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Jürgen Meier: "Eiszeit" in Deutschland

Cover Jürgen Meier: "Eiszeit" in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2005. 160 Seiten. ISBN 978-3-89691-593-1. 15,90 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Einsprüche, Band. 16.
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Aus dem Zettelkasten eines Aufgeregten: Arme deutsche Befindlichkeit

Die Einschätzungen und Auseinandersetzungen darüber, wie mobil oder morbid sich eine Gesellschaft entwickelt, beschäftigt Analysten und Prognostiker, Optimisten und Pessimisten, Philosophen und Realpolitiker seit Jahrtausenden. Damit einher geht immer auch die Frage nach dem "guten Leben" (vgl. dazu die Rezension zum Jahresbuch des Worldwatch Institute "Zur Lage der Welt 2004") hier und heute, im so genannten "globalen Dorf". Meldungen wie diese finden sich täglich in den Medien: "Deutschlands Aktionäre profitieren in diesem Jahr kräftig von den gestiegenen Gewinnen der Konzerne" (Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 30.3.05). Gleichzeitig auch diese: "Nicht nur die Zahl der Reichen wächst in Deutschland, auch die Gruppe der Armen wird immer größer" (RM 52/53/2004). "Die Schere geht immer weiter auseinander", so die Bestandsaufnahme der konservativen Wochenzeitung. Wo sind die Richtungsweiser aus diesem Dilemma? Ich könnte mir denken, dass Jürgen Meier zwei Vorschläge gefallen würden, die so etwas wie Fingerzeige in diesen Zeiten der sozialen Unsicherheiten darstellen: Der Wiener Entwicklungstheoretiker Andreas Novy gibt in seinem Buch "Entwicklung gestalten. Gesellschaftsveränderung in der Einen Welt" (2002) den Rat, auf die immer interdependenter sich entwickelnden Lebensbedingungen der Menschen in der Zeit der Globalisierung, so zu reagieren: "Wir werden das Spiel spielen müssen und es gleichzeitig nicht akzeptieren - und es nicht akzeptieren, indem man es anders spielt". Und der Philosoph Rüdiger Sanfranski empfiehlt im SympathieMagazin "Globalisierung verstehen" (2004), zur Entwicklung eines "kosmopolitischen Blicks" in der Spannweite zwischen neuer Weltordnung und globaler Anarchie sich selbst eine Lichtung zu schlagen, um sich nicht weiter nur nach vorwärts oder rückwärts zu verirren, nach innen oder außen.

Thema

Der als freier Journalist, Autor von Rundfunk-, Film-, , Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen arbeitende Jürgen Meier (geb. 1950), ist bekannt als "Querdenker" und einer, der seine "produktive Aufgeregtheit" in Worte und Bilder fassen kann. In seinem neuen Buch regt er sich auf über die soziale Kälte und den Abbau des Sozialstaates in unserer Gesellschaft. In seinem "Zettelkasten" befinden sich die bekannten Schlag- und Reizwörter, die den öffentlichen Diskurs um "Marktkapitalisierung" und der Frage bestimmen, ob es gelingt, den globalen Kapitalismus zu zivilisieren (Wolfgang Engler). Einige davon nimmt er heraus und stellt neue, historische und realpolitische Zusammenhänge her. Wie ist es bestellt um die "bürgerliche Moral"? Braucht sie eine Ethik und sind die philosophischen Entwürfe dazu nur als L`art pour l`art, als akademische Pflichtübung anzusehen? Ist die "bürgerliche Moral", wie sie sich etwa am Beispiel des Umgangs mit dem Vorhanden- und Nichtvorhandensein von Arbeit und deren Entlohnung darstellt, nichts anderes als eine ausgeprägte "Egomanie" des bürgerlichen Denkens und Handelns, gewissermaßen als Wurmfortsatz der bürgerlichen Moral? Dazu hat der Münsteraner Philosoph Kurt Bayertz in seinem Buch "Warum überhaupt moralisch sein? (2004) anregende Reflexionen geliefert.

Inhalt

Mit der Frage "Wer hat Angst vor Bürokraten?" diskutiert Jürgen Meier ein weiteres Stichwort aus unseren gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Die vielzitierten und bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten immer wieder hervor geholten Ansprüche und Beschwörungsformeln zum "Gemeinwohl" bringt er in zahlreichen Beispielen zur "Cleverle"-Wirtschaft zur Nachfrage. Der Umgang mit dem Begriff "Fortschritt" und die jeweiligen Versuche, die Deutungen nach dem eigenen, individuellen und gesellschaftlich-ökonomischen Interessen vorzunehmen, ist ein weiterer Beleg für Jürgen Meier, kritisch quer zu fragen. Auch der neoliberale Gebrauch und die Rezepte, wie sie sich um "Privatisierung" ranken, sind ihm ein Gräuel. Er belegt sein Unbehagen mit Beispielen von "Privat"-Schulen, "Privat"-Krankenhäusern, "Privat"-Strom- und -Wasserversorgern u.a.

Beinahe wie eine Abrechnung klingt seine Reflexion über den Reiz- und Kampfbegriff "Sozialismus". Sowohl die Begriffsverwendung und die ideologischen und ökonomischen Ausprägungen, wie sie der "real existierende Sozialismus" hervorgebracht hat und daran gescheitert ist, als auch der "verhaltene" Umgang der SPD und der Gewerkschaften mit der Geschichte des Sozialismus ist ihm ein Ärgernis. Seine Empfehlung, die Partei möge sich wieder mehr auf die tatsächlichen sozialistischen Werte und Normen besinnen, anstatt die Bedingungen der bürgerlichen Produktionsweisen zu übernehmen, wird wohl derzeit wenig Chance auf Gehör, geschweige denn auf eine Neubestimmung der Partei- und Gewerkschaftsprogramme haben. Immerhin sympathisch, deshalb auch ausdrückens- und bemerkenswert seine Erinnerung: "Der Sozialismus ist direkte und totale Demokratie", weil in ihm der vergesellschaftete Mensch "zum alleinigen Subjekt der Aneignung der verschiedenen Formen der Mehrarbeit wird".

Mit seiner Vision "Gegen Habsucht, Herrschsucht und Geltungssucht" betritt er das Glatteis der Frage nach dem "Sein und Haben". Nach dem, was bereits der griechische Philosoph Epikur (341 - 270 v. Chr.), der Psychoanalytiker Erich Fromm und der englische Sozialwissenschaftler Paul Ekins als "Genügsamkeit" und gleichzeitig als "subversives Ideal" für menschliches Dasein bezeichnet haben. Interessant sein "gattungsmäßiger" Blick, der ihn zu einen Brückenbauer zwischen den Ideologien und Philosophien werden lässt: Mit dem Gorbatschowschen Zitat "Wir brauchen mehr Jesus und mehr wirklichen Karl Marx", versucht er, unsere Schubläden zu öffnen und zu einem Diskurs anzuregen, der heute, in der Zeit der Interdependenzen nötiger denn je ist.

Seinen Zirkelschlag, den er mit der kritischen Frage nach der "bürgerlichen Moral" begann, beendet er mit Überlegungen zur "Elite" - Diskussion in unserer Gesellschaft und den damit verbundenen Auffassungen von Ethik zwischen Un-, Egomoral und Moral. "Elite" wird hier zu einem Siegel für Diejenigen, die das "Ende der Eiszeit" damit einläuten, dass sie für neue Lebensformen in einer direkten Demokratie eintreten. Wie heißt es im Bericht der Weltkommission "Kultur und Entwicklung" von 1995: "Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden".

Fazit

Jürgen Meier greift mit seinen Reflexionen über die "Eiszeit" in Deutschland diesen Fingerzeig auf und fokussiert ihn auf eine Reihe von "tatsächlich existierenden" Missständen und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft. Man kann sich gut vorstellen, dass das Buch als Grundlage für die wissenschaftliche Diskussion an Hochschulen dienen könnte, als Querschnittmarkierung in der interdisziplinären Ausbildung; aber auch in der parteipolitischen, kulturellen und interkulturellen Auseinandersetzung darüber, wie sich unsere Gesellschaft, lokal und global so weiter entwickeln kann, damit ein humanes, gerechtes und friedliches Zusammenleben der Menschen in unserer Einen Welt möglich wird.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.05.2005 zu: Jürgen Meier: "Eiszeit" in Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2005. ISBN 978-3-89691-593-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2405.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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