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Martina Kaack: Inklusion und Exklusion in der Interaktion

Cover Martina Kaack: Inklusion und Exklusion in der Interaktion. Systemtheoretische Betrachtung am Beispiel einer pädagogischen Studie. transcript (Bielefeld) 2017. 434 Seiten. ISBN 978-3-8376-3864-6. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 61,00 sFr.
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Thema

Was bedeutet Inklusion aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive und pädagogischer Sicht vor dem Hintergrund der Bedeutsamkeit der Differenzkategorie ‚behindert/nicht behindert‘? Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen elementarpädagogische Bildungseinrichtungen. Disziplinär ist die Veröffentlichung in der Heilpädagogik zu verorten, der in systemtheoretischer Hinsicht die Aufgabe zugeschrieben ist, Kommunikation unter erschwerten Bedingungen zu ermöglichen bzw. aufrechtzuerhalten. Es werden frühkindliche Entwicklungsprozesse im Bewusstsein der Relevanz der kindlichen Perspektive in Institutionen, in denen Kinder mit und ohne Behinderung zusammenkommen, empirisch in den Blick genommen.

Autorin

Martina Kaack ist gegenwärtig Vertretungsprofessorin für ‚Heilpädagogik – Inklusive Bildung und Begleitung‘ an der Hochschule in Hannover. Ihre Forschungs- und Lehrerfahrung gründet sich auf unterschiedliche Handlungsfelder der heil- und inklusionspädagogischen Praxis. Im vorliegenden Werk vertritt sie ein systemtheoretisches Betrachtungsangebot, das sich der Bielefelder Schule zuordnet.

Entstehungshintergrund

Die Publikation wurde als Dissertation mit dem Titel ‚Inklusion und Exklusion in der Interaktion. Systemtheoretische Betrachtung einer empirischen Studie über Interaktionen im Alter früher Kindheit im Kontext von Behinderung‘ angenommen.

Aufbau

Ausgangspunkt der Überlegungen ist der Eindruck, dass das in der Pädagogik dominante, primär räumlich gedachte, Inklusionsverständnis keine hinreichend theoretische Fundierung aufweist, die es ermöglichen würde, den bildungspolitischen Herausforderungen im Hinblick auf Chancengleichheit und Teilhabe im Sinne der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung gerecht zu werden. Es werden drei Schwerpunkte gelegt:

  1. Zunächst erfolgt eine theoretische Zuspitzung und konkretisierende Rahmung der Forschungsfrage auf Basis systemtheoretischer Begriffskonzepte. Dies geschieht mit Blick auf die Identifizierung empirischer Beobachtungsoptionen, die der Planung, Durchführung und Auswertung der exemplarischen Studie zugrunde liegen.
  2. Als zweiten Schwerpunkt betrachtet die Autorin ihre Auseinandersetzung mit der empirischen Sozialforschung, dem aktuellen Forschungsstand zur Forschungsfrage und dem daraus abgeleiteten methodischen Vorgehen.
  3. Der dritte strukturierende Schwerpunkt stellt den Versuch dar, die systemtheoretischen Überlegungen konsequent auf die Empirie zu beziehen und den Mehrwert für eine inklusionsorientierte Erziehungswissenschaft auf der einen Seite und eine (heil)pädagogische Praxis auf der anderen Seite deutlich werden zu lassen.

Diese Schwerpunktsetzungen lassen sich quasi querschnitthaft als rote Fäden in der Argumentation durchgehend verfolgen. Die Gliederung selbst folgt ihrem Aufbau nach einer eher konventionellen Systematik des Vorgehens im Rahmen von Dissertationen.

Inhalt

Die vorliegende Arbeit erhebt den Anspruch, „über die Verbindung zwischen den Begrifflichkeiten der Systemtheorie mit einer empirischen Studie aus dem Bereich frühkindlicher Bildung die Funktionalität des systemtheoretischen Inklusionsbegriffes für die heilpädagogische Praxis exemplarisch orientiert am Differenzmerkmal behindert/nicht behindert zu erproben und so eine Konkretisierung des fachlichen Diskurses anzuregen“ (25). Ist es möglich, auf diese Weise Prozesse der Inklusion und Exklusion im Kontext frühkindlicher Bildung präziser zu fassen und daraus handlungspraktische Erkenntnisse zu gewinnen?

