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Ulrich Heimlich: Das Spiel mit Gleichaltrigen in Kindertages­einrichtungen

Cover Ulrich Heimlich: Das Spiel mit Gleichaltrigen in Kindertageseinrichtungen. Teilhabechancen für Kinder mit Behinderung. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2017. 52 Seiten. ISBN 978-3-86379-243-5.

Die Publikation ist kostenlos und wird über das Deutsche Jugendinstitut vertrieben www.weiterbildungsinitiative.de.
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Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.


Thema

Über das Spiel erschließen sich Kinder im Vorschulalter ihr soziales und kulturelles Wissen in ko-konstruktiver Weise. Dem interaktionalen, demokratischen und freiheitlichen Charakter des Spiels kommt somit eine zentrale Bedeutung für Teilhabe und Selbstbestimmung in Kindertageseinrichtungen zu, die in kindlichen Bildungsprozessen als inklusive Qualität Wirkung zeigen. Die Reziprozität und Konstruktion der Interaktion in der Gleichaltrigengruppe untersuchend, fasst Ulrich Heimlich den nationalen und interaktionalen Forschungsstand zusammen und gibt einen Überblick zur Entwicklungsbedeutsamkeit des Spiels von Kindern mit und ohne Behinderung in Kindertageseinrichtungen. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zu aktuell bildungspolitischen Diskussionen vor dem Hintergrund von Inklusion und Partizipation.

Autor

Nachdem Ulrich Heimlich zehn Jahre als Lehrer für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten tätig war, hat er seit 2001 eine Professur für Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die inklusive Förderung und Inklusionsforschung sowie die Spielpädagogik und präventive Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten.

Entstehungshintergrund

Bereits 1995 erstellte Ulrich Heimlich einen Forschungsüberblick zu Konzepten und Praxen integrativer Förderung im gemeinsamen Spiel von Kindern mit und ohne Behinderung. Die erneute Analyse erfolgte im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts in München und umfasst die Entwicklung, der seit dieser Zeit vergangen 20 Jahre, im Hinblick auf gegenwärtige bildungspolitische Diskurse zur Inklusion und Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Veröffentlicht wurde die Arbeit als Expertise in der Reihe „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“, mitfinanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Heimlich nimmt in seiner Meta-Analyse Bezug zur ebenfalls in dieser Reihe erschienenen Publikation „Bildungsteilhabe und Partizipation in Kindertageseinrichtungen“ von Annedore Prengel (2016).

Aufbau

Nach den Vorworten von Anke König und Maria Irl als Projektleitung der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“bzw. wissenschaftliche Referentin sowie des Autors selbst, gliedert sich die Publikation auf die Einleitung folgend in vier inhaltliche Kapitel (Kapitel 2-5). Die Arbeit schließt mit einem Literaturverzeichnis und Anhang.

Jedes Kapitel beginnt mit einer unkommentierten Aussage renommierter Wissenschaftler*innen und endet mit einer kurzen Zusammenfassung der Kernaussagen. Heimlich unterstützt seine Argumentation anhand von Praxisbeispielen, die er „inklusive Spielsituation“ nennt und visuell durch eigene schematische Darstellung des Beschriebenen. Die Kapitel im Einzelnen sind:

  • Spiel und Inklusion – eine Grundlegung
  • Spiel mit Gleichaltrigen in der Altersgruppe von 0 bis 6 Jahren
  • Rolle und Aufgaben frühpädagogischer Fachkräfte – Anforderungen an die Beobachtung und Begleitung inklusiver Spielprozesse
  • Kompetenzen für inklusive Spielförderung – Konsequenzen für die Arbeit der frühpädagogischen Fachkräfte

