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Christoph Henning: Marx und die Folgen

Cover Christoph Henning: Marx und die Folgen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. 149 Seiten. ISBN 978-3-476-02675-0. D: 16,95 EUR, A: 17,43 EUR, CH: 17,50 sFr.
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Thema

Karl Marx ist tot, doch seine Ideen erleben spätestens sei der Finanzkrise, nicht nur unter Linken, eine Renaissance. Bereits vor 150 Jahren analysierte er die Zerstörungskraft des Kapitalismus, und plötzlich schien ausgerechnet das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate der globalisierten Wirklichkeit sehr nahe zu kommen. Christoph Henning versucht eine Kontinuität zwischen dem Frühwerk und dem reifen Karl Marx des Kapitals herzustellen und zeigen, dass die Thesen von Marx „kein ›Schnee von gestern‹ sind“ (143).

Autor

Christoph Henning (* 1973) habilitierte sich 2014 an der Universität St.Gallen. Seit 2014 arbeitet er als Privatdozent an der Universität St. Gallen und Junior-Fellow am Max-Weber-Kolleg an der Universität Erfurt. 2015 vertrat er den Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich der politischen Philosophie und der Sozialphilosophie.

Aufbau und Einleitung

Die Studie besteht aus sechs Hauptabschnitten mit insgesamt 14 Kapiteln und entspricht thematisch weitgehend den vom Rezensenten formulierten Kapitelüberschriften. Der vollsständige Aufbau des Buchs findet sich bei der Deutschen Nationalbibliothek.

Gleich zu Beginn seiner Studie verweis Christoph Hennig in der Einleitung auf die Aktualität von Karl Marx. Heute sehe „es eher so aus, als könne man in Sachen Marx das ›kurze‹ 20. Jahrhundert (1914 – 1990) überspringen“ (1). Nicht nur der „Flügelkampf innerhalb der Arbeiterbewegung“ erinnere an den „Ausgang des 19. Jahrhunderts“. Auch „die rechte Reaktion auf die zunehmenden sozialen Verwerfungen“ ähnele sich: Der Nationalismus wachse wieder, an in dessen Folge „der Kontinent, ja die ganze damalige Weltordnung im Ersten Weltkrieg“ zerbrochen sei. Schließlich habe sich durch die „Naturzerstörung der Industrialisierung rasch eine Frühform ökologischen Denkens entwickelt“ die „Marx stark beeinflusst“ habe und „heute wieder voll gesehen“ werde (2).

Das Werk in Grundzügen

Schon der erste von Marx in der Rheinischen Zeitungpublizierte Aufsatz vom Mai 1842 sei, wie Hennig unterstreicht, „ein Paukenschlag“. Als „Mann der Presse“ habe „sich Marx für die Pressefreiheit stark“ gemacht und in ihr »die freieste Weise, in welcher heutzutage der Geist erscheint« (MEW 1, 39), gesehen (21). Sie sei für Marx „ein Mechanismus des Abbaus der Entfremdung zwischen Bevölkerung und herrschenden Eliten, und damit zugleich ein Motor der Demokratisierung“ (23). Für Henning artikuliere Marx an dieser Stelle eine „frühe Kritik an Kommerzialisierung und Verdinglichung“, wie sie „besonders das Bürgertum“ bevorzuge (24). Diese Kritik, „die sich hier nur angedeutet“ findet, habe „Marx 18 Monate später weiter zu einer fulminanten Kritik des bürgerlichen Rechts“ entwickelt, „vor allem des neu ausgerufenen Menschenrechts“ (29).

Entfremdung entstehe für Marx, wie Henning erklärt, „wenn eine Verbindung zwischen zusammengehörigen Gliedern unterbrochen“ werde (33). Nach Marx sei die „Ausbildung einer Persönlichkeit“ daran gebunden, dass „Menschen sich selbst ausdrücken und darin anderen mitteilen“, wie beispielsweise in der Religion oder etwa durch Tanz oder Produktion (MEW 40, 465) (33). Die „sinnhafte Verbindung zwischen Menschen“ werde „durch Zensur“ zerstört. Bei Marx trete „später das Privateigentum an Produktionsmitteln an diese Stelle, das Argument“ bleibe „gleich“(35).

