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Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar?

Cover Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar? Papierlose Migrant*innen als politische Subjekte. transcript (Bielefeld) 2018. 277 Seiten. ISBN 978-3-8376-4197-4. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Ohne Aufenthaltsstatus – aber nicht mundtot

In der aktuellen Debatte über Migrationspolitik und Abschiebungen kommen Menschen ohne Aufenthaltsstatus allenfalls als Objekte politischer Entscheidungsprozesse und staatlichen Handelns vor, kaum aber als eigenständige Subjekte. Das vorliegende Buch will aufzeigen, dass diese Menschen gleichwohl, wenn auch unter enorm erschwerten Bedingungen, politisch handeln und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen können.

Autor

Mit dieser Arbeit ist Holger Wilcke 2017 am Geographischen Institut der Humboldt-Universität Berlin promoviert worden. Er ist nun wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung und beteiligt sich am Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregionsforschung.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nach einer Einführung in das Thema der illegalen Migration und einer ausführlichen Analyse des aktuellen Forschungsstandes steckt Wilcke in einem umfangreichen zweiten Kapitel den migrations- und politiktheoretischen Rahmen ab und betont dabei vor allem die „transnationale Perspektive“, d.h. die nationalstaatliche Grenzen überschreitende Lebenswirklichkeit von (irregulären) Migrant*innen. In diesem Kapitel wird auch der methodische Ansatz der Arbeit besprochen, der auf der Auswertung von zwanzig qualitativen Interviews mit Illegalisierten sowie auf teilnehmende Beobachtung, Dokumentenanalyse und Interviews mit Aktivist*innen und Vertreter*innen von Institutionen beruht.

Das dritte Kapitel beschreibt, wie durch Protestaktionen sowohl einer „Gesellschaft für Legalisierung“ als auch eines „Respect-Netzwerkes“ Gewerkschaften, namentlich ver.di, dazu gebracht worden sind, Beratungsstellen für undokumentierte Arbeitnehmer*innen einzurichten.

Das vierte und fünfte Kapitel analysieren die Lebensumstände illegalisierter Migrant*innen in Deutschland und die Strategien, mit denen die betroffenen Menschen auf Probleme bei der Wohnungssuche, beim Zugang zur Gesundheitsversorgung und in anderen Kontexten reagieren, ohne dabei die überlebensnotwendige Unsichtbarkeit aufzugeben.

Diskussion

Die Arbeit erhebt den Anspruch, aufzuzeigen, „dass selbst die entrechtetsten Subjekte, die das schengeneuropäische Grenzregime produziert, in ihren widerständigen und alltäglichen Kämpfen die Potenziale für gesellschaftliche Veränderung in sich tragen“ (S. 10 f.). Im Gegensatz zur bisherigen Forschung sollen hier die „gesellschaftstransformatorischen Kräfte“ irregulärer Migrant*innen dargestellt werden.

Dieser Anspruch wird nicht erfüllt. Bei der Schilderung der Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften, die zu einem Umdenken bei Letzteren und schließlich zur Einrichtung von Beratungsstellen auch für Arbeitnehmende ohne Aufenthaltsstatus geführt haben sollen, wird noch nicht einmal deutlich, inwieweit Illegalisierte selbst hieran beteiligt gewesen sind. Im Gegenteil muss Wilcke zugeben (S. 96 f.), dass die betroffenen Menschen bei den Protestaktionen zumindest physisch gar nicht anwesend waren. Die Aktivist*innen der „Gesellschaft für Legalisierung“ und von „Respect“ handelten in ihrem Namen, waren aber selbst keine Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Auch aus der Schilderung der Überlebensstrategien ergibt sich nicht, inwieweit die Gesellschaft dadurch verändert wird.

Gerade das vierte Kapitel mit der Analyse der Lebenswirklichkeit von Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität und ihrer Strategien zur Bewältigung der zahlreichen Alltagsprobleme, vor die sie sich wegen des Fehlens eines legalen Aufenthaltsstatus gestellt sehen, ist gleichwohl der interessanteste Teil des Buches. Hier werden die betroffenen Menschen als trotz allem eigenständig handelnde Subjekte erkennbar. Die Schilderung ist – auch wegen der vielen Zitate aus den Interviews – plastisch und gut nachvollziehbar. Man kann fragen, ob zwanzig Interviews eine ausreichende Grundlage hierfür darstellen. Angesichts der enormen Schwierigkeiten beim Versuch, Menschen ohne Aufenthaltsstatus zur Teilnahme an Interviews zu bewegen, ist diese Zahl allerdings schon beachtlich.

Fazit

Das Buch stellt sich eindeutig auf die Seite von Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Die Frage, inwieweit Migrationspolitik immer dazu führen wird, dass Menschen nicht in ein bestimmtes Land einreisen und sich dort legal aufhalten dürfen, wird nicht diskutiert. Entgegen ihrem Anspruch belegt die Arbeit auch nicht, dass illegalisierte Migrant*innen die Gesellschaft verändern. Der Ansatz aber, diese Menschen als eigenständig handelnde Subjekte mit individuellen Überlebensstrategien darzustellen, macht das Buch interessant und lesenswert.


Rezensent
Stefan Keßler
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Referent für Politik und Recht
Homepage www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de
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Zitiervorschlag
Stefan Keßler. Rezension vom 09.10.2018 zu: Holger Wilcke: Illegal und unsichtbar? Papierlose Migrant*innen als politische Subjekte. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4197-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24052.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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