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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfe

Cover Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfe. Impulse für den weiteren Reformprozess. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-3031-6. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, Ausgabe 1/2018.
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Thema

Die UN-Behindertenkonvention und der Inklusionsgedanke in Bezug auf eine Novellierung des SGB VIII stehen im Zentrum des im Archiv wiedergegebenen Diskurses. Inklusionsperspektiven, ihre Notwendigkeit und ihre Praktiken stehen im Fokus. Ein auch immer am Rande eingeflochtener Gedanke bezieht sich auf ein anderes Denken der Vielfalt und Differenz, was noch nicht etabliert scheint, weil sich Inklusion nicht verordnen lässt.

Aufbau

Der Deutsche Verein sowie der namentliche Herausgeber Peter Buttner zeigen mit acht AutorInnen einen Bogen zu acht Aspekten von Inklusion:

  • Behindertenkonvention der UN,
  • juristische Gehalte,
  • Hilfeplanung und Bedarfsdefinition,
  • Fachverbände und Inklusion,
  • Bundesteilhabegesetz für Kinder und Jugendliche,
  • Auswirkungen auf Studiengänge,
  • Familien als Basis und
  • Bremer wie Berliner Inklusivlösung.

Während der Artikel von Rohrmann noch am ehesten einen Überblick liefert, sind die anderen eher fach- oder themenspezifisch angelegt. Bei der Deutschen Nationalbibliothek ist das vollständige Inhaltsverzeichnis einsehbar.

Inhalt

Albrecht Rohrmanns „Vorgaben der Behindertenrechtskonvention für ein ‚inklusives SGB‘“ zeichnet die gesellschaftlichen Anforderungen der UN-BRK nach, indem er Essentials, wie Recht auf Wahrung der Identität aller, sehr prägnant herausschält. Kindern mit Behinderungen stehen von Beginn an Dienste und Unterstützungen zu, die über den Schutz individueller Rechte mit geeigneten politischen Maßnahmen Schutz bieten und gleichberechtigte Teilhabe sichern. Ein fast untergehender Gedanke von Rohrmann, der individuelle Unterstützungsleistungen in einem inklusiven Gemeinwesen eingebettet sieht, trifft den Kern. Wenn eine Denkfigur von einem Individuum ausgeht, findet sich sehr schnell eine negative neoliberale Wendung, wenn hingegen sich die Gemeinschaft verpflichtet fühlt, liegt gelebte Solidarität vor.

Jan Keperts „‚Große‘ oder ‚inklusive‘ Lösung im SGB VIII – Vorschläge für die Ausgestaltung einer möglichen Anspruchsgrundlage aus rechtlicher Sicht“ setzt sich mit der möglichen Anspruchsgrundlage für einen Leistungstatbestand im Kinder- und Jugendhilferecht auseinander. Ein Problem zeigt sich bei den Autor*innen eines Arbeitsentwurfs, der eine einheitliche Betrachtungsweise von behinderten und nichtbehinderten Kindern anstrebt; schwierig wird es bei konkurrierenden Leistungssystemen (z.B. Schule und Jugendhilfe). Konkurrenzen in Theorie und Praxis von differenten Gesetzen sind wie auch Praxisprobleme in der Umsetzung derzeit kaum überwindbar. Aus juristischer Sicht sollte nach Kepert am System der Hilfe zur Erziehung wie Eingliederungshilfe festgehalten werden.

Joachim Merchels „Hilfeplanung in einem ‚inklusiven SGB VIII‘: Verfahren der Bedarfsdefinition zwischen Einheitlichkeit und Differenzierung“ geht von Inklusion als elementar gesellschaftlichem und menschenrechtlichem Prinzip aus. Ein komplexer Baustellencharakter liegt offen zur Diskussion. Wollen wir zukünftig von Hilfen zur Erziehung oder Leistungen zur Teilhabe sprechen? Was wir nach Merchel bräuchten, sind verantwortbare Hypothesen, um zu tragfähigen, prozessbezogenen Entscheidungen zu kommen, die professionelle Standards einbeziehen. Teilhabeplanung weist der Autor eher juristischer Expertise zu. ‚Balancierende Regelungen‘, die Inklusion mit gleichzeitiger Differenzierung zwischen Logiken ermöglichen, gilt es zu finden.

