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Detlef Baum: Lehrbuch Stadt und Soziale Arbeit

Cover Detlef Baum: Lehrbuch Stadt und Soziale Arbeit. Stadtsoziologische Grundlagen Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-3090-7. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Thema

Die Strukturprobleme werden dargestellt und die Herausforderungen untersucht, mit denen sich die Soziale Arbeit in der Stadt auseinander setzen muss. Theoretische Ansätze, Methoden und Beispiele aus der Praxis werden vorgestellt.

Autor

Detlef Baum war bis 2012 Professor für Soziologie an der Hochschule Koblenz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Stadt- und Gemeindesoziologie.

Aufbau

Das Buch ist übersichtlich gegliedert. Es besteht aus einer Einleitung, fünfzehn Kapiteln und einem Anhang, in dem zwei Projektskizzen vorgestellt werden. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalte

In der Einleitung wird der Unterschied zwischen Stadt und Land thematisiert. Zahl, Dichte und Verschiedenheit der Bewohner sowie die städtische Infrastruktur beeinflussen die Lebensweisen und Lebensstile. Die Stadt bietet vielerlei Chancen, doch nicht alle Menschen sind in der Lage, diese zu nutzen. Stadttypische Probleme sind die Lebensbedingungen in benachteiligten Wohngebieten und die Ausgrenzung und Stigmatisierung der dort Wohnenden. Auch wenn sich mit dem Spatial Turn das Raumverständnis der Sozialen Arbeit geändert hat, so ist der Raumbegriff nach wie vor zu wenig differenziert. Es geht, wie der Autor ausführt, speziell um den städtischen Raum, der spezifische Probleme hervor bringt.

Im ersten Kapitel geht es um die Stadt als Lebensraum und Daseinsform. Stadtdefinitionen werden aufgelistet, darunter diejenige von Louis Wirth, der Stadt anhand der Größe, der Dichte und der Heterogenität der Bewohner charakterisiert hatte, d.h. den Merkmalen, die Fremdheit, Individualität und Ungewissheit und damit einen spezifischen Lebensstil erzeugen. Soziale Arbeit muss die städtischen Bedingungen im Blick haben. Der Begriff der unvollständigen Integration taucht auf und wird erläutert: Man hält sich an die allgemeinen Regeln, tritt den anderen aber nur in einer bestimmten Rolle gegenüber, z.B. als Kunde oder Passant. Typisch für die Stadt sind der öffentliche Raum und eine die Stadtbewohner entlastende Infrastruktur wie Verkehrs- und Versorgungsangebote. Die Stadt und das traditionelle, von der Landwirtschaft geprägte Dorf werden einander gegenüber gestellt, um die Besonderheiten der Stadt deutlicher hervortreten zu lassen.

Das zweite Kapitel behandelt das Thema Integration. Menschen gelten als integriert, wenn sie ihr Leben selbstständig und ohne fremde Hilfe gestalten können. Es geht um Integration sowohl auf der Struktur- als auch auf der Handlungs- und Interaktionsebene. Die Fragen sind: Welchen Zugang haben die Menschen zum öffentlichen innerstädtischen Raum? Wie stark sind sie im Wohngebiet verortet? Soziale Arbeit hat ist vor allem mit der Handlungs- und Interaktionsebene befasst.

Das dritte Kapitel ist einem Rückblick auf die Sozialgeschichte der Stadt gewidmet. Baum versteht darunter die Geschichte von kultureller Heterogenität, sozialer Differenzierung und der räumlichen Verteilung der gesellschaftlichen Gruppen. Kurz gestreift werden die Stadt des Altertums, die griechische und die römische Stadt, die Stadt des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sowie die Industriestadt, an der sich die Kritik an der Großstadt festgemacht hatte.