Christoph Henning kommt schließlich zur einem entscheidenden Punkt der Marxschen Kritik, seiner Kritik der Politik(35). Marx seien, angesichts der schleppenden politischen Bewegung in Deutschland und der englischen Sozialpolitik seit 1832, „die Grenzen der Politik“ deutlich geworden (36). Er habe daraus den Schluss gezogen, „dass der Politik generell enge Grenzen gesetzt“ sind (40). „Denn auch ein Staat, der anderes“ vorhabe könne „am Ende nicht viel ausrichten: Frankreich habe zwar Lösungen befohlen und einige Eigentümer geköpft“ (MEW 1, 401), hätte „damit aber ebenso wenig gegen die Verarmung ausrichten“ (40) können. Man säge nicht am Ast, auf dem man sitzt (MEW 1, 402) (41).

Im Zentrum des reifen Marxschen Werkes liegen, nach Hennings Auffassung, drei thematische Schwerpunkte.

  1. Der erste (philosophische) Schwerpunkt handelt von der „Rolle, die die Arbeit. für das Begreifen der menschlichen Existenz und ihrer problematischen Formen“ spielt und wie sie von Marx in seiner »Entfremdungskritik« dargelegt werde (46).
  2. Einen zweiten Schwerpunkt bilde die Gesellschaftstheorie: »historischer Materialismus« und »Klassentheorie« (47).
  3. „Erst der dritte Schwerpunkt ist die Ökonomie im engeren Sinne“. „Schwerpunktthemen dieser kritischen Theorie des Kapitalismus sind die Ausbeutungs- und die Krisentheorie“ (47).

„Die Marxsche Krisentheorie“, schlussfolgert der Autor, habe „die Grenzen bisheriger Lösungsvorschläge“ aufgezeigt und „Wege in eine postkapitalistische Gesellschaft“ gewiesen (72). Die Theorie der ›Ausbeutung‹ sei „ebenso zentral, da diese auch in Zeiten ohne Krise evident“ sei (72). Die „Ausbeutungstheorie“ weise nach Marx „über den Kapitalismus hinaus“, denn sie lasse „sich durch Lohnerhöhungen nicht aus der Welt schaffen“(72). Gerechtigkeitsargumente gegen „diese Form der Ausbeutung“ (John Rawls) bewirkten wenig: „Ausbeutung“ sei „im gegebenen Recht gerade keine Ungerechtigkeit“, sondern „entspricht diesem Recht“ (73). „Überwinden“ lasse sie sich, nach Marxens Überzeugung, nur, „wenn das System überwunden“ werde, „innerhalb dessen Ausbeutung zur Normalität“ gehöre (73).

„Erst mit dem tendenziellen Fall der Profitrate“, betont Henning, habe „Marx einen fatalen Widerspruch formuliert, der über den Kapitalismus“ hinaustreibe: „»Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital« (MEW 25, 260)“ (83). „Selbst die jüngsten Finanzkrisen“ ließen „sich auf diese Weise deuten“ (82). Staatsbürger trügen „das Risiko“ und zahlten „drauf, während Spekulationsgewinne der »Glücksritter« an der Börse (MEW 25, 456) ohne Risiko maximiert“ werden könnten (83). Eine „gute Gesellschaft“, so Henning weiter, müsse „sich ihrer körperlich, seelisch und ökologisch destruktiven Dynamik entledigen“ (84).

Folgen in der Politik

Der Autor kommt zu dem Schluss: „Wenn die Marxsche Diagnose auch nur annähernd zutrifft, dann hat sie gravierende Folgen für die Politik“ (85) „Auch jahrzehntelange Bemühungen, das kapitalistische Wirtschaftssystem ökologisch zu zähmen“, hätten „wenig Erfolg“ (86) gehabt. Außerdem verteile sich „kapitalistischer Reichtum stets ungleich, was sozialen Sprengstoff“ bringe. Märkte kennen „keine Garantie“ dafür, dass der „kapitalistische Gewinn automatisch zum Vorteil der Schlechter gestellten“ ausfalle (86).

Folgen in der Kultur

Zum Schluss gibt Henning einen Überblick über die „produktiven Anknüpfungen an die Theorien von Marx, die es heute wieder“ gibt (3). Parallel zu der „Wiederkehr eines marxistisch inspirierten Feminismus“ näherten sich auch „ökologische Ansätze Marx wieder an“ (107). Zu den „produktiven Anknüpfungen“ zählt Henning auch den Postkolonialismus (110). „Ähnlich wie in der Frauen- und Umweltbewegung“ habe es, meint Henning weiter, „im Postkolonialismus spätestens nach 1989 unter dem Einfluss von Foucault und Derrida einen Trend weg von Marx und dem europäischen Universalismus hin zur Betonung kultureller Differenz“ gegeben (112).