Inhalt

Heimlich verortet seine Forschung im inklusionspädagogischen Diskurs um Teilhabe und Partizipation von Kindern mit Behinderung in Kindertageseinrichtungen. Er selbst spricht daher von einem engen Inklusionsbegriff, einerseits begründet im exemplarischen Charakter seiner Publikation hinsichtlich anderer Heterogenitätsdimensionen und einer seines Erachtens derzeitig beobachtbaren Vernachlässigungstendenz von Kinder mit Behinderung im Diskurs. Anderseits führt er, mit Verweis auf den Umfang seiner Forschung und damit einhergehender Literaturrecherche, pragmatische Gründe für die Eingrenzung auf. Grundlage für seine systematische Darstellung der Untersuchungsergebnisse ist das von ihm entwickelte „ökologische Konzept der inklusiven Spielsituationen und -prozesse“. Sein Ziel ist es die jeweilige Spieltätigkeit im Kontext der jeweiligen Spiel- und Lebenssituation des Kindes zu betrachten. Zuvor definiert er den Begriff des Spiels und bringt ihn in Abgrenzung zu anderen Verwendungen in Diskurs und Praxis. Aufbauend auf Annedore Prengels Verständnis von Partizipation, versteht er diese als über die bloße Teilhabe hinausgehend in ihrer Wechselwirkung zu jeweiligen Beitragsmöglichkeiten jedes Kindes in den verschiedensten Spielsituationen.

In Kapitel 2 Spiel und Inklusion – eine Grundlegung beschreibt Heimlich zunächst die Interdependenz von Spiel und Bildung für Kinder im Vorschulalter, ehe er sich entwicklungsbezogenen Aspekten des Spiels widmet. Titelgebend stellt er schließlich entwicklungstheoretisch und pädagogisch einen Zusammenhang zwischen Spiel und Inklusion dar, indem er die Multidimensionalität des Spiels als das inklusive Potenzial kindlicher Spieltätigkeit beschreibt. Heimlich zufolge bietet das freie Spiel Zugänge für Kinder mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen und ist in der Regel gleichzeitig an einen Adressaten, also ein Gegenüber, gerichtet. Diese soziale Komponente des Spiels schafft ihm zufolge Verbundenheitsgefühle und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Zwei zentrale Merkmale von Partizipation in Kindertageseinrichtungen – Selbstbestimmung und Mitbestimmung – finden im Spiel damit ihre Entsprechung.

Kapitel 3 Spiel mit Gleichaltrigen in der Altersgruppe 0 bis 6 Jahre beschäftigt sich mit der Wirkung von Gleichaltrigenbeziehungen auf das gemeinsame Spiel und beinhaltet zugleich den eigentlichen Forschungsüberblick. Hierzu fasst Heimlich die Entwicklung der sozialen Spieltätigkeit des Kindes zusammen und beschreibt verschiedene Formen und Ausprägungen des sozialen Spiels auf die soziale, kognitive und sprachliche Entwicklung von Kindern. Retrospektiv vergleicht er seine Ergebnisse im Hinblick auf die Differenzlinie behindert und nicht-behindert. Schließlich folgt die qualitative Meta-Analyse des nationalen und internationalen Forschungsstands zu Inklusion und Partizipation im Spiel mit Gleichaltrigen im Vorschulalter von Kindern mit und ohne Behinderung in integrativen Settings. Die Auswahl der Studien basiert auf einer Literaturrecherche in den gängigen Datenbanken, unter deutsch- und englischsprachigen Veröffentlichungen. Berücksichtigt hat Heimlich nur jene Studien, die quantitative und/oder qualitative empirische Strategien erkennen ließen. Es folgen die Darstellung der Untersuchungsergebnisse beginnend mit förderschwerpunktübergreifenden Aspekten des sozialen Spiels, gefolgt von Erkenntnissen spezifischer Förderschwerpunkte:

  • Soziales Spiel von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in inklusiven Settings
  • Soziales Spiel von Kindern mit Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ in inklusiven Settings
  • Soziales Spiel von Kindern mit Förderschwerpunkt „Lernen“ in inklusiven Settings
  • Soziales Spiel von Kindern mit Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ in inklusiven Settings
  • Soziales Spiel von Kindern mit Förderschwerpunkt „Körperliche und motorische Entwicklung“ in inklusiven Settings

Im Anschluss daran identifiziert Heimlich Forschungslücken, die in einem eigenen Unterkapitel dargestellt sind.