Im vierten Kapitel ist der Fokus auf die europäische Stadt und ihre Besonderheit gerichtet. Sie ist der Ort, an dem sich das Bürgertum entwickelt hat, der „Geburtsort einer Marktwirtschaft, einer bürgerlichen Individualität und einer demokratischen Verfasstheit ihrer politischen Organisation“ (S. 67). Es ist die Vorstellung eines Bürgertums, das sich für das Gemeinwesen verantwortlich fühlt. Soziale Arbeit lässt sich mit den Prinzipien von Freiheit und Gleichheit, von Schutz und sozialer Unterstützung begründen.

Im fünften Kapitel werden die Strukturprobleme der modernen Stadt geschildert. Veränderungen, die zu diesen Problemen geführt haben, sind Deindustrialisierung, Armut, soziale Ausgrenzung, Gentrifizierung, zunehmende regionale Disparitäten und Migration. Der Einfluss der Sozialen Arbeit auf Strukturprobleme ist begrenzt.

Das sechste Kapitel befasst sich mit stadtsoziologische Theorien und Modellen, die eine Begründung für die Praxis der Sozialen Arbeit liefern können. Baum betrachtet zunächst die Chicagoer Schule, die unterschiedliche Richtungen umfasst und die nach Ansicht des Autors am Beginn einer sich entwickelnden Sozialarbeit gestanden hat, und sodann die New Urban Sociology, die in der sozioökonomischen Organisation der kapitalistischen Stadt den zentralen Einflussfaktor der Urbanisierung sieht. Die Stadt spielt in der Entwicklung des Kapitalismus eine entscheidende Rolle. Baum stellt eine Verbindung zwischen den Erkenntnissen der Chicagoer Schule und der aktuellen Sozialen Arbeit in der Stadt her.

Das siebte Kapitel behandelt die Soziale Arbeit aus der Perspektive der Sozialraumorientierung. Das Prinzip ist die Nutzung der Ressourcen des Raums für die Soziale Arbeit. Räume werden durch Aneignung zu sozialen Räumen. Die eigentliche Frage ist dabei nicht, ob Integration in einen Raum, sondern durch einen Raum gelingt. Der Autor stellt die Ziele, Prinzipien und Voraussetzungen der sozialraumorientierten Sozialarbeit dar. Das Konzept beschränkt sich nicht auf das Wohnquartier, sondern thematisiert auch die Verbindung des Wohngebiets mit der Stadt. Soziale Arbeit, die sich allein auf ein Quartier beschränkt, kann eine bereits vorhandene Stigmatisierung noch weiter verstärken. Soziale Arbeit fragt nicht nur nach Defiziten, sondern auch nach den Möglichkeiten, die der Raum bietet. Das Quartier wird als Ressource gesehen, als ein aktivierender Handlungsraum, der Selbsthilfepotenziale frei setzen kann.

Im achten Kapitel wird die Sozialraumanalyse bezogen auf die Struktur des Quartiers betrachtet. Darin werden die Aufenthalts- und Handlungsräume im Hinblick auf die Flächennutzung, Bausubstanz, Infrastruktur, Versorgungseinrichtungen, kommunikative Orte und die Bevölkerungsstruktur usw. analysiert. Baum unterstreicht die Bedeutung der Quartiersebene für die Integration. Sie ergibt sich aus den Möglichkeiten der Aneignung durch die Bewohner. Die Methoden und Instrumente der Sozialraumanalyse werden vorgestellt. Erforderlich sind sowohl quantitative als auch qualitative Methoden. Das Ergebnis sollte ein integriertes Handlungskonzept sein.

Im neunten Kapitel wird die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in den Fokus gerückt. Das Aufwachsen in der modernen hoch differenzierten verstädterten Gesellschaft ist, wie Baum meint, im Vergleich zu den 1930er Jahren, als Martha Muchow den Lebensraum des Großstadtkindes untersucht hat, schwieriger geworden. Es ist eine verhäuslichte Kindheit. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit Jugendlichen, die in benachteiligten Stadtteilen leben.

Das zehnte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage des Alterns unter urbanen Bedingungen und wie alte Menschen in der Stadt leben, speziell unter Bedingungen sozialer und räumlicher Benachteiligung, die zur Folge haben, dass die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe zusätzlich reduziert werden. Ein wichtiger Ansatz der Sozialen Arbeit ist die Initiierung von Netzwerken, in die alte Menschen eingebunden sind.