Ausblick

In der „Reaktion auf Marx im 20. Jahrhundert“ gäbe es nach Auffassung des Autors, „ein relativistisches Argument“, das besage, „Marx möge zwar zu seiner Zeit recht gehabt haben, zu unserer Zeit allerdings gelte seine Diagnose nicht mehr“ (134). Wie aktuell ist Marx?

Der „Neoliberalismus“, so Hennings kritische Stellungnahme, hätte hehre Versprechungen gemacht: „Durch den Abbau von Regularien sei mehr Freiheit und Kreativität möglich als im alten, organisierten Kapitalismus; dadurch werde Entfremdung abgebaut, Menschen könnten sich nun selbst verwirklichen“ (135). „Nach Nancy Fraser (2013)“ hätten postmarxistische Linke „diese große Erzählung mitgetragen“ (136) und sich selbst unter dem Einfluss von Michel Foucault von „der marxistischen Tradition der 1968er“ gelöst. Themen, wie sexuelle Befreiung und Anerkennung kultureller Besonderheiten, habe man „nach vorn gespielt“. „Neoliberale Thesen“ seien „sogar in der Sozialwissenschaft reproduziert“ worden. Erst nach den „Jahren der Finanzkrise“, kämen „auch Teile der »kulturellen« Linken wieder auf Marx zurück“ (136).

Für Christoph Henning sei deutlich geworden, dass die Thesen von Marx „kein ›Schnee von gestern‹ sind“ (143), sondern nach wie vor hohe Aktualität besitzen. „Mit der nicht enden wollenden ökonomischen Krise, mit der drastischen Klimaveränderung“ (99) und den „globalen Fluchtbewegungen“, stünden uns „eine erneute Auseinandersetzung mit den Auswirkungen kapitalistischen Wirtschaftens bevor“. Nach Marx könnten „weder nationale Sonderwege noch der Glaube an Selbstheilungskräfte des Marktes langfristig weiterhelfen“. Es bedürfe „mehr denn je der entschlossenen internationalen Solidarität, gerade unter Erniedrigten und Beleidigten“ (100): „Es an der Zeit, sich der radikalen Kapitalismuskritik von Marx und Engels zu vergewissern“. Man müsse sie „nicht in allem teilen“, aber es sei „noch immer inspirierend, sie als mahnende Stimme im Detail zu kennen“ (143).

Diskussion

Wie aktuell ist Marx in einer Welt des globalisierten Finanzkapitalismus?

Die Finanzkrise zeigt, dass die Politik der Deregulierung gescheitert ist. Für Robert Shiller (2013 Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften) handelt es sich „um den größten Irrtum in der Geschichte des ökonomischen Denkens“ (Hickel). Dieser zeigt sich auch in der explosionsartigen Produktion von fiktivem Geld durch Geld ohne Bezug zur realen Wirtschaft. So ist das „Volumen der Finanztransaktionen in 2010 570fach höher ausgefallen als die Weltproduktion“ (Hickel). Marx „größtes Verdienst“, so Volker Gerhard, „dürfte in der systematischen Auszeichnung der Arbeit und des Arbeitsmarktes liegen.“ Auch wenn die „Arbeit nicht der alleinige Grund für die Wertschöpfung“ sei, so habe „sie doch eine alles überragende Stellung“. Deshalb dürfe der Arbeitsmarkt nicht mit dem „Markt für Güter, seien es Lebensmittel, Rohstoffe oder reines Gold, gleichgesetzt werden“. Diese „Lektion“ müsse sich „die Finanzökonomie von Marx erst noch erteilen lassen“ (Gerhard). Gleichwohl hat Marx nicht verstanden, wie Geld und die Kreditvergabe funktioniert. Da er meinte, dass Geld eine Ware ist, war die Geldmenge bei ihm begrenzt. Er erkannte nicht: Geld ist eine „soziale Konstruktion“ (Herrmann).

