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Sighard Neckel, Natalia Besedovsky u.a.: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit

Cover Sighard Neckel, Natalia Besedovsky, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah Miriam Pritz u.a.: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. transcript (Bielefeld) 2018. 147 Seiten. ISBN 978-3-8376-4194-3. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.
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Thema

Der Sammelband „Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms“ diskutiert das Thema Nachhaltigkeit aus soziologischer Perspektive. Es versteht sich als Programmschrift, „welche die Felder ausleuchten will, in denen eine sozialwissenschaftliche Forschung zu den gesellschaftlichen Dimensionen von Nachhaltigkeit Erkenntnisse nicht nur über die Hintergründe ökologischer Krisen verspricht, sondern auch über den gegenwärtigen Gesellschaftswandel im Ganzen“ (S. 7). Ferner geht es um die Frage, wie die Soziologie sich mit Nachhaltigkeit als gesellschaftlichem Phänomen analytisch befassen sollte.

Herausgeber

Der Herausgeber, Sighard Neckel, ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Alle anderen Autoren*innen sind wissenschaftliche Mitarbeiter*innen seines Lehrstuhls.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist der Sammelband, nachdem an der Universität Hamburg im Februar 2016 ein neuer Lehrstuhl für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel eingerichtet wurde, der von Neckel besetzt wurde. Im Lehrstuhl wurden Aufgaben und Probleme diskutiert, die sich, aus Sicht der Autoren*innen, einer kritischen Soziologie der Nachhaltigkeit heute stellen. Die Beiträge des Buches sind das Ergebnis dieses längeren (noch nicht abgeschlossenen) Diskussionsprozesses.

Aufbau

Es handelt sich um einen Sammelband mit sieben Beiträgen. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Das Buch setzt sich das Ziel, das Thema Nachhaltigkeit aus gesellschaftlicher, soziologischer Perspektive zu betrachten.

Der Begriff der Nachhaltigkeit hat als Leitbegriff eine allgegenwärtige Omnipräsenz erreicht – ist dabei aber unklar definiert. Vielfache (analytische) Betrachtung hat er bereits in der ökologischen Dimension erfahren – die soziale, gesellschaftliche (und damit auch soziologische) Dimension ist aber bisher weniger beleuchtet. Diesem Aspekt widmet sich der Sammelband und versteht sich dabei als Programmschrift.

Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Soziologische Perspektiven (Sighard Neckel). Der erste Beitrag von Neckel befasst sich mit der Definition des Nachhaltigkeitsbegriffes sowie deren Bedeutung für die kapitalistische Gesellschaft. Neckel verweist darauf, dass die Definitionsprozesse selbst bereits eine (konflikthafte) Aushandlung zwischen Akteuren und damit eine Manifestation von Machtverhältnissen darstellen. Die soziologische Perspektive lenke ihr Augenmerk nun im Besonderes auf die Analyse dieser Auseinandersetzung und stelle damit Nachhaltigkeit weniger als normative Leitidee als vielmehr als Beobachtungskategorien dar. Vor diesem Hintergrund lässt sich Nachhaltigkeit nur im Rahmen gesellschaftlicher Prozesse verstehen. Neckel fokussiert dabei im Besonderen auf das Spannungsverhältnis zwischen Nachhaltigkeit und Kapitalismus. Dabei beschreibt er die Nachhaltigkeit als Weg zur Modernisierung/ Erneuerung des Kapitalismus und neues Rechtfertigungsmuster gesellschaftlicher Ordnung. Eben jenes Transformationspotenzial der Nachhaltigkeit für den Kapitalismus sei dann wiederum eine, aus soziologischer Perspektive, interessante Frage.

Finanzialisierung von Nachhaltigkeit (Natalia Besedovsky). Besedovsky befasst sich mit der Finanzialisierung von Nachhaltigkeit. Sie beschreibt das Finanzwesen dabei in zweierlei Hinsicht als Instrument für eine nachhaltige Entwicklung: a) in dem Sinne, dass die Finanzmärkte selbst nachhaltig gestaltet werden und b) in dem Sinne, dass die Finanzmärkte Arenen nachhaltiger Entwicklung sind, in denen Investitionen in nachhaltige Produkte getätigt werden. Der Soziologie stelle sich hier nun die Frage, wie die Integrationsprozesse gestaltet werden und welche Deutungskämpfe und Machtverhältnisse diese bestimmen. Besedovsky stellt die Merkmale der Finanzmarktrationalität der der Nachhaltigkeit gegenüber und identifiziert einige Gemeinsamkeiten, aber auch massive Zielkonflikte in den Dimensionen Zukunftsorientierung, Ressourcenallokation und Risikokonzeption. Ferner setzt sie sich mit der Frage, was als nachhaltiges Anlageprodukt gelte (z.B. festgelegt durch Devices oder Reporting Standards), der Deutungsmacht darüber und deren Problemen und Folgen auseinander. Durch die Finanzialisierung von Nachhaltigkeit käme es tendenziell zu einer Entpolitisierung der Nachhaltigkeitsidee, da dadurch der „Stellenwert von Nachhaltigkeit von den Bewertungen weniger Investoren abhängig“ (S. 36) sei und die politische Gestaltungsmacht des Staates reduziert werde.