Im elften Kapitel wird das Blickfeld erweitert. Die Themen soziale Ungleichheit und Segregation werden behandelt. Sozialräumliche Segregation ist je nach vorhandenen sozioökonomischen Ressourcen freiwillig oder erzwungen. Zu beobachten ist eine soziale Spaltung der Stadt in der Weise, dass die Wohngebiete der Privilegierten und der sozial Schwachen auseinander driften und die Disparität in der infrastrukturellen Ausstattung der Gebiete zunimmt. Es ist ein Strukturproblem der Großstädte. Die Schwierigkeit der Sozialen Arbeit liegt darin, dass sie im Innern der benachteiligten Quartiere für die Stabilisierung der Lebensverhältnisse zu sorgen hat mit dem Bewusstsein, dass dies unter den Bedingungen sozialer Ungleichheit geschieht.

Im zwölften Kapitel geht Baum als Erstes der Frage nach, warum ein benachteiligtes Quartier benachteiligend wirkt. Der Begriff „Sozialer Brennpunkt“ wird definiert; verwandte Begriffe wie Slum, Township. Favelas werden erläutert. Als Dimensionen werden die symbolische, die strukturelle und die soziokulturelle Benachteiligung genannt. In einem nächsten Abschnitt untersucht der Autor den Zusammenhang zwischen benachteiligten Quartieren und sozialer Exklusion. Der Ansatz ist, gemeinsam mit den Bewohnern Strategien zu entwickeln und nicht, etwas für sie managen. Ziel ist, die Bedingungen des Lebens und des Aufwachsens im Quartier zusammen mit den Bewohnern zu verbessern.

Im dreizehnten Kapitel werden zwei zentrale Ansätze einer sozialraumorientierten Sozialen Arbeit in der Stadt vorgestellt: Gemeinwesenarbeit und Quartiersmanagement. In beiden Fällen geht es darum, in benachteiligten Stadtteilen für die soziale Stabilität und Verbesserung der dortigen Lebensbedingungen zu sorgen. Die Bewohner sollen dabei aktiv mitwirken. Darüber hinaus findet eine aufsuchende Soziale Arbeit durch Streetworker statt, die sich um Wohnungslose, Drogenabhängige und andere auffällige Gruppen kümmern. Ein weiterer Ansatz ist die Stadtteilmoderation, deren Ablauf der Autor ausführlich schildert.

Im vierzehnten Kapitel erfolgt der Schritt von der Sozialen Arbeit zur Politik. Die Frage ist, welche Bedeutung Soziale Arbeit für die kommunale Sozialpolitik und Stadtentwicklung haben kann. Die Aussage: „Soziale Arbeit … kann an den Raumstrukturen nichts ändern“ (S. 200), führt den geringen Spielraum von Sozialer Arbeit vor Augen. Sie kann jedoch auf den Sachverhalt hinweisen und die Stadtpolitik sensibilisieren.

Das abschließende fünfzehnte Kapitel ist dem Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ gewidmet. Es handelt sich um ein Bund-Länder-Programm, dessen konzeptionelle Grundlage das Quartiersmanagement ist. Ziel ist die Aufwertung benachteiligter Quartiere mit Hilfe verschiedener Maßnahmen, darunter insbesondere der Beteiligung der Bewohner an der Ausgestaltung des Stadtteils. Ein zentrales Element des Quartiersmanagements ist die Aktivierung der Bewohnerschaft.

Im Anhang werden zwei Projektskizzen vorgestellt, die sich auf benachteiligte Quartiere in Koblenz beziehen, von denen sich das eine mit Jugendlichen, das andere mit der Lebenssituation der Bewohner in benachteiligten Stadtteilen und ihren Vorstellungen von Veränderungen befasst.