In der von der Neoklassik dominierten Volkswirtschaftslehre spielt Marx (nach wie vor) keine Rolle, obgleich er „einer der innovativsten Theoretiker aller Zeiten“ (Herrmann) ist. Ohne Marx kein Joseph Schumpeter. Die Finanzkrise hat die Ökonomen, die an Gleichgewichtsmodellen arbeiten, kalt erwischt, lautet ein populärer Vorwurf. Zwar hat ein Umdenken in Sachen mathematischem Gleichgewichtsdenken und eines realitätsfernen „homo oeconomicus“ hin zur empirischen Forschung stattgefunden, doch bleibt die Frage, ob sich hochkomplexe moderne Volkswirtschaften mit einem Modell beschreiben lassen.

Die „wissenschaftliche Kritik“ ist sich über die „ungelösten Schwachstellen“ des Marxschen Kapitals einig: Arbeitswerttheorie, Transformationsproblem (Transformation vom Wert zum Preis),Verelendungs- und Geldtheorie und das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profirate (Werner Plumpe). „Die maßgebliche Kritik von Joseph Schumpeter“ an Marx, so Plumpe weiter, werde „von der modernen Forschung zumeist geteilt“. Eine Antwort auf die „Strukturprobleme der modernen Wirtschaft“ habe Marx nicht. Für Nikolas Piper liegt das „bleibende Verdienst von Karl Marx“ darin, „erkannt zu haben, dass sich der Kapitalismus“ verändere und dass „Krisen Teil dieser Entwicklung“ sind. Reine „Metaphysik“ sei hingegen „die Werttheorie und mit ihr die Theorie vom Fall der Profitrate“. Marxens Theorie, dass sich hinter den Preisen ein wahrer Wert verberge, hat Karl Popper als platonische Idee kritisiert.

Nach Hans-Werner Sinn, auch Ideengeber für die Agenda 2010 und Befürworter einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, ist die Marxsche Krisentheorie hingegen „hochaktuell“. Sie werde, sagt Sinn, „in ähnlicher Form von führenden Volkswirten vertreten, so von Carl Christian von Weizsäcker aus Bonn oder auch von Lawrence Summers, dem ehemaligen Finanzminister der USA“. Beide argumentierten, „dass die Menschheit schon zu viel investiert habe, sodass die rentablen Investitionsprojekte zur Neige gingen. Es werde nicht genug verdient, um mit dem sicheren Zins von null, den die Bargeldhaltung bietet, Schritt halten zu können. Deswegen drohe der Investitionsstreik und die Krise“. Für Joseph Schumpeter, gebe es zwar den „tendenziellen Fall der Profitrate“, nur habe er andere Ursachen (Sinn). In Marx´ deterministischer Geschichtsphilosophie erscheinen die Unternehmer nicht als eigenständig frei Handelnde vielmehr als Werkzeug der „Bewegungsgesetze des Kapitalismus“. Schumpeter hebt, anders als Marx, den Akt des Innovators und „schöpferischen Zerstörers“ als Motor kapitalistischer Wohlstandsmehrung hervor. Der Wettbewerb führe folglich nicht in den „Untergang des Kapitalismus“, sondern sei „Anreiz für neue Innovationen“ (Piper).

Als einer der ersten Theoretiker der Globalisierung vertrat Marx, dass die „Bourgeoisie“ angesichts des tendenziellen Falls der Profitrate, „ihre eigenen Totengräber“ produziere. Die weltwirtschaftliche Realität weist gegenwärtig in eine andere Richtung. Der Weltwirtschaft geht es so gut wie lange nicht mehr – das zeigen Daten des IWF. Und das fast überall auf der Welt (Prange). Das Angebot findet immer noch seine Nachfrage.