In Kapitel 4 Rolle und Aufgaben frühpädagogischer Fachkräfte – Anforderungen an die Beobachtung und Begleitung inklusiver Spielprozesse schlussfolgert Heimlich, auf Grundlage der vorgestellten Ergebnisse, Anforderungen für die frühpädagogischen Fachkräfte. Im Hinblick auf Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Spieltätigkeit stellt er vier Methoden und Instrumente vor, die geeignet erscheinen die kindliche Tätigkeit stets mehrperspektivisch aus Sicht des einzelnen Kindes zu betrachten, bei gleichzeitigem Einbezug aller anderen Kinder: Das Spieltagebuch, das Spielprotokoll, die Spielkooperationsskala und die Teamfallbesprechung. Mit „aktiver Passivität“ beschreibt Heimlich schließlich die Begleitungs- und Unterstützungsmöglichkeiten inklusiver Spielsituationen. Er meint damit den stetigen Wechsel zwischen Passivität und Aktivität der frühpädagogischen Fachkraft. In Anlehnung an Hildegard Hetzer wird die Aktivität der Fachkraft wiederum unterteilt in die indirekte und direkte Einflussnahme. Zu ersterem benennt Heimlich Gestaltungsvariablen, für zweites bemüht er Interventionsstudien. Schließlich geht er auf Spielprojekte und die pädagogische Unterstützung beim Zusammenfinden von Spielgruppen an sich ein.

Kapitel 5 Kompetenzen für inklusive Spielförderung – Konsequenzen für die Arbeit der frühpädagogischen Fachkräfte ist das letzte inhaltliche Kapitel und beschäftigt sich, wie bei der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ üblich, mit den Kompetenzen der frühpädagogischen Fachkräfte. Heimlich sieht die Fachkräfte als Träger pädagogischer Qualität in Kindertageseinrichtungen. Orientiert am „Deutschen Qualitätsrahmen“ (DQR) beschreibt er personale, soziale und fachliche Kompetenzen, die für die Gestaltung inklusiver Settings nötig sind, um das gemeinsame Spiel von Kindern mit unterschiedlichen Voraussetzungen anzuregen. Zusammengeführt werden diese in Anforderungen an die Handlungskompetenz von Fachkräften.

Im Anhang findet sich eine tabellarische Übersicht der untersuchten Studien sowie die in Kapitel 4 vorgestellten Instrumente und Materialien.

Diskussion und Fazit

Heimlichs Publikation ist in Zeiten von internationalen Leistungsvergleichsstudien und Implementierung von Bildungsplänen im Elementarbereich ein Plädoyer gegen die Verschulung frühkindlicher Bildung und für das freie Spiel. Er konstatiert nachvollziehbar, gut lesbar und in wissenschaftlicher Reflexion die Relevanz des Spiels für frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse. Hierdurch zeigt er Fachkräften ein Spektrum inklusiver Didaktik auf, das orientierend und beruhigend wirkt. Das Plädoyer für das freie Spiel wird so zu einem Plädoyer für das einzelne Kind, die Fachkraft und die Eltern. Gleichzeitig gelingt es Heimlich deutlich zu machen, dass Freiheit, Entfaltung und Qualität des kindlichen Spiels abhängig von Erwachsenen sind, die sensibel und professionell ebendies wertschätzen, begleiten und unterstützen.

Die Publikation befeuert den inklusionspädagogischen Diskurs um Teilhabe und Partizipation. Sie beschäftigt sich mit dem grundlegenden Bedürfnis jedes Kindes nach freiem Spiel und zeigt eindrucksvoll sein enormes Potenzial für Bildungsprozesse im Lichte menschenrechtlicher Debatten. Die Natürlichkeit des Spiels betonend richtet sich die Publikation gegen seine „Verdidaktisierung“ kindlicher Aktivität. Der Wert des Spiels zeichnet sich schlicht in und durch sich selbst aus. „Das Spiel mit Gleichaltrigen in Kindertageseinrichtungen“ ist für alle (angehenden) frühpädagogischen Fachkräfte eine lesenswerte Lektüre.


Rezensent
David Schreiber
Kindheitspädagoge B.A., Studierender des M.A. Studiengangs Kindheits- und Sozialwissenschaften“ an der Hochschule Koblenz, Lehrbeauftragter der Hochschule Fulda
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension entstand im Rahmen des Masterstudiengangs Kindheits- und Sozialwissenschaften (MAKS) der Hochschule Koblenz.


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Zitiervorschlag
David Schreiber. Rezension vom 19.03.2018 zu: Ulrich Heimlich: Das Spiel mit Gleichaltrigen in Kindertageseinrichtungen. Teilhabechancen für Kinder mit Behinderung. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2017. ISBN 978-3-86379-243-5. Die Publikation ist kostenlos und wird über das Deutsche Jugendinstitut vertrieben www.weiterbildungsinitiative.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24072.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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