Ruth Coester und Norbert Müller-Fehling stellen in ihrem Artikel „Kernelemente einer inklusiven Lösung für Kinder- und Jugendhilfe: Vorstellungen für Fachverbände für Menschen mit Behinderung“ das Diskussionspapier der Fachverbände vor, indem sie die Forderung, aus dem SGB VIII müsse ein inklusives Leistungsgesetz entwickelt werden, aufstellen. Ein sehr charmanter Gedanke – „Vom Kind aus denken“ findet zu Beginn Eingang in die Diskussion, doch wird er im Sinn eines Subjektcharakters nicht weiterentwickelt. Die heutige Parallelität von Leistungen verschiedener Gesetze dürfe keinesfalls zu Lasten der Hilfen zur Erziehung gehen, doch müssten Bedarfe und Bedarfslagen grundsätzlich vereinheitlicht werden. Ein inklusives Hilfeplanverfahren sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern Teilhabeverfahren beachten und aufnehmen. In einem gemeinsamen Prozess, so die Fachverbände, könnten Jugend- und Behindertenhilfe zusammenwachsen, um das Reformvorhaben in die richtige Spur zu bringen. Ein erster Einschnitt erfolgt mit den letzten Sätzen, weil Teile des SGB VIII gesetzt werden.

Heike Engel setzt sich mit dem „Status von Kindern und Jugendlichen Im Bundesteilhabegesetz“ auseinander. Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) nimmt die Rehabilitationsträger in den Blick, indem sie deren Zusammenarbeit verpflichtend ausgestaltet. Der neu gefasste Behindertenbegriff, Behinderung als gestörte oder nicht entwickelte Interaktion zwischen Individuen und materieller wie sozialer Umwelt (s. Deutscher Bundestag 2001) zu verstehen, bedeutet in Rehabilitationsangelegenheiten besser kooperieren zu können und müssen. Im Bereich der Teilhabe finden sich Verbesserungen, Bildung und Komplexleistung Frühförderung. Die Eingliederungshilfen für Kinder und Jugendliche mit (drohenden) Behinderungen bieten vielfältige Möglichkeiten, doch sind die Wirkungen des BTHG für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen noch nicht konkret absehbar (s. SGB IX).

Gunda Voigts setzt sich mit der schwierigen Frage „Soziale Arbeit im Inklusionsdiskurs der ‚SGB XIII-Reform‘: Auswirkungen auf Profession und Studiengänge Sozialer Arbeit“ auseinander. Kämpfe um Ressourcen, Zuständigkeiten, Mitwirkung und lobbypolitische Einflüsse stehen als Praxisproblem und theoretischer Gegenstand von Studiengängen Sozialer Arbeit auf der Agenda. In der politischen Arena finden oft nur Austauschprozesse mit Begriffen statt; Integration wird durch Inklusion getauscht, die menschenrechtliche Perspektive stößt auf Ignoranz. Teilhabebarrieren gilt es nicht in der Praxis Sozialer Arbeit zu errichten, sondern zu beseitigen. In den Hochschulen wird es darum gehen, interdisziplinäre Debatten zur Inklusion zu führen (Behinderten- und Kinder- und Jugendhilfe). Zentral kann dabei nicht sein, welches Gesetz was enthält, sondern die Realisierung von Inklusion als Menschenrecht und damit als Ausgangspunkt gesellschaftlichen Handelns einer Profession.

Rolf Diener legt „Die Lebenswelt der Familie als Basis: Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Bremen“ dar. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die steigenden Kosten der Hilfen zur Erziehung, die es durch gezieltes Casemanagement mit mehr Personaleinsatz Ressourcen im Sozialraum mittelfristig gesenkt werden könnten. Dreh- und Angelpunkt dieser neuen Politik liegt fachlich beim Mittelpunkt Familie, die Ressourcensteigerung im sozialen Umfeld mit passgenauen Hilfen erfährt. Durch inklusive Organisation im Bremer Jugendamt werden Unterstützungsangebote allgemein und insbesondere bei Behinderungen aus einer Hand angeboten.