Die (westliche) Wirtschaftswelt hat aktuell ein anderes Problem als den Fall der Profitrate: Es ist weniger ein Wachstumsproblem als ein Verteilungs- und Gerechtigkeitsproblem und in der Folge ein Vertrauensverlust in Globalisierung und liberaler Demokratie. Zwar sind dank der Globalisierung binnen kurzer Zeit mehr Menschen der absoluten Armut entkommen als zusammengenommen in der EU und Nordamerika leben. Doch hat sie auch „die größte Umverteilung von Einkommen seit der industriellen Revolution herbeigeführt“ (Branko Milanovic): von der Mittelschicht in den alten Industrienationen zum aufstrebenden Bürgertum in Ländern wie Indien und China (Mark Schieritz). „In den USA ist das reale mittlere Einkommen eine Vollzeitarbeitnehmers seit den 70er- Jahren nicht mehr gestiegen, während sich die Wirtschaftsleistung verdoppelte“ (Bofinger). Nach Thomas Piketty ist das Einkommen aus Kapital stärker gestiegen als das aus Arbeit, weil mit der Zeit die Rendite auf Kapital das Wirtschaftswachstum übersteige: Dem reichsten 1 % der Weltbevölkerung gehören inzwischen über 50 % aller Vermögen (Oxfam). Je ungleicher die Gesellschaft, desto geringer ist die Zufriedenheit mit der Demokratie. Trump und mit ihm der nationalistische Autoritarismus ist die untaugliche Antwort auf das Gerechtigkeitsdefizit.

Damit gewinnt Marxens Theorie der relativen Verelendung und sein zweites Erklärungsmodell für Krisen, die ungleiche Verteilung des „Mehrwerts“, auch in den Ländern des Westens, in mancher Hinsicht besondere Aktualität. Zu ihrer Korrektur bedarf es jedoch keiner Revolution. Eduard Bernstein undKarl Liebknecht lehnten deshalb die Marxsche Definition des Begriffs „Ausbeutung“ ab: Die „Ausbeutung“ sei ein „reines Verteilungsproblem“ und „nicht ein Produktionsproblem“ – eine Frage der Gerechtigkeit (Trotncrw).

Davos 2018 ist nicht nur ein Wettlauf der Systeme, freier Welthandel gegen Protektionismus, liberale Demokratie gegen Autoritarismus, sondern auch die Rückkehr des Politischen in die Ökonomie. Ein Teil der globalen Elite will den „Totengräbern“ der Globalisierung mit Umverteilung den Wind aus den Segeln nehmen. Schon auf dem G20 Gipfel warnte der IWF, „dass durch die zunehmende ökonomische und soziale Ungleichheit der ‚politische Rückhalt‘ für eine liberale internationale Ordnung verloren zu gehen drohe“ (Schieritz). Bestätigung findet diese Auffassung durch die Nobelpreisträger für Ökonomie Angus Deaton und Joseph Stiglitz, die eine Nachfragepolitik im Sinne von Keynes befürworten (Augstein).

Nach Karl Popper verdiene der Marxsche Ansatz, trotz „der Fehlerhaftigkeit seiner Analyse“, das Phänomen der Ausbeutung zu erklären, „größte Beachtung“ (218). Popper hält jedoch Marxens Theorie „von der Ohnmacht aller Politik und seine Ansichten von der Demokratie“ für „höchst verhängnisvolle Irrtümer“ (149). Er macht uns, anders als Henning, auf die historische Bedingtheit seiner Analysen und politischen Urteile aufmerksam. Die „Tendenz zur Zunahme des Elends“ operiere nach Marx nur in „einem völlig schrankenlosen Kapitalismus“. Sobald man „die Möglichkeit von Gewerkschaften, Kollektivverträgen und Streiks“ hätte, seien „die Annahmen der Analyse nicht länger annehmbar“ (218). Gleichwohl müsse man „einräumen, dass hinter diesen düsteren und zugleich geistreichen Theorien eine düstere und niederdrückende Erfahrung stand“ (149). Sie seien nicht nur Ausdruck seiner „Einsicht in die Bedingungen seiner eigenen Zeit“, sondern auch seiner „unbesiegbaren humanitären Gesinnung und für seinen Gerechtigkeitssinn“ (149). Marx konnte zur damaligen Zeit offenbar nicht erkennen wie sehr soziale Lernprozesse Gesellschaften stabilisieren können. Weder die Zunahme der Reallöhne noch die Entstehung einer Mittelschicht konnte Marx voraussehen.

