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Elisabeth Wagner, Sigrid Binnenstein (Hrsg.): Wie systemische Kinder- und Jugendlichen­psychotherapie wirkt

Cover Elisabeth Wagner, Sigrid Binnenstein (Hrsg.): Wie systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wirkt. Prozessgestaltung in 10 Fallbeispielen. Springer (Berlin) 2018. 186 Seiten. ISBN 978-3-662-55546-0. 29,99 EUR.
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Thema

Bei dem Herausgeberband handelt es sich die Darstellung therapeutischer Prozesse in der systemischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie anhand von zehn ausführlich beschriebenen und abgeschlossenen Fallverläufen.

Autorinnen

Dr. Elisabeth Wagner ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Lehrtherapeutin für systemische Familientherapie in Österreich. Seit 10 Jahren leitet sie auch systemische Lehrgänge für Psychotherapeutische Medizin und publizierte jüngst zu den Themen der emotionsbasierten systemischen Therapie und zu Persönlichkeitsstörungen aus systemischer Perspektive.

Sigrid Binnenstein ist Klinische- und Gesundheitspsychologin und systemische Familientherapeutin und hat eine Weiterbildung in hypnosystemischen Konzepten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen absolviert. Zurzeit ist sie in freier Praxis und in der Aus- und Weiterbildung an der Lehranstalt für Systemische Familientherapie in Wien tätig. 

Entstehungshintergrund

Dieses Buch basiert zum einen auf dem Interesse der Herausgeberinnen, die Fähigkeit zu fördern, das therapeutische Handeln „auf der Basis eines professionellen Fall- und Wirkverständnisses“ zu begründen. Zum anderen ist der sich von Deutschland stark unterscheidende berufspolitische österreichische Hintergrund dieses Buches interessant. Im Unterschied zu Deutschland sind in Österreich eine Vielzahl von therapeutischen Methoden wissenschaftlich anerkannt, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie war bis 2014 kein geschützter Titel. Die Herausgeberinnen schreiben in ihrem Vorwort, dass es ihnen bei der Entstehung dieses Buches ein besonderes Anliegen gewesen sei, dass bei aller Entwicklung einzeltherapeutischer Kompetenzen, die nun propagiert würden, „die Kernkompetenz familientherapeutischen Arbeitens“ (XIII) nicht vernachlässigt werden dürfe.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Geleitwort von Wilhelm Rotthaus und dem Vorwort der Herausgeberinnen in elf Kapitel. Das erste Kapitel stellt eine thematische Einführung dar, die Kapitel 2 bis 11 umfassen die zehn Prozessverläufe.

Inhalt

In dem von den beiden Herausgeberinnen verfassten Einführungskapitel werden vor allem Setting- und Methodenfragen der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen thematisiert. Dabei setzen sich Elisabeth Wagner und Sigrid Binnenstein u.a. mit der Frage auseinander, inwiefern elterliche Schuldgefühle durch Settingentscheidungen nicht noch weiter verstärkt werden. „Werden Kinder/Jugendliche in den Therapieprozess miteinbezogen und wird mit ihnen an der Symptombewältigung gearbeitet, bedeutet dies in vielen Fällen eine Entlastung für die Eltern, die in der Folge ihre Bereitschaft, nach ihrem Beitrag für Lösungen zu suchen, erhöht. Um allerdings zu verhindern, dass ein ‚Reparaturauftrag‘ des Kindes übernommen wird, ist eine Einschätzung über die Motivation zur Mitarbeit der Eltern/Bezugspersonen empfehlenswert, bevor ein Kind / eine Jugendliche in den Therapieprozess miteinbezogen wird“ (3). Hinsichtlich der verwendeten Methoden und Techniken verweisen die Herausgeberinnen zum einen auf die Vielzahl gutbekannter kreativer hypnotherapeutischer Techniken und zum anderen aber auch auf hierzulande weniger verbreitete Methode der narrativen Spieltherapie, die die Bezugspersonen miteinbezieht und im systemischen Sinne auf Konzepte der Verhaltenssteuerung verzichtet, weil sie von der Nicht-Instruierbarkeit menschlicher Systeme ausgeht.

Die in den Kapiteln 2 – 11 dargestellten Fallverläufe – sie sind jeweils immer von einer Herausgeberin und einer weiteren Autorin verfasst – bilden eine große Bandbreite hinsichtlich der geschilderten Störungsbilder, Altersspektren, Therapiedauern und Familienkonstellationen ab. Beschrieben werden Jugendliche mit Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten, Kinder mit Anpassungsstörungen nach traumatischen Erlebnissen und Verlusten aber auch familiäre – und Bezugssysteme, in denen Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung eine Rolle spielen. In einem Fall eines zehnjährigen Mädchens mit einer sehr ausgeprägten Zwangsstörung umfasst die Therapie mehr als 100 Stunden und widerlegt damit das Klischee, dass systemische Therapie mit einer Kurz-Zeit-Therapie gleichzusetzen ist. Sämtliche Fallverläufe werden sehr detailliert von ihrem Ablauf, der Settingwahl, der eingesetzten Methoden sowie von dem Ablauf der Interaktion zwischen den Klient*innen und Therapeut*innen beschrieben und enden jeweils in einer Reflexion von Fall- und Wirkverständnis.

Diskussion und Fazit

Der Herausgeberinnenband von Elisabeth Wagner und Sigrid Binnenstein besticht vor allem durch die außergewöhnlich gut und dicht beschriebenen Kasuistiken. Man erfährt sehr detailliert die therapeutische Vorgehensweise und der Einsatz bzw. der Wechsel verschiedener Settings wird sehr nachvollziehbar und gut begründet. Ebenso eindrucksvoll ist die Verbindung einer kind- bzw. jugendlichenzentrierte Vorgehensweise, die mit einem psychodynamischen Verständnis einhergeht und dem ausgeprägten Verständnis der familiären Interaktion bzw. der Interaktion zwischen verschiedenen Bezugssystemen. Das Zusammenspiel zwischen kinder- jugend – und familientherapeutischen Kompetenzen ist an sämtlichen Fallbeispielen ausgesprochen gut dargestellt und zeichnet dieses Fachbuch in besonderer Weise aus.

Ein wenig irritierend ist der Titel des Buches bzw. das „Wirkverständnis“ von systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Man kann anhand und mit diesem Buch sehr gut verstehen, wie diese therapeutische Vorgehensweise funktioniert und was sie bei den beschriebenen „Fällen“ bewirkt hat, ob dieses sich aber primär auf die Methode zurückführen lässt, wird durch dieses Buch nicht belegt. Weiterhin findet sich ein kleiner Fehler im Vorwort auf XIII – hier wird gesagt, dass in Deutschland bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie die Verhaltenstherapie und die systemische Therapie sozialrechtlich anerkannt sind – dieses ist nicht richtig, es sind vielmehr die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Fazit: Ein insgesamt ausgesprochen lesenswertes Buch für psychosoziale Fachkräfte in der Jugendhilfe und für alle, die therapeutisch mit Familien arbeiten!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg,
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 29.03.2018 zu: Elisabeth Wagner, Sigrid Binnenstein (Hrsg.): Wie systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wirkt. Prozessgestaltung in 10 Fallbeispielen. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-55546-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24054.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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