Insgesamt wurden 40 symbolgestützte Leitfadeninterviews mit Kindern einer Kindertagesstätte (18 Kinder mit adressierter Behinderung, 22 Kinder ohne adressierte Behinderung) durchgeführt. Hierbei wurde ein erheblicher kreativer Aufwand betrieben, die Interviews in jedem einzelnen Fall kindgerecht zu gestalten. Im Auswertungsverfahren diente der systemtheoretische Beobachtungsbegriff mit seinen verschiedenen Ebenen als Analysestruktur der erhobenen Daten. Hierbei spielte die Referenz auf kindliche Äußerungen eine zentrale Rolle, ebenso wie die deutende Gegenbeobachtung unter Bezugnahme auf systemtheoretische Begriffskonzepte sowie die Interpretation der Daten vor dem Hintergrund des Adressenfragments behindert / nicht behindert.

Am Ende ergeben sich empirisch fundierte Schlussfolgerungen und Thesenbildungen, die dazu anregen, Anschluss- und Nicht-Anschlussoptionen als veränderbar zu betrachten und „in diesem Sinne das frühkindliche Interaktionssystem auf Erweiterung von Synchronisationsmöglichkeiten hin zu irritieren“ (391).

Diskussion

Die in allen Teilen sehr minutiös und differenziert dargestellte und auch umfassend dokumentierte Studie prüft sehr konsequent den Erkenntnisgewinn systemtheoretischer Begrifflichkeit und Denklogik für eine (heil)pädagogische Praxis. Inwieweit die Form der Präsentation, die sich stets als Qualifikationsarbeit zu erkennen gibt, auch zu einer gelingenden Vermittlung dieses Erkenntnisgewinns beizutragen vermag, muss wohl dahingestellt bleiben. Die intensive Leser*innenführung verweist immer wieder auf die innere Systematik der Gliederung, was hingegen bisweilen auf Kosten einer übersichtlichen prägnanten Zusammenfassung der wesentlichen Punkte sowohl des theoretischen Bezugsrahmens wie der Anlage der empirischen Studie, einschließlich deren zentralen Befunden anbelangt. So wird die inhaltlich und konzeptionell an sich lohnende Lektüre einigermaßen erschwert und für nicht am im strengen Sinn wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn Interessierte zu einer Herausforderung für das eigene Durchhaltevermögen.

Allerdings ist der Ansatz, den Inklusionsdiskurs theoretisch fundieren zu wollen, als überaus verdienstvoll anzusehen. Hier geht es prinzipiell nicht um die mittlerweile (wieder) dominierenden Fragen nach den (vermuteten oder unterstellten) Grenzen der ‚Inklusionsfähigkeit‘, oder deren notwendigen Ressourcen. Vielmehr steht im Mittelpunkt die Gestaltung der kommunikativen Interaktion in der frühkindlichen Bildung selbst. Empirischer Ausgangspunkt sind hierbei Aussagen der Kinder, eine Forschungsperspektive, die ebenfalls inklusionstheoretisch betrachtet eigentlich selbstverständlich sein müsste, es aber keineswegs ist, sondern in dieser Konsequenz immer noch die Ausnahme darstellt.

Fazit

Es ist nicht leicht und auch nicht ohne Aufwand zu leisten, sich durch diese umfangreiche Studie zu arbeiten und ob des Dickichts an Erläuterungen der Gliederungssystematik und damit zusammenhängender Redundanzen Orientierung und Überblick nicht zu verlieren. Der Aufwand lohnt sich aber zweifellos angesichts des Einblicks, den die Aussagen der Kinder in die Dynamik von Inklusion und Exklusion auf kommunikativ-interaktiver Ebene bieten.

Die Auswertung der vorliegenden qualitativen Studie führt zu einer Reihe von Thesen mit hoher Praxisrelevanz. Besonders bedeutsam scheint mir dabei die stets erkennbare Einsicht in die Notwendigkeit nicht nur wissenschaftstheoretischer, sondern auch inklusionstheoretischer (Selbst)Reflexivität. So lautet stellvertretend hierfür eine der abschließenden Thesen: „Der systemtheoretische Inklusions-/Exklusionsbegriff verweist als Beobachtungsschema nicht auf das Adressenfragment behindert, sondern auf Passungs- und Nicht-Passungsoptionen im Hinblick auf den kommunikativen Anschluss an soziale Adressen. Um Behinderung im Auswertungsverfahren zu berücksichtigen, muss sie explizit Kindern zugeschrieben werden. Diese Notwendigkeit sensibilisiert für den Konstruktionsprozess, der mit dieser Zuschreibung einhergeht, und für die Generierung dieser Differenz. Zudem werden andere Unterscheidungsoptionen angeregt“. (401)


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 22.02.2018 zu: Martina Kaack: Inklusion und Exklusion in der Interaktion. Systemtheoretische Betrachtung am Beispiel einer pädagogischen Studie. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3864-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24059.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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