The economy is stupid! Heute verfügt die Politik mit ihren Institutionen und die Zivilgesellschaft über viel mehr Spielräume als Marx annehmen konnte. Ihre Aufgabe besteht darin, den im Selbstlauf sich entfaltenden globalisierten und die Umwelt zerstörenden Kapitalismus zu gestalten ggf. umzubauen. Für Marx ist die Zivilisierung der Welt nicht das Resultat sittlichen Handelns und des Rechts. Dass Marx diese Spielräume nicht erkennen konnte liegt auch an seinem materialistischen Freiheitsverständnis. Aus geschichtlich empirischen Verhältnissen Freiheit und Sittlichkeit abzuleiten zu wollen, käme für Kant der Verneinung autonomer Gesetzgebung gleich. Anders als für Marx ist der Mensch nach Kant in der Lage einen absoluten Anfang zu setzen und sich über die Kausalität der Sinnenwelt zu erheben. Auch Eduard Bernstein bezog sich in seiner Form des Revisionismus auf Kant. In Marxens Aussage, „das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“, kommt diese Freiheit als moralischer Handlungsraum nicht vor. Menschenrechte und Gerechtigkeit sieht er ausschließlich als Nebelbildungen zur Rechtfertigung bourgeoiser Herrschaft. Für Kant ist das Ich der erste Weltbeweger, das über das Vermögen verfügt, sich und anderen freiheitsliebenden Menschen Gesetze des friedlichen Verkehrs zu geben. Freiheit, Autonomie und Würde sind reine Ausdrucksformen des Sollens.

Für Volker Gerhard besteht das „schlimmste Versagen des Marxismus“ darin, dass er „die Erbschaft des 18. Jahrhundert ausgeschlagen und den in der amerikanischen und französischen Revolution errungenen parlamentarischen Konstitutionalismus als bürgerliche Ideologie verworfen“ habe (Gerhard). Marx formulierte in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ auch eine fundamentale Kritik an der Institution des Rechts. Es sei, so Marx, nicht als Garant individueller Selbstbestimmung und Freiheit zu verstehen, sondern stelle ein Entfremdungsphänomen dar. In seinem faustischen Drang entging Marx, dass die Gesellschaft ohne Recht verloren ist.

Ob die Ökologie, wie Henning meint, zu den „produktiven Anknüpfungen“ von Marx gehört, wird von dem Postwachstumsökonom Nico Paech in Frage gestellt, vor allem seine Vorstellungen von „Fortschritt“ und „Gerechtigkeit“. Marx erkenne, anders als Smith und Ricardo, der Natur keinen Wert bei. Als Quelle des stofflichen Reichtums gelte allein die Arbeitskraft. Die Linke beschränke in der Folge Gerechtigkeit auf Verteilungsgerechtigkeit und verfügt über keine wachstumskritische Vorstellung von Gerechtigkeit. Das zunehmend „erschöpfte Selbst“ (Alain Ehrenberg) verkörpere schließlich, so Paech, die „Schattenseite“ des gnadenlosen Konsumismus. Die Postwachstumsökonomik widerspreche den „vorherrschenden Moderniesierungskonstruktionen“: Marxismus, Neoliberalismus, Keynesianismus, und Green-Growth. Gerechtigkeit, modern definiert, ist weder nur monetär, noch national zu denken. In einem gerechteren Land sollten alle Bürger in einer gesunden, grünen Umgebung leben, sich saubere Luft, saubere Energie, sauberes Wasser und gesundes Essen leisten können ohne die anfallenden Umwelt- und Sozialkosten auf Kosten des Rests der Menschheit zu externalisieren. Im Zeitalter der Globalisierung muss die soziale Frage neu gestellt werden. Sie auf die eigene Gesellschaft zu beschränken, wird der globalen Realität nicht mehr gerecht. Wir müssen Verantwortung übernehmen für die, die in extremer Armut verharren ebenso wie für die Menschen im Inland, die es vor den negativen Folgen der Globalisierung zu schützen gilt. Gerechtigkeit, modern definiert, ist nicht nur monetär zu denken. In einem gerechteren Land sollten alle Bürger in einer gesunden, grünen Umgebung leben, sich saubere Luft, saubere Energie, sauberes Wasser und gesundes Essen leisten können. Marx würde heute sicher nicht widersprechen.