Diskussion

Die sozialen Probleme der Stadt wie Armut, Segregation, kulturelle Konflikte, die Verwahrlosung öffentlicher Räume usw. werden, wie der Autor konstatiert, immer sichtbarer. Die Aktualität und Dringlichkeit der Frage, was Soziale Arbeit in der Stadt zur Problemlösung beitragen kann, liegt so auf der Hand.

Dass deren Wirksamkeit an Grenzen stößt, wird unmittelbar deutlich, wenn die

soziale Spaltung als Strukturproblem der Großstädte bezeichnet wird, auf das die Soziale Arbeit keinen Einfluss hat. Sie beschränkt sich darauf, für die Stabilisierung der Lebensverhältnisse in den benachteiligten Quartiere zu sorgen. Dass gilt auch für das großangelegte Bund-Länder Programms „Soziale Stadt“, das Baum im abschließenden Kapitel vorstellt. Hier fehlt das Fazit: Was hat das Programm gebracht? Was hat man daraus gelernt? Hat sich dadurch die soziale Spaltung verringert? Ausführlich und wiederholt werden die Vorgehensweisen der Sozialen Arbeit beschrieben, doch man wüsste manchmal auch gern, als wie effizient sie sich erwiesen haben. Auch in den beiden im Anhang skizzierten Projekten fehlt eine solche Einschätzung.

Die Problematik, dass Soziale Arbeit Strukturprobleme nicht lösen kann, sondern sich auf die Behebung von Problemen im Handlungsbereich sowie auf die Sensibilisierung der Akteure der kommunalen Sozialpolitik beschränken muss, wird nicht genügend reflektiert: Inwieweit beinhaltet eine Verbesserung der Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen den Erhalt des Status quo in Gestalt sozialräumlicher Segregation, wenn auch in abgemilderter Form? Inwieweit kann die soziale Ungleichheit der Lebensumstände durch Soziale Arbeit verringert werden?

Erwähnenswert wäre gewesen, dass die Spaltung der Stadt durch die Mobilität der Stadtbewohner gebremst wird. Es trifft nicht zu, dass sich die in verschiedenen Stadtteilen lebenden Privilegierten und Benachteiligten nicht begegnen. Sie treffen z.B. auf Bahnhöfen, an Haltestellen, auf Wegen und Straßen sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen.

Der Anspruch des Buches als Lehrbuch wird eingelöst. Jedes Kapitel endet mit einem Abschnitt, in dem zusammengefasst wird, was die vorangegangenen Ausführungen für die Soziale Arbeit bedeuten, einer Liste von Fragen, anhand derer man überprüfen kann, ob man den Text verstanden und das Ausgesagte kognitiv verarbeitet und behalten hat, des Weiteren wird auf weiter führende Literatur hingewiesen. Das ist nicht nur für Studierende, sondern auch für an aktuellen Stadtfragen interessierte Menschen vorteilhaft.

Fazit

Das Buch informiert umfassend und systematisch über Konzepte, Methoden und Ansatzpunkte der Sozialen Arbeit in benachteiligten Stadtteilen. Für Studierende und in der Sozialen Arbeit Tätige liefert es sowohl eine theoretische Grundlage als auch eine Anleitung für die Soziale Arbeit in benachteiligten Stadtteilen. Darüber hinaus informiert das Buch alle diejenigen, die sich mit Fragen der Stadtentwicklung und der Problematik der sozialen Ungleichheit bzw. der sozialräumlichen Segregation befassen, über den derzeitigen Stand der Sozialen Arbeit in der Stadt.

Summary

The book provides comprehensive and systematic information on concepts, methods and starting points for social work in disadvantaged neighborhoods. For both students and social workers, it provides both a theoretical foundation and guidance for social work in deprived neighborhoods. In addition, the book informs about the current status of social work in the city all those concerned with questions of urban development and the problem of social inequality and respectively social and spatial segregation.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 16.05.2018 zu: Detlef Baum: Lehrbuch Stadt und Soziale Arbeit. Stadtsoziologische Grundlagen Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3090-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24073.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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