Auf das Bremer folgt das Berliner Modell, das verfahrensrechtliche Lösungen für Hilfen aus einer Hand gefunden hat. Sigrid Klebba erörtert diesen Ansatz in ihrem Artikel „Inklusive Kinder- und Jugendhilfe: die ‚Berliner Lösung‘“. Die Eingliederungshilfe für körperlich und geistig Behinderte gehört im Berliner Modell zur Kinder- und Jugendhilfe, sodass Wechselwirkungen zwischen erzieherischen und behinderungsbedingten Fragestellungen besser bearbeitet werden können. Normalitätsprinzip für Berlin ist die gemeinsame Erziehung von allen Kindern. Bereitstellung von Hilfen und Angeboten aus einer Hand lautet letztlich das Berliner Credo.

Diskussion

Die Diskussion, die in diesem Band geführt wird, zeigt sich als aktuell, formal oder wissenschaftlich fundiert und gibt somit sehr gute Einblicke in das Feld von SGB VIII und IX. Dieser Band trifft hervorragend den Tenor der Fachcommunities. Hier liegt jedoch gleichzeitig eine Schwäche begründet: Anstatt sich von juristischen Verklausulierungen frei zu machen, werden diese als quasi sakrosankt hingestellt. Polemisch formuliert: Warum werden die Kinder- und Menschenrechte nicht ernst genommen und gefordert, die daraus resultierende Praxis umzusetzen. Die theoretisch aufgearbeitete Praxis als Praxiswissenschaft sollte den Maßstab bilden und nicht irgendwelche juristisch-administrativen Formulierungen um Kinder- und Jugendhilfe mit Teilhaberechten. Hier lässt sich leicht Etikettenschwindel betreiben. Die Praxis bildet den Maßstab und nicht das Geschriebene. „Papier ist geduldig“, so der Volksmund, der freilich nach Atheoretischem schreit, um das es bei diesem Thema nicht gehen darf.

Viele Akteur*innen, die mit Fragen von Inklusion befasst sind, erleben, dass außerhalb ihrer Profession das Thema überhaupt keine Rolle spielt bzw. hinter vorgehaltener Hand harsch kritisiert wird. Das Thema trifft auf ohnehin schon verunsicherte Gesellschaftsmitglieder, in Schulen und Kindergärten vielfach auf Überforderung, während viele damit professionell Umgehende überdifferenzieren. Eine Denkfigur wird eingefordert, die der aktuell geführten Lebenspraxis zuwiderläuft.

Doch es wird höchste Zeit in Deutschland die Menschenrechte komplett beim Wort zu nehmen. Vielfalt und Differenz statt Parallelwelten müssen gelebt werden. Der Subjektbegriff fehlt weitgehend in der Diskussion. Solange wir und nicht deutlich machen, dass unsere Gegenüber einer anderen Logik folgen, steht das egozentrische Ich. Die Konversion des Blickes vorzunehmen, um Kinder und Jugendliche zu verstehen, sollte am Anfang eines jeden Prozesses stehen. Sonst sind die Blicke auch der Profis verstellt, obwohl diese glauben, objektiv zu sein.

Fazit

Mit dem Band „Kinder- und Jugendhilfe: Impulse für den weiteren Reformprozess“ liegt ein für Expert*innen sehr facettenreiches Werk vor, das die Diskussion der Fachöffentlichkeit sehr gut wiedergibt. Ebenfalls zeigt sich die Zusammenstellung verschiedener Wissenschaften mit der Praxis als sehr gelungen. Auffällig ist, dass eine Linie verfolgt wird, ohne kritisch auszubrechen. Ein Blick von außen, hätte die Stärke des Bandes vertiefen können. An einigen Stellen finden sich in den Beiträgen erfrischend kritische Einlassungen, doch bleibt das Subjekt Kind zu wenig Maßstab. Vielleicht haben Kinder ganz andere Wünsche oder Ideen, vielleicht müssen Kinder in der Schule beispielsweise erst überzeugt werden. Der Implementationsprozess Inklusion betrifft alle Beteiligten, muss alle Stimmen aufnehmen.

Der vorliegende Band bietet eine hervorragende Grundlage für Diskussionen, vor allem dann, wenn kritisch-konstruktive Positionen hinzukommen.


Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 20.04.2018 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfe. Impulse für den weiteren Reformprozess. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3031-6. Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, Ausgabe 1/2018. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24061.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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