aufgaben „unter denen sie alltäglich zurechtkommen müssen“ (S. 126).

Im dritten Teil des Lehrbuches „Praxis“ (S. 142 ff.) setzt sich Wendt anfänglich mit dem Ort der Sozialen Arbeit auseinander, hier insbesondere mit dem Sozialraum und der Lebenswelt sowie den Handlungsperspektiven (S. 151) und ordnet hier den Einzelfall (S. 151 ff.), die Gruppe (S. 153 f.) als auch den Raum „Land und Stadt“ (S. 155 ff.) ein. Im folgenden Unterkapitel stellt er den Auftrag Sozialer Arbeit dar und fokussiert somit die Frage des Mandats bevor er dann die Handlungsvorstellungen – beispielsweise Arbeitsbündnisse, Empowerment, aber auch Handlungsmodelle – thematisiert. Abschließend skizziert er die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit die er unterteilt in „Aufgaben in Kindheit und Jugend“ (S. 197 ff.), „Soziale Arbeit in speziellen Lebenslagen“ (S. 203 ff.), Gesundheitsförderung (S. 212 ff.) – hier der Gastbeitrag von Gudrun Faller – und „Aufgaben in alternden Gesellschaften“ (S. 215 ff.).

Im vierten Teil schließlich geht Wendt der Kernfrage nach, in dem er in den Fokus stellt „[w]as Soziale Arbeit [ist]“ (S. 220 ff.). Hier erläutert er erst das System der Sozialen Arbeit in Deutschland, bevor er dann konkreter wird und erst die Theorien der Sozialen Arbeit – und auch deren Begründungen – in den Fokus stellt und sich dann mit der Frage „Auf dem Weg zu einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit?“ (S. 243) auseinandersetzt. Im letzten Unterkapitel des Lehrbuches erörtert er schließlich anhand der Kategorien „Professionalität“ (S. 250) sowie „Professionelle Qualitäten“ „[w]as professionelle Soziale Arbeit [ist]“ (S. 250 ff.).

Diskussion

Ein Lehrbuch Soziale Arbeit für Studierende zu erstellen und zu veröffentlichen ist sicherlich nicht voraussetzungslos, aber – trotz aller schon bestehenden Veröffentlichungen – dennoch dringend notwendig. Gerade die Debatten im Fachdiskurs und darüberhinausgehend auch in anderen (Bezugs-)Disziplinen, erstens zu dem Thema was denn die Wissenschaft der Sozialen Arbeit kennzeichnet, ausmacht und ob es sie denn tatsächlich gebe, als aber auch zweitens zu dem Diskurs, was denn professionelle Identität bedingt und wie man diese (im Studium der Sozialen Arbeit) fördern und entwickeln kann, machen dies immer wieder deutlich.

Zu beiden Diskursen kann das Lehrbuch auf der Mikroebene – hier in Bezug auf die Studierenden, die zukünftigen Fachkräfte der Sozialen Arbeit, etwas beitragen: Indem deutlich wird, wie vielfältig und wie differenziert der Gegenstand Sozialer Arbeit – wenn man überhaupt davon sprechen kann – zu betrachten ist. Und dass die Frage, was denn nun Soziale Arbeit sei, eben nicht so einfach zu beantworten ist. Alleine das hier im Fokus stehende Lehrbuch Soziale Arbeit gibt zwar auf mehr als 250 Seiten eine Antwort auf diese Frage(n), dennoch werden viele Facetten – bspw. Methoden wie Theorien Sozialer Arbeit – nur ansatzweise skizziert.

So gilt es letztlich zu konstatieren, dass damit ein weiteres Puzzlestück geschaffen worden ist, das insbesondere dadurch besticht, dass es nicht nur in der Wortwahl und im Ausdruck auch für Erstsemester verständlich formuliert ist, sondern insbesondere auch Praxisbeispiele enthält, die der immer wiederkehrenden Frage der Studierenden, was denn das mit der Praxis der Sozialen Arbeit, die sie ja häufig aus Praktika, Honorarjobs etc. schon kennengelernt haben, zu tun habe, eine Option eröffnet. Auch gibt das Lehrbuch die Möglichkeit der Vertiefung, indem jedes Kapitel Anregungen zur Weiterarbeit mit ausgewählten Literaturempfehlungen enthält.

Einzig ist mir an manchen Stellen die Systematisierung und manchmal auch die Auswahl der Begrifflichkeiten unklar. So hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle eine stärkere Fokussierung und einen anderen Aufbau im Inhalt gewünscht; bspw. ein Kapitel Theorien oder auch Methoden Sozialer Arbeit, die sich hier eher in verschiedenen Unterkategorien – und zudem an verschiedenen Stellen – wiederfinden lassen. Auch erschließen sich mir die genutzten Begrifflichkeiten der Überschriften nicht sofort. Oder anders formuliert: An der einen oder anderen Stelle war ich erstaunt ob des Textes der sich hinter einer Überschrift verbarg!

Aber auch diese Fragen nach der Systematisierung und nach Begrifflichkeiten weisen letztlich daraufhin, dass Soziale Arbeit eben aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten ist bzw. betrachtet wird und es damit einhergehend häufig nicht einfach, ist von „der“ Sozialen Arbeit zu sprechen: Womit wir wieder beim Anfang wären. Es braucht im Fachdiskurs die Auseinandersetzung sowohl zu der Frage, was denn die Wissenschaft Sozialer Arbeit sei, als auch zu der Frage, was denn professionelle Identität ausmacht. Und schlussendlich kann das vorliegende Lehrbuch dabei unterstützen, diesen Diskurs aufrechtzuerhalten, da es auch dazu beiträgt, Studierende dabei zu fördern, eine professionelle Identität herauszubilden.

Letztlich werden die Diskussionen im Seminar selber oder auch unter den Beteiligten in Profession und Disziplin zeigen, wo es gilt, Ergänzungen vorzunehmen und zu erweitern und welche Aspekte eine ausführlichere Bearbeitung bedürfen. Aber jedes Puzzlestück, das dazu beträgt, ein Stück weit mehr das Gesamtbild Sozialer Arbeit aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, ist dazu notwendig.

Fazit

Die Frage, was denn Soziale Arbeit überhaupt ist, wovon sie abhängig ist und welche Zielstellungen ihr zu eigen sind, lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven beantworten. Wendt legt mit seinem Lehrbuch Soziale Arbeit eine Option dar, die gerade für Studierende die Chance – und damit auch zugleich die Herausforderung! – bietet, die Differenziertheit bei der Betrachtung Sozialer Arbeit kennenzulernen und zu verstehen. Dabei eröffnet das Buch nicht die Möglichkeit, all' diese Fragen in ihrer Komplexität zu beantworten, aber es bietet einen ersten guten Anknüpfungspunkt: sowohl durch die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen der Sozialen Arbeit, den Bezug zur Praxis durch mannigfaltige Beispiele und – für jene, deren Interesse jetzt erst recht geweckt worden ist – durch die Literaturempfehlungen und anregenden Diskussionsfragen die Möglichkeit, tiefer einzutauchen.


Rezensentin
Prof. Dr. Anne van Rießen
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage soz-kult.hs-duesseldorf.de/personen/vanrieszen
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Zitiervorschlag
Anne van Rießen. Rezension vom 07.08.2018 zu: Peter-Ulrich Wendt: Lehrbuch Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3084-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24042.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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