In jüngster Zeit kehrt die Marxsche „Arbeiterklasse“ als „Phantom der „regressiven Moderne“ (Oliver Nachtweih) zurück. In ihrem Namen wird die Revision des Kosmopolitismus vollzogen. Diejenigen, die auf die nationalistische Karte oder gar auf eine „konservative Revolution“ setzen behaupten, Einwanderung, Globalisierung, Klimaschutz, Identitätspolitik und der Liberalismus der 68er, sei Ursprung allen Übels. Wer die Ungleichheitsdebatte im Namen der „hart Arbeitenden Menschen“ oder der „kleinen Leute“ führt und einer nationalistischen Besitzstandswahrung das Wort redet, aber dabei die globale Perspektive aus den Augen verliert, verspielt die Zukunft. Marx war Internationalist. Nach Marx helfen weder nationale Sonderwege noch der Glaube an Selbstheilungskräfte des Marktes. Vor allem bedarf es der internationalen Solidarität. Abschottung verhindert das, was sie verspricht: eine effektive Verteilungspolitik. Der Wohlstand muss besser verteilt werden, aber nicht durch eine nachträgliche Umverteilung, sondern früher, durch einen besseren Zugang zu Wissen und Innovation.

„Gescheiterte Prophezeiungen“, so Richard Rorty, „sind oft eine inspirierende Lektüre“ (Rorty,7). Marx habe „die Menschen in gleichem Maße mit Mut und Inspiration erfüllt“ (25) und ihnen das Bewusstsein vermittelt, dass „die Zukunft der Menschen anders sein könne als ihre Vergangenheit, und zwar ohne dass dazu übernatürliche Mächte eingreifen müssten“ (28). So habe das Kommunistische Manifest die „Gründer der meisten großen Gewerkschaften“ inspiriert (24). Es hat „Millionen Menschen zum Streik gegen erniedrigte Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne auf die Straße“ (24) gebracht: Rorty fordert wie Henning, nicht aufzuhören im Kommunistischen Manifest „Inspiration und Ermutigung zu suchen“. Denn es sei Ausdruck der Hoffnung, „dass wir eines Tages bereit und fähig sein werden, den Bedürfnissen aller Menschen mit jenem Respekt und jener Rücksichtnahme zu begegnen, die wir den Bedürfnissen derer entgegenbringen, die uns am nächsten stehen, die wir lieben“ (11). Die Frage, ob Marx auch noch heute eine utopische Kraft entfalten kann, bleibt offen.

Marx ist nach wie vor aktuell, weil er Menschheitsprobleme aufgeworfen hat, die er zwar selbst nicht zu lösen vermochte, deren Lösung er uns aber aufgegeben hat. Oswald von Nell-Bräuning hat daran erinnert, dass alle Gesellschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts auf den Schultern von Marx ruhen (Negt). Marx hat die richtigen Fragen gestellt: Leben wir für die Wirtschaft oder sollte es nicht umgekehrt sein! Warum gibt es Armut in einer reichen Welt? Wie muss eine freie Gesellschaft beschaffen sein, in der der Einzelne seine Fähigkeiten optimal entfalten kann, nicht vermarktet wird und dem nicht ein Preis, sondern Würde zukommt? Genaue Antworten gab Marx nicht. Wir müssen sie selbst finden. Marx formulierte aber den kategorischen Imperativ des Humanismus schlechthin, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, S. 385). Unter Kommunismus verstand Marx eine Gesellschaft, „worin die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung der freien Entfaltung aller“ ist. Für Gerd Koenen ist das „keine Utopie, sondern ein einfaches Kriterium einer menschenwürdigen Gesellschaft“.

Fazit

Christoph Henning gibt uns nicht nur eine sehr gute Einführung in das Denken von Karl Marx; er lädt auch ein, uns heute, angesichts der globalen Probleme, von ihm inspirieren zu lassen und über ihn hinaus zu denken. Der Autor stellt die „produktiven Anknüpfungen an die Theorien von Marx“ in den Mittelpunkt seiner Studie, ohne Marx, der gerade „im Politischen vieles unbestimmt gelassen“ hat, aus der Verantwortung für all die Untaten zu entlassen, die in seinem Namen begangen wurden. Auf ein persönlich-psychologisches Porträt wie auch auf eine Kritik Marxscher Theorien wird hingegen weitgehend verzichtet. Ja, Marx inspiriert! Inspiration finden wir aber nur, wenn es uns gelingt Marx als Kind seiner Zeit zu verstehen. ihn kritisch zu lesen und weiter zu entwickeln.

Literatur


Rezensent
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion:

Zur Aktualität von Karl Marx erscheint in der Zeitschrift der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg "Aufklärung und Kritik" 3/2018 vom Autor der Rezension ein ausführlicher Essay.


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Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 14.02.2018 zu: Christoph Henning: Marx und die Folgen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. ISBN 978-3-476-02675-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24043.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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