socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kathrin Aghamiri, Anja Reinecke-Terner u.a. (Hrsg.): Doing Social Work – Ethnografische Forschung als Theoriebildung

Cover Kathrin Aghamiri, Anja Reinecke-Terner, Rebekka Streck, Ursula Unterkofler (Hrsg.): Doing Social Work – Ethnografische Forschung als Theoriebildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 220 Seiten. ISBN 978-3-8474-2049-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Rekonstruktive Forschung in der sozialen Arbeit, Band 21.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Ethnografische Forschung als facettenreiche Forschungsmethode stellt traditionell eine Basis für Theoriebildung in den Sozialwissenschaften dar. In wieweit kann sie aber auch die Basis für eine Theorie der Sozialen Arbeit bieten? Dieser Fragestellung will sich der Sammelband der vier Herausgeberinnen widmen.

Herausgeberinnen

Die vier Herausgeberinnen des Buchs vertreten als Professorinnen unterschiedliche Disziplinen innerhalb der Sozialen Arbeit:

  • Ursula Unterkofler ist Sozialpädagogin und Soziologin. Sie lehrt als Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München.
  • Rebekka Streck ist Sozialpädagogin und Sozialwissenschaftlerin. Sie lehrt Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin.
  • Anja Reinecke-Terner ist Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin sowie Studienrätin für Sozialpädagogik und lehrt als Professorin an der Abteilung für Soziale Arbeit der Hochschule Hannover.
  • Kathrin Aghamiri ist ebenfalls Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und lehrt Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und Schule an der Fachhochschule Münster.

Gemeinsam ist allen vier Herausgeberinnen ein grundständiges Studium der Sozialen Arbeit, was einen hohen Professions- und Praxisbezug erwarten lässt.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung beschreiben die Herausgeberinnen ihr Projekt: Ethnografische Forschung bildet in der Sozialen Arbeit und den Erziehungswissenschaften traditionell eine Grundlage für Theorieentwicklung, auch wenn die Forschungen nicht immer eindeutig als ethnografisch bezeichnet wurden. Von Pestalozzi, Korczak und Bernfeld bis zu Jane Adams und der Chicago School reicht der Bogen der Theoretiker*innen, die ethnografische Forschungen zur Grundlage ihrer Theoriebildung gemacht haben.

Wie kann dies fruchtbar gemacht werden für eine Theorie der Sozialen Arbeit, wie sie den Herausgeberinnen vorschwebt? Analog zu Konzepten des „Doing Gender“ verstehen die Herausgeberinnen ihre Prämisse „Doing Social Work“ nämlich so, dass Soziale Arbeit von allen Beteiligten jeweils neu interaktiv konstruiert, ausgehandelt und hergestellt wird. Dies geschieht unter Anderem im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ausbildung, institutionellen Routinen und staatlich-politisch-finanziell-rechtlichen Rahmenbedingungen. Ethnografische Forschung verspricht hier einen Zugang zu Wissen und Interpretationen aller Beteiligten, der Professionellen wie der Adressat*innen und auch zu Interaktion und Aktion, die aus diesem Wissen und diesen Deutungen entsteht.

In der Ethnologie entwickelte sich nach Jahrzehnten der Erforschung ferner und exotischer Gesellschaften eine Ethnografie, die den Blick – als verfremdend ethnografischen Blick – auf die eigenen Gesellschaften richtete. Schließlich ging auch die Ethnologie spätestens in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu über, die eigene Wissenschaft ethnografisch zu erforschen. Das umfasste deren Beitrag zu Rassismus und Kolonialismus ebenso wie ihre stereotypisierende Produktion des Fremden.

Auch in der Soziologie und der Sozialen Arbeit – Stichworte sind hier z.B. die Chicago School – waren Randgruppen in der eigenen Gesellschaft und Lebenswelten von Klient*innen Gegenstand ethnografischer Feldforschung. Mit dem symbolischen Interaktionismus hielt dann ein machtvolles Paradigma Einzug in die Soziale Arbeit, das geradezu forderte, den Beitrag der eigenen Profession zur Produktion von sozialen Problemen, totalen Institutionen und abweichendem Verhalten zu beleuchten. Schmidbauer und Willi prangerten die Produktion von Hilflosigkeit durch die Helfer*innen an, aber aus diesen kritischen Anfängen entwickelte sich kein Mainstreaming, das stets mitdenkt, wie Soziale Arbeit sich selbst, ihre Klient*innen, ihre Problem- und Auftragslagen mit produziert.

Hier setzt der Sammelband mit seiner kritischen Perspektive an. Der oben skizzierten Entwicklung folgend enthält der Band ein Interview mit Helga Cremer-Schäfer, einer der Autor*innen einer Studie aus den 70er Jahren zur Produktion von Devianz durch die Soziale Arbeit.

Dem schließen sich zwei Studien an, die illustrieren, wie Soziale Arbeit im Feld von Devianz heute mit Prognosen Lebenswege entscheidet.

Diffusität ist das Thema des nächsten Blocks von Beiträgen, die zeigen, wie gerade Diffusität im Sinne von Mehrdeutigkeit genutzt werden kann, um zwischen divergierenden Welten zu vermitteln und Spielräume des Ungewissen zu schaffen.

Die nächsten Beiträge beschäftigen sich mit der Produktion von Differenz durch die Profession, hier aufgezeigt an den Beispielen Ethnizität, Geschlecht und Demenz.

Die letzten beiden Beiträge zeigen den disziplinierenden Charakter, den Soziale Arbeit im Heimalltag (am Beispiel Essen) und in berufsvorbereitenden Projekten einnehmen kann.

Das Erforschen solcher Praxis ist sicherlich zunächst kritisch, aber, so meinen die Herausgeberinnen in ihrem Fazit, auch voll Verständnis für die Zwänge durch tatsächliche oder vermeintliche Erwartungen, Routinen und die Produktion von passenden Differenzen durch alle Beteiligten.

Forschungsprojekte wie die in diesem Band vertretenen öffnen – so die Hoffnung der Herausgeberinnen – nicht nur die Tür für eine fundierte Theorie, sondern zeigen auch Handlungsalternativen und Deutungsmöglichkeiten jenseits eingefahrener und unhinterfragter Alltagsroutinen.

Fazit

Ein spannend zu lesender Band, der als Grundlage zur Reflexion, als Praxisbegleitung und als Lehrbuch zur ethnografischen Forschung in keiner Bibliothek Sozialer Arbeit fehlen sollte.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 117 Rezensionen von Lilo Schmitz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 05.09.2018 zu: Kathrin Aghamiri, Anja Reinecke-Terner, Rebekka Streck, Ursula Unterkofler (Hrsg.): Doing Social Work – Ethnografische Forschung als Theoriebildung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2049-1. Rekonstruktive Forschung in der sozialen Arbeit, Band 21. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24062.php, Datum des Zugriffs 15.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung