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Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit

Cover Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 261 Seiten. ISBN 978-3-17-031703-1. 32,00 EUR.
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Thema

Nicht zuletzt durch die rapide zunehmenden Flüchtlingszahlen seit 2014/15 und seit dem damit zusammen hängendem Aufkommen und der mittlerweile Etablierung einer rechtsradikal-fremdenfeindlich-rassistischen Partei, der AfD (Alternative für Deutschland), ist das Thema „Migration“ (und „Integration“) wieder verstärkt in die öffentlich-medial-politische Debatte und so auch in den sozial- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs eingedrungen, nachdem es einige Zeit (wohltuend!) still um das „sozial-politische Problem Einwanderung“ geworden war. Zu Recht kann daher konstatiert werden: „Migration ist für die Soziale Arbeit zu einem zentralen Praxisfeld geworden. Das liegt nicht allein an hohen Flüchtlingszahlen; darin spiegelt sich auch die Bevölkerungsstatistik Deutschlands: Jeder Fünfte hat inzwischen eine Migrationsgeschichte“ (Umschlagtext hinten).

Der Reader ist konzipiert als ein Kompendium, welches das „unabdingbare Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit“ (S. 5, Vorwort des Reihenherausgebers Rudolf Bieker) hinsichtlich der „Vermittlung von Schlüsselkompetenzen auf den drei Ebenen Wissen, Haltung und Handlung“ (sowie Umschlagtext hinten) bereit stellt. Es folgt damit einem vor allem an Fachhochschulen „bewährten Ausbildungskonzept“ für die Vermittlung eines Rollen- und Selbstverständnisses sowie einer spezifischen Handlungssicherheit als Fachkraft für Soziale Arbeit.

Autor*innen

Die Herausgeberin Ayca Polat ist seit 2015 Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Migration an der Fachhochschule Kiel. Sie ist 1972 in Istanbul geboren, studierte von 1992 bis 1999 Interkulturelle Pädagogik und Sozialwissenschaften in Oldenburg, war von 1999 bis 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Lehrkraft an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, promovierte 2005 in Sozialwissenschaften und war von 2008 bis 2015 Integrationsbeauftragte der Stadt Oldenburg. Sie entspricht dem neuen Professor*innentypus im Kontext „Migration und Integration“ durch die Verbindung von „Migrationsgeschichte“, weiblichem Geschlecht und der „Vermittlung von Theorie und Praxis“.

Neben der Herausgeberin, die auch an drei Beiträgen beteiligt ist, kommen auch über zwei Dutzend teilweise renommierte Autoren wie Paul Mecheril oder Rudolf Leiprecht zu Wort (die anderen 24 Beiträger*innen mögen mir verzeihen, dass ich sie nicht eigens hier erwähne). Der Großteil von ihnen lehrt an Fachhochschulen in Kiel, Potsdam oder Oldenburg.

Aufbau und Einleitung

Die Herausgeberin setzt einen Beitrag „Über dieses Buch“ (S. 6-8) den insgesamt 20 Einzelartikeln in drei Hauptteilen voran, die entsprechend der Auffassung von der „Vermittlung von Schlüsselkompetenzen“ (vgl. oben) sich in die Kapitel aufteilen:

  1. „Wissenskompetenzen“ („Theoretische Grundlagen“ mit vier Beiträgen und zwei Beiträge zu „Rechtliche und sozialstrukturelle Aspekte der Lebenslagen von Menschen mit Migrationsgeschichte“) (S. 17-105);
  2. „Haltungskompetenzen“ (drei Beiträge, S. 107-140) sowie
  3. „Handlungskompetenzen: Handlungsziele und methodische Ansätze“ mit elf Aufsätzen (S. 141-258).

Ein „Stichwortverzeichnis“ schließt den Band; Kurze Angaben zu den Autor*innen finden sich jeweils am Ende der Artikel, ebenso die jeweiligen Literaturhinweise.

Das vollständige Inhaltsverzeichnis lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehen.

Im vorangestellten Beitrag „Zu diesem Buch“ umreißt Polat ihre Ziele. Es geht ihr um „professionelles Handeln und Denken“, um kritische Reflexion von Begriffen und Konstrukten (z.B. „Kultur oder Religion“) und das Hinterfragen von „Unterscheidungsformen“ (Differenzen, Diversitäten), um dadurch „Stigmatisierungs- und Benachteiligungsprozesse“ in der Praxis vermeiden zu helfen. Zentral und relevant ist dann der Satz bzw. das Postulat (vgl. oben die drei Schlüsselkompetenzen sowie die Gliederung des Readers): „Auf der Grundlage wichtiger Wissenskompetenzen müssen Fachkräfte Haltungs- und Handlungskompetenzen entwickeln, die für ihr Professionsverständnis und für die Ziele, die sie mit ihrer Arbeit verbinden, von besonderer Bedeutung sind“ (S. 7).

Zu I „Wissenskompetenzen“

Die „Theoretischen Grundlagen“ beginnen mit einem „einführenden Beitrag“ von Ayca Polat über „Migrations- und Flüchtlingspolitik im Einwanderungsland Deutschland“, der wichtige ausländerpolitische Fakten, Informationen und gesetzliche Veränderungen referiert, die zentralen Begriffe zu klären versucht und auf die aktuelle Flüchtlingsthematik eingeht, was mit einer berechtigten Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik endet – immerhin erhielt die EU im Jahr 2012 den „Friedensnobelpreis“! Im Wechselspiel von politischem Diskurs und öffentlicher Meinung kommen mir allerdings die Rolle und der Einfluss der Medien zu kurz.

Im theoriehaltigem nächsten Artikel von Ulrike Lingen-Ali und Paul Mecheril zu „Rassismuskritik als konstitutives Moment“ erfolgt, wie man es von Mecheril kennt, eine intensive tiefschürfende Auseinandersetzung mit dem Rassismus-begriff, wobei mir insbesondere das Eingehen auf „Kulturrassismus“ und „Rassismus ohne Rassen“ als Theoriekonzepte und die Unterscheidung von „Antirassismus oder Rassismuskritik“ von aktueller Bedeutung sind. Dem theoretisch anspruchsvollen Beitrag hätten, gerade mit Blick auf die Soziale Arbeit, einige Beispiele zu Konkretisierung des Gesagten gut getan.

Danach erfolgt als weiterer aktueller und relevanter Theoriebeitrag das Thema „Diversität und Intersektionalität“, dem sich Rudolf Leiprecht widmet. Bei dieser Thematik geht es um die entscheidenden Differenzlinien in unserer Gesellschaft und damit auch um „Macht- und Ungleichheitsverhältnisse“. Der Autor nennt dabei nicht nur, wie üblich im „intersectionality approach“, die Trias von class-race-gender, sondern mit Blick auf die konkrete Gesellschaft „Klasse/Schicht, Geschlecht/Sexualität, ‚Rasse‘/Ethnie/Kultur/Nation, Alter/ Generation und Behinderung/Beeinträchtigung“ – zu ergänzen wäre m.E. noch Religion/ Weltanschauung. Die beiden Konzepte werden in Bezug auf ihre historische Entstehung und theoretische Relevanz (als „Erweiterung und Kritik von multikulturellen oder interkulturellen Ansätzen“ (S. 53) umfassend geklärt.

Im folgenden Beitrag referieren Fabian Lamp und Ayca Polat über drei „theoretische Ansätze“: Silvia Staub-Bernasconi (Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft), die „Theorie der Lebensweltorientierung“ von Hans Thiersch und die „Theorie der Lebensbewältigung Lothar Bönisch“ und prüfen diese hinsichtlich ihrer Tauglichkeit und Anwendung für das Thema Migration in der Sozialarbeitswissenschaft. Der Artikel ist sicher für das professionelle Selbstverständnis von Studierenden relevant und daher hier zu Recht platziert, da er dafür plädiert: „Migrationssozialarbeit ist Menschenrechtsprofession“,

Der Teil I wird abgeschlossen mit zwei Beiträgen (S. 75-103) zu „Rechtliche und sozialstrukturelle Aspekte der Lebenslagen von Menschen mit Migrationsgeschichte“: Helen Ahlert und Maria Nahrwald berichten über „Das Ausländer- und Asylrecht“ und seine Bedeutung für die Migrationssozialarbeit und Andrea Janßen widmet sich ausführlich der „Sozialstruktur von Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland“ und liefert dafür jede Menge statistische Daten als Hintergrundwissen für die Migrationssozialarbeit.

Zu II Haltungskompetenzen

Teil II ist mit „Haltungskompetenzen“ überschrieben und umfasst drei Einzelbeiträge (S. 107-140) zum Oberthema „Diversitätsbewusste soziale und pädagogische Arbeit in der Migrationsgesellschaft“: Josef Freise schreibt über „Stärkung von Haltungskompetenz“, Hubertus Schroer über „Interkulturelle Orientierung und Öffnung von Institutionen Sozialer Arbeit und Pädagogik“ und Leah Carola Czollek und Gudrun Perko über „Verbündet-Sein im Konzept ‚Social Justice‘ und diskriminierungskritisches Diversity“.

Im halbseitigen Vorspann zu „Haltungskompetenzen“ steht zu lesen – und diese Erkenntnis durchzieht den gesamten Reader als quasi Leitidee: „Da Fachkräfte auch ‚nur‘ Menschen sind, steht hinter jeder Handlung nicht nur Wissen, sondern auch eine persönliche Haltung. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Haltungen und Handlungen bzw. Konzepten. Aus diesem Grunde müssen professionelle Akteur*innen kontinuierlich an ihren Haltungen arbeiten und diese reflektieren“ und es wird gefragt: „Wie können diese Haltungkompetenzen erworben werden?“ (S. 197).

Josef Freise, der an der Katholischen Hochschule NRW u.a. interreligiöse Pädagogik lehrt, argumentiert engagiert, aber auch pädagogisch idealistisch und spirituell. Von Edmund Husserl und Emmanuell Levinas kommend betont er die Relevanz von „Achtsamkeit und Spiritualität“, konkret von Haltungen wie „Respekt, Empathie, Authentizität und Unvoreingenommenheit“ sowie die in der Begegnung kommunikationsprägenden Aspekte (des Verhältnisses von) von „Wahrnehmung und Reflexion“ (S. 109). Ziel dabei ist, „das Fremde fremd sein zu lassen und ihm respektvoll zu begegnen“ (S. 110). Das Problem bei alledem ist m.E., ob jemand diese Kompetenzen bereits einsozialisiert in die Profession (in das Studium) mitbringt oder ob man diese (reform-)pädagogischen Grund-Haltungen einüben, vertiefen und erweitern kann. Freise geht davon aus, dass „für die soziale Arbeit gilt, dass Fachkräfte bestimmte Grundhaltungen … von vorne herein mitbringen müssen“ (S. 111) und dass diese dann über Meditation, Schulung und Einübung vertieft werden (können). Den Ausführungen liegt ein bestimmtes (idealistisches) Menschenbild zugrunde, das aber ebenso wenig diskutiert wird wie das Konzept der „Haltung(en)“.

Vollkommen anders, ja quasi entgegengesetzt, argumentiert Hubertus Schroer in seinem organisations- und damit systemtheoretisch orientierten Beitrag. Er stellt die Organisation als „Werkzeug zur Erreichung von Zielen“, nicht die handelnden Menschen (z.B. in ihrer Spiritualität, Emotionalität oder Authentizität etc., vgl. oben), in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und betont: In den Kommunikationssystemen (Organisationen) der sozialen Arbeit sind „nicht die mitarbeitenden Menschen oder die nachfragenden Nutzer*innen (die wesentlichen Elemente), sondern diese Kommunikationsleistungen“ (S. 120). Akteure werden zu Rollenträgern, die eine bestimmte Funktion erfüllen sollen und von daher „prinzipiell auswechselbar“ sind. Was würde Josef Freise (vgl. oben) dazu sagen?

Das darauf folgende Plädoyer für eine „interkulturelle Orientierung und Öffnung“ ist für die Migrationssozialarbeit äußerst wichtig, aber nicht unproblematisch, solange man sich des umstrittenen Terminus „interkulturell“ bedient und damit „Kultur“ – bewusst oder unbewusst – in das Zentrum (sozial-)pädagogischer Überlegungen, Wahrnehmungen und Reflexionen und damit der Praxis rückt. Zu dem postulierten „Paradigmenwechsel“, dem ich in allen Bereichen uneingeschränkt zustimmen würde, gehören m.E. auch neue, andere Begriffe, da bekanntlich (gerade in konstruktivistischer Sicht, der sich der Autor verpflichtet fühlt) Sprache die Wirklichkeit (mit)konstruiert. Der angestrebte „Paradigmenwechsel“ impliziert – und das lohnt sich zusammenfassend für eine kritische Migrationssozialarbeit aufzulisten: „Von der Defizit- zur Ressourcenorientierung“, „Von der Fokussierung auf Minderheiten zum Blick auf die Mehrheitsgesellschaft“, „Von der Integration zur Inklusion“, „Von der Orientierung an Personen zur Veränderung von Strukturen“, „Von der Organisationsentwicklung zur Veränderung von Gesellschaft“ (S. 124f). Und hierfür benötigt man auch nicht den Terminus (Inter-)Kultur, sodass ich ein weiteres Postulat anfügen würde: Vom Kulturparadigma zurück zum Strukturparadigma. Für Veränderungsprozesse in Organisationen empfiehlt Hubertus Schroer „Großgruppenmethoden“ wie „Open Space, World Cafè oder Zukunftswerkstätten“ (S. 126) und beschreibt abschließend das methodische Vorgehen.

Leah Carola Czollek und Gudrun Perko vereinbaren in ihren Tätigkeitsbereichen und so auch in ihrem Beitrag Theorie und Praxis des Bildungskonzeptes „Social Justice und diskriminierungskritisches Diversity“, welches als Training für den deutschsprachigen Raum von den Autorinnen weiterentwickelt wurde. Dabei geht es um „Reflexionen von Diskriminierungen“ und „Handlungsoptionen gegen Diskriminierungen aller Art“ (S. 130). Aus diesem Konzept wird der Aspekt „Verbündet-Sein als spezifische Form von Solidarität“ herausgegriffen, näher beschrieben und mit Beispielen dokumentiert. Reflexionen werden auf den Ebenen Kultur-Gesellschaft, Institutionen und auf der individuellen Ebene angestrebt. Selbstkritisch und die eigene Praxis reflektierend wird zuletzt auf „mögliche Dilemmata im Verbündet-Sein“ hingewiesen.

Zu III Handlungskompetenzen

Der Teil III umfasst mit seinen elf Artikeln fast die Hälfte des Bandes (S. 141-258) und wird hier nur angerissen. Im Vorspann zu „Handlungskompetenzen, Handlungsziele und methodische Ansätze“ ist unter der Rubrik „Was Sie in diesem Abschnitt lernen können“ diesbezüglich zu lesen (S. 141): „Handlungs- und Methodenwissen gehören … zu den Kernkompetenzen von Fachkräften. Gemeint sind damit Grundfertigkeiten des methodischen Handelns. Diese müssen arbeitsfeldspezifisch sein und sich aus den Wissens- und Haltungskompetenzen ableiten lassen bzw. damit im engen Zusammenhang stehen“.

Es werden auch Ansätze aus dem Ausland, z.B. aus Kanada (Arbeit des Muslim Ressource Centre for Social Support and Integration) und den Niederlanden (sozialraumorientierte Ansätze der Gesundheitsförderung) dargestellt. Fokus gelegt wird aus Platzgründen auf vier „Zielgruppen mit Migrationsgeschichte“: Kinder und Jugendliche, Familien, älter Menschen und geflüchtete Menschen, die ausführlicher behandelt werden, weil für diese Gruppe „ein hoher Bedarf an Wissens- und Handlungskompetenzen wahrnehmbar ist“ (S. 141).

Im Fokus der Überlegungen der verschiedenen Autor*innen stehen Konzepte wie „Diversitätsbewusste Arbeit“, „Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ oder die Jugend(verbands)arbeit, die „diskriminierungs- und machtkritische Perspektive“, „Beratungsarbeit“ (z.B. bei der AWO), die „Kooperation mit Migrantenselbstorganisationen“ (MISO, Beispiel Kanada) oder „kultursensible Altenhilfe“.

Im Kapitel über „Soziale Arbeit mit Flüchtlingen“ (S. 193-258) werden Themen, Chancen und Probleme der „Arbeitsmarktpartizipation“ und der „Integration in den Arbeitsmarkt“ behandelt; ein anderer Beitrag befasst sich mit der „Bildungsarbeit mit jungen Geflüchteten“ oder mit „Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (umF) in der Kinder- und Jugendhilfe“, wobei es jeweils auch um aufenthaltsrechtliche Probleme oder den Zugang zu Schule und Ausbildung geht. Deutlich wird bei dieser Thematik, wie wichtig die (Zukunfts-)Perspektive für die Betroffenen ist, ein Faktum, welches Sozialarbeit wenig beeinflussen kann und die Grenzen der Migrationsarbeit aufzeigt.

Zuletzt wird im Themenkomplex „Migration und Gesundheit“ die brennend aktuelle Problematik „Flucht und Trauma“, insbesondere bei Kindern, erörtert. Deutlich wird hier, wie wichtig Fortbildungen für Fachkräfte sind und welche (finanzielle) Unterstützung seitens der Politik erfolgt. Fazit: „Ohne zusätzliche Ressourcen wird es nicht gehen“ bzw. „schaffen wir das“ nicht. Zuletzt werden das Thema „Transkulturelle Aspekte von psychischen Erkrankungen und kultursensible Ansätze in der psychotherapeutischen Behandlung“ diskutiert sowie „Aktivierende Gesundheitsförderung im Sozialraum – Erfahrungen aus Groningen“ (Niederlande).

Diskussion und Fazit

Einige Kritikpunkte habe ich bereits am Ende der Beitragsbesprechungen angeführt. Betonen möchte ich nochmal das fehlende Eingehen und die geringe Reflexion der Einflüsse der unterschiedlichen Medien, hier insbesondere der Printmedien (BILD-Zeitung) und des Fernsehens mit seinen Talkshows und Themen-Magazinen, welche zusammen das Bürgerbewusstsein im Kontext von „Migration und Integration“ maßgeblich determinieren. Damit muss sich die Soziale Arbeit auch kritisch und reflexiv auseinandersetzen, weil es zu den Rahmenbedingungen für ihre Praxis gehört, konkret: ihre „Kompetenz“ bezüglich Wissen, Haltungen und Handlungen.

Und damit sind wir beim Begriff bzw. Konstrukt „Haltung“. Dieses nimmt ja eine Schlüsselstellung im Gesamtkonzept des Readers und wohl auch der Ausbildung von Sozialarbeitern ein. Die wenigen Ausführungen zu Beginn der drei Hauptteile scheinen mir zu wenig, um dieses relevante Konstrukt theoretisch angemessen verorten zu können. Es fehlen ideengeschichtliche Abhandlungen dazu oder eine vergleichende und differierende Diskussion zu ähnlichen Begriffen wie „Habitus“ oder ( Berufs-)Identität (Selbstverständnis). Letztlich bleibt auch der theoretische Modebegriff „Kompetenz“ leer und sein Verhältnis zu „Bildung“ („Wissenskompetenz“?) und „Qualifikation“ („Handlungskompetenz“?) ungeklärt. Und wenn ich schon das Konstrukt „Habitus“ (Pierre Bourdieu) anspreche, was ist mit „sozialer Kompetenz“ und „kultureller Kompetenz“ im Themenkontext? Kurzum: Der theoretische Rahmen scheint mir noch nicht genügend umrissen und ausdiskutiert.

Ich persönlich habe auch immer noch Probleme mit dem Begriff „Rassismus“, der historisch in Deutschland stark konnotiert und belastet ist, da er überwiegend mit dem Hitler-Faschismus und seiner rassistischen Ideologie und seinem Massen mordenden Antisemitismus verbunden wird und der bei pauschaler Anwendung die Komplexität und damit Kompliziertheit der unterschiedlichen Formen der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) nicht erfassen kann. Zudem kommt, dass der englische Terminus „race“ besser mit „Ethnie“ statt „Rasse“ übersetzt werden sollte und dass die Begriff „Rasse“ oder „Rassismus“ suggerieren, es gäbe so etwas wie „Rassen“, was wissenschaftlich bewiesenermaßen nicht der Fall ist – und daher in jedem Beitrag über „Rassismus“ betont werden sollte.

Eine Idee hätte ich noch zum Abschluss, was die Edition von wissenschaftlich, tagespolitisch und (sozial-)pädagogisch wichtigen Themen-Readern wie den vorliegenden betrifft: Möglichst viele Beiträger*innen kommen nach Abgabe ihrer Beiträge zu einem „Runden Tisch“ zusammen, an dem unter der Moderation der/s Herausgeber*in, die ja alle Beiträge kennt, eine Art Abschlussdiskussion geführt, aufgezeichnet und dann überarbeitet am Ende des Bandes als eine Art „Zusammenfassung und Ausblick“ aufgeführt wird, denn ein „Fazit“ oder dergleichen fehlt in der Regel bei Readern!

Und zuletzt die Frage: Warum werden bei den Literaturangaben nicht die Vornamen der Autor*innen genannt? Viele Leser*innen und auch ich möchten gerne wissen, ob es sich dabei um weibliche oder männliche Kolleg*innen handelt! Aber das ist ein allgemeines, aber sehr leicht zu beseitigenden Problem fast aller Publikationen – warum eigentlich?

Fazit

Der Reader greift ein wichtiges und praxisrelevantes Thema der aktuellen Sozialarbeit auf: Migration (und ihre Folgen für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft). Dabei fußt er auf dem „bewährten“ (?) Ausbildungskonzept vieler FHS, das sich auf die „Vermittlung von Schlüsselkompetenzen auf den drei Ebenen Wissen, Haltung und Handlung konzentriert“ und dabei ein gewissen „Rollen- und Professionsverständnis“ suggeriert.

Dies klingt erst mal plausibel und überzeugend, auch wenn die theoretische Grundlegung und Diskussion, vor allem zum theoretischen Konstrukt der „Haltung“ sowie dem leerformelartigen Konzept „Kompetenz“ (noch) zu kurz greift. Hier sollte zeitnah, vor allem mit Blick auf „Haltung“ „nachgebessert“ werden. Ansonsten liegt hier eine Art Kompendium vor, das vorzüglich in den Wissensbereich „Migration“ einführt (Teil I) und auch etliche anschauliche Praxisbeispiele(Teil III) anführt, sodass der/ die interessierte Leser*in oder Student*in „kompetent“ (!?) sowie umfang- und kenntnisreich informiert und zum (Nach)Denken herausgefordert werden.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 29.03.2018 zu: Ayça Polat (Hrsg.): Migration und Soziale Arbeit. Wissen, Haltung, Handlung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-031703-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24078.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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