Zertifizierung und Prämierung. Klassifikationen von Nachhaltigkeit (Timo Wiegand). An die Frage wie nachhaltige Produkte und Geschäftspraktiken identifiziert werden, schließt der Beitrag von Wiegand an. Auch er sieht Konfliktpotenzial in der Interpretation von Nachhaltigkeit – fokussiert aber im Besondern auf die Unternehmen, deren er eine zentrale Rolle für einen nachhaltigen Wandel zuspricht. Unternehmen würden als „Change Agents“ durch ihre Verhaltensänderung einen gesamtgesellschaftlichen Wandel fördern. Dabei bestehe jedoch die Gefahr einer Anpassung des Verständnisses von Nachhaltigkeit an Unternehmensinteressen. Um dies zu vermeiden wird eine Bestätigung der Definition von Nachhaltigkeit durch Dritte, in Form von Zertifikaten, Indizes, Ratings und (Negativ-)Preisen, angestrebt – die aber ebenfalls nicht unabhängig von ökonomischen Einflüssen bleiben. Die soziologisch interessante Frage sei nun die nach den Praktiken der Definition und Bewertung dieser Zertifizierungen und Prämierungen und den dahinterliegenden Machtverhältnissen sowie die Analyse der Bewertungsinstrumente selbst.

Ökologische Distinktion. Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit (Sighard Necke). Neckel konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Nachhaltigkeit. Er nimmt an: „Politiken der Nachhaltigkeit, die sich als Abkehr vom ökonomischen Wachstumsimperativ verstehen, können als Verstärker sozialer Ungleichheit wirken, werden sie nicht mit gesellschaftlicher Umverteilung verbunden.“ (S. 59) Dabei sei ein ökologischer, nachhaltiger Lebensstil vor allem in der Mittelschicht zu finden. Für dieses Milieu korrespondieren die Nachhaltigkeitsprinzipien der Regenerativität und Potenzialität besonders gut mit dem milieuspezifischen Ziel der „investiven Statusarbeit“, von welcher sich die Mittelschichten die Lösung ihrer Statusprobleme versprächen. Gleichzeitig wird die „Bio-Moralität“ zu einem (gewollten) Abgrenzungskriterium zu anderen Milieus. Aus soziologischer Perspektive sollte daher die Ungleichheitsforschung der ökologischen Distinktion mehr Aufmerksamkeit widmen.

Subjektivierung von Nachhaltigkeit (Sarah Miriam Pritz). Einen anderen Blick auf die Nachhaltigkeit wirft Pritz, indem sie sich auf die Subjektivierung von Nachhaltigkeit konzentriert. Sie benennt zwei Varianten der Subjektivierung: Zum einen werde Nachhaltigkeit verstärkt als Aufgabe und Verantwortung der Subjekte, die eine „ökologische Intelligenz“ sowie „richtigen“ Konsum und Lebensweise aufweisen sollen, wahrgenommen. Zum anderen ginge es aber auch um die nachhaltige Nutzung der „Ressource“ Subjekt selbst, um der Gefahr der Vernutzung und Erschöpfung der subjektiven Ressourcen/ Gesundheit entgegenzuwirken und langfristig in einem produktiven Zustand zu erhalten. Hier stellt Pritz verschiedene Programme und Praktiken subjektiver Nachhaltigkeit (Achtsamkeit, Wellness, Resilienz) vor. Als (soziologisch) besonders interessante Fragen identifiziert sie die nach dem Verhältnis von Formen einer Subjektivierung von Nachhaltigkeit zu Formen neoliberaler Subjektivierung und die Frage, ob die Subjektideale einer Gesellschaft der Nachhaltigkeit für alle Individuen gleichermaßen gelten. Ferner seien die Praktiken des „doing subjects“ analytisch spannend.

Die Nachhaltigkeit der Dinge. Praktiken, Artefakte, Affekte (Martina Hasenfratz). Den Praktiken der Nachhaltigkeit und der Frage wie neue Praktiken des nachhaltigen Handelns entstehen und was diese behindert, widmet sich Hasenfratz in ihrem Beitrag. Sie kommt zu dem Schluss, dass die „Gesellschaft der Nachhaltigkeit […] auf einen umfassenden Wandel alltäglicher Praktiken angewiesen“ (S. 107) ist und die Habitualisierung nachhaltiger Praktiken im Handeln Voraussetzung für einen Wandel der kulturellen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata sei. Zu beobachten sei eine Individualisierung der Verantwortung, z.B. im Modell des ökologischen Fingerabdrucks, eine Moralisierung des individuellen Handels (auch als milieuspezifische Distinktionsstrategien) und eine Privatisierung von Nachhaltigkeit. Dies trage zwar zur Legitimierung von Nachhaltigkeit als Leitbild bei, berge jedoch die Gefahr einer systematischen Entpolitisierung von Nachhaltigkeit und die das Potenzial zu einem umfassenden gesellschaftlichen Wandel zu verlieren, da es damit im Rahmen der Logik liberaler Konsumgesellschaften verbleibe. Soziologisch sollte die Beharrlichkeit nicht-nachhaltiger Praktiken stärker in den Fokus rücken und die Machtasymmetrien sowie die darin zum Ausdruck kommende soziale Ungleichheit in die Analyse nachhaltiger Praktiken miteinbezogen werden.

Nachhaltigkeit als Transformationsprojekt. Praktiken einer transkapitalistischen Gesellschaft (Moritz Boddenberg). Der Frage ob und wie Nachhaltigkeit zu gesellschaftlicher Transformation führen kann, beleuchtet Boddenberg. Aus soziologischer Perspektive für besonders interessant hält er die Frage, ob eine nachhaltige mit einer kapitalistischen Gesellschaft vereinbar sei. Gegenüber modernisierungszentrierten Positionen bezweifeln wachstumskritische Perspektiven die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Kapitalismus, da Nachhaltigkeit mit den Zielen des permanenten Wachstums und der Profitorientierung wenig kompatibel sei. Nachhaltigkeit könnte daher zum Bezugspunkt einer transkapitalistischen Gesellschaftsform werden. Als Praktiken einer transkapitalistischen Gesellschaft identifiziert Boddenberg auf der Ebene der Produktion, u.a. die Praktiken der Widerverwertung, Selbstversorgung und Relokalisierung. Auf der Ebene der Distribution, die des Teilens und Tauschens, und auf der Ebene der Konsumtion, die Praktiken der Suffizienz und der Reduktion. „Für die Entwicklung einer transformativen Perspektive auf Nachhaltigkeit ergibt sich die Frage, in welcher Form heute bereits transkapitalistische Praktiken existieren, und wie diese genauer systematisiert und eingeordnet werden können.“ (S. 135) Zur Beantwortung dieser Frage seien soziologische Beobachtungen der konkreten Lebenspraxis, u.a. in Organisationen, Projekten, Vereinen, Genossenschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen, notwendig. Zudem stelle sich die Frage ob Transformationsprozesse „durch Prozesse der Subjektivierung und der Finanzialisierung von Nachhaltigkeit unterlaufen bzw. in die Gesellschaftskonzeption eines grünen Kapitalismus integriert werden“ (S. 136).

Fazit

Der Sammelband „Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit“ befasst sich in verschiedenen Facetten damit wie das Thema Nachhaltigkeit von der Idee zur Umsetzung in Praktiken und Handlungen gelangen kann und welches gesellschaftliche Transformationspotenzial, vor allem für die kapitalistische Gesellschaft, von der Nachhaltigkeit ausgeht. Die Autoren*innen stellen aus der soziologischen Perspektive die Frage wie Nachhaltigkeit, als Gegenstück zur Vernutzung von Ressourcen, gesellschaftlichen Wandel nach sich zieht und wo sich Hürden für diese auftun. Ressourcen werden dabei nicht nur als natürlich-ökologische Ressourcen verstanden, sondern auch als ökonomische Ressourcen gesellschaftlichen Wohlstands, und als soziale Ressourcen von Sorge, Fürsorge und Solidarität oder als subjektive Ressourcen von beruflicher Leistungsfähigkeit und privater Lebensführung (S. 11).

Die Beiträge des Sammelbandes beleuchten in diesem Rahmen aktuelle Entwicklungen wie die Finanzialisierung, Moralisierung, Subjektivierung und Individualisierung von Nachhaltigkeit. Dabei gelingt es zum einen die breite, und vor allem auch gesellschaftliche, Relevanz des Nachhaltigkeitsbegriffs aufzuzeigen, indem das Verständnis von Ressourcen überzeugend auf diesen Bereich ausgedehnt wird. Zum anderen wird der Leser neugierig, welche Rolle (und unter welchen Bedingungen) Nachhaltigkeit für eine weitreichende gesellschaftliche Transformation spielt. Die Beiträge werfen hier (soziologisch) interessante Fragestellungen auf Grundlage bisheriger Forschung und Entwicklung auf. Damit wird das Ziel des Sammelbandes, einen Problemaufrisse zu erstellen und mögliche Forschungsfelder für detailliertere Forschung und empirische Analysen zu benennen, gut erfüllt, die Durchführung eben jener Forschung wird an dieser Stelle aber weitestgehend anderen überlassen.


Rezensentin
Dr. Sylvia Pannowitsch
Homepage www.hs-fulda.de/cesst
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Zitiervorschlag
Sylvia Pannowitsch. Rezension vom 23.05.2018 zu: Sighard Neckel, Natalia Besedovsky, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah Miriam Pritz u.a.: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4194-